Coronavirus in Italien: Die Ausgangssperre und die Seele

Sonia Tranchina verbringt die Corona-Quarantäne mit ihren beiden Kindern und ihrem Hund in einer 65 Quadratmeter großen Wohnung in Mailand. “Am Anfang lief alles gut, bis gestern”, sagt die 38-Jährige. “Mein Sohn ist 13 Jahre alt. Eigentlich ist er sehr scheu. Aber gestern überraschte er mich damit, dass er mit seinen Freunden rausgehen wolle. Plötzlich fühlte ich mich überfordert.” Und weiter sagt sie: “Vorher war er schüchtern, jetzt langweilt er sich. Er schläft den ganzen Tag. Er steht nur auf, um am täglichen Online-Unterricht teilzunehmen. Ich habe Angst um ihn.”

Sonia ist blind. Sie gehört zur italienischen Nationalmannschaft im Tischball – eine Art Tischtennis für blinde und sehbehinderte Menschen. Wegen der Ausgangssperre kann Sonia nicht zum Training gehen. “Wir sind abgekapselt. Es ist merkwürdig, zu Hause zu bleiben. Und wenn ich in den Supermarkt gehe, bin ich völlig desorientiert, weil ich niemanden um mich herum höre. Der Corona-Virus hat unser Leben auf Eis gelegt.”

Psychologische Hilfe in Italien in Corona-Zeiten (privat)

Leben auf Eis: Sonia Tranchina, hier mit ihrem älteren Sohn

Letzte Woche hat die italienische Regierung ein landesweites Programm gestartet, um Menschen wie Tranchina psychologisch zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit regionalen Verbänden und Einrichtungen bieten Psychologen kostenlose Nothilfe an. Patienten können telefonisch oder online Kontakt aufnehmen.

Selbst Menschen mit stabilen Familien und sicheren Arbeitsplätzen erwarten erhebliche psychologische und gesellschaftliche Veränderungen. “Wir sind misstrauischer geworden. Wir müssen wohl über Monate oder sogar Jahre körperlich Abstand voneinander halten”, sagt Giovanni Cerana, 44 Jahre alt, Lehrer und Vater von zwei Kindern. “Das soziale System könnte zusammenbrechen, das familiäre Netzwerk genauso. Meine Eltern sind schon relativ alt. Ich werde mich monatelang fragen, ob meine Kinder sie wirklich besuchen sollen. Die Großeltern sind eine Säule der italienischen Gesellschaft, jetzt könnten sie ins Abseits geraten, damit sie nicht in Gefahr geraten. Ist das nicht traurig?”

Psychologische Hilfe in Italien in Corona-Zeiten (privat)

“Wir müssen vielleicht jahrelang Abstand voneinander halten”: Lehrer Giovanni Cerana

“Die soziale Distanz zwischen den Menschen wächst in jeder Hinsicht”, sagt Cerana weiter und verweist auf Kinder, die ins Heim kamen, nachdem ihre Eltern positiv getestet wurden.

Der Notfall im Notfall

Die Nachfrage nach psychologischer Hilfe steige, insbesondere bei Menschen in den Dreißigern, sagt Camilla Quarticelli, eine in Mailand lebende Psychotherapeutin. “Wir leiden alle unter einem intensiven psychologischen Trauma, einzeln und als Gemeinschaft. Dieses Trauma wird nicht nur durch die direkten Folgen der Pandemie wie Trauer und Krankheit verursacht, sondern auch durch indirekte, nicht weniger wichtige Folgen wie Arbeitsplatzverlust, Burnout, post-traumatischer Stress und solcher, der auf die Situation in der Quarantäne zurückgeht.”

In den letzten Wochen wurden in Italien mindestens zwei Frauen von ihren Kindern erstochen. Eine weitere Frau wurde gerettet, nachdem ihr Mann mit einem Hammer auf sie losgegangen war. Gewalt gegen Frauen wird als “Notfall im Notfall” definiert.

“Die Zahl der Psychologen in Italien ist recht hoch. Mit einer guten Koordination sollte es möglich sein, auf alle Anfragen zu reagieren – nicht nur jetzt, da es akut und dringend ist, sondern auch danach”, sagt Quarticelli.

Menschen in Gefahr

Besonders gefährdet sind Familien mit wenig Einkommen und Personen, die allein auf kleinem Raum leben. Wenn Menschen nicht in der Lage sind, sich einer Notlage schnell anzupassen, kann dies die Auswirkungen auf die Psyche noch verschärfen.

