Месечни архиви: May 2015

Tsipras hofft auf Merkel und Hollande

Die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen internationalen Geldgebern werden nach Angaben von Teilnehmern wohl auch kommende Woche weitergehen. Die von der griechischen Regierung selbst gesteckte Frist einer Einigung am Sonntag werde offenbar verfehlt, sagte ein Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Die Gespräche mit der früher Troika genannten Gruppe aus Internationalem Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission würden fortgesetzt

Im Kampf gegen die drohende Staatspleite setzt Griechenland nach Medienberichten auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsidenten Francois Hollande. Das Griechenland-Thema könne beim Treffen der beiden mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker am Montagabend zur Sprache kommen, berichtete der Athener Radio- und TV-Sender Skai am Sonntag. Juncker sagte der “Süddeutschen Zeitung”, Griechenland sei zwar offiziell nicht der Kern der Berliner Gespräche, “es würde mich aber sehr wundern, wenn er es nicht würde”.

“Gute Stimmung”

Ein griechischer Regierungsvertreter erklärte, dass Ministerpräsident Alexis Tsipras, Merkel und Hollande am Sonntag telefoniert hätten. Die drei Politiker seien sich einig gewesen, dass schnell eine Lösung gefunden werden müsse. Die Stimmung bei dem Gespräch sei sehr gut gewesen. Es war die zweite derartige Unterredung innerhalb von vier Tagen.



Jean-Claude Juncker fürchtet die Folgen eines Grexit (Foto: Getty)

Jean-Claude Juncker fürchtet die Folgen eines Grexit

Athen steht in den Verhandlungen mit den Geldgebern unter enormem Zeitdruck. Im Juni muss das pleitebedrohte Land knapp 1,6 Milliarden Euro an den IWF zurückzahlen. Tsipras hatte sich am Samstag mehr als acht Stunden lang mit dem Team der griechischen Unterhändler beraten. In Medienberichten hieß es, bei dem Treffen sei schließlich auch der Entwurf für ein Übereinkommen mit den internationalen Geldgebern formuliert worden. Der Premier wolle diesen Vorschlag nun Merkel und Hollande vorlegen. Die Gespräche mit der Kanzlerin und dem Präsidenten könnten per Telefonkonferenz oder am Rande des Berliner Treffens stattfinden.

Die Regierung hofft offensichtlich darauf, dass dabei die wichtigsten Hindernisse aus dem Weg geräumt und ein Durchbruch in den Verhandlungen erzielt werden könnten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dämpfte jedoch Erwartungen an ein rasches Ergebnis: “Die positiven Nachrichten aus Athen spiegeln sich noch nicht vollständig im Gesprächsstand mit den Geldgebern wider.”

Druck von links

Tsipras geriet in Griechenland derweil in seinem eigenen Linksbündnis Syriza unter Druck. Der linke Flügel der Partei ist gegen weitere Zugeständnisse an die Geldgeber. Mehrere Syriza-Politiker protestierten zudem am Wochenende gegen die Entscheidung von Finanzminister Yanis Varoufakis, die Ökonomin Elena Panaritis zur neuen griechischen Delegierten beim IWF zu ernennen. Die Wissenschaftlerin hatte dem sozialistischen Ex-Regierungschef Giorgos Papandreou als Beraterin gedient. Varoufakis äußerte sich zu den Protesten auf Twitter: “Die Gerüchte über meinen bevorstehenden Rücktritt sind (wieder einmal) völlig verfrüht.”

Die EU-Kommission mahnte Athen in den Verhandlungen erneut zur Eile. “Die Zeit läuft ab”, sagte der Vizepräsident der Brüsseler Behörde, Valdis Dombrovskis, der griechischen Zeitung “Kathimerini”. “Wir brauchen ein umfassendes und glaubwürdiges Bündel von Reformen, zu deren Umsetzung die griechische Regierung bereit ist.”

Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion würde der Eurozone nach Junckers Ansicht mehr Probleme verschaffen als lösen. An dem Tag, an dem ein Land aus dem Euro ausscheiden sollte, “würde sich die Idee in den Köpfen festsetzen, dass der Euro eben nicht irreversibel ist”, warnte er in der “SZ”. Die Folge könnte ein Rückzug internationaler Investoren sein.



Lederschale, harter Kern: IWF-Chefin Christine Lagarde, hier mit Athens Finanzminister Varoufakis, hat mehrfach betont, dass Griechenland keine Sonderregelung erwarten kann (Foto: Reuters)

Lederschale, harter Kern: IWF-Chefin Christine Lagarde, hier mit Athens Finanzminister Varoufakis, hat mehrfach betont, dass Griechenland keine Sonderregelung erwarten kann

In griechischen Medien wurde spekuliert, Athen könne sich mit der EU-Kommission und der EZB auf eine Übergangslösung verständigen. Diese könne nur diejenigen Punkte umfassen, über die bisher eine Einigung erzielt worden sei, berichtete die Zeitung “To Vima”. Die Geldgeber würden demnach im Gegenzug nur einen Teilbetrag der ausstehenden Hilfen auszahlen. Eine solche Teillösung sei allerdings nur ohne den IWF möglich.

Griechenland soll im Rahmen des Ende Juni auslaufenden Hilfsprogramms noch 7,2 Milliarden Euro erhalten. Die Geldgeber zahlen die Mittel aber erst aus, wenn sich die Linksregierung zu Reformen verpflichtet.

Aus Sicht von Tsipras ist nicht die griechische Regierung für die lange Dauer der Verhandlungen mit den Geldgebern verantwortlich. In einem Artikel in der französischen Zeitung “Le Monde” machte er, ohne konkrete Namen zu nennen, neoliberale Führer in der EU dafür verantwortlich, dass die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen worden seien. “Griechenland ist das erste Opfer”, schrieb der Regierungschef. “Alle Länder, die der Macht (der Neoliberalen) nicht nachgeben wollen, sollen demnach hart bestraft werden.”

Stu/haz

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Christoph Eschenbach mit Ernst von Siemens Musikpreis geehrt

Der Dirigent und Pianist Christoph Eschenbach ist im Herkulessaal der Münchner Residenz mit dem renommierten Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet worden. Der 75-Jährige sei eine künstlerische Ausnahmeerscheinung und ziehe nicht nur vom Dirigentenpult herab immer wieder aufs Neue Orchester, Solisten und Publikum in seinen Bann, hieß es in der Begründung.

Eschenbach leitet seit der Saison 2010/11 – nach Philadelphia und Paris – das National Symphony Orchestra in Washington. “Christoph Eschenbach ist für mich ein herausragender Musiker, ob als Pianist oder als Dirigent. Aber er ist auch eine große Persönlichkeit, ein Star ganz ohne Allüren, ein Mann der leisen Töne, ein stiller Star – und doch ganz groß”, schrieb Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Essay anlässlich der Preisverleihung.

Traumatische Kindheit

Eschenbach selbst sagte zur renommierten und mit 250.000 Euro dotierten Auszeichnung: “Preise sind das Tüpfelchen auf dem I für jeden Schaffenden.” Der Ernst von Siemens Musikpreis aber habe “einen ganz besonderen Wert und ich bin stolz, diese Ehrung zu erhalten.”



Christoph Eschenbach beschert dem National Symphony Orchestra in Washington stets ausverkaufte Häuser

Christoph Eschenbach beschert dem National Symphony Orchestra in Washington stets ausverkaufte Häuser

Eschenbach stieg während seiner Karriere vom internationalen Pianisten-Star zum weltweit gefragten Dirigenten auf. Am liebsten würde er auch mit 100 noch dirigieren, sagte er einmal. Sein Leben begann mit schrecklichen Verlusten: Die Mutter, eine Klavierpädagogin, starb bei seiner Geburt in Breslau. Wenig später kam sein Vater, Musikwissenschaftler und Gegner der Nationalsozialisten, in einem Strafbataillon ums Leben. Eschenbach wuchs bei seiner Großmutter auf, doch auch sie starb 1945 auf der Flucht vor der Roten Armee in einem Flüchtlingslager an Typhus. Da war er fünf Jahre alt. “Ich habe einige Monate überhaupt nicht gesprochen, kein Wort. Weil diese Erfahrung dermaßen traumatisch war”, sagte er rückblickend.

Der kleine Christoph wurde von Wallydore Eschenbach, einer Cousine seiner Mutter, adoptiert. Die Sängerin und Pianistin fragt ihn, ob er Klavier spielen wolle – und nach langem Schweigen soll er sein erstes Wort gesagt haben: “Ja.” Die Musik half ihm zurück ins Leben und ist seitdem seine Berufung und Lebenselixier. Musik habe ihm “einen tiefen Sinn und seelischen Frieden” geschenkt, sagte er.


1951 begann Christoph Eschenbach sein Klavierstudium bei Eliza Hansen in Hamburg, es folgten die Ausbildung an der Musikhochschule Köln und ein Dirigierstudium bei Wilhelm Brückner-Rüggeberg in Hamburg. 1962 gewann er den ARD-Musikwettbewerb, zahlreiche weitere Preise folgten. Sein Repertoire reicht von Barock bis zu zeitgenössischen Werken.

Von George Szell und Herbert von Karajan gefördert, wurde Eschenbach Chefdirigent des Züricher Tonhalle-Orchesters. Er leitete das NDR Sinfonieorchester in Hamburg und das Orchestre de Paris, wirkte als musikalischer Direktor der Houston Symphony, als künstlerischer Leiter des Schleswig-Holstein Musik Festivals und hat Gastaufträge in aller Welt.

Seit 2010 hat er die doppelte Leitung des John F. Kennedy Center for the Performing Arts sowie des National Symphony Orchestra in Washington – und damit einen der attraktivsten Doppelposten, die Amerika zu bieten hat. Im Gegenzug beschert er dem Orchester stets ein ausverkauftes Haus.

Die Weitergabe seiner Erfahrung liegt Eschenbach besonders am Herzen. Er hält Meisterkurse und leitet Orchesterakademien. Herausragenden jungen Musikern gibt er mitunter ganze Tage lang Unterricht, geht für sie notfalls auf Veranstaltersuche. Szell und von Karajan, sagt er, “haben mir den Weg für andere gezeigt”.

stu/haz (dpa)

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Renten nun auch für polnische Ghetto-Überlebende

Seit das Bundessozialgericht den polnischen Ghetto-Überlebenden grundsätzlich einen Anspruch auf Renten zugesprochen hat, sind 18 Jahre vergangen. Dass er jetzt die letzte rechtliche Hürde genommen wurde, kommt für viele allerdings zu spät. Nur 1.100 Überlebende hat die Deutsche Rentenversicherung in Polen noch ermitteln können, die vermutlich Anspruch auf diese Renten haben. 500 haben bereits einen Antrag gestellt. Die Antragssteller werden die Rente rückwirkend ab dem Jahr 1997 erhalten.

Polen ist damit das letzte Land, in dem diese Rente an Ghetto-Überlebende ausgezahlt werden kann. Bisher stand dem ein deutsch-polnisches Abkommen aus dem Jahr 1975 entgegen. Darin war festgelegt, dass Rentenansprüche jeweils in dem Staat geltend gemacht werden müssen, in dem der Antragssteller lebt. Demnach konnten Ghetto-Überlebende mit Wohnsitz in Polen keine Rente aus Deutschland erhalten. Erst 2014 schlossen beide Länder einen Vertrag, der für diese Renten eine Ausnahme macht.

Keine Entschädigung



Rentenakten von Ghetto-Überlebenden in Israel - Foto: Tania Krämer/DW

Allein in Israel sind rund 25.000 Anträge von Ghetto-Überlebenden gestellt worden.

Die sogenannte Ghetto-Rente ist zu unterscheiden von der Entschädigung für Zwangsarbeit, die ebenfalls seit Ende der 1990er Jahre diskutiert und schließlich beschlossen und ausgezahlt worden ist. Vielmehr geht es um Rentenansprüche aus allen Arbeiten, die “aus eigenem Willensentschluss und gegen Entgelt” verrichtet wurden, wie es die Deutsche Rentenversicherung auf ihrer Homepage formuliert. Gemeint sind also alle Jobs, die Ghetto-Bewohner gegen Geld, Lebensmittel oder auch nur einen Teller Suppe am Tag ausgeübt haben.

Die Ghetto-Rente geht zurück auf das Jahr 1997. Damals bescheinigte das Bundessozialgericht einer Überlebenden des Ghettos in Lodz, dass sie für ihre Zeit dort Rentenansprüche hat. Nach dem Urteil dauerte es noch fünf Jahre, bis ein Gesetz dann tatsächlich die ersten Auszahlungen dieser Renten ermöglichte. In den ersten Jahren war die Ablehnungsquote hoch. Denn im Ghetto wurden keine Rentenkonten angelegt und darüberhinaus diese Arbeiten nicht unbedingt in Geld bezahlt, so dass unklar war, wer wie viel Rente erhalten kann. Erst 2009 stellte das Bundessozialgericht klar, dass jede Arbeit zu Ansprüchen führt – egal ob sie gegen Geld, Lebensmittelmarken oder einen Teller Suppe am Tag verrichtet wurde. Und 2014 schließlich beschloss der Bundestag, dass alle Anspruchsberechtigten ihre Rente rückwirkend zum Stichtag im Juli 1997 erhalten. Insgesamt sind nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums bis Anfang dieses Jahres 55.600 Rentenanträge aus aller Welt bewilligt worden. Ab 1. Juni werden nun die Anträge aus Polen hinzukommen.

Ausschlaggebend für die Höhe der Rente ist die Zeit, die jemand im Ghetto verbracht hat. Deshalb kann der Betrag stark variieren – von kleinen zweistelligen bis zu dreistelligen Euro-Beträgen. Die Renten werden wie jede andere staatliche Rente von der Deutschen Rentenversicherung ausbezahlt.

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Triumph der Rechten bei Landtagswahlen in Österreich

Im Bundesland Steiermark steigerte die Freiheitliche Partei Österreich, FPÖ, ihren Stimmenanteil laut dem vorläufigem amtlichen Endergebnis um 16,5 Punkte auf 27,1 Prozent. Sie liegt damit nur knapp hinter sozialdemokratischer SPÖ (29,2 Prozent) und konservativer ÖVP (28,5 Prozent). Die beiden in der österreichischen Bundesregierung zusammen regierenden Parteien erlitten Verluste von jeweils knapp zehn Prozentpunkten.

Im Burgenland legte die FPÖ um sechs Punkte auf 16 Prozent zu. SPÖ und ÖVP mussten auch in diesem Bundesland kräftige Verluste hinnehmen. Die Sozialdemokraten landeten in ihrer Hochburg bei knapp 42 Prozent. Die Volkspartei kam auf 29 Prozent.

Ausländerfeindliche Parolen

Speziell in der Steiermark hatte die FPÖ mit Slogans wie “Fremd im eigenen Land” und “Neue Wohnungen statt neue Moscheen” ein knallharte ausländerfeindliche Kampagne gefahren. Die in Graz bisher regierende rot-schwarze Koalition hatte vergeblich darauf gesetzt, dass ihr Reformkurs bei den Wählern verfängt.

Ob die Wahlen zu Konsequenzen in der rot-schwarzen Koalition in Wien unter Bundeskanzler Werner Faymann, SPÖ, führen, ist noch nicht absehbar. Die beiden Landtagswahlen waren erster Höhepunkt eines Super-Wahljahrs 2015 in Österreich. Bis zum Herbst folgen noch zwei weitere Landtagswahlen unter anderem in Wien.

wl/SC (dpa)

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Ostafrika-Gipfel fordert Verschiebung der Wahl in Burundi

An dem Gipfeltreffen der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) zur Lage in Burundi in der tansanischen Hauptstadt Daressalam fehlte neben Pierre Nkurunziza auch der ruandische Staatschef Paul Kagame. Südafrikas Präsident Jacob Zuma lud sich selbst ein – sein Land ist zwar kein EAC-Mitglied, spielte aber eine wichtige Rolle beim Zustandekommen der Friedensverträge von Arusha, die dem burundischen Bürgerkrieg (1993-2006) ein Ende setzten. Der EAC gehören neben Tansanias, Burundi und Ruanda noch Uganda und Kenia an.



Burundis Präsident Nkurunziza (Foto: AFP/Getty Images)

Burundis Präsident Nkurunziza

Rückzug Nkurunzizas nicht verlangt

Auf dem Gipfeltreffen wurden nach Korrespondentenberichten verschiedene Modelle zur Beilegung der Krise erörtert. Ein an den Beratungen beteiligter Diplomat sagte, viele Teilnehmer sähen eine Aufforderung an Nkurunziza zum Verzicht auf eine Kandidatur skeptisch. In diesem Fall drohe in Burundi das Chaos. Daher fordere die EAC, die Wahlen zu verschieben und einen fairen Wahlkampf zu gewährleisten, teilte der Generalsekretär des Staatenverbandes, Richard Sezibera mit.

Außerdem müssten die Jugendorganisationen der rivalisierenden Parteien entwaffnet werden. Bisher vorgesehener Termin für die Präsidentenwahl ist der 26. Juni. Bereits am kommenden Freitag sollen Parlaments- und Kommunalwahlen stattfinden.


Blutige Proteste

Die Entscheidung von Staatschef Nkurunziza, nach zwei Amtszeiten erneut zu kandidieren, hatte in Burundi wütende Proteste der Opposition ausgelöst. Bei Unruhen wurden mehr als 20 Menschen getötet. Mehr als 110.000 Menschen sind nach UN-Angaben aus Angst vor Gewalt aus Burundi geflohen.

Die Opposition sieht in Nkurunzizas Absicht einen Bruch der Verfassung, die nur zwei Amtsperioden erlaubt. Der Staatschef argumentiert, er sei beim ersten Mal vom Parlament ernannt und nicht gewählt worden, weshalb die erste Amtszeit nicht zähle.

Die Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch” , HRW, kritisierte in einem neuen Bericht die “übermäßige Gewalt” der burundischen Polizei gegen Regierungsgegner. Polizisten hätten auf Menschen geschossen und wehrlose Demonstranten geschlagen, schrieb HRW unter Berufung auf Zeugenaussagen. Mehrere Radiosender seien geschlossen, Journalisten, Menschenrechtler und Rettungskräfte bedroht worden.

Während der Präsident vor rund drei Wochen an einem ersten Krisengipfel der EAC in Daressalam teilnahm, hatten Teile des Militärs in Bujumbura versucht, sich an die Macht zu putschen. Der Versuch schlug fehl, Nkurunziza kehrte nach wenigen Tagen nach Burundi zurück.

wl/SC (afp,rtre,dpa)

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Alfred Neven Dumont – der letzte große Medienpatriarch


Was wohl gewesen wäre, hätte der junge Alfred Neven DuMont an seinem ursprünglichen Berufswunsch festgehalten? Denn kurz nach Kriegsende versuchte er sich – neben dem Studium der Philosophie, Geschichte und Literatur – als Schauspieler an den Münchner Kammerspielen und am Staatstheater. Es fällt nicht schwer, sich “Sir Alfred”, wie er hausintern bisweilen tituliert wurde, auf den Bühnen dieser Welt vorzustellen, als polternden Macbeth oder charmierenden Mephisto. Doch plötzlich sei ihm “das alles wie ein Museum” vorgekommen. Lieber wandte er sich 1953 dem Familienunternehmen zu und trat in die Verleger-Fußstapfen seines Vaters.


Vom Pressehaus zum Medienunternehmen




Bildergalerie Medienstar Verona Pooth (geb. Feldbusch)

Verleger Alfred Neven DuMont im Juni 1980 vor dem Medienhaus M. DuMont Schauberg in Köln

Damit begann eine jahrzehntelange Karriere. Schon 1955 avancierte der damals 28-jährige zum publizistischen Leiter des “Kölner Stadt-Anzeigers”. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1967 kam Neven DuMont an die Spitze des Unternehmens und baute es kontinuierlich aus. Heute ist die Gruppe M. Dumont Schauberg (MDS) mit ihren regionalen Pressetiteln “Kölner Stadt-Anzeiger”, “Kölnische Rundschau”, “Express”, “Generalanzeiger” und “Mitteldeutsche Zeitung” (Halle) sowie “Berliner Zeitung”, “Berliner Kurier”, “Frankfurter Rundschau” und “Hamburger Morgenpost” der viertgrößte Zeitungsverlag in Deutschland. Nach eigenen Angaben erreichen ihre Publikationen täglich 3,2 Millionen Leser. Außerdem betreibt MDS Hörfunk- und Fernsehkanäle, produziert für audiovisuelle Medien und ist auf dem Buchmarkt und im Internet-Geschäft präsent. 30 Tochterunternehmen in verschiedensten Medienbereichen sind Teil der Gruppe.


In den letzten 60 Jahren ist das Familienunternehmen zu einem Medienriesen angewachsen. Einem recht angriffslustigen Riesen mit einem Mann an der Spitze, der als Patriarch und als unnachgiebig galt: Alfred Neven DuMont. Er präsidierte seit 1990 den Aufsichtsrat und war überzeugt, dass guter Journalismus nur in engagierten Zeitungen entsteht. Als Verleger duldete er keine Widersprüche, hielt an Grundsatz- und Richtlinienkompetenzen fest. Seine Chefredakteure mussten auf der Hut sein, kaum einer konnte lange seinen Posten halten.


Zeitungsmonopol und “Zeitungskrieg” am Rhein


Ein einfacher Zeitgenosse war Alfred Neven DuMont sicher nicht. Spätestens mit der Übernahme der “Kölnischen Rundschau” Ende der 1990er Jahre geriet Neven DuMont in die Kritik: Man warf ihm vor, den Print-Markt in der Domstadt Köln zu monopolisieren. Dort kam es von 1990 bis Mitte 2001 zu einem regelrechten “Zeitungskrieg”, an dem Neven DuMont nicht ganz unschuldig war: Der skandinavische Schibsted-Konzern führte die Gratiszeitung “20 Minuten Köln” ein, der Axel Springer Verlag sowie DuMont Schauberg zogen nach und veröffentlichten daraufhin ebenfalls Gratiszeitungen. Die Befürchtung, die Gratiszeitungen könnten den etablierten Tageszeitungen in großem Stil Leser wegnehmen, erwies sich indes bald als grundlos. Die Schibstedt-Gruppe trat den Rückzug an.




Verleger Alfred Neven DuMont gestorben

Das Medienhaus M. DuMont Schauberg am 2009 in Köln


2006 sorgte das Verlagshaus dann erneut für Schlagzeilen: Im Juni zog Neven DuMont vor Gericht und wehrte sich gegen Vorwürfe, die seine Eltern Gabriele und Kurt Neven DuMont betrafen. Der Historiker Ingo Niebel hatte auf einem Symposium berichtet, Neven DuMonts Mutter, Gabriele Neven DuMont und die Versorgungskasse des Verlages hätten drei Grundstücke erworben, die ehemals jüdischen Bürgern gehört hätten. Vorwürfe, die Familie bzw. der Verlag habe von der “Arisierung” jüdischen Vermögens profitiert, wies Neven DuMont vehement zurück und beauftragte den Frankfurter Historiker Manfred Pohl mit der Aufarbeitung der Verlagsgeschichte während der NS-Zeit. 2009 erschien mit “M. DuMont Schauberg – Der Kampf um die Unabhängigkeit des Zeitungsverlags unter der NS-Diktatur” eine Studie, die zeigte, dass sich Kurt Neven DuMont, NSDAP-Mitglied seit 1937, zwar mit dem NS-Regime arrangiert hatte, die Familie aber beim Kauf von Arealen in der Kölner Innenstadt die damals üblichen Marktpreise gezahlt und sich zumindest in einem Fall nach dem Krieg mit dem früheren Eigentümer geeinigt habe. Die Vorwürfe waren damit vom Tisch, das Ansehen des Verlagshauses aber dennoch angekratzt.


“Sir Alfred” – Der umtriebige Medienzar


Neben seiner verlegerischen Arbeit hat sich der künstlerisch interessierte Neven DuMont immer auch journalistisch und schriftstellerisch betätigt. Er schrieb Theaterstücke und Essays und veröffentlichte 1995 unter dem Pseudonym Franz Nedum seinen ersten Roman, “Abels Traum”, der bei Kritikern und Publikum allerdings gnadenlos durchfiel. 2003 und 2009 erschienen mit “Die verschlossene Tür” und “Reise zu Lena” zwei weitere Romane. Außerdem engagierte er sich als Verbandspolitiker. Politisch stand Neven DuMont zeitlebens der FDP nahe, ihm wurden beste Kontakte zu freidemokratischen Spitzenpolitikern nachgesagt.




Verleger Alfred Neven DuMont gestorben

Neven DuMont bezeichnete den “Kölner Stadt-Anzeiger” als “einen sehr ordentlichen, strebsamen Sohn”.

Das Herz des Patriarchen hing trotz aller anderen Tätigkeitsfelder dennoch immer am Kerngeschäft: den Zeitungen des Hauses, denen er sogar Beinamen verlieh: Den “Kölner Stadt-Anzeiger” bezeichnete er als “einen sehr ordentlichen, strebsamen Sohn”. Die 1964 gegründete Boulevard-Zeitung “Express” mit Standbeinen in Köln, Bonn und Düsseldorf nannte er liebevoll den “Rocker”. Seiner Heimatstadt Köln war der Verleger, Publizist, Wirtschaftsförderer (er war acht Jahre lang Präsident der Industrie- und Handelskammer) und Kunstmäzen immer treu geblieben. Doch nicht nur in Köln wird man Alfred Neven DuMont nicht so schnell vergessen. Denn mit ihm geht einer der letzten großen Medienpatriarchen, der das deutsche Verlagswesen in den letzten 60 Jahren entscheidend mitgeprägt hat.

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Stellvertreterkriege in Syrien und Irak


Die Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS) hat in der Mitte Mai eroberten
antiken Wüstenstadt Palmyra mit Sprengungen begonnen. In die Luft gejagt hat sie allerdings keine der antiken Monumente, sondern ein Hochsicherheitsgefängnis des Assad-Regimes. Aufnahmen der Sprengung zeigen dichte Staubwolken über dem Bau.


Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte den Bau in einem Report aus dem Jahr 2001 als Ort beschrieben, in dem “den Gefangenen das größte Leid, die größten Erniedrigungen und die größten Ängste” zugefügt werden sollte. Dass der IS nun ausgerechnet diesen Ort des Schreckens sprengt, dürfte kein Zufall sein: Auf diese Weise kann er sich den Syrern als eine der Oppositionskräfte gegen das Assad-Regime empfehlen. Damit könnte er durchaus auf Sympathien stoßen.


Denn die rücksichtlose Brutalität des Assad-Regimes hat sich dieser Tage einmal mehr gezeigt: Bei einem Angriff auf die ebenfalls vom IS gehaltene nordsyrische Stadt Al-Bab setzte das Regime einem Bericht der international als glaubwürdig erachteten “Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte” zufolge
Fassbomben ein, die mindestens 59 Zivilisten töteten.


Militärische und politische Schwierigkeiten




IS-Kämpfer im Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus, 7,4. 2015
(Foto: Balkis Press / ABACAPRE)

IS-Kämpfer im Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus

Der Vormarsch der Islamisten und das rücksichtslose Vorgehen des Assad-Regimes bezeugen, wie verfahren die Lage in Syrien ist. Zwar flogen die Vereinigten Staaten auch an diesem Wochenende wieder Lufteinsätze gegen die Stellungen des IS in Syrien wie auch im Irak. Aber der Kampf gegen den IS blieb bislang vergleichsweise erfolglos. Das hat militärische wie politische Gründe.


Militärisch liegen sie vor allem in der Taktik des IS begründet. In Syrien wie auch dem Irak verfolgen die Dschihadisten eine Guerilla-Taktik. Die Kämpfer teilen sich in kleinere Gruppen auf, die aus der Luft schwer zu bekämpfen sind. Werden Einheiten getroffen, stirbt immer nur eine geringe Zahl von Terrorristen. Die gesamte Feuerkraft der Luftwaffe läuft ins Leere. Oder sie trifft, wie zuletzt in Al-Bab, Zivilisten – und treibt Teile der Überlebenden in die Arme des IS.


Zersplitterte Fronten


Ebenso schwer wie die militärischen wiegen die politischen Schwierigkeiten. Längst sind Syrien und der Irak zu Schauplätzen von Stellvertreterkriegen geworden. In beiden Ländern stehen sich die beiden führenden schiitischen und sunnitischen Regionalmächte – Iran und Saudi-Arabien – gegenüber. Iran setzt auf eigene Truppen, mehr aber noch auf die Hisbollah. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten hingegen rüsten jene Gruppen aus, die sowohl gegen den IS wie auch gegen das Assad-Regime kämpfen.


So ist eine höchst zersplitterte Front entstanden, in denen Sieg und Niederlage oft nur ein paar Tage währen. “Das syrische Regime zerstört das Land, das es zu schützen vorgibt”, heißt es in einem Kommentar auf der Webseite von Al-Jazeera. “Die Oppositionsgruppen hingegen sind entweder die glücklosen Partner jener, die ihre jeweilige regionale Agenda durchsetzen. Oder aber sie sind jenen, die einen wild wuchernden Extremismus vorantreiben.” Die unkoordinierten Fronten zerreiben das Land in einem Konflikt, in dem die Interessen der syrischen Bevölkerung die geringste Rolle spielen. “Syrien”, schreibt Al-Jazeera, “ist zum Schlachtfeld eines enthemmten selbstsüchtigen Kalküls geworden.”


Sunniten fürchten wachsenden Einfluss Teherans


So zerfahren die Fronten sind, so sehr verstehen es die einzelnen Gruppen doch, sich langfristig zu behaupten. Iran, schreibt die von einem saudische Finanzier betriebene Tageszeitung “Al Hayat”, wolle seinen Einfluss in der Region vergrößern. Dies zeige sich derzeit vor allem in vier Ländern: dem Libanon, dem Jemen, im Irak und in Syrien. Dabei komme
die Präsenz des IS in Syrien und im Irak Teheran durchaus entgegen. Auf diese Weise könne es sich nämlich als die einzige Regionalmacht präsentieren, die es mit den Dschihadisten aufnehmen könne.


Das wiederum werde in Washington aufmerksam registriert. “Teheran will sich den USA als der einzige tatsächliche Verbündete präsentieren, der den Kampf gegen den IS zur obersten Priorität erhoben hat. Teheran will Washington zu verstehen geben, dass es sich nicht gegen die iranische Präsenz in Syrien und dem Irak anzugehen braucht – und zwar ganz unabhängig davon, wie diese Präsenz aussieht. Ob Iran also direkt in den Ländern vertreten ist oder über schiitische Milizen im Irak und die Hisbollah in Syrien und dem Libanon.”


Fragwürdige Rolle der schiitischen Milizen


Ähnlich verfahren wie in Syrien ist auch die Lage im Irak. Dort sind Regierungstruppen auf die Stadt Ramadi vorgerückt, um sie den IS-Truppen zu entreißen, die sie vor einigen Wochen in ihre Gewalt gebracht hatten. Begleitet wird das irakische Militär von
schiitischen Milizen – aus eigener Kraft, so die Sorge, würde die Armee der Dschihadisten nicht Herr. Mit den Milizen lässt sie sich aber auf einen Partner ein, der für seine ideologische Entschlossenheit ebenso wie seine Brutalität auch gegenüber (sunnitischen) Zivilisten bekannt ist. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat das Vorgehen der schiitischen Milizen wiederholt kritisiert.




Irakische Truppen starten Gegenangriff auf Ramadi, 26.05.2015
(Foto: AFP / Getty Images)

Irakische Truppen starten Gegenangriff auf Ramadi

Die Milizen seien darum ein fragwürdiger Partner, schreibt die Tageszeitung Al-arabi al-jadeed. “Obwohl ihre Unterstützung in der Provinz Anbar unverzichtbar ist, sind diese vom Iran unterstützen Milizen doch zahlreicher Grausamkeiten beschuldigt worden – vor allem gegenüber den Sunniten.” Darum schlägt die Zeitung vor, dass sie arabische Truppen mehrerer Länder, dem Beispiel der Operation “Sturm der Geschlossenheit” im Jemen folgend, zusammenschlössen und dann gemeinsam gegen den IS vorgingen.


Doch all dies sind bislang Gedankenspiele. Der Kampf gegen den IS, erklärte an diesem Wochenende der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gegenüber der BILD-Zeitung, sei eine langwierige Angelegenheit. Der IS sei nicht gestoppt, sondern “eine tödliche Gefahr für die muslimische Welt und auch für uns eine reale Bedrohung.”


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Friedlicher Jahrestag der Gezi-Proteste


Die Sonne und der fast wolkenlose Himmel über Istanbul trügen. Im Schatten sind es gefühlt höchstens 14-15 Grad.


Dennoch könnