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Reiss Nelson – auf Angriffskurs gegen Lyon

Am vergangenen Samstag zeigte Hoffenheim-Angreifer Reiss Nelson bereits, wozu er in der Lage ist. Der 18-Jährige schlug beim jüngsten 3:1 in der Bundesliga gegen Aufsteiger 1.FC Nürnberg gleich zweimal zu - und sorgte so nach drei aufeinanderfolgenden Pflichtspiel-Niederlagen der Hoffenheimer für einen Befreiungsschlag.

Vor der Champions-League-Begegnung am Dienstag gegen Olympique Lyon gab sich Nelson dann auch zuversichtlich. Für ihn sei es “ein großes Spiel”, sagte er und fügte hinzu: “Wir müssen das Ding gewinnen, das ist uns allen klar.” Sicher ist nämlich, dass es ohne einen Erfolg eng werden könnte mit dem Einzug ins Achtelfinale. Bislang hat das Team aus dem Kraichgau aus den beiden vorangegangenen Partien (Schachtjor Donezk 2:2; Manchester City 1:2) erst einen Zähler gewinnen können. Deshalb ist nun gegen die Franzosen ein Sieg Pflicht.

Anerkennung vom Trainer

Die Chancen, dass Nelson auch gegen Lyon zum Einsatz kommt, stehen ganz gut. Gemessen an seiner Einsatzzeit “hat er schon eine ganz ordentliche Quote”, hatte Trainer Julian Nagelsmann in Nürnberg gesagt. Diese dürfe er auch zukünftig gerne bestätigen. Vielleicht schon gegen Olympique?

“Der beste Reiss, der kommt erst noch!”

Zuletzt hatte Nelson auch schon  in der U21-Nationalmannschaft für positive Schlagzeilen gesorgt. Gegen Schottland traf er gleich bei seinem Debüt für das Juniorenteam per sehenswertem Freistoß. Diese gute Form konnte er auch in die Bundesliga hinüberretten. Und auch in der Champions League will er jetzt nachlegen. An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Mann jedenfalls nicht. “Der beste Reiss, der kommt erst noch”, sagt der pfeilschnelle Angreifer. 

Nach Jadon Sancho das nächste Talent aus England

1. Bundesliga 1. FC Nürnberg - TSG 1899 Hoffenheim | Reiss Nelson (picture-alliance/dpa/D. Karmann)

Reiss Nelson war gegen Nürnberg nicht zu stoppen

Hoffenheim hat Reiss vom FC Arsenal für eine Saison ausgeliehen und rund eine halbe Million Euro für ihn an die Londoner überwiesen. Mit vier Toren aus vier Spielen hat sich das Leihgeschäft schon jetzt ausgezahlt. Englischen Medien verriet Nelson, dass ihn sein Freund aus Kindertagen und BVB-Youngster Jadon Sancho von Hoffenheim überzeugte. Schlecht für Hoffenheim: Eine Kaufoption gibt es nicht.

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Erdogan: Saudi-Arabien hat Mord an Khashoggi geplant

Saudi-Arabien hat nach den Worten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den “barbarischen Mord” an dem Journalisten Jamal Khashoggi geplant. Die Türkei habe “starke Beweise in der Hand”. Erdogan sprach von drei Teams aus Saudi-Arabien, die deswegen in die Türkei gereist seien. Insgesamt hätten 15 Mann, darunter ein Forensiker, das Konsulat am 2. Oktober betreten. Am Abend des selben Tages habe die Verlobte Khashoggis die türkischen Sicherheitskräfte informiert, dass Khashoggi das Konsulat betreten habe, aber nicht wieder herausgekommen sei.

“Wer gab den Mordbefehl?”

Von Saudi-Arabien verlangte Erdogan Aufklärung darüber, “wer den Befehl für das Verbrechen” gegeben habe und wo sich der Leichnam Khashoggis befinde. Er sprach von einem politisch motivierten Mord, führte dies aber nicht näher aus. Den 18 in Saudi-Arabien festgenommenen Verdächtigen sollte in der Türkei der Prozess gemacht werden, forderte Erdogan.

Der türkische Präsident äußerte sich während einer Fraktionssitzung seiner Regierungspartei, der islamisch-konservativen AKP. Er hatte angekündigt, die “ganze Wahrheit” in dem Fall mitzuteilen. Allerdings nannte er jetzt nur Details, die in den vergangenen Tagen bereits weitgehend bekannt geworden waren. Gleichzeitig zeigte sich Erdogan zuversichtlich, dass Saudi-Arabien bei der vollen Aufklärung des Mordes kooperieren werde. 

Erdogan bei AKP-Sitzung im türkischen Parlament (picture alliance/AA)

Der türkische Präsident Erdogan fordert Saudi-Arabien zur weiteren Aufklärung auf

Ermitteln auch die UN?

Gemeinsame Ermittlungen mit den Vereinten Nationen oder internationalen Gerichten bot der türkische Außenminister Mevlüt Cavosoglu an. Cavosoglu bekräftigte, die Türkei werde weiter ermitteln. “Wir haben eine gemeinsame Untersuchung mit den Saudis, aber der Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt auch eigenständig”, sagte er.