“Eine Kontaktsperre kann ein ernsthaftes Problem für Suchtkranke sein”, sagt Serena Camposeo, Psychotherapeutin in der Region Südapulien. “Eingrenzung, Unbeweglichkeit und der Mangel an legalen oder illegalen Rauschmitteln können sie in einen Strudel der Sucht treiben. Sie könnten von Drogen zu Alkohol wechseln. Einige können auch psychische Probleme entwickeln, vor allem ohne psychologische Unterstützung.” Camposea arbeitet freiwillig für die staatliche Hotline. Sie sagt, schon am ersten Tag wurde sie von fünf Leuten aus Caravigno, ihrer eigenen Stadt, angerufen.

Italien - Coronavirus: Andra Tutto Bene Banner (picture-alliance/abaca/IPA/P. Tenagli)

Prinzip Hoffnung: “Andrà tutto bene – Alles wird gut”

Medizinische Fachkräfte leiden unter zusätzlichem Stress – auch weil sie befürchten müssen, dass der Virus mutieren könnte. Hinzu kommen die Sorgen, die alle haben – dass sie andere Menschen mit dem Virus anstecken und selbst sterben könnten. Bisher sind in Italien mindestens 63 Ärzte durch das Corona-Virus ums Leben gekommen.

“Ich habe keine Angst um mich selbst, sondern um meine Lieben”, sagt ein Arzt, der in einem Krankenhaus in der Lombardei arbeitet. Er möchte sich nur anonym äußern. “Ich hoffe einfach, dass ich durchhalte. Psychologische Unterstützung ist jetzt wichtig, aber dafür ist keine Zeit. Es gibt keine Kapazitäten.”

Mitgefühl kann sich keiner leisten

Isabel Fernandez, eine auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisierte Psychologin, sagt, dass Ärzte in dieser Situation kaum mit ihren Kollegen mitfühlen können. “Jeder infizierte Arzt, jede infizierte Pflegekraft erinnert die anderen nur daran, dass sie die nächsten sein könnten.” Sie sagt, der Mangel an medizinischen Ressourcen mache das Trauma nur noch schlimmer.

Italien | Coronavirus: Intensivstation des Krankenhauses von Brescia (picture-alliance/dpa/AP/LaPresse/C. Furlan)

Arbeiten wie im Krieg: Auf der Intensivstation des Krankenhauses im norditalienischen Brescia

Eine 34-jährige Krankenschwester beging kürzlich Selbstmord. Sie erhängte sich in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Medizinische Fachkräfte wie sie erleben Situationen, wie man sie sonst nur aus Kriegen kennt.

“Als ich krank wurde, kam ich mit zehn bis 20 anderen Leuten in ein Zelt. Viele konnten nicht atmen, viele weinten. Plötzlich war ich in einem Kriegsfilm. Dieser Tag war der schwerste für mich.” sagt Claudio Chiari, ein 49-jähriger Journalist aus Brescia. Er wurde positiv getestet und ins Krankenhaus eingeliefert. Jetzt ist er in seiner Wohnung in Quarantäne. “Nach dem Leid auf der Station ist diese Form der Isolation vergleichsweise angenehm.”

Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Wo es Hilfe in Ihrem Land gibt, finden Sie unter der Website https://www.befrienders.org/ In Deutschland hilft Ihnen die Telefonseelsorge unter den kostenfreien Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Source Article from https://www.dw.com/de/coronavirus-in-italien-die-ausgangssperre-und-die-seele/a-52970300?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Warum der Kampf gegen Hunger jetzt noch schwieriger wird

Jahrelang haben Entwicklungsländer und Hilfsorganisationen Fortschritte im Kampf gegen den Hunger erzielt: Zwischen den Jahren 2000 und 2019 ist der Welthungerindex im Durchschnitt von 29 auf 20 zurückgegangen – eine Verbesserung um 31 Prozent.

Nicht nur Hilfsprogramme, auch der wirtschaftliche und politische Fortschritt in vielen Ländern helfen dabei: Zum Beispiel können die Lieferketten für Nahrungsmittel regionale Missernten schneller kompensieren, weil Infrastrukturen leistungsfähiger geworden sind und lokale Märkte stärker mit nationalen und internationalen Produzenten vernetzt sind.

Nationale und globale Lieferketten intakt halten

Doch genau diese Lieferketten könnte die Covid-19-Pandemie gefährden, warnt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO): “Um Nahrungsmittelknappheit zu vermeiden, muss alles getan werden, um diese Netze intakt, flexibel und effizient zu halten”, sagt FAO-Chefökonom Maximo Torero Cullen Ende.

