Die stille Rebellion der iranischen Frauen

Kurz vor der Parlamentswahl am Freitag (21.02.2020) haben sich die Hoffnungen vieler Iranerinnen und Iraner auf politische Vielfalt zerschlagen. Der von konservativen Geistlichen beherrschte Wächterrat hat die Hälfte der knapp 14.500 Kandidaten nicht zur Abstimmung über die 290 Sitze des Parlaments zugelassen. Viele junge Wähler des regimekritischen Lagers wollen die Wahl deshalb boykottieren, Frauen genauso wie Männer. Im 2016 gewählten iranischen Parlament sind lediglich 14 Frauen vertreten. Zynismus macht sich breit. Das sei keine demokratische Wahl, sagen junge Iranerinnen. “Wir haben schon verloren.”

Mut und Kraft der Frauen

Die Journalistin Ulrike Keding hat bei ihren Reisen seit 2016 mit vielen von ihnen gesprochen, mit einigen steht sie auch aktuell noch in Kontakt. Einen Blick hinter die Kulissen eines Landes, von dessen Alltagsleben wenig bekannt ist, wollte sie ursprünglich werfen und dabei vor allem etwas über die Rolle der Frauen erfahren. Was sie bei ihren drei Aufenthalten entdeckte, entsprach nicht ihren Erwartungen. “In Deutschland denkt man, die Frauen im Iran sind unterdrückt. Zwar haben sie offiziell tatsächlich weniger Rechte, aber sie sind sehr stark. Sie haben eine sehr starke Rolle nicht nur in der Familie, sondern auch beruflich.”

Erlebt hat Keding das bei ihren “Homestays” in diversen iranischen Familien, bei Begegnungen in Coffeeshops und Gesprächen auf der Straße, dem Universitäts-Campus oder bei Spaziergängen in den Bergen. Sie hat mit Tschador-Trägerinnen auf dem Perserteppich über Religion und nationale Identität gesprochen, mit Studentinnen über den verhassten Schleierzwang, mit Akademikerinnen über deren Wunsch, nach Europa auszuwandern. Gefunden hat sie bei ihren Unterhaltungen die “heimliche Freiheit” der Iranerinnen, Frauen vor allem des gebildeten städtischen Milieus der Mittel- und Oberschicht, die sich den Verboten der herrschenden Männerriege geschickt entziehen.

Autorin Ulrike Keding mit Frauen im Iran. (Ulrike Keding)

Unter Frauen: Autorin Ulrike Keding (rechts außen) bei einer Hochzeitsgesellschaft

Die stille Rebellion der Frauen

Die Einwohnerzahl des Vielvölkerstaats ist mit 83 Millionen in etwa so groß wie die der Bundesrepublik, doch die Altersstruktur ist eine ganz andere: Die Hälfte der Iraner ist unter 30. Fast 70 Prozent der Studierenden im Iran sind weiblich. In den Protesten der beiden letzten Jahre haben viele ihre Unzufriedenheit über die schlechte Regierungsführung ausgedrückt. Doch mehr als die offene Rebellion gegen den Staat verändert die stille Rebellion im Alltag die iranische Gesellschaft, beobachtet Keding.

Sobald die 23-jährige Studentin Sharzad das Teheraner Szene-Café “Remington” betritt, lässt sie ihr Kopftuch, das sie ohnehin weit nach hinten geschoben trägt, ganz fallen. Sie gehört zu den Rebellinnen vom “Weißen Mittwoch”, die auf iranischen Straßen oder in der U-Bahn immer mal wieder schweigend den Schleier fallen lassen. “Im Dezember 2017 stellte sich die erste Frau unverschleiert auf die Eghelab Street in Teheran, die Revolutionsstraße”, berichtet die Autorin. Seitdem entzündet sich am Kopftuchzwang der Protest gegen die Islamische Republik. “Die Frauen sind stärker als die Männer”, sagt Sharzad. Viele junge Frauen wie sie wünschen sich Gleichberechtigung, Freiheit und Demokratie. “Wir wagen es zu rebellieren. Unsere Waffen sind Facebook, Instagram, Twitter und Telegram.”