Am Montag hatte bereits ein AKP-Sprecher die Darstellung des saudischen Königreichs zurückgewiesen, wonach der Tod Khashoggis im saudischen Konsulat in Istanbul ein Versehen war. Es handle sich um einen komplizierten Mord, der “monströs geplant” gewesen sei.

Fall wie Khashoggi soll sich nicht wiederholen

Vor den Äußerungen des türkischen Präsidenten hatte Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Dschubeir versichert, man werde dafür sorgen, dass sich ein Fall wie die Tötung des Journalisten nicht wiederhole. Das Könighaus habe sich zu einer umfassenden Ermittlung verpflichtet, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, sagte al-Dschubair in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. “Verfahren und Mechanismen” sollten sicherstellen, “dass so etwas nie wieder passiert”, ergänzte er. In den vergangenen Tagen hatte sich der internationale Druck auf die Herrscherfamilie in Saudi-Arabien weiter verstärkt. 

Am vergangenen Samstag räumte das Königshaus ein, dass Khashoggi am 2. Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul “bei einem Faustkampf mit mehreren Personen” getötet worden war. Weltweit wurde diese Darstellung angezweifelt. Zuvor hatte Riad tagelang versichert, dass Khashoggi das Konsulat in der Türkei lebend verlassen habe.

se/sti (phoenix, afp, ap, rtr, dpa)

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Madagaskar: Gestorben in Untersuchungshaft

DW: Für den Bericht, den Sie heute veröffentlichen, haben Sie und Ihre Kollegen neun Gefängnisse in Madagaskar besucht und dort mit Insassen und Mitarbeitern gesprochen. Was haben Sie dort erlebt und gehört?

Tamara Léger: Die Gefängnisse sind extrem überfüllt. Sie sind nur für halb so viele Häftlinge ausgelegt, wie dort tatsächlich festgehalten werden. Oft sind es sogar noch mehr. Wir haben zum Beispiel letzten Monat ein Gefängnis in Manakara besucht, das etwa 700 Insassen hat. Offiziell ist dort Platz für 121. Man kann sich also vorstellen, wie es ist, dort über den Gefängnishof zu laufen, wo die Häftlinge den ganzen Tag unter der brennenden Sonne verbringen, fast ohne Schatten. Und nachts kommen sie in große, überfüllte Zellen. Es gibt keine Einzelzellen. Die Untersuchungshäftlinge schlafen mit verurteilten Kriminellen in derselben Zelle. Das hat für deren Sicherheit und für die Unschuldsvermutung natürlich ernsthafte Konsequenzen. Es gibt oft nicht mal genug Platz zum Hinlegen, also wechseln sich die Gefangenen ab beim Schlafen. Es gibt auch keine Toiletten mit fließendem Wasser. Wir haben eine Menge Krankheitsbilder gesehen, Tuberkulose etwa, die Haupttodesursache in diesen Gefängnissen. Offensichtlich gibt es auch einen Mangel an medizinischer Versorgung.

Laut dem Bericht sind in Madagaskar im vergangenen Jahr 52 Gefangene in Untersuchungshaft gestorben -  während sie auf ihre Gerichtsverfahren warteten. Was läuft falsch im madagassischen Rechtssystem?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Hälfte aller Gefängnisinsassen auf ihre Verfahren warten. Das heißt, nach internationalem Recht gilt für sie die Unschuldsvermutung. Doch die Haftbedingungen entsprechen dem nicht. Es mangelt an Essen, an medizinischer Versorgung, sie können ihre Familien nicht kontaktieren. Und die große Mehrheit der Häftlinge, zwischen 80 und 90 Prozent, hat noch nie einen Anwalt gesehen. Das ist eine Verletzung von internationalem, aber auch madagassischem Recht.

Madagaskar Häftlinge in Untersuchungshaft (Amnesty International/R. Burton)

Kaum Platz zum Schlafen: eine Gefängniszelle in Manakara, Madagaskar

Warum sind in Madagaskar überhaupt so viele Menschen in Untersuchungshaft?

Wir zeigen in unserem Bericht, dass Amtsträger dazu neigen, Menschen bis zum Beginn ihres Verfahrens in Untersuchungshaft zu nehmen. Das widerspricht internationalem Recht, wonach Untersuchungshaft die Ausnahme sein muss. Es müssen erst alle Alternativen ausgelotet werden und das gilt vor allem für Frauen und Kinder. In den Gefängnissen haben wir viele Kinder ab 13 Jahren angetroffen, die in Untersuchungshaft waren. Manche von ihnen wegen Kleinigkeiten, etwa wegen gestohlenen Vanilleschoten oder Hühnern. Bei Frauen ist es das Gleiche. Viele von ihnen werden wegen geringfügigen, nicht gewalttätigen Vergehen festgehalten, die eine Haft überhaupt nicht rechtfertigen. Schon gar nicht unter diesen Bedingungen.

