YouTube sehen mit dem linken Auge

Da sitzt er vor der Kamera, mit weißer Krawatte, in einer Art Latex-Hemd neben einer Weltkugel – und erklärt die Welt. Zum Beispiel, was es eigentlich mit “Queer” auf sich hat, und wie gut es ist, dass sich die Zeiten seit den 90ern geändert haben, wo etwa, wie der Influencer erklärt, homosexuelle Frauen als frigide Bücherwürmer denunziert worden seien (“a librarian – that needed a good f …”). Politisch incorrect? Nur auf den ersten Blick. Shocking? Höchstens für verkniffene Zeitgenossen.

Oliver Thorn heißt der Mann im Latex-Hemd. Er zählt mit seinem Youtube-Kanal “Philosophy Tube” zu einer Generation von neuen Influencern, die sich linken Themen zuwenden. Auf unterhaltsame Weise, mit in Teilen aufwändig produzierten Videos.

 

Im Pelzmantel mit Schampus

Dass sich die YouTuberin Natalie Wynn mit ihrem Channel “ContraPoints” nach eigener Darstellung mit “sex, drugs, and social justice” beschäftigt, kann man nicht nur als Anspielung auf die wilden Zeiten etwa der Rolling Stones verstehen, sondern auch als aufklärerischen Anspruch. Kostprobe gefällig?

“I like stuff, and I like shiny things”, flötet die selbsterkorene Luxus-Tussi. Im Video “What’s wrong with capitalism (Part 2)”, knallt sich die Wynn, deren Anhänger ihren bissigen Humor schätzen, im Pelzmantel vor ihre Kamera und nölt:  “I like this, and I like this, and I like this”. Das und das und das sind: eine Nobelhandtasche, lackierte Fingernägel und eine Flasche – pardon, Werbung – Moet-Champagner. Ein Glas auf ex getrunken, ein wenig damenhafter Rülpser – und schon da könnte den Betrachtern klar sein, was falsch läuft im Kapitalismus. “Ich bin nur ein Dummkopf, der glänzende Sachen mag”, schiebt die Kunstfigur noch nach.

Es ist nicht bekannt, ob die Digitalexperten der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin da schallend gelacht oder zustimmend mit dem Kopf genickt haben. Auf jeden Fall ist ihnen die Influencerin sehr vertraut, weil sie zu den führenden Vertretern einer neuen YouTube-Szene gehört, die der Neuen Rechten entgegentreten. Die Stiftung hat in einem Bericht zusammengetragen, welche Webvideos es von “linken politischen Influencer*innen” gibt. Der Überblick kann denjenigen Mut machen, die über rechtsextreme Verschwörungstheorien und Hasstiraden mitunter verzweifeln könnten.

Wer achtmal am Tag lügt …

“Die öffentliche Diskussion weist häufig auf die Gefahren durch rassistische, antisemitische, antifeministische und verschwörungstheoretische Inhalte auf YouTube hin”, fasst Henning Obens das landläufige Bild zusammen. “Das ist ja ein Ort, wo man sehr schnell in den Strudel von Verschwörungstheorien geraten kann”, sagt Obens, Referent für digitale Kommunikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Nach seinen Worten hat die linke politische Szene erkannt, dass sie hier gegensteuern muss, “im Sinne einer linken politischen Aufklärung und der Wahrheit, der wir uns verpflichtet fühlen. Wenn ein Donald Trump achtmal am Tag im Internet lügt, nimmt ihm das seine Anhängerschaft nicht übel. Wenn ein Linker das tut, wird er im linken Spektrum nicht mehr ernst genommen.” Trump, der ja mit Begriffen wie “Fake News” oder “Witch hunt” auf Twitter nicht gerade sparsam umgeht. 

 

Die Stiftung hat in der Studie – Autoren sind die Wissenschaftler Marius Liedtke und Daniel Marwecki – herausgefunden, dass sich gerade in den USA und Großbritannien etliche linke und radikal linke YouTuber etabliert haben. Sie sind im Netz unter den Suchbegriffen “LeftTube” oder “BreadTube” (der Name entstand in Anlehnung an das Buch “Die Eroberung des Brotes” des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin aus dem Jahr 1892) gebündelt zu finden. “BreadTube” firmiert dabei auch als “youtube, but good”. Schon hier wollen die Macher deutlich werden lassen, dass sie “die Guten” sind.