Iran Teheran Frauen (Getty Images/AFP/A. Kenare)

Das Smartphone ist für moderne junge Frauen auch im Iran unentbehrlich

Die Krise der Mittelschicht

Seit Trumps Aufkündigung des Atomabkommens und der Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran hat sich die wirtschaftliche Situation für die Mehrheit der Bevölkerung ungeheuer zugespitzt. Die Menschen führen einen harten Existenzkampf. Ausländische Unternehmen und Betriebe, die auf Importe angewiesen sind, entlassen ihre Angestellten. Der Wert des Einkommens der Mittelschicht hat sich halbiert, und die Inflation galoppiert weiter. Iran ist ein Importland, viele Waren sind nur noch auf dem Schwarzmarkt zu überhöhten Preisen zu erhalten. Für immer mehr Frauen bedeutet das, dass sie zum Familienunterhalt beitragen müssen. Ein Drittel aller Arbeitskräfte sind Frauen, doch ihre gesetzliche Gleichberechtigung müssen sie noch erkämpfen.

Die Betriebswirtschaftlerin Dina würde gern angestellt arbeiten, doch ein Einstiegsgehalt von 27 Euro pro Monat ist ihr viel zu wenig, erzählt sie der Autorin auf einer Jeep-Fahrt in die Berge um Tabris. Lieber empfängt die 30-Jährige zuhause ausländische Gäste. Gegen die schlechten Löhne für Iranerinnen protestiert sie auf der Internet-Plattform der iranischen Exiljournalistin Masih Alinejad. “Sie ist unsere Feministin”, erzählt Dina. “Immer wenn uns Iranerinnen etwas angetan wird, fotografieren wir es oder machen ein Video und mailen es ihr.”

Iran Teheran Frauen im Basar (Getty Images/AFP/A. Kenare)

Der Preis vieler Waren hat sich durch die US-Sanktionen im Iran vervierfacht

Braindrain der klugen Köpfe

Auch für eine gut verdienende Onkologin, bei der Keding zu Gast war, sind Trumps Sanktionen ein großes Problem. “Gegen Krebs bekommst du fast keine Medikamente mehr”, berichtet die Ärztin. Medizinische Ausrüstung für die US-amerikanisch geprägte Medizin sei nur noch auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Doch nicht deshalb lernen die gut gestellte Chirurgin und ihre 12-jährige Tochter intensiv Deutsch. Wie so viele Akademiker strebt sie nach Europa, um “einer hundertprozentigen Diktatur” zu entkommen und ihrer Tochter ein emanzipiertes Leben zu ermöglichen. Die iranische Mittelschicht blutet aus. Mehr als sieben Millionen Iraner leben im Ausland, mehr als jeder dritte davon in den USA.

Moderne Frauen im Iran entscheiden selbst, wen sie heiraten möchten, und immer mehr heiraten spät oder gar nicht. Sie wollen sich dem Regime der Männer nicht mehr unterwerfen, fürchten um die Freiheit zu studieren oder zu reisen - denn das könnte ihnen ein Ehemann verbieten. 30 Prozent der iranischen Ehen werden geschieden, doch haben die Frauen nach einer Scheidung kein Recht auf ihre Kinder. Zwar ist die Rolle der Frau auch juristisch gestärkt worden und der Mann muss eine hohe Prämie zahlen, um die Frau abzusichern, wenn er sich scheiden lassen will. Doch eine Frau darf die Scheidung nicht mit der Begründung beantragen, dass die Beziehung gescheitert sei. Trotzdem: “In gebildeten Kreisen wird der Alltag von Frauen und Männern gleichberechtigt gelebt”, meint die Umweltschützerin Yara.

Iran l Trennung - Scheidung, Symbolbild (Getty Images/AFP/A. kenare)

Seit 2017 herrscht das “Mehrieh”-System, nach dem Männer Frauen im Fall einer Scheidung eine Prämie bezahlen müssen

Sehnsucht nach einer toleranten Gesellschaft

Iran werde von zwei Regierungen geführt, erklärt einer der Gesprächspartner von Ulrike Keding bei ihrer letzten Reise 2019. Vom gewählten Staatspräsidenten Rohani und von dem nicht gewählten religiösen Regime unter Chamenei, der die größte Macht habe. Nicht durch eine von den Hardlinern bestimmte Wahl, sondern durch eine tolerante, bildungsorientierte Lebensweise entziehen sich viele Menschen der Macht der Revolutionswächter. “Die Frauen sind die echten Revolutionärinnen in Iran”, kommentiert die kurdische Lehrerin Malihe. “Ich zähle mich auch zu den Rebellinnen, aber ich gehe es nicht radikal an. Ich versuche es auf die demokratische Art.”