Der Titel Ihres Berichts lautet: “Bestraft wegen Armut”. Warum?

Einmal ist die Wahrscheinlichkeit in Untersuchungshaft zu landen bei den ärmsten Menschen am größten. Das liegt unter anderem daran, dass viele dieser geringfügigen Straftaten mit Armut verknüpft sind. Wenn man etwa ein Huhn stiehlt, dann hat das viel mit den materiellen Bedingungen zu tun, unter denen man lebt. Außerdem landen diese Menschen eher im Gefängnis, weil sie sich keinen Anwalt leisten können. Und dann ist es so, dass die Ärmsten auch am meisten unter den Haftbedingungen leiden. Es gibt nur sehr, sehr wenig zu essen in diesen Gefängnissen. Häftlinge haben uns ihre Tagesration gezeigt, gerade eine Hand voll. Es schmeckt fürchterlich, oft sind Würmer darin. Aber wenn man arm ist, kann man sich kein zusätzliches Essen kaufen. Also muss man damit auskommen. Das erklärt dann die hohen Raten an Mangelernährung unter den Gefangenen, Schätzungen zufolge zwischen 70 und 80 Prozent. Die ärmsten Menschen sind wirklich überproportional von diesem Problem betroffen.

Madagaskar Antananarivo | Straßenszene (DW/E. Topona)

Straßenszene in der Hauptstadt Antananarivo. Ein Großteil der Bevölkerung des Inselstaats lebt in Armut

Nach alldem, was sie herausgefunden haben: Was muss getan werden, um die Situation zu verbessern?

Zuallererst müssen sich die Regierung und die madagassischen Behörden darüber klar werden, dass sie dieses Thema dringend angehen müssen. Wir fordern sie auf, alle notwendigen Maßnahmen zu treffen um diese willkürliche und überzogene Verwendung der Untersuchungshaft zu beenden. Weil die Ärmsten am stärksten von dieser Willkür betroffen sind, fordern wir echte Gleichstellung vor dem Gesetz. Jeder muss rechtlichen Beistand bekommen, ab dem Moment der Verhaftung. Und wer sich keinen Anwalt leisten kann, der muss einen kostenlosen Beistand bekommen. Und zuletzt fordern wir, dass diejenigen aus der Untersuchungshaft entlassen werden, die willkürlich eingesperrt wurden oder schon zu lange auf ihr Verfahren warten.

Tamara Léger ist Madagaskar-Expertin bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Das Interview führte Jan Philipp Wilhelm.

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Aus Deutschland zum "Islamischen Staat": Christians Weg

Eines Samstag morgens, im Jahr 2015, klingelte um viertel vor sechs bei Sabine Lappe in Dortmund das Telefon. Sie war empört, erinnert sie sich. Wer um alles in der Welt ruft um diese Zeit an? Christian war dran, ihr Sohn, damals 27 Jahre alt. “Mama, wir sind in der Türkei”, sagte er nur. “Wir warten auf den Transport nach Syrien.”

Zusammen mit seiner Frau Yasmina hatte Christian sich in einer Nacht- und Nebelaktion abgesetzt, um sich der Terrormiliz “Islamischer Staat” anzuschließen. Sabine Lappe flehte ihn an, umzukehren. Aber ihre Worte stießen auf taube Ohren. “Nein, wir kommen nicht zurück. Wir gehen dahin, wo Allahs Wort das Höchste ist, antwortete er mir.”

Ein schmerzhaftes Gespräch

Sabine Lappe ist Anfang  50. Sie lebt alleine in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Ruhrgebietsmetropole Dortmund. Die Wände sind teilweise bunt gestrichen, Fotos von Christian sind im Wohnzimmer nicht zu sehen. Aber an der Wohnungstür hängt noch sein Kaftan. “Der bleibt auch da, immer”, sagt sie mit entschlossener Stimme.

Die Wohnung ist ihr Rückzugsraum, sie geht nur noch ungern nach draußen.  Sie ist die Mutter eines Terroristen. Sie ist aber auch eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Selbst wenn keiner mit ihr um Christian trauert: “Ich liebe ihn. Aber von dem Christian, der er mal war, war am Ende nichts mehr übrig.”

Sabine Lappe (DW/E. Felden)

Sabine Lappe ist zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Kind und dem Entsetzen über das, was ihr Sohn getan hat

Sabine Lappe spricht schnell. Sie wirkt aufgekratzt und gibt zu, dass sie nervös ist wegen des Gesprächs mit der Deutschen Welle. Christians Geschichte ist in Teilen auch die Geschichte ihres eigenen Lebens. Über Stunden schildert sie sehr persönlich, wie sie seine Radikalisierung erlebt hat. Der polizeiliche Staatsschutz äußerte sich auf Anfrage der Deutschen Welle nicht zu Sabine Lappe. Aus datenschutzrechtlichen Gründen könne man dazu keine Aussagen machen, hieß es.

Frühe Schicksalsschläge

Christian war ein intelligentes Kind, wissbegierig, für jeden Quatsch zu haben, erzählt seine Mutter. Aber unbeschwert war seine Kindheit nicht. Er wuchs allein bei ihr auf. Später rutschte er ab, nahm Drogen. Sie stand zu ihm.

Als Jugendlicher wurde Christian dann krank. Lange wusste niemand, woran er litt. “Er wurde einfach immer weniger. Er hat gegessen und nahm trotzdem weiter ab. Die Ärzte tippten auf Magersucht, vielleicht aus psychischen Gründen.”

Mit Anfang 20 bekam Christian eines Nachts so starke Bauchschmerzen, dass Sabine Lappe den Rettungswagen rief. Noch in derselben Nacht wurde er notoperiert.  Die Ärzte diagnostizierten die chronische Darmentzündung Morbus Crohn. 

“Zurück zu Allah”

Christian habe sich nach dem Aufwachen aus der Narkose ein Versprechen gegeben, erinnert sich Sabine Lappe. Er wollte Gott dafür danken, dass er eine zweite Chance bekommen hatte und weiterleben durfte. Mit dem Islam geschweige denn der ultrakonservativen Form des Salafismus hatte Christian bis dahin nichts zu tun. Seine Familie war katholisch – wenn auch nicht streng praktizierend.

Koran in deutscher Sprache (picture alliance/dpa/B. Pedersen)

Christian Lappe konvertierte 2012 zum Islam, seine Mutter folgte ihm

Es sah zunächst so aus, als würde es bergauf gehen. Christian ging es nach mehreren Folge-Operationen gesundheitlich besser. Er wollte auf dem zweiten Bildungsweg seinen Realschulabschluss nachholen, dann das Abitur machen und Psychologie studieren. In der Schule lernte er junge Männer aus Marokko und der Türkei kennen, Muslime. Sie schwärmten vom Islam und steckten ihn mit ihrer Begeisterung an.

“Und dann kam er auf einmal nach Hause und sagte mir, dass er sich überlegt, zu konvertieren.” Das war 2012. Sabine Lappe steckte zu diesem Zeitpunkt selbst in einer Krise. Ihr Lebenspartner war plötzlich verstorben, auch sie suchte nach einem neuen Sinn. Weil ihr Sohn endlich etwas gefunden zu haben schien, was ihn glücklich machte, begann auch sie, sich näher mit dem Islam zu befassen.

Ein halbes Jahr nach Christian konvertierte Sabine Lappe ebenfalls. Oder “kehrte zu Allah zurück”, wie sie es selber ausdrückt. Sie sagt, der neue Glaube habe sie zu einem “ausgeglichenen Menschen” gemacht. Sie beschreibt sich als moderate Muslima.

Eine voll verschleierte Frau in der Frankfurter Innenstadt (picture-alliance/dpa)

Sabine Lappe lehnt es ab, einen Vollschleier zu tragen

Erste Meinungsverschiedenheiten

Wenn sie ihre Wohnung verlässt, bedeckt sie sich. “Aber das Gesicht bleibt frei, einen Niqab trage ich nicht. Ich fände das nicht passend hier, wir sind ja immer noch in Deutschland.” An diesem Punkt aber fingen damals die Streitigkeiten mit Christian an, erinnert sie sich. “Er wurde schnell deutlich radikaler in seinen Ansichten.” Dass seine Mutter auf einen deutschen Wochenmarkt ging, mit einem Verkäufer plauschte und ihm sogar die Hand gab, erzürnte ihn. “Mama, das darfst du nicht, das ist haram (verboten)”, habe er sie ausgeschimpft.

Das aber ließ sich Sabine Lappe nicht gefallen. “Ich gebe jedem die Hand, wenn ich denke, das gehört sich so. Einem Moslem natürlich nicht. Aber dem Herrn Müller, bei dem ich seit 15 Jahren die Tomaten kaufe, kann ich doch nicht auf einmal sagen: Tut mir leid, das geht nicht mehr, ich bin jetzt Muslima.” 

Nach außen lief alles in geregelten Bahnen. 2013 machte  Christian Lappe den Realschulabschluss. Er besuchte zu diesem Zeitpunkt bereits regelmäßig die Dortmunder Taqwa-Moschee. Auch Sabine Lappe kam irgendwann mit. Sie wollte sich anschauen, wo ihr Sohn verkehrte und mit wem. “Anfangs war ich sehr beeindruckt”, berichtet sie heute. “Man kommt da als Deutsche hin und fühlt sich auf einmal wie ein Star. Alle interessieren sich dafür, wie man zum Islam gefunden hat, und alle lieben einen.”

Anecken in der Moschee

Es gab aber auch schnell Punkte, die ihr gar nicht gefielen. “Ich habe gemerkt, dass viele der Frauen einfach nur nachplapperten, was ihre Männer ihnen vorgebetet hatten. Das habe ich offen hinterfragt. Ich habe gesagt: Lest den Koran doch selbst, gebt nicht nur wieder, was eure Männer sagen.”

IS-Kämpfer halten die schwarze IS-Flagge hoch (picture-alliance/abaca/Balkis Press)

IS-Kämpfer posieren im Frühjahr 2015 in einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus: wenige Monate später reiste Christian aus Deutschland aus

Worte, die nicht gut ankamen. Das bekam auch Christian zu spüren. “Er wurde von Glaubensbrüdern auf mich angesprochen. Sie sagten: ‘Bring mal deine Mutter in die Spur. Die mischt uns die ganze Moschee auf’. Und er wies mich an, damit aufzuhören.” Sorgen um Christian habe sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht, sagt Sabine Lappe. “Ich dachte, er muss sich da jetzt ein bisschen beweisen als deutscher Moslem.”

Eine Begegnung mit Folgen

Kurz vor dem Abitur lernte Christian 2014 Yasmina kennen, seine spätere Frau. Eine Deutsch-Marokkanerin aus schwierigen familiären Verhältnisse, sagt Sabine Lappe. “Tatsächlich habe ich die beiden miteinander bekannt gemacht.” Es war beim Freitagsgebet, als die damals knapp 17-jährige sie auf Christian ansprach, weil  das Mädchen einen streng gläubigen Moslem heiraten wollte.

Ihr sei damals nicht klar gewesen, dass Yasmina den Vorsatz hatte, einen Mann zu finden, mit dem sie nach Syrien ausreisen konnte. Yasmina sei die treibende Kraft der weiteren Radikalisierung gewesen, ist Sabine Lappe überzeugt. “Christian war total verschossen in diese junge Frau, die ihn akzeptierte, wie er war. Mit seinen Akne-Narben, dem Morbus Crohn und den Krankenhausaufenthalten, die das immer wieder bedeutete.”

Ein halbes Jahr später heirateten die beiden in einer Moschee in Frankfurt. Um den Jahreswechsel 2014/15 teilte Yasmina Sabine Lappe dann erstmals mit, dass sie und Christian gemeinsam  zum IS ausreisen wollten. “Ich habe das leider nicht für voll genommen, sie war doch noch ein halbes Kind.”

Die Pläne werden konkret

Tatsächlich hatten Yasmina und Christian zu diesem Zeitpunkt  offenbar schon längst damit begonnen, konkrete Vorbereitungen zu treffen. Die Ausreise hätten sie von Internet-Cafés aus geplant, nicht nur in Dortmund. “Niemand wäre so blöd, so etwas von der heimischen IP-Adresse aus zu machen.”

Luftaufnahme des Berliner Breitscheidplatzes nach der Amokfahrt von Anis Amri (picture-alliance/dpa/B.v. Jutrczenka)

Tatort Breitscheidplatz: Auf diesen Weihnachtsmarkt in Berlin endete am 19.12.2016 die Amok-Fahrt von Anis Amri

Christian hätte damals bereits viele Größen der salafistischen Szene persönlich gekannt, erzählt Sabine Lappe: darunter den Prediger Ibrahim Abu Nagie, den Begründer der mittlerweile verbotenen “Lies”-Aktion, bei der deutsche Koran-Übersetzungen kostenlos in Innenstädten verteilt wurden. Und Abu Walaa, der als Nummer 1 des IS in Deutschland gilt. Walaa wurde 2016 festgenommen, derzeit wird ihm der Prozess gemacht. Auch mit Anis Amri, der am 19. Dezember 2016 den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz verübte, sei ihr Sohn bekannt gewesen. Amri war im Juli 2015, wenige Wochen bevor Christian nach Syrien ging, unter falscher Identität als Flüchtling nach Deutschland eingereist.

Vor seiner Ausreise sei Christian bereits auf dem Radar des Staatsschutzes der Dortmunder Polizei gewesen, berichtet Sabine Lappe. Sie selbst werde bis heute observiert, fügt sie an. Schon mehrfach habe sie ihr Handy abgeben müssen. Sie ist nach eigenen Angaben viel im Internet unterwegs. Über Facebook steht sie in Kontakt mit Leuten, die zur salafistischen Szene gehören. Sie sagt, sie tue das, um nachträglich so viel wie möglich über Christian zu erfahren.

Reise zum IS

Nach Christians und Yasminas Ausreise im September 2015 hätten sie zeitweise mehrfach täglich miteinander telefoniert und Nachrichten über Whatsapp verschickt, erinnert sich Sabine Lappe. Dann wieder gab es wochenlang gar keinen Kontakt. Es war immer Christian, der sich meldete, unter wechselnden Nummern. Sie konnte ihn von sich aus nicht erreichen: “Er war in Rakka, in Idlib und in Abu Kamal. Und einmal auch im Irak.”

Sie habe immer wieder versucht, ihn zur Umkehr zu überreden, sagt sie und senkt den Blick. “Aber so verrückt das klingen mag: Er war mit Leib und Seele dabei. Und dann kam dieses Video. Das war der Moment, als er mir richtig fremd wurde.” Es war im September 2016, genau ein Jahr, nachdem Christian Deutschland verlassen hatte. Über die IS-nahe Online-Plattform “Furat Media” wurde ein Film veröffentlicht. Darin erzählt Christian, der sich mittlerweile den Kampfnamen Abu Issa al-Almani gegeben hat, seine Geschichte.

IS-Kämpfer Christian Lappe (privat)

Aus Christian ist der IS-Kämpfer Abu Issa Al-Almani geworden. “Er war mit Leib und Seele dabei”, sagt seine Mutter

Er berichtet darin von seiner Krankheit, den Sinnfragen und den Antworten, die er im Islam fand. Und er ruft offen zu Anschlägen in Europa auf.

Neben den Sequenzen, in denen er in die Kamera blickt und spricht, gibt es verstörende Bilder, auf denen die gefesselte Hand eines Mannes zu sehen ist – und ein sich senkendes Beil. Ob Christian es ist, der dem Mann die Hand abhackt, ist nicht zu erkennen. Aber er ist es, der dem Gefolterten im nächsten Bild einen Kuss auf den Kopf gibt.

Für Sabine Lappe brach die Welt zusammen, als sie den Film sah: “Ich kann nicht verstehen, wie man so etwas machen kann. Das geht einfach nicht. Das steht auch nicht im Koran, in keiner einzigen Sure.” Als sie ihm das in einem Telefonat sagte, beschimpfte er sie als Ungläubige. “Er warf mir vor, ich hätte meinen Glauben nicht richtig verstanden.”

Mit dem Video schwand auch die letzte Hoffnung, dass Christian eines Tages reuevoll zurückkehren würde. “Er hätte 10 bis 15 Jahre Gefängnis gekriegt, klar.” Absolut angemessen, findet sie. “Aber in der Zelle hätte ich ihn wenigstens besuchen können.” Während des Interviews spricht Sabine Lappe immer von Christian, den Namen Abu Issa al-Almani benutzt sie in ihrer persönlichen Schilderung nicht. “Für mich ist und bleibt er Christian.”

Der Frage, ob Christian Menschen getötet hat, weicht sie aus: “Ich sage es mal so: Er hat für (IS-Anführer) Al-Baghdadi nicht nur die Kartoffeln geschält. Er stand voll  hinter dem, was er tat. Und das macht es für mich so unendlich schwer. Christian wollte in die Geschichte eingehen und als deutscher Moslem für das Richtige sterben.”

IS-Kämpfer Christian Lappe mit Frau Yasmina (privat)

Dieses Bild mag Sabine Lappe, aber nicht das Foto, das als nächstes kam: Darauf ist ein positiver Schwangerschaftstest zu sehen, platziert auf einem Sturmgewehr

Dann passierte etwas, womit sie nicht gerechnet hätte. Eines Tages erhielt sie per Whatsapp ein Foto: ein strahlender Christian, daneben Schwiegertochter Yasmina, voll verschleiert. Danach ein zweites Bild – mit eindeutiger Botschaft: Eine Kalaschnikow ist darauf zu sehen: auf dem Magazin ein positiver Schwangerschaftstest. Ihr sei regelrecht schlecht geworden bei dem Anblick, sagt Sabine Lappe: “Die beiden haben sich total gefreut und waren stolz. Die Aussicht darauf, Vater zu werden, machte Christian aber nur noch radikaler.”

Tod im Wüstensand

Am 1. August 2017 telefonierte Sabine Lappe zum letzten Mal mit ihrem Sohn. “Er sagte, dass er wieder in den Kampf zieht und dass er mich liebt.” Sie habe ein ganz schlechtes Gefühl gehabt, so etwas wie eine dunkle Vorahnung. Auch Christian habe es gespürt, ist sie überzeugt. Für Yasmina hatte er vorgesorgt. Für den Fall, dass ihm etwas passieren würde, sollte sie einen von ihm ausgewählten irakischen Kämpfer heiraten, alles war bereits besprochen.

Am 19. September dann kam der nächste Anruf aus dem Kalifat. Von ihrer Schwiegertochter: “Sie sagte stolz, Issa sei jetzt Shahid, ein Märtyrer. Er sei im Kampf für Allah gestorben.” Ihre Stimme klingt jetzt bitter: “Nein, Christian ist nicht im Kampf für Allah gestorben, sondern im Kampf für Al-Baghdadi und seine Verbrecher.” In den sozialen Medien tauchten schnell Fotos und Videos von Christians Leiche im Wüstensand östlich von Homs auf.

Sabine Lappe hat jetzt Tränen in den Augen, zum ersten und einzigen Mal. “In so einem Moment denkst du nicht mehr”, sagt sie. Sie erzählt von der ersten Zeit nach der Todesnachricht, von der Trauer, dem Entsetzen, der Ohnmacht. Sie habe einfach nur noch funktioniert. Halt gibt ihr der Glaube. Der Islam, den sie anders interpretiert als Christian es getan hat. “Ich finde darin Frieden.”

Der unerreichbare Enkel

Sabine Lappe ist einsam, sie hat fast niemanden mehr. Und sie beobachtet immer wieder, dass Menschen ihr angstvoll begegnen. Sobald sie wissen, wen sie vor sich haben. “Bist du die Mutter von DEM Christian Lappe?” Die Frage kennt sie schon. “Ja, ich BIN die Mutter von DEM Christian Lappe”, antwortet sie dann. “Und von mir geht keine Gefahr aus. Ich trage keine Kalaschnikow unter meinen Gewändern, und ich hacke auch niemandem die Hände ab.”

IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi (Getty Images/AFP)

Für Sabine Lappe ist IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi ein Verbrecher

Die Mutter von. Das ist spätestens seit Christians Tod das Attribut, das an ihr haftet. In der Apotheke in ihrer Straße wird sie nicht bedient. “Als ich dort neulich ein Rezept einlösen wollte, hat man mich aufgefordert, wieder zu gehen. Man ist einfach überall der Arsch, die Mutter, die versagt hat. Oder gilt gleich selbst als Terroristin.” In die alte Moschee-Gemeinde geht sie auch schon lange nicht mehr. Auch da sei sie unerwünscht, weil sie ein schlechtes Licht auf  die Gemeinde werfen würde.

Ende 2017 kommt Christians Sohn im zerfallenen IS-Gebiet zur Welt. Am Geburtstag seines Vaters. Sabine Lappe zeigt Fotos, der Junge sieht ihm auf den Bildern sehr ähnlich. Yasmina ist jetzt mit dem irakischen Kämpfer verheiratet, den Christian für sie ausgesucht hatte. Manchmal vergehen Wochen zwischen zwei Lebenszeichen von ihr.

Nichts würde Sabine Lappe sich sehnlicher wünschen, als ihren Enkel einmal auf den Arm nehmen zu können. Aber sie glaubt nicht daran. “Ich habe bei Christian gespürt, dass ich ihn verlieren würde. Und den Kleinen werde ich auch verlieren.”

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Trumps Eigentor in Mittelamerika

US-Präsident Donald Trump twittert immer wütender – und die Karawane der mittelamerikanischen Migranten zieht unbeeindruckt weiter. Weder massive Polizeiaufgebote noch ein hastig aufgelegter Pendelverkehr für Rückkehrwillige an der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze zeitigten bislang Wirkung. “Guatemala, Honduras und El Salvador waren nicht in der Lage, ihre Leute von ihrem Vorhaben abzuhalten, illegal über die US-Grenze zu kommen. Wir werden nun die Hilfsgelder für sie radikal kürzen oder ganz streichen”, erklärte Trump auf Twitter.

Mit der Drohung suggeriert er, dass die USA Mittelamerika wie schon zu Zeiten des Kalten Krieges als ihren Hinterhof betrachten und dort mit einer Mischung aus Militär- und Wirtschaftshilfe ihre Interessen durchzusetzen gedenken. Derartige Drohungen mögen kurzfristig mit Blick auf die US-Zwischenwahlen Trumps Wählerbasis beeindrucken. Mittelfristig könnten sie jedoch die Region weiter destabilisieren, warnen Analysten.

“Die US-Entwicklungshilfe geht vor allem an die Ärmsten und ist ein Beitrag zur Eindämmung der Migration”, sagte der ehemalige salvadorianische Botschafter in den USA, Rubén Zamora, der DW. “Sie einzustellen, ist ein Eigentor.” Allerdings sei Trump auch so unberechenbar, dass man nicht sicher sein könne, ob er seine Drohung wahr macht.

US-Hilfen sind kein großer Posten

Gesamtwirtschaftlich ist die US-Hilfe kein großer Posten für Mittelamerika. 2017 gab die Regierung in Washington 500 Millionen Dollar für Mittelamerika aus. Die Überweisungen von Auswanderern in ihre Heimat betragen indes ein Vielfaches davon. Honduras beispielsweise erhielt im Vorjahr Transfers im Umfang von 4,3 Milliarden US-Dollar.

Wirtschaftlich läuft die Drohung also weitgehend ins Leere. Politisch sägt Trump – mit Ausnahme von El Salvador – ausgerechnet am Stuhl rechter Präsidenten, die US-Diplomaten bislang hofiert haben. Inwieweit das gewollt ist, ist für Zamora unklar. “Trump hat kurzfristig die nächste Wahl im Blick”, sagt der Ex-Botschafter. “Eine klare Lateinamerika-Strategie scheint es nicht mehr zu geben, die Außenpolitik wird seinen Launen unterworfen.”

Unterschiede zu Obamas Politik

Anders war das unter Trumps demokratischem Vorgänger Barack Obama. In der Zeit seiner Präsidentschaft gab es in der Lateinamerikapolitik einen Richtungswechsel. Drogenhandel und Migration galten nicht mehr als militärisch zu lösende Sicherheitsprobleme, sondern wurden als gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen eingestuft – mit entsprechendem Wandel in der Herangehensweise.

USA Washington Migration (REUTERS)

Obama (2.v.l.) im Jahr 2014 mit den damaligen Staatschefs des “nördlichen Dreiecks” im Weißen Haus

So förderte Obama in den politisch und wirtschaftlich besonders fragilen Staaten des “nördlichen Dreiecks” – Guatemala, El Salvador und Honduras – über die Entwicklungshilfeagentur USAID, die Vereinten Nationen und die Kirchen Programme zur Verbrechensprävention, zur ländlichen Entwicklung und zur Bekämpfung von Korruption. Diese Vorgehensweise war langfristig angelegt und innerhalb der Elite in Washington umstritten. Widerstand kam insbesondere von der Anti-Drogen-Behörde DEA und dem US-Verteidigungsministerium, die mit Sorge betrachteten, wie sich Mittelamerika in der vergangenen Dekade zum Hauptumschlagplatz für den Drogenschmuggel in die USA entwickelte.

Unterstützung für umstrittene Staatschefs

Mit Trump bekamen die Falken in der US-Administration die Oberhand, Leute wie Vizepräsident Mike Pence und Stabschef John Kelly, vormals als Oberkommandierender des Südkommandos der US-Streitkräfte (Southcom) zuständig für die Militärstrategie in Lateinamerika. Sie versuchen im Fahrwasser des nationalistischen und rassistischen Diskurses unter Trump ihre Sichtweise durchzusetzen. Demnach braucht es in Mittelamerika Regierungen, die mit harter Hand und ideologisch auf der Linie der USA agieren, auch um den wachsenden Einfluss Chinas in Lateinamerika zu stoppen.

Deshalb unterstützten die USA in Honduras den konservativen Präsidenten Juan Orlando Hernández, obwohl dieser vor einem Jahr seine Wiederwahl nur dank einer umstrittenen “Uminterpretation der Verfassung” und mit einem laut der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) manipulierten Urnengang durchsetzen konnte. In Guatemala stellte sich die US-Regierung hinter den wegen Korruption und illegaler Wahlkampffinanzierung angeklagten Präsidenten Jimmy Morales und desavouierte die von den Vereinten Nationen eingesetzte Kommission zur Bekämpfung der Straffreiheit (CICIG). Die CICIG wurde hauptsächlich von den USA und Europa finanziert und erzielte große Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung und Justizreform. Damit störte die Kommission jedoch die Interessen korrupter Politiker, Unternehmer und Militärs mit guten Beziehungen zu US-Republikanern wie Pence und Senator Marco Rubio, der kürzlich auf Betreiben dieser Lobby die US-Gelder für die CICIG einfror. Weniger Hebel gibt es in El Salvador, das von der linken Ex-Guerrilla FMLN regiert wird und enge Beziehungen zu Venezuela, Kuba und China unterhält. Allerdings werden dort im Februar bei Neuwahlen die Karten neu gemischt, und die Umfragen deuten nicht auf einen Sieg der FMLN hin. “Ich frage mich, was die USA in Mittelamerika bezwecken. Neue Militärdiktaturen und damit mehr Gewalt und neue Migrationswellen?”, fragt sich Zamora.

Mexiko zwischen den Fronten

Zwischen den Stühlen sitzt Mexiko, das traditionelle Transitland für mittelamerikanische Migranten und gleichzeitig wichtiger Wirtschaftspartner der USA. Schon Obama schwebte mit dem “Plan Frontera Sur” aus dem Jahr 2014 vor, Mexiko zu einem vorgelagerten Grenzposten auszubauen – eine Strategie, die Trump weiterverfolgt und die bislang durchaus Früchte getragen hat. Menschenrechtler jedenfalls beklagen, Mexiko deportiere inzwischen in manchen Jahren mehr Mittelamerikaner als die USA.

Mexiko Andres Manuel Lopez Obrador (Reuters/G. Graf)

Designierter Präsident López Obrador: Tritt Mexiko den USA künftig selbstbewusster entgegen?

Experten halten das für einen Fehler und hoffen auf eine Richtungsänderung nach dem Regierungswechsel in Mexiko, wo am 1. Dezember der linksnationalistische Andrés Manuel López Obrador die Präsidentschaft übernimmt. “Gerade im Hinblick auf Mittelamerika ist es wichtig, dass sich Mexiko nicht vor den Karren der US-Sicherheitsagenda spannen lässt, sondern mit den südlichen Nachbarn eine eigene Regionalpolitik entwirft, die auch finanziell unabhängig ist von den USA”, fordert Carlos Heredia vom Zentrum für Wirtschaftsforschung und Lehre (CIDE) in Mexiko-Stadt. “Sonst enstehen Abhängigkeiten und drohen unzählige Probleme.”

Kurzfristig aber könne es durchaus sinnvoll sein, die Migranten aufzuhalten, meint die Politologin Cecilia Soto: “Die Karawane durchzulassen spielt Trump in die Hände und könnte dazu beitragen, dass die Republikaner die Zwischenwahl gewinnen. Mexikos wichtigstes Ziel muss es aber sein, Trump zu schwächen und seine Wiederwahl zu sabotieren. Daher ist es möglicherweise klug, die Karawane zu stoppen und vorerst mit Hilfe des UNHCR in Notunterkünften unterzubringen.” Die Frage ist, ob es funktioniert.

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