In der Untersuchung mit dem Titel “Von Influencer*innen lernen – YouTube & Co. als Spielfelder linker Politik und Bildungsarbeit” wird auch deutlich gemacht, wie wichtig solche Kanäle für eine junge Zielgruppe sind. So nutzen der Studie zufolge 96 Prozent der 18- bis 24-jährigen US-amerikanischen Internet-User Youtube. 

Weiterbildungen für YouTuber

Diese Szene zu akzeptieren, war für linke Protagonisten nicht selbstverständlich. “Die politische Linke ist verständlicherweise skeptisch, was die Nutzung Sozialer Medien betrifft”, schreibt Obens in der Studie. Denn Internetkonzerne verdienten dort Milliarden, und über Bot-Netzwerke würden dort systematisch Informationen verarbeitet. Aber seit dem Erscheinen der Studie “bekomme ich zum Beispiel sehr viel positives Feedback von Bundestagsabgeordneten”, sagt Obens. Das Interesse an der Szene geht so weit, dass die Stiftung demnächst auch eine Weiterbildung für YouTuber anbietet, um zum Beispiel Netzwerke zu ermöglichen. “Eine Linke, die in zehn Jahren noch ernst genommen werden will, muss sich auch auf diesen Plattformen bewegen”, betont Obens. 

Womit wir im deutschsprachigen Bereich wären. Und da sieht es nicht ganz so entwickelt aus. “Eine derart reichhaltige Landschaft linker Aktivisten auf YouTube wie im englischsprachigen Raum existiert im deutschsprachigen Raum nicht”, heißt es in der Studie. Hintergrund: Nur wenige etablierte linke Größen wie Parteien, Stiftungen und Medien hätten es geschafft, “ihr gesellschaftliches Gewicht auch nur ansatzweise in den Webvideo-Bereich zu übertragen”, so die Untersuchung. Bei den linken politischen Influencern ist der Rosa-Luxemburg-Stiftung unter anderem der Kanal von Rayk Anders aufgefallen (siehe oben). Dort reicht das Themenspektrum explizit “von Merkel bis Erdogan, von Religion bis Fußball.” Und dass laufend Politiker zu Wort kommen oder zitiert werden, sieht man auf den ersten Blick. Die Studie weiß: Anders werde “häufig zur Zielscheibe rechter Hetze”. Er beziehe sich dann oft auf “spezifische Videos von rechten YouTuber*innen wie Martin Sellner und kontert die Hetze, die aus diesen Sphären gegen ihn vorgebracht wird”. Als Lohn für seinen Einsatz erhielt Rayk Anders 2018 den Deutschen Reporterpreis.

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Neues Software-Problem bei Boeing 737 Max

“Wir nehmen die notwendigen Updates vor”, teilte Boeing mit. Dabei arbeite das Unternehmen mit der US-Flugaufsicht FAA zusammen und halte Kunden und Zulieferer auf dem Laufenden. “Unsere oberste Priorität ist, dass die 737 Max sicher ist und alle regulatorischen Vorgaben erfüllt sind, bevor sie wieder in den Betrieb geht” versicherte ein Boeing-Sprecher.

Flugverbote ohne Ende

Die 737 Max ist seit März 2019 wegen zwei Abstürzen, bei denen insgesamt 346 Menschen starben, rund um den Globus mit Flugverboten belegt. Als entscheidende Ursache der verheerenden Unglücke gilt eine fehlerhafte Steuerungsautomatik der Boeing-Flugzeuge.

Das nun aufgetauchte, neue Problem wurde – wie es in Agenturberichten heißt – bei der Finalisierung des Updates ausgerechnet derjenigen Software festgestellt, die als entscheidende Hürde für eine Wiederzulassung gilt. Dadurch könnte sich das Verfahren noch länger hinziehen.

Einen Zeitplan gibt es nicht

Die US-Luftfahrtaufsicht FAA hielt sich aber zunächst zurück. FAA-Vertreter erklärten lediglich, dass bei der angestrebten Wiederinbetriebnahme der 737 Max ein gründlicher Prüfungsprozess befolgt werde, bei dem die Behörde mit anderen internationalen Regulierern kooperiere. Es gebe keinen Zeitplan darüber, wann diese Arbeiten abgeschlossen seien.