Ulrike Keding: “Die heimliche Freiheit. Eine Reise zu Irans starken Frauen”, Herder Verlag 2020, 223 Seiten.

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Dem Nachbarschaftskomitee ausgeliefert

Jeden Tag ruft Shen Ruihan die Nummer ihres Nachbarschaftskomitees an. Ihr Vater, der an COVID-19 erkrankt ist, müsste dringend ins Krankenhaus. Sein Zustand verschlechtert sich täglich: die Körpertemperatur steigt, er kann kaum noch essen und hat Schmerzen in der Brust. Doch um ins Krankenhaus zu kommen, muss das Komitee ihr ein Auto zur Verfügung stellen. “Sie sagen uns jeden Tag, dass wir warten sollen”, erzählt sie im telefonischen Interview mit der Deutschen Welle, “doch nie kommen sie”.

Shen Ruihan ist nicht ihr richtiger Name. Sie glaubt, dass sich ihr Vater beim Einkaufen angesteckt haben muss, irgendwann in den ersten Tagen, nachdem Wuhan abgeriegelt worden war. Am 23. Januar wurden sämtliche Zufahrtswege in die Stadt gesperrt, nachdem es klar geworden war, dass die Ausbreitung des Coronavirus nicht mehr zu stoppen ist. Viele Bewohner stürmten daraufhin die Supermärkte, um Lebensmittelvorräte anzulegen.

Wuhan China Coronavirus Sars (Reuters/China Daily)

Nachbarschaftskomitee im Einsatz: “Diese Siedlung ist gesperrt, um den Virusausbruch zu bekämpfen”

Ansteckung beim Hamsterkauf?

Vor anderthalb Wochen bekam ihr Vater dann Fieber. Er wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Er bekam Medikamente und wurde nach Hause geschickt, weil seine Symptome nicht sehr schwer waren. Seitdem hat sich sein Zustand verschlechtert. Doch ins Krankenhaus zu kommen, ist seitdem nicht leichter geworden. “Bald sind unsere Medikamente aufgebraucht”, sagt Shen. “Ich weiß nicht, was wir dann machen sollen.”

Seit dem Ausbruch der Krankheit sind die Krankenhäuser in der Stadt heillos überlastet. Videos von überfüllten Fluren, von Ärzten und Krankenschwestern, die unter Überlastung Nervenzusammenbrüche erleiden, machten in den Anfangstagen die Runde in den sozialen Netzwerken. Seitdem hat die Stadt zwei provisorische Krankenhäuser aus Containern errichtet und Dutzende Sporthallen und Hotels in Quarantänezonen zur Notversorgung umgewandelt. Doch nach wie vor steigen die Infektionszahlen. Viele Patienten haben keinen Zugang zu einer angemessenen Versorgung.

China leere Straßen in Wuhan wegen Coronavirus (Reuters/cnsphoto)

Straßen in Wuhan sind leer

Ausgehverbot

Um dem Chaos Herr zu werden und die Ausbreitung zu stoppen, hat die Stadt ein generelles Ausgehverbot erteilt. Alle Wohnbezirke wurden abgeriegelt, die meisten der elf Millionen Bewohner der Stadt de facto unter Hausarrest gestellt. Wann immer die Bewohner etwas brauchen, müssen sie ihre Nachbarschaftskomitees um Hilfe bitten, die niedrigste Ebene des Parteistaats.

“Es ist sinnlos, dort anzurufen”, sagt Zheng Wei. Auch sie will ihren richtigen Namen nicht nennen. Sie lebt in Wuhan mit ihrer Schwester und ihren Großeltern zusammen. Außerdem gehören noch ihre Tante und ein 14-jähriger Neffe zur Familie. Sowohl die Großeltern als auch die Tante sind am Coronavirus erkrankt. Der Neffe wurde mit Verdacht auf die Krankheit in ein Hotel gebracht, das als Isolierstation dient.

Die Großeltern sind inzwischen in stabiler Verfassung zu Hause, die Tante ist in einem provisorischen Krankenhaus untergebracht. Doch einige Wochen vor dem Ausbruch wurde bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert, der dort nicht behandelt werden kann. “Sie muss in ein richtiges Krankenhaus”, sagt Zheng. Doch solange sie und ihre Schwester zu Hause eingesperrt sind, haben sie kaum Möglichkeiten, sich darum zu kümmern. In den Krankenhäusern beantwortet längst niemand mehr Anrufe. “Unser einziger Kontakt ist das Nachbarschaftskomitee.”