Einerseits könnten zu rigide Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie den Handel einschränken, andererseits, so Cullen, sollten Regierungen auch die Möglichkeiten zur Erleichterung des internationalen Handels neu bewerten, sprich ihre Zoll- und Einfuhrrichtlinien. Der zu erwartende Anstieg der Weltmarktpreise betreffe Länder, die von Lebensmittel-Importen abhängig sind, besonders hart, wenn eine sinkende Wirtschaftsleistung auch noch die Kaufkraft senke.

Der weitaus größte Teil der Nahrungsmittelproduktion finde zwar auf nationaler Ebene statt. Nach FAO-Einschätzung sind aber ganze Lieferketten bedroht – derzeit weniger durch Covid-19 an sich, als durch Anordnungen vieler Regierungen zur Prävention.

Maßnahmen erschweren Arbeit von Hilfsorganisationen

Auch internationale Hilfsorganisationen müssen deswegen bereits umdenken: “Das hängt zum Einen damit zusammen, welche Krisenpläne in den Ländern gelten. Also: Gibt es Ausgangssperren, müssen die Leute im Homeoffice arbeiten, können wir überhaupt noch in Projektregionen fahren?”, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe in Bonn.

Davon betroffen seien insbesondere Programme, die die Ernährungs- und Gesundheitslage mittel- und langfristig verbessern sollen, wie die Verbesserung von Bewässerungssystemen, Fortbildungen für Kleinbauern oder Hygieneschulungen, die derzeit besonders wichtig wären: “All diese Projekte können wir im Moment nicht in allen Ländern weiterführen wie bisher, weil es schlichtweg Restriktionen gibt. Die Kollegen können gar nicht mehr von A nach B fahren”, schildert Pott die Lage.

Keine Schule, keine Mahlzeit

Eine Maßnahme mit weitreichenden Folgen sind beispielsweise Schulschließungen. Selbst im reichen Deutschland hat das schon dazu geführt, dass manche Kinder ihre einzige warme Mahlzeit des Tages nicht mehr bekommen. Während man in der Bundesrepublik davon ausgehen darf, dass die Kinder dennoch ausreichend Nahrung erhalten, ist das in ärmeren Ländern oftmals nicht der Fall.

Elfenbeinküste Schüler in Kantine (Getty Images/AFP/I. Sanogo)

Mittagessen für Grundschulkinder in der Elfenbeinküste

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat eine Karte erstellt, die die Dimension dieses Problems verdeutlicht: Demnach erhalten weltweit annähernd 370 Millionen Kinder wegen Covid-19 nicht das gewohnte Mittagessen in der Schule. Fast zwölf Millionen von ihnen sind in Schulspeisungsprogrammen des WFP. Für viele von ihnen ist die Schulspeisung die einzige regelmäßige Mahlzeit überhaupt.

Wirtschaftliche Ausfälle bedrohen die Schwächsten

Doch auch Erwachsene sind von Schließungen bestimmter Einrichtungen betroffen: In Deutschland versorgen die mehr als 940 “Tafeln”  nach eigenen Angaben rund 1,65 Millionen Bedürftige mit Nahrungsmitteln kurz vor dem Verfallsdatum, die sonst in den Abfall kämen. Doch fast die Hälfte der Tafeln haben ihren Betrieb vorübergehend eingestellt. Solche Angebote gibt es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern gar nicht. Da aber, wo es sie gibt, wie in Indien oder Brasilien, droht durch die Corona-Auswirkungen, dass Arme keine Möglichkeit mehr haben, an preiswerte oder gar kostenlose Mahlzeiten zu kommen.

Pakistan Essensausgabe während Coronakrise (Getty Images/AFP/A. Qureshi)

Diese Essensausgabe für Bedürftige in Pakistan funktioniert noch – trotz Corona

Hinzu kommt die Verschärfung der ökonomischen Probleme von Geringverdienern: Schuhputzern und Straßenhändlern bleiben bei Ausgangssperren die Kunden aus, Tagelöhner sind die ersten, denen der Lohn gestrichen wird. Besonders betroffen seien Menschen im informellen Sektor, sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe: “Das wirkt sich natürlich auf die Ernährungslage der Familien aus, wenn ein Einkommen fehlt.”