Das neue Problem betreffe eine Software, die den korrekten Betrieb bestimmter Monitore der 737 Max sicherstellen solle, hieß es aus eingeweihten Kreisen. Einer dieser Monitore sei bei einem Test nicht richtig hochgefahren worden. Anleger reagierten nervös und ließen Boeings Aktien im späten US-Handel um rund zwei Prozent fallen.

haz/hk (rtr, dpa, ap)

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Kleinster Mann der Welt ist tot

Khagendra Thapa Magar starb nach Angaben seiner Familie in einem Krankenhaus in der Stadt Pokhara im Zentrum von Nepal. Todesursache war demnach eine schwere Lungenentzündung.

Thapa Magar galt bis dato als kleinster Mann der Welt, der laufen konnte. Erstmals wurde er vom Guinness-Buch der Rekorde im Jahr 2010 kurz nach seinem 18. Geburtstag mit dem Titel belegt. Später verlor er ihn, als der Nepalese Chandra Bahadur Dangi mit 54,6 Zentimetern ihm den Rang ablief. Als dieser 2015 starb, erhielt Thapa Magar den Titel zurück.

Noch kleiner ist derzeit laut dem Guiness-Buch nur der 27 Jahre alte Junrey Balawing aus den Philippinen – er hält den Guinness-Rekord in der Kategorie “kleinster nicht beweglicher Mann” und ist sieben Zentimeter kleiner als Thapa Magar. Aufgrund einer Krankheit, durch die seine Knochen leicht brechen, kann Balawing weder laufen noch ohne Hilfe stehen.

Leben in einer Welt für Normalgroße

Thapa Magar hatte seinen Eltern zufolge eine Form von Kleinwuchs, “Primordial Dwarfism”. “Er war so klein, als er geboren wurde, dass er in deine Handfläche passte und es war sehr schwer ihn zu baden, weil er so klein war”, sagte sein Vater Dhan Maya Thapa Magar dem Guinness-Buch.

Kleinster Mann der Welt Khagendra Thapa Magar gestorben (picture-alliance/dpa/N. Shreshta)

14. Oktober 2010: Thapa Magar erhält an seinem 18. Geburtstag eine Urkunde des Guiness-Buchs der Rekorde

Thapa Magar lebte mit seinen Eltern in Pokhara. Sein jüngerer Bruder war normal groß. “Wie dies viele kleine Menschen erleben, kann das Leben schwierig sein, wenn man nur sechs Kilo wiegt und nicht in eine Welt passt, die für eine durchschnittlich große Person gebaut wurde”, hieß es auf der Internetseite des Guinness-Buchs. “Aber Khagendras kleine Größe hielt ihn nicht davon ab, das Beste aus seinem Leben zu machen.” So bereiste der Nepalese zu Lebzeiten mehr als ein Dutzend Länder.

hk/haz (dpa, afp)

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Kindesmissbrauch: "Die Politik hat endlich begriffen"

Das neue Gesetz gegen Kindesmissbrauch stößt bei Kinderrechtsorganisationen größtenteils auf Zustimmung. “Auch die Politik versteht endlich die gigantischen Dimensionen der Kinderpornografie im Netz”, sagt Julia von Weiler von “Innocence in Danger” in Berlin. Die Gesetzesänderungen seien ein richtiges, wichtiges und positives Signal.”

Für die Diplom-Psychologin sind die Beschlüsse des Bundestags eine Antwort auf den massenhaften Kindesmissbrauch von Lügde und Bergisch Gladbach: “Die Politik hat endlich begriffen, auch weil sie es jetzt musste.”

Wenn Erwachsene im Internet Kontakt zu Minderjährigen aufnehmen mit dem Ziel des möglichen Missbrauchs, heißt das “Cybergrooming”. Bisher war es nicht strafbar, wenn eine Person mit einem erwachsenen Lockvogel – etwa einem Polizeibeamten oder einem Elternteil – chattete, der sich als Kind ausgab. Nun hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das schon den Versuch unter Strafe stellt, sexuelle Kontakte zu Kindern im Internet anzubahnen. Dafür stimmten die Regierungsfraktionen SPD und Union sowie die AfD.

Lügde Wohnwagen Kindesmissbrauch (picture-alliance/dpa/G. Kirchner)

Auf dem Campingplatz in Lüdge wurden jahrelang Kinder für Pornodrehs missbraucht

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) begrüßte die Entscheidung des Bundestages, die Kontaktaufnahme sei eine Vorstufe zum sexuellen Kindesmissbrauch: “Die Täter handeln in der gleichen schrecklichen Absicht, das Vertrauen eines Kindes für eine spätere Missbrauchstat zu gewinnen.” 

“Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz”

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fordert neben der besseren Strafverfolgung auch mehr Prävention und verweist auf das neue Jugendmedienschutzgesetz, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll: “Mit dem Gesetz verpflichten wir Anbieter, ausreichend Vorkehrungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu treffen. Das können Voreinstellungen sein, so dass Kinder nicht angechattet werden können oder einfache Meldesysteme, wenn Kinder verstörende Situationen im Netz erleben.”

Berlin | Bundesfamilienministerin Franziska Giffey SPD (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

“Minderjährige ​​haben Anspruch auf besonderen Schutz in digitalen Medien” – Familienministerin Franziska Giffey

Auch die Alterskennzeichnung werde mit diesem Gesetz vereinheitlicht. Außerdem plant Giffey, eine “Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz” zu gründen. “Und wer sich weigert, Vorkehrungen zu treffen, muss mit empfindlichen Strafzahlungen rechnen. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen braucht klare Regeln und deren konsequente Durchsetzung”, so die deutsche Familienministerin.

Ermittler dürfen sich “einschleichen”

Außerdem sollen sich laut Gesetzesänderung verdeckte Ermittler künftig mit künstlich erzeugten Videos und Fotos von sexuellem Kindesmissbrauch in Internetforen einschleichen dürfen. Hintergrund ist, dass für den Zugang zu solchen Portalen oft als Vertrauensbeweis verlangt wird, selbst entsprechende Bilder und Videos hochzuladen. Dies wird “Keuschheitsprobe” genannt. Hier war für die Ermittler bisher Schluss, da sie dazu selbst eine Straftat hätten begehen müssen. Diesen Teil des Gesetzes verabschiedete das Parlament einstimmig.

Deutschland Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (picture-alliance/dpa/S. Gollnow)

“Diese Bilder sehen echten Bildern täuschend ähnlich, zeigen aber niemals echte Kinder“ – Justizministerin Lambrecht

Wenn sich die Taten nicht anders aufklären lassen, soll es künftig erlaubt sein, solche Videos und Fotos am Computer herzustellen und mit Zustimmung eines Gerichts zu veröffentlichen. Dabei dürfen aber keinerlei Abbildungen von echten Kindern verwendet werden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, warb für die Pläne. Wenn sich Ermittler mit künstlichen Missbrauchsvideos Zugang zu Internetforen verschafften, bewegten sie sich zwar an der Grenze des Rechtsstaats. “Aber wir sollten uns dieser Möglichkeit der Verbrechensbekämpfung nicht berauben”, betonte Rörig.

Bundesjustizministerin Lambrecht erinnerte daran, dass hinter kinderpornografischen Bildern schreckliche Missbrauchstaten an Kindern stünden und der Missbrauch manchmal noch andauere: “Ich will den Ermittlern alle rechtsstaatlich zulässigen Instrumente an die Hand geben, damit die Täter, aber auch die Hintermänner und Portalbetreiber schnell ermittelt und verurteilt werden können.”

Umdenken in der Politik 

Julia von Weiler l Vorstand bei Innocence in Danger (privat)

“Wir müssen in Deutschland bei der Ermittlung dieser Straftaten besser werden” – Psychologin Julia von Weiler

Julia von Weiler von “Innocence in Danger” will mehr: ”Die Verschärfung ist das eine, wir müssen aber auch die ermittelnden Behörden, also Staatsanwaltschaft und Gerichte, adäquat personell und materiell ausstatten”, fordert sie. 
Zudem müsste parallel die psychosoziale Versorgung von Mädchen und Jungen endlich flächendeckend gewährleistet werden. Die Opfer bräuchten dringend kompetente Ansprechpartner.

Von Weiler glaubt zwar, dass die Täter in Zukunft ein wenig ängstlicher agieren werden, rechnet aber angesichts des riesigen Netzwerkes nicht mit sehr großen Ermittlungserfolgen: “Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist immer noch relativ gering. Die Täter und Täterinnen wissen, es gibt sehr wenige Beamte, die ihnen auf den Fersen sind.”

Wichtig sei aber vor allem, dass zum Beispiel die Arbeit ihrer Organisation nicht mehr wie noch vor ein paar Jahren allseits belächelt werde, sondern ein Umdenken in Gesellschaft und Politik stattgefunden habe, so von Weiler: “Wir müssen verstehen, dass bei jedem sexuellen Missbrauch Fotos und Videos gemacht werden können. Und das verändert alles!”

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