China Wuhan Coronavirus-Patienten in provisorischem Krankenhaus (Imago Images/Xinhua/Xiong Qi)

Coronavirus-Patienten in einer Messehalle in Wuhan

Schlüsselrolle für Nachbarschaftskomitee

Partei und Staat durchdringen die chinesische Gesellschaft auf jeder Ebene. Die Nachbarschaftskomitees sollen die Parteilinie auf der untersten Ebene durchsetzen, normalerweise eine eher symbolische Aufgabe, die sich darauf beschränkt, die Schauvitrinen mit der neusten Parteipropaganda zu bestücken oder Aktivitäten für die Rentner des Wohnviertels zu organisieren. Auf das Leben der Einwohner haben diese Komitees in normalen Zeiten wenig Einfluss.

Doch seit der Staat alle Ressourcen im Kampf gegen das Virus mobilisiert, kommt den Nachbarschaftskomitees eine Schlüsselrolle zu. In Wuhan sind sie der Ansprechpartner für sämtliche Bedürfnisse der eingeschlossenen Bewohner. Sie müssen Krankentransporte organisieren und Medizin ausliefern. Sie überwachen die Quarantäneregeln und müssen entscheiden, wer am dringendsten ins Krankenhaus muss. Die Komitees, die aus einer Handvoll Freiwilliger – oft im Rentenalter – bestehen, müssen jetzt die Versorgung hunderter Haushalte sicherstellen. Und sie entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer warten muss.

Viele Bewohner, die an den Nachbarschaftskomitees verzweifeln, setzen inzwischen Hilferufe im Internet ab. Hunderte solcher Nachrichten finden sich in den sozialen Netzwerken. Auch Shen Ruihan, die junge Frau, die ihren Vater ins Krankenhaus bringen will, hat einen Post über ihre Situation geschrieben. “Wenn jemand helfen kann, dann helft bitte!”, schreibt sie.

Auf die Frage der DW, wer ihr denn helfen könnte, seufzt sie am Telefon nur. “Ich weiß es nicht”, antwortet sie. “All das macht mich so traurig.” Sie und ihre Mutter versuchen derweil, ihren Vater zu Hause so gut es geht zu pflegen. Beide haben ebenfalls angefangen zu husten. Ob es ebenfalls das Virus ist, wissen sie nicht. Um sich untersuchen zu lassen, bräuchten sie ein Auto, das sie ins Krankenhaus fährt. Und das Nachbarschaftskomitee reagiert nicht. 

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US-Wahlkampf: Jetzt mischt auch Bloomberg mit

Er stand ganz außen – von sich aus: rechts gesehen. Und während die fernseherfahrenen Mitbewerber gestikulierten, die Hände nach oben warfen und sich so reichlich Redezeit sicherten, wirkte der Neuzugang in der Kandidatenrunde namens Michael Bloomberg wie, nun ja, wie ein Neuzugang. Wären die reichlich geforderten Moderatoren des übertragenden Senders NBC News nicht gewesen, der Mann am äußeren Rand wäre noch weniger zu Wort gekommen.

Mit Spannung war der erste “richtige” Wahlkampfauftritt von Michael Bloomberg erwartet worden. Der frühere New Yorker Bürgermeister und Gründer des Medienunternehmens Bloomberg gilt als einer der reichsten Menschen der Welt – und hat Beobachtern zufolge schon jetzt enorme Geldbeträge in seinen Wahlkampf gesteckt. Allerdings hatte er sich auch dazu entschlossen, bei den ersten Vorwahlen erst gar nicht anzutreten. Nun steht die dritte US-Vorwahl im Bundesstaat Nevada bevor, und langsam gilt es.

USA TV-Debatte der Demokraten (Getty Images/AFP/M. Tama)

Sechs für Washington: Michael Bloomberg, Elizabeth Warren, Bernie Sanders, Joe Biden, Pete Buttigieg und Amy Klobuchar (von links). Doch nur eine oder einer wird es mit Präsident Trump aufnehmen

Zu Beginn der TV-Debatte konnte Bloomberg noch mit seiner Spätstarter-Position punkten, als er sagte, es gehe doch darum, zwei Fragen zu beantworten: “Wer kann Donald Trump schlagen?” Und – die zweite Frage – wer sei in der Lage, den Job im Weißen Haus gut zu machen? Natürlich glaubt Bloomberg, dass die einzige Antwort auf diese Frage “Bloomberg” lauten könne.