Hilfsorganisationen rechnen mit Spendenrückgängen

Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Hilfsorganisationen mit sinkenden Einnahmen rechnen müssen. Bisher sei in Deutschland noch kein Rückgang erkennbar – wahrscheinlich aber nur, weil noch keine Zahlen vorlägen, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising-Verbands (DFRV), Larissa Probst. Vieles weise aber darauf hin, dass die Spenden zurückgehen könnten, allein weil wichtige Methoden des Fundraisings derzeit nicht umsetzbar seien: “Also so etwas wie der Spendenlauf, eine Gala oder auch die Ansprache in der Fußgängerzone – all diese Möglichkeiten fallen jetzt natürlich weg.”

Dazu kämen die wirtschaftlichen Probleme in Geberländern wie Deutschland, sagt Probst: “Viele Menschen sind jetzt von Kurzarbeit betroffen, haben also selber nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten, und teilweise haben sie wirklich Existenzängste. Und das gilt natürlich auch für die Unternehmen.” Abhilfe, so Probst, könnten eventuell die Förderstiftungen leisten, die bereits die Bereitschaft zeigten, nun höhere Spenden mit weniger bürokratischen Auflagen an Hilfsorganisationen zu vergeben.

Source Article from https://www.dw.com/de/warum-der-kampf-gegen-hunger-jetzt-noch-schwieriger-wird/a-52986051?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

UN-Klimakonferenz in Glasgow wird verschoben

Die Entscheidung sei gemeinsam vom Klimasekretariat der Vereinten Nationen und den beiden Veranstaltern Großbritannien und Italien getroffen worden, heißt es in einer entsprechenden Mitteilung der britischen Regierung. Die UN-Klimakonferenz soll nun im kommenden Jahr abgehalten werden. Das genaue Datum steht aber noch nicht fest.

Klimawandel langfristig größere Bedrohung als Covid-19

“Im Lichte der andauernden, weltweiten Effekte von Covid-19 ist es nicht mehr möglich, eine ehrgeizige, inklusive COP26 im November 2020 abzuhalten”, so die Begründung. COP26 ist das Kürzel für die nächste Klimakonferenz. “Die Welt ist derzeit einer nie da gewesenen globalen Herausforderung ausgesetzt und Staaten fokussieren zu Recht ihre Bemühungen darauf, Leben zu retten und Covid-19 zu bekämpfen. Das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, die Klimakonferenz zu verschieben”, sagte der britische Minister für Wirtschaft und Energie, Alok Sharma.

UN-Klimasekretärin Patricia Espinosa erklärte, die Verschiebung sei angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus unvermeidlich. Auf lange Sicht sei der Klimawandel aber die deutlich größere Bedrohung für die Menschheit.

Vor dem Klimagipfel «COP26» (picture-alliance/dpa/C. Ratcliffe)

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte und Premier Boris Johnson Anfang Februar optimistisch bei einem Vorbereitungstreffen

Die Verschiebung ist ein schwerer Rückschlag für den Klimaschutz. Der diesjährige Gipfel sollte der wichtigste seit langem werden. Hier sollten die Staaten ihre vor fünf Jahren im Pariser Weltklimaabkommen vereinbarten Emissionsziele nachbessern. Denn noch reichen sie in der Summe längst nicht aus, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen.

Auf der Klimakonferenz in Paris 2015 hatten sich alle teilnehmenden Staaten auf ein völkerrechtlich bindendes Abkommen verständigt, dessen Ziel Maßnahmen sind, um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius, idealerweise 1,5 Grad, gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu beschränken. Unter Klimawissenschaftlern gilt als Konsens, dass die Erde gegenwärtig eher auf drei bis vier Grad Erwärmung zusteuert, was katastrophale Folgen in allen Teilen der Erde bringen würde.

Die letzte UN-Klimakonferenz, 2019 in Madrid, hatte sich nur auf einen Minimalkompromiss einigen können: eine politische Abschlusserklärung mit vielen vagen Formulierungen. Die größten Streitthemen wurden auf Glasgow 2020 vertagt. Jetzt dauert es noch länger.

qu/gri (dpa, afp, rtr)

Source Article from https://www.dw.com/de/un-klimakonferenz-in-glasgow-wird-verschoben/a-52987244?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Deutschland verkauft weiter Waffen an Kriegsallianz im Jemen

“Nichts als heiße Luft” seien die Beteuerungen der Bundesregierung, sie betreibe eine restriktive Rüstungsexportpolitik, kritisiert die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. Die abrüstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion macht das an aktuellen Zahlen des Wirtschaftsministeriums fest, nach denen deutsche Firmen weiter in großem Stil Waffen an die Länder der Kriegskoalition im Jemen liefern – seit Anfang 2019 für mehr als eine Milliarde Euro.

