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El Chapo: Die wahren Bosse sind immer noch frei

Das Urteil vom 17. Juli gegen den mexikanischen Drogenboss Joaquín Guzmán Loera, besser bekannt als El Chapo, ging um die Welt. Dass er eine lebenslange Freiheitsstrafe plus 30 weiterer Jahre Gefängnis bekam und darüber hinaus zur Rückzahlung der angeblichen 12,6 Milliarden Dollar, die sich in 20 Jahren krimineller Karriere angesammelt haben sollen, verurteilt wurde, rief bei vielen weniger eingeweihten Beobachtern, die den “Prozess des Jahrhunderts” wie eine TV-Serie verfolgten, Genugtuung hervor. Zweifellos war dieser Prozess einer der weltweit bekanntesten dieser Art, auch dank der Medien und der sozialen Netzwerke.

Der tiefe Fall eines Mythos

Es ist schon ironisch. Am Ende wurde El Chapo doch weltberühmt. Danach hatte er sich seit den Zeiten gesehnt, als er im Alter von sieben Jahren die Grundschule verlassen musste, um seinem Vater im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa beim illegalen Drogenanbau zu helfen. Aber wahrscheinlich hat er sich seinen Ruhm anders vorgestellt. Drei Monate lang saß er auf der Anklagebank in Brooklyn, New York. Zum ersten Mal wurde er in eine kalte Zelle ohne Privilegien gesperrt, musste den Aussagen von vierzehn ehemaligen Partnern, Angestellten und sogar einer ehemaligen mexikanischen Kongressabgeordneten und Geliebten, lauschen. Sie alle gaben Zeugnis über bizarre Geschichten voller Gewalt, Rache und Grausamkeit.

Von seinen Anwälten wurde er zum Schweigen verpflichtet, da jede Aussage seinerseits die Dinge wohl nur noch schlimmer gemacht hätte. Die letzten öffentlichen Worte, die der ehemalige Drogenboss vor dem Urteil spreche durfte, waren auch nicht sonderlich ruhmreich. “Hier gab es keine Gerechtigkeit”, sagte er und beschwerte sich über die “unmenschliche Behandlung” die er im Gefängnis erfahren habe. “Die Vereinigten Staaten sind nicht besser als jedes andere korrupte Land”, beklagte er.

USA «El Chapo»-Prozess (picture-alliance/dpa/E. Williams)

Zeichnung von Joaquin “El Chapo” Guzman während einer Aussage vor Verkündung seines Strafmaßes

Dies war also Schluss und Höhepunkt eines Mythos, der von den Regierungen in USA und Mexiko geschaffen und von den Medien in die Welt verbreitet wurde. Die Story des Bauern aus den Bergen Sinaolas, der trotz seines genialen kriminellen Verstandes und unnachahmlichen Charmes kaum lesen oder schreiben konnte und trotzdem zu einem der reichsten Männer der Welt aufstieg. Der David Copperfied des Kokains, der mit einem Fingerschnipsen die Drogen an einem Ort der Welt verschwinden und sie wie durch Zauberkraft woanders wiederauftauchen lassen konnte. Dies alles mit der Hilfe einer Handvoll Komplizen sowie einiger hoher Staatsdiener wie den ehemaligen Präsidenten Mexikos, Felipe Calderón und Enrique Peña Nieto. Dazu gehörte auch der ehemalige hohe Geheimdienstmitarbeiter Genaro García Luna, in dessen Fall belastende Zeugenaussagen von der Staatsanwaltschaft unter Verschluss gehalten werden.

Weltumspannendes Korruptionssystem

Von Prozessbeginn an legte der zuständige US-Richter Brian Cogan sein Veto gegen die Aufarbeitung der Einzelheiten des Korruptionssystems des Sinaloa-Kartells innerhalb und außerhalb Mexikos ein. Nicht die mexikanische Regierung sitze auf der Anklagebank, argumentierte Cogan am 14. November in einer geschlossenen Anhörung, von der ich eine Abschrift erhielt. Es gehe allein um die Frage, inwieweit Guzmán Loera der zehn Verbrechen schuldig sei, die man ihm zur Last lege: der Herstellung und internationalen Verbreitung von Drogen, der Geldwäsche, des Gebrauchs von Schusswaffen und einiges mehr.

DW Kolumne Anabel Hernández

DW-Kolumnistin Anabel Hernández

Doch wie will man die Verbrechen von El Chapo und ihre Auswirkungen erklären, wenn man nicht über die Korruption innerhalb und außerhalb Mexikos spricht, die es ihm und vielen anderen wie ihm erlaubte, Drogen aus Mexiko in die ganze Welt zu exportieren? Wie will man erklären, dass das Kartell ungestraft Millionen von Dollar für jede Tonne Drogen verdienen konnte, ohne dabei das Rechtssystem zu erwähnen, das es erlaubt, dieses Geld für neue illegale Transaktionen zu waschen? Wie lässt sich rechtfertigen, dass das Sinaloa-Kartell weiterhin eine zentrale Rolle im globalen Drogenhandel spielt, obwohl El Chapo seit zwei Jahren in New York in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt ist?

Nach 14 Jahren Recherche über die Geschichte, Struktur und Funktionsweise des Sinaloa-Kartells weiß ich, dass die Hintergründe viel tiefer reichen und komplexer sind, als der reduktionistische Prozess gegen El Chapo uns weismachen will.

Laut dem Institute for Defense Analyses (IDA), einer Denkfabrik, die das US-Verteidigungsministerium berät, ist das Sinaloa-Kartell auf 80 Prozent der Landfläche des Erdballs vertreten: auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, in Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Italien, Niederlande, Spanien und Deutschland sowie in Westafrika. In den Großstädten Indiens und Chinas. Und die Verbindungen reichen auch bis nach Australien und Neuseeland.

Die territoriale Präsenz des Kartells und die beeindruckende Höhe der Nettoeinnahmen aus dem Drogenhandel erfordern eine andere Betrachtungsweise.

Wo verschwinden die Einnahmen?

Laut einem Buchhalter, dessen Zeugenaussage im Prozess völlig unbeachtet blieb, kauft das Sinaloa-Kartell in Kolumbien, Peru oder Bolivien ein Kilo Kokain für 2.500 Dollar. Sobald dieses Kilo in Mexiko ankommt, hat es einen Großmarktpreis von 15.000 Dollar. Mit einem Viertel bis Fünftel des Handelswertes sind die Bruttokosten des Produkts einschließlich des Transports gedeckt. Der Rest ist Gewinn. Unabhängig davon, wohin auf der Welt das Kilogramm geliefert wird, hat das Kartell eine Gewinnspanne pro Kilo von 300 bis 400 Prozent.

Die Zahlen werden umso interessanter, je weiter dieses Kilogramm Drogen reist. In Los Angeles beträgt der Großmarktpreis 20.000, in Chicago 25.000, in New York 35.000 Dollar. In Italien 55.000 und in Australien 140.200 Dollar. Es ist das Geld und nicht das kriminelle Talent von El Chapo, dass dieses Geschäft so weltumspannend macht. Wer kann denn ernsthaft glauben, dass man ein Geschäftsmodell, das solche Gewinnmargen erwirtschaftet, dadurch stoppen kann, indem man Guzmán Loera ins Gefängnis bringt? Wo bleiben denn die meisten dieser Gewinne? Das ist die Frage, die der Prozess gegen El Chapo hätte beantworten sollen, die aber niemand beantwortet haben wollte.

Drogenbekämpfung im Mexiko (picture alliance/Photoshot)

Beschlagnahmte Drogen im mexikanischen Bundesstaat Jalisco

Die Zahlen muss man in Relation setzen mit einem der bestgehüteten Geheimnisse der mexikanischen Regierung: Wie viele Immobilien, Unternehmen, Bankkonten, wie viel Schmuck und Bargeld von Joaquín Guzmán Loera, seinen Familienangehörigen oder nahe stehenden Personen wurden zwischen 2006 und Dezember 2018 beschlagnahmt? Zu einer Zeit, als während der sechsjährigen Amtszeit der Präsidenten Calderón und Peña Nieto ein “harter” und “unerbittlicher” Krieg gegen den Drogenhandel herrschte?

Ich habe die Herausgabe dieser Information auf der Grundlage des mexikanischen Transparenzgesetzes bei der neuen linken Regierung von Präsident López Obrador beantragt. Sie verweigert dies jedoch und argumentiert, dass es die laufenden Ermittlungen und die nationale Sicherheit gefährden könne. Schließlich bekam ich doch eine Auskunft. Die Antwort lautet: Drei Uhren, ein Grundstück, fünf Schusswaffen, 171 Patronen, fünf Ladegeräte, ein Computer und drei Mobiltelefone. Die lächerliche Aufzählung und die penible Geheimnistuerei sprechen für sich selbst.

Nur eine Schachfigur

Das große Spiel der Mächte, in Gestalt des alljährlichen Handels mit Tonnen von Drogen in die Vereinigten Staaten und andere Teile der Welt, geht auch ohne Guzmán Loera weiter. Die wahren Herren machen weiter. Joaquín Guzmán Loera ist nur eine Schachfigur in diesem Spiel.

Das in New York gegen El Chapo Guzmán verhängte Urteil wird in der öffentlichen Meinung eine flüchtige Wirkung haben, weil es ein gewisses Gefühl von Gerechtigkeit vermittelt. Aber es wird keine abschreckende Wirkung auf diejenigen haben, die beschließen, ein Rädchen in der gewaltigen Maschinerie des internationalen Drogenhandels sein zu wollen, geschweige denn auf die tatsächlichen Bosse und Nutznießer dieses Systems. El Chapo ist keiner von ihnen. Die Hauptverantwortlichen sind noch nicht im Gefängnis.

Die Journalistin und Buchautorin Anabel Hernández berichtet seit vielen Jahren über Drogenkartelle und Korruption in Mexiko. Nach massiven Morddrohungen musste sie Mexiko verlassen und lebt seitdem in Europa. Für ihren Einsatz erhielt sie beim Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn den DW Freedom of Speech Award 2019.

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Parlament in London erschwert No-Deal-Brexit

Die Abgeordneten beschlossen mit klarer Mehrheit, dass das Unterhaus im September und Oktober die Lage im britischen Nordirland und damit den Brexit debattieren muss. Die Klausel wurde mit 315 zu 274 Stimmen angenommen und muss noch vom Oberhaus bestätigt werden. Mit dem Unterhausbeschluss wird es für den erwarteten neuen britischen Premierminister Boris Johnson erheblich schwieriger, einen EU-Austritt Großbritanniens ohne Vertrag durchzusetzen, was eine Parlaments-Mehrheit ablehnt. Der Ex-Außenminister will die EU vor die Alternative stellen, einen Freihandelsvertrag anzunehmen oder einen Brexit ohne Vertrag zu riskieren.

Auch 17 Tory-Abgeordnete unterstützten den Vorstoß der Labour-Partei. Zu ihnen zählte auch Staatssekretärin Margot James, die im Zuge dessen zurücktrat. Dutzende weitere enthielten sich bei der Abstimmung, darunter auch vier Kabinettsmitglieder, unter anderem Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke.

Legaler Umweg über Nordirland

Der Zusatz wurde in einem Gesetz über die Bildung einer Regionalregierung im britischen Landesteil Nordirland verankert. Dort gibt es seit 2017 keine Regierung mehr. Alle Entscheidungen werden seitdem in London getroffen. Er sieht vor, dass das Parlament regelmäßig zusammentreten muss, um über den Fortschritte der Gespräche in Nordirland zu beraten.

Boris Johnson Kandidat Vorsitz Conservative Party Großbritannien (Reuters/P. Nicholls)

Das Unterhaus legt ihm Steine in den Weg: Boris Johnson

Damit wird verhindert, dass der künftige Premierminister eine neue Sitzungsperiode des Parlaments rund um den geplanten EU-Austritt am 31. Oktober einberuft. Dies hätte eine vorübergehende Sitzungspause für das Parlament zur Folge. Der Sender Sky News hatte zuvor unter Berufung auf Quellen aus Johnsons Umfeld berichtet, dieser habe diesen Schritt erwogen, um zu verhindern, dass das Parlament einen No-Deal-Brexit blockiert. Die Labour-Abgeordnete Hilary Benn, die den Entwurf eingebracht hatte, sagte, es sei wichtig, dass das Parlament in einer “entscheidenden Zeit für unser Land” Sitzungen abhalte.

Knappe Mehrheit im Parlament

Ausgeschlossen ist ein No Deal mit der Parlamentsentscheidung aber noch nicht. Heikel für Johnson, der bereits als gesetzt gilt für den Posten des Regierungschefs, sind die knappen Verhältnisse im Parlament. Die Regierung hat derzeit nur eine Mehrheit von drei Stimmen. Zwei Abweichler würden ausreichen, um Gesetzesvorhaben zu blockieren oder die Regierung sogar zu Fall zu bringen.

Ein sogenannter ungeregelter Brexit wird auf beiden Seiten des Ärmelkanals gefürchtet, weil dann jahrelang gewachsenen Handelsbeziehungen abrupt gekappt werden und ein konjunktureller Einbruch droht. Bis Ende Juli soll feststehen, ob Johnson oder Außenminister Jeremy Hunt Nachfolger von Theresa May an der Tory-Spitze und damit auch neuer Regierungschef wird. Johnson hat versprochen,  bis zum 31. Oktober Großbritannien aus der EU zu führen – ob mit oder ohne Vertrag.

Zentraler Streitpunkt bei den Brexit-Verhandlungen ist die Gestaltung der Grenze zwischen Irland und Nordirland. Zwar wollen Großbritannien und die EU keine scharfen Grenzkontrollen auf der irischen Insel wieder einführen. Die EU verlangt aber, unter diesen Voraussetzungen müsse das britische Nordirland Teil des EU-Binnenmarktes mit all seinen Regeln bleiben. Das stieß bislang auf Ablehnung. Das britische Parlament hat den von May mit der EU ausgehandelten Brexit-Vertrag drei Mal abgelehnt.

Von der Leyen warnt

Die künftige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte vor einem Austritt des Vereinigten Königreichs ohne Vertrag. “Wir wollen keinen harten Brexit. Das ist für beide Seiten nicht gut”, sagte von der Leyen der “Süddeutschen Zeitung”. Dann sei mit “massiven negativen Folgen” zu rechnen. Sie sei offen für eine Verlängerung der Brexit-Fristen. Bislang gilt der 31. Oktober als das späteste Datum für eine Trennung Großbritanniens von der EU. Zur Frage nach Verhandlungen über ein neues Brexit-Abkommen sagte sie, erst solle die Wahl eines neuen Premierministers abgewartet werden. “Ich halte nichts davon, Botschaften zu senden, ehe man weiß, wer die Person ist, mit der man verhandelt.”

kle/sti (rtr, afp, dpa)

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Ein Jahr Social Media-Steuer in Uganda

Nachdem Taxifahrer Abdulhakim Kawenja sein Auto am Straßenrand geparkt hat, zieht er das Smartphone aus der Mittelkonsole. Seine Kunden bestellen ihre Fahrten in der Regel über WhatsApp. Wenn keine Anfragen hereinkommen, bietet er seine Dienste auch über den Fahrdienst-Anbieter Uber an.

Wegen seiner Arbeit muss Kawenja also ständig online sein. Doch seit einem Jahr ist das gar nicht mehr so einfach. Denn im Juli 2018 hat Ugandas Regierung eine Steuer auf Social-Media Angebote wie WhatsApp, Facebook oder Twitter eingeführt – aber auch auf Taxi-Dienste oder Dating-Plattformen. Offiziell heißt sie OTT-Tax, der Volksmund aber nennt sie  “Soziale Medien-” oder auch “WhatsApp-Steuer”.

Mit VPN gegen die Steuer

Der 26-Jährige boykottiert sie jedoch. “Ich finde es einfach nicht fair”, sagt er. Die Kosten für die Internetnutzung seien in Uganda ohnehin schon sehr hoch. Die Mehrheit der Ugander lebe von gerade einmal einem US-Dollar pro Tag, in der Landeswährung sind das umgerechnet rund 4000 Schillinge. “Wenn man dann täglich für 1000 Schilling ein Datenpaket von 50 Megabyte kauft und man dann noch 200 Schilling Steuer draufzahlen muss – dann ist das für viele eine Herausforderung”, sagt Kawenja. Im Vergleich: Für 200 Schillinge kann man in Uganda ein Kilo Maismehl kaufen.

Das Menü für die Überweisung der Steuer auf einem Smartphone (DW/S. Schlindwein)

Per mobilem Geldtransfer muss die Steuer überwiesen werden

Er selbst könne sich die Steuer zwar leisten und zahle auch regelmäßig Einkommenssteuer – die Social Media-Steuer aus Prinzip aber nicht. “Ich nutze lieber VPN, so kann ich die hiesigen Restriktionen auf die Sozialen Medien umgehen”, sagt er. Mit der Anwendung kann man als Standort nicht Uganda, sondern beispielsweise Kanada eingeben. Die Nutzung lauge zwar die Handy-Batterie rasch aus und konsumiere etwas mehr an Daten, doch das sei es ihm wert, sagt er.

Für junge Ugander, die wie Kawenja der Opposition nahe stehen, ist der Boykott der OTT-Steuer eine stille Rebellion gegen die Regierung. Denn wie so oft kam die Initiative von Präsident Yoweri Museveni höchstpersönlich. In einer Rede hatte er sich Anfang 2018 beklagt, die Jugendlichen würden zu viel Zeit mit WhatsApp und sinnlosem Chatten verbringen – und darüber wilde Gerüchte verbreiten.

Kurz darauf legten Museveni-treue Abgeordnetem einen Gesetzesentwurf für die Steuer im Parlament vor. Im Hauruckverfahren wurde das Gesetz im Mai 2018 verabschiedet und trat Anfang Juli in Kraft – rechtzeitig zu Beginn des neuen Haushaltsjahres. Von heute auf morgen konnten die Ugander keine WhatsApp-Nachrichten mehr senden oder empfangen. Stattdessen erscheint seitdem auf dem Display ein Menu, über das man per mobilen Geldtransfer zuerst die fällige Steuer überweisen muss.

Yoweri Museveni bei einer Rede (picture alliance/AP Photo/B. Chol)

Präsident Museveni hatte die Idee für die neue Steuer

Noch am selben Tag riefen Oppositionspolitiker – darunter der bekannte Musikstar und Oppositionspolitiker Robert Robert Kyagulanyi alias Bobi Wine – zu Protesten auf. Die Polizei rückte mit Tränengas und Gummigeschossen an. Die Demonstration wurde gewaltsam aufgelöst.

Ein Angriff auf die Meinungsfreiheit?

Für Menschenrechtsanwalt Eron Kiiza ist die Steuer nur ein weiteres Instrument, die Rede- und Meinungsfreiheit in Uganda weiter einzuschränken. “Es gibt keine Gesetzesgrundlage, die das Verbreiten von Gerüchten illegal macht, weder in Uganda noch irgendwo anders auf der Welt”, so Kiiza.

Er vertritt nun eine Sammelklage, die Journalisten und Menschenrechtsorganisationen vor dem Verfassungsgericht eingereicht haben und hofft auf eine baldige Anhörung. Denn Uganda habe bereits mehrfach die Erfahrung gemacht, dass die Regierung das Internet blockiere – in Wahlkampfzeiten oder bei Protesten.

Ugandas Regierung weist einen politischen Zusammenhang zurück. “Der Grund, warum wir die Steuer eingeführt haben, war, dass mehr und mehr Menschen anstatt über das Internet kommunizieren, anstatt zu telefonieren und nicht nur die Telekommunikationsanbieter, sondern auch wir als Steuerbehörde weniger Einnahmen erzielen”, so Vincent Semura, Sprecher von Ugandas Steuerbehörde URA.

Polizeibeamte und Demonstranten in Ugandas Hauptstadt Kampala (DW/S. Schlindwein)

Vor einem Jahr gingen Kritiker der Steuer auf die Straße

Doch ein Jahr nach der Einführung muss auch er zugeben: Die Regierung hat sich verkalkuliert.  Die Abgabe hat nur 17 Prozent der geplanten Einnahmen eingebracht. Der Grund: “Viele Leute umgehen die Steuer mithilfe von VPN”, so Semura.

Dabei benötige Ugandas Regierung die Einnahmen, um die Infrastruktur des Internets vor allem in ländlichen Gebieten weiter auszubauen. Gleichzeitig meldet jedoch Ugandas Telekommunikationsbehörde UCC, dass die Zahl der Internetnutzer seit Einführung der Steuer um über 30 Prozent gesunken ist. Das sind rund drei Millionen Menschen.  

Ein Jahr nach der Einführung beschweren sich nun auch die Parlamentsmitglieder über die Kosten, die ihnen durch die Steuer entstehen. Dabei gehören sie zu den Spitzenverdienern. Die Regierung hatte zunächst angekündigt, die Steuern der Abgeordneten aus dem Staatshaushalt zu bezahlen. Doch dann sprach Parlamentspräsidentin Rebecca Kadaga ein Machtwort: Die Mehrheit der Parlamentsmitglieder hätte für das Steuer-Gesetz gestimmt – dann müsse sie nun die Kosten auch selbst tragen. 

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Faceapp: Faltige Gesichter und geklaute Daten

Haare grau bis in die Spitzen, Falten so tief wie Schluchten und Haut, die der Erdanziehung nachgibt. Es ist ein Schicksal, das uns alle früher oder später einholt. Das Leben im hohen Alter ist etwas, das vor allem junge Menschen gerne ausblenden. Doch im Moment können es viele kaum erwarten, ihrem Körper beim Altern zuzusehen.

Ein Programm mit dem Namen “Faceapp” lässt Personen innerhalb von wenigen Sekunden um Jahrzehnte altern. Ein Foto und ein paar Klicks reichen. Die sozialen Netzwerke sind voll mit faltigen Gesichtern. Prominente weltweit machen mit und haben einen weltweiten Hype ausgelöst, an dem kaum noch jemand vorbei kommt. 

Virtueller Pony und Hipsterbart

Star-DJ David Guetta sieht plötzlich aus, als hätte er eine 60-jährige Karriere hinter sich. Die Boyband “Jonas Brothers” sieht sich gleich ins Jahr 3000 versetzt. Doch ein Selbstversuch zeigt: Nicht nur bei den Promis klappt die “Faceapp” erstaunlich gut. Mein Zukunfts-Ich hat eine erschreckende Ähnlichkeit zum eigenen Vater oder Großvater. Damit erspart die “Faceapp” gleichzeitig den Vaterschaftstest.

Bildkombo Patrick Große - FaceApp

Ein Blick in die Zukunft? DW-Autor Patrick Große nach der Alterung in der “Faceapp”

Nachdem sich der erste Schreck gelegt hat, folgt der nächste: Die App ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut sich Bilder heute schon unbemerkt manipulieren lassen. Hinter dem Programm steckt eine künstliche Intelligenz, die natürliche Vorgänge des Alterungsprozesses kennt und auf jedes Gesicht anwenden kann.   

Doch damit nicht genug: Wer sich gerne ein paar Jahre jünger zaubern, eine neue Frisur ausprobieren oder fehlenden Bartwuchs kaschieren möchte, kann das mit der “Faceapp” auch tun. Zunächst müssen sich Nutzer aber mit einem virtuellen Pony und einem Hipster-Bart begnügen. Größere Veränderungen verlangen größere Investitionen. Weitere Features, wie zum Beispiel einen Schnauzbart, gibt es nur im Abo für einmalig 44 Euro oder 20 Euro pro Jahr.  

Beispielbilder Faceapp (FaceApp)

Jünger, freundlicher, schöner: Die “Faceapp” hat viele Funktionen

Millionen Menschen auf der Welt scheinen Gefallen an den Funktionen der “Faceapp” gefunden zu haben. Für den russischen Entwickler “Wireless Lab” ist sie ein voller Erfolg. Weltweit steht die App auf dem ersten Platz der Downloadcharts bei Apple und Android. Aber der Erfolg kommt spät: Die App ist schon seit rund zwei Jahren auf dem Markt. Es scheint reiner Zufall zu sein, dass Prominente auf der ganzen Welt sie jetzt für sich entdeckt haben.

Rentnerfotos für Wladimir Putin?

Erst nachdem der Hype um die “Faceapp” die App-Stores und Social Media erreicht hatte, wurden erste kritische Stimmen laut. Das Unternehmen hinter der App, ”Wireless Lab”, sitzt in Sankt Petersburg. Das erfährt man in den AGBs der App. Ansonsten ist nichts über die Firma bekannt. Bei einem genaueren Blick in die AGBs und die Datenschutzerklärung dürfte einem der Spaß an der App vergehen. Das Unternehmen sammelt nämlich nicht nur Daten der Nutzer, sondern speichert auch die Bilder ab. Kritiker befürchten, der russische Staat könnte sie für seine Zwecke nutzen. Doch was sollte Wladimir Putin anfangen mit Bildern von Millionen faltigen Menschen? 

Nichts, meint Unternehmenschef Jaroslaw Goncharow. Es würden nämlich nur die Ausgangsbilder der Nutzer hochgeladen und bearbeitet. Eigentlich wäre das auch in der App selbst möglich. Goncharow erklärt aber, dass sich die Performance der App durch das Hochladen der Bilder in eine Cloud verbessern würde. 

Die Server dafür würden nicht in Russland, sondern zum Beispiel in den USA, in Singapur oder Irland stehen und Amazon oder Google gehören. Außerdem würden die meisten Bilder innerhalb von 48 Stunden wieder gelöscht. Auch andere Metadaten sollen nicht an Dritte weitergegeben werden, außer an Werbepartner. Das ist durchaus nichts Neues, auch Facebook oder Google nutzen bekanntermaßen Daten im großen Stil oder geben sie weiter.

Die “gegnerische Macht”

Die Kritiker wollen den Aussagen des Unternehmenschefs aber nicht so recht trauen. Wichtige persönliche Daten könnten in die falschen Hände geraten, warnte Deutschlands oberster Datenschutzbeauftragter Ulrich Kelber. Die Nutzungsbedingungen seien zu “schwammig”.

Ein russisches Unternehmen, das Daten sammelt und Fotos speichert? In den USA klingeln da alle Alarmglocken. Seit Russland sich in die Präsidentschaftswahl 2016 eingemischt haben soll, ist die Politik vorgewarnt. Und so könnte sich bald auch das FBI mit der “Faceapp” beschäftigen.

Der demokratische Senator Chuck Schumer hat einen Brief an die Behörde geschrieben. Gemeinsam mit der Verbraucherschutzbehörde solle das FBI untersuchen, ob die Entwickler der App Daten von US-Bürgern an Dritte weitergeben. Es sei “zutiefst beunruhigend”, dass “eine gegnerische Macht, die Cyber-Vergehen gegen die USA verübt” persönliche Daten bekommen könnte. Wahlkämpfer im kommenden Rennen ums Weißen Haus sollten die App sofort löschen, drängten die Demokraten.

Vieles bleibt unklar

Nachdem sich die erste Welle der Empörung gelegt hatte, meldeten sich aber auch Experten, die vor übertriebener Panik warnten. Ein französischer Sicherheitsexperte, der das Pseudonym Elliot Alderson verwendet, hat überprüft, welche Daten die App im Hintergrund unbemerkt weitergibt. Tatsächlich würden nur die Fotos hochgeladen, die der Nutzer auswählt, sagte er dem “Guardian”. Zuvor kursierten Gerüchte in den sozialen Netzwerken, “Faceapp” würde alle Fotos, die auf dem Handy gespeichert sind, hochladen.

Ansonsten würde die App lediglich das Modell und die Seriennummer des Smartphones weitergeben - also Daten, die die meisten anderen Apps ebenfalls speichern, um die Nutzung zu analysieren. Die Angst vor der “Faceapp” sei lediglich dadurch entstanden, dass die zuständige Firma in Russland sitzt, meint der Experte aus Frankreich. Ob aber die Fotos der User im Hintergrund doch für andere Zwecke genutzt werden, ist weiterhin unklar. Genauso unklar, wie die Frage, ob die App unser Aussehen im hohen Alter annähernd voraussagen kann.

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