“Arroganter Milliardär”

Doch als die Debatte Fahrt aufnahm, nahm Bloombergs Format ab. Bernie Sanders, bislang “Frontrunner” unter den Demokraten, und der frühere Vizepräsident Joe Biden griffen Bloomberg für seine Polizeistrategie in dessen Zeit als New Yorker Bürgermeister an – für das, was die Amerikaner “stop-and-frisk” nennen: anhalten und “filzen”. Latinos, dunkelhäutige Amerikaner und andere Minderheiten seien unter Bloomberg so diskriminiert worden. Und als Senatorin Elizabeth Warren noch den Umgang mit Frauen in Bloombergs Unternehmen anprangerte, sah der 78-Jährige mindestens so alt aus. Warren erklärte, Bloomberg habe in der Vergangenheit frauenverachtende Äußerungen von sich gegeben und “rassistische Politik” unterstützt. Es dürfe nicht darum gehen, einen “arroganten Milliardär” durch einen anderen auszutauschen – Präsident Trump durch Bloomberg.

So überraschend wie Trump?

Am Ende ist auch nach diesem Abend vor den TV-Kameras in Las Vegas ziemlich unklar, wer den Mann im Weißen Haus herausfordern wird: der linke Senator Bernie Sanders aus dem östlichen Bundesstaat Vermont, Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, Amy Klobuchar aus Minnesota, Barack Obamas ehemaliger Vize-Präsident Joe Biden oder der Ex-Bürgermeister von South Bend, Pete Buttigieg? Oder wird es doch der reiche Mann aus New York, Michael Bloomberg? Das würde nach diesem Abend eher überraschen. Aber überraschend war der Sieg von Donald Trump ja auch.

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US-Botschafter Grenell wird Geheimdienst-Direktor

Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell (Artikelbild), wird neuer geschäftsführender Geheimdienstkoordinator im Weißen Haus. Das teilte US-Präsident Donald Trump über Twitter mit. “Rick hat unser Land äußerst gut repräsentiert, und ich freue mich darauf, mit ihm zu arbeiten”, schrieb Trump dazu.

Grenell folgt damit auf den amtierenden Koordinator Joseph Maguire, der im August Dan Coats auf dem Posten abgelöst hatte. Grenell gilt als extrem loyal zu Trump und rühmt sich immer wieder eines guten Drahtes ins Weiße Haus. Während seiner Zeit als Botschafter in Deutschland machte Grenell immer wieder Schlagzeilen – mit polarisierenden Äußerungen und scharfer Kritik an der deutschen Regierungspolitik, die für einen Diplomaten ungewöhnlich ist.

Vom Senat nicht bestätigt

Der Direktor der Nachrichtendienste (DNI) hat die Aufgabe, die verschiedenen US-Geheimdienste zu koordinieren. Maguire hatte den Posten ebenfalls nur geschäftsführend inne – das heißt, er ist für die Aufgabe nicht vom Senat bestätigt worden. Deswegen kann er nach einem Bericht der “New York Times” nur noch maximal bis 12. März im Amt bleiben. Coats hatte den Spitzenposten seit März 2017 inne. Gegen Ende seiner Amtszeit wurden immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Trump öffentlich erkennbar, unter anderem in Bezug auf den Konflikt mit dem Iran.

Grenell, der der Republikanischen Partei angehört, hatte in Berlin unter anderem für Irritationen gesorgt, als er Firmen kritisierte, die mit dem Iran Geschäfte abwickelten oder am Bau der Pipeline Nordstream 2 beteiligt sind.

ml/mak (dpa, rtr)

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Iran: Wahl ohne Begeisterung

Es ist später Nachmittag im Süden Teherans, die Sonne taucht das Eingangstor zum Großen Basar in goldenes Licht. Wenige Schritte entfernt, auf einem Sockel, steht Mohammad Rostami, in den Händen ein großes Plakat mit seinem Konterfei. Er ist einer von mehr als 7000 Kandidaten, die sich um einen Sitz im iranischen Parlament bewerben. Den Trubel rund um den Basar nutzt er, um möglichst viele potentielle Wähler auf sich aufmerksam zu machen. “Ich mache das so, weil ich überzeugt bin, dass man nur mit seinem eigenen Geld Wahlkampf machen sollte”, sagt Rostami. Um ihn herum hat sich eine kleine Traube gebildet, um die 15 Passanten wollen wissen, wer der Mann ist.

Viele Kandidaten sind den Wählern unbekannt

Es ist ein seltenes Ereignis in diesem Wahlkampf, der ansonsten kaum sichtbar ist. Große Veranstaltungen gibt es so gut wie nicht, die wenigen, die stattfinden, sind schlecht besucht. An den Wahlplakaten gehen die meisten Iraner achtlos vorbei, und rund um den Großen Basar erzählen viele, dass sie ihre Stimme nicht abgeben werden. “Ich habe immer gewählt”, sagt ein Mann am Kebab-Shop, “aber ich mache das nicht mehr.” Noch deutlicher wird ein Passant: “Wählen gehen? Da könnte ich mir auch gleich in Arme und Beine schneiden – der Wächterrat hat doch schon vorher festgelegt, wer antreten darf und wer nicht”.

Iran Teheran | Kandidat Mohammad Rostami bei Wahlkampf (Anja Koch)

Mohammad Rostami bewirbt sich als einer von rund 7000 Kandidaten um einen Sitz im Parlament

Tatsächlich wurden von 16.000 Kandidaten von vornherein etwa 9000 abgelehnt – auch einige Abgeordnete des Parlaments dürfen nicht wieder antreten. Die restlichen 7000 Kandidaten sind vielen Wählern unbekannt – und sie tun wenig dafür, das zu ändern.

Am Abend laden vier Reformer zu einer Pressekonferenz ein. Die Reformer gelten als die eher Liberalen in der Islamischen Republik. Viele der abgelehnten Kandidaten kommen aus diesem Spektrum. Die vier Männer, sie alle wollen ins Parlament, haben sich in einem kleinen Raum versammelt. Um die 30 Stühle gibt es, dazu Tee und Gebäck. Die Kandidaten reden über komplizierte Details eines Anti-Korruptionsgesetzes. Wofür sie stehen, was sie verändern wollen in ihrem Land, bleibt offen. Nicht einmal die eigens aufgehängten Banner verkünden eine Vision: “Wir müssen Hand in Hand arbeiten” steht da nur.

Iraner spüren täglich die schlechte wirtschaftliche Lage

Dabei gäbe es viel, was den Iranern auf dem Herzen liegt. Die Wirtschaft liegt seit einiger Zeit am Boden. Die Sanktionen der USA haben dazu beigetragen, dass die Währung massiv an Wert verloren hat und selbst Dinge des täglichen Lebens für einige unerschwinglich geworden sind. “Die Leute hier überlegen genau, wie oft in der Woche sie noch Fleisch kaufen. Oft landen eher Kartoffeln auf dem Teller”, erzählt ein Verkäufer auf dem Großen Basar. Der 37-Jährige will seinen Namen nicht nennen, sein Bruder rät ihm noch davon ab, mit einer Journalistin zu sprechen. Trotzdem erzählt er, dass seine Angestellten nur noch von der Hand in den Mund leben. “Manche müssen an ihr Erspartes ran, um überhaupt Benzin kaufen zu können”, sagt er weiter. Im vergangenen Jahr hat die iranische Regierung Benzin rationiert. 60 Liter darf jeder Autobesitzer pro Monat kaufen. Wer mehr braucht, zahlt den dreifachen Preis.

Iran Teheran | Basar (Anja Koch)

Der Große Basar in Teheran

Ein paar Meter weiter steht ein 41-jähriger Mann in seinem Geschäft. Die Regale sind bis oben voll mit Herrenunterwäsche, T-Shirts, Schlafanzügen – doch Kunden sind keine da. “Um 50 Prozent ist unser Geschäft im vergangenen Jahr eingebrochen”, erklärt er, auch er will seinen Namen nicht nennen. “Bald ist bei uns das Neujahrsfest, da haben die Kunden gleich mal fünf Shirts gekauft, heute kaufen sie vielleicht noch eins.” Er und seine Familie haben in den vergangenen Monaten von Erspartem gelebt, nun aber seien die Reserven aufgebraucht. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Vom Parlament jedenfalls erwartet er nichts, andere Iraner denken ähnlich. Sie schimpfen über Abgeordnete, die angeblich im Luxus leben, während der Alltag der meisten Menschen immer härter werde. Eins steht für den 41-Jährigen fest: “Ich gehe nicht wählen. Wofür auch? Es ändert sich sowieso nichts.”

 

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