Beispielsweise an die Vereinigten Arabischen Emirate, die an der Seite Saudi-Arabiens gegen die Huthi-Rebellen im Jemen kämpfen. Im Jahr 2019 genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte für mehr als 256 Millionen Dollar an den Golfstaat. Damit befeuere die Bundesregierung den seit fünf Jahren andauernden Jemen-Krieg, kritisiert Außenpolitikerin Dagdelen. “Die Emirate sind zusammen mit Saudi-Arabien hauptverantwortlich für die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit”, sagte sie der Deutschen Welle. Notwendig sei ein sofortiger Stopp von Waffenlieferungen an die Vereinigten Arabischen Emirate.

Ägypten kauft deutsche Kriegsschiffe

Als Großkunde deutscher Waffenschmieden erwies sich erneut Ägypten, das sich mit seinen Kriegsschiffen an der Seeblockade des Jemens beteiligt. Auf dem Einkaufszettel aus Kairo standen zuletzt eine Fregatte und ein U-Boot des Herstellers ThyssenKrupp Marine Systems. Allein im vergangenen Jahr genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte für knapp 802 Millionen Euro an Ägypten. Auch Bahrain, Jordanien und Kuwait, die sich mit Kampfflugzeugen am Jemen-Krieg beteiligen, erhielten 2019 Waffen aus deutscher Produktion.

Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke

Sevim Dagdelen (Die Linke) macht der Bundesregierung schwere Vorwürfe

“Das sind sehr hohe Genehmigungswerte”, betont Rüstungsexperte Marius Bales vom “Bonn International Center for Conversion” (BICC). Die Zahlen zeigten, “dass die deutsche Rüstungsexportpolitik maßgeblich von wirtschaftlichen Faktoren angetrieben wird und in keinster Weise wirklich restriktiv ist”. Die Länder des Nahen und Mittleren Ostens gehören traditionell zu den größten Absatzmärkten für deutsche Waffenschmieden. Die Nachfrage ist hoch und die eigene Rüstungsindustrie oft noch nicht so weit entwickelt, dass die Waffen selbst produziert werden könnten.

Deutsche Waffen im Jemen-Krieg

Rüstungsexperte Bales hält Waffenlieferungen an Länder, die am Jemen-Krieg beteiligt sind, für “äußerst verwerflich”. Mit diesen Rüstungsexporten umgeht die von Angela Merkel geführte Bundesregierung ihren eigenen Beschluss vom März 2018. Der lautete, keine Waffen an Länder zu verkaufen, die “unmittelbar am Jemen-Krieg beteiligt sind”. Ausnahmen machte die Regierung für bereits genehmigte Lieferungen, sofern diese “ausschließlich im Empfängerland verbleiben”. Dass mit deutschen Waffen aber auch im Jemen selbst gekämpft wird, hat das Recherchebündnis #GermanArms unter Beteiligung der Deutschen Welle belegt.

Ein Rüstungsexportstopp gilt derzeit nur für ein Land in der Region, und zwar für Saudi-Arabien. Die Bundesregierung verhängte es im November 2018 nach der Tötung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Generalkonsulat in Istanbul. Gerade erst hat sie es um weitere neun Monate bis zum 31. Dezember 2020 verlängert. Allerdings führt die aktuelle Liste des Wirtschaftsministeriums auch die Lieferung gepanzerter Geländewagen an Saudi-Arabien auf. Oppositionspolitikerin Dagdelen wertet das als “dreisten Verstoß” gegen den Lieferstopp. “Statt das Waffenembargo ständig skrupellos zu torpedieren”, müsse es umfassend auf alle Länder der Jemen-Kriegskoalition ausgeweitet werden.”

Source Article from https://www.dw.com/de/deutschland-verkauft-weiter-waffen-an-kriegsallianz-im-jemen/a-52986797?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Desinformation und Nazi-Propaganda zur Corona-Pandemie

Der deutsche Inlandsgeheimdienst warnt vor einer Instrumentalisierung der Corona-Krise durch Rechtsextreme. Das Virus finde in der rechtsextremistischen Szene “große Beachtung”, sagte Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der Wochenzeitung “Die Zeit”.

Die Pandemie werde zum Anlass genommen, das Vertrauen in die Bundesregierung zu untergraben, “Verschwörungstheorien zu verbreiten und Migranten als Überträger des Virus zu brandmarken”, so Haldenwang. “Gleichzeitig werden Untergangsszenarien entworfen, um Zustimmung zu radikalen und extremistischen Positionen zu erzeugen.” Die Verfassungsschutzbehörden hätten derartige Aktivitäten darum genau im Blick, betonte Haldenwang.

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Benjamin Strasser forderte ein zentrales Abwehrzentrum gegen Desinformation beim Bundesinnenministerium. “Diese Extremisten nutzen jede Gelegenheit, Hass zu säen und den demokratischen Staat zu bekämpfen”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Bundesregierung verfolge keine Gesamtstrategie zum Umgang mit Desinformationen. Jedes Ministerium und Behörde stelle derzeit seine eigenen Überlegungen an. “In Krisensituationen muss der Rechtsstaat koordiniert gegen falsche Informationen und populistische Hetze kontern”, forderte Strasser.

Angriffe ausländischer Regierungen

Diverse Versuche von Desinformationskampagnen seien derzeit auch im Bundesinnenministerium Thema, hieß es weiter in der “Zeit”. Neben Reichsbürgern, Neonazis oder der Identitären Bewegung versuchten auch ausländische Regierungen auf diese Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und in der Europäischen Union anzugreifen.

Dies beklagt auch die EU. Besonders Russland und China würden die Pandemie im eigenen Interesse instrumentalisieren, “oft durch direktes Infragestellen der Glaubwürdigkeit der Europäischen Union”, heißt es in einem Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS). Auch Online-Plattformen verdienen demnach weiterhin Geld damit, Falschnachrichten und Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus zu verbreiten.

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch eines Krankenhaus für Corona-Patienten

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch eines Krankenhaus für Corona-Patienten

Der EEAS hat nach eigenen Angaben die Verbreitung von Desinformation in der EU, in Afrika, China, Russland, dem Westbalkan und im Großraum Mittlerer Osten untersucht. “Behauptungen, dass die EU angesichts von Covid-19 zerfällt, sind in allen analysierten Regionen ein Trend in den sozialen Medien”, heißt es in dem Bericht.

Bild einer fragilen EU

Besonders staatsnahe russische Akteure schlachten demnach die Darstellung aus, dass die EU kurz vor dem Kollaps stehe. In der Ukraine werde diese Botschaft mit der Beschreibung des staatlichen Scheiterns im eigenen Land kombiniert. Dort und besonders in den Ländern des westlichen Balkans werde die Corona-Krise zudem mit dem Vorwurf verbunden, die EU lasse ihre Verbündeten im Stich.

Die Berichte über russische Hilfslieferungen an Italien fanden EEAS zufolge in Russland und bei Kreml-nahen Auslandsmedien wie RT und Sputnik großen Anklang. “Die staatlich kontrollierten russischen Medien haben ihren Schwerpunkt verlagert, um die Bereitschaft Russlands zur Bekämpfung des Ausbruchs hervorzuheben”, heißt es weiter in dem Bericht.

Chinesische Ärzte treffen Mitte März in Rom ein, um Hilfe zu leisten

Chinesische Ärzte treffen Mitte März in Rom ein, um Hilfe zu leisten

Chinesische Staatsmedien und Regierungsvertreter würden weiterhin nicht belegte Theorien über den Ursprung von Covid-19 verbreiten. “Es gibt Versuche, den Eindruck zu erwecken, dass es beispielsweise von US-Militärangehörigen nach Wuhan gebracht wurde oder dass es aus Italien stammen könnte”, erklärte der EEAS. In der chinesischen Berichterstattung werde zudem die Dankbarkeit europäischer Regierungschefs für chinesische Hilfslieferungen hervorgehoben.

Online-Plattformen spielen dem EEAS zufolge in der Krise eine unrühmliche Rolle. Facebook etwa habe angekündigt, entschieden gegen Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Zusammenhang mit der Pandemie vorzugehen. Doch die großen Plattformen verdienten weiterhin an Desinformationen und schädlichen Inhalten, “zum Beispiel durch das Schalten von Online-Anzeigen auf Seiten, die Migranten fälschlicherweise als Ursache des Virus darstellen, falsche Heilmittel bewerben oder Verschwörungstheorien verbreiten”.

stu/kle (dpa, afp)

Source Article from https://www.dw.com/de/desinformation-und-nazi-propaganda-zur-corona-pandemie/a-52985380?maca=de-rss-de-all-1119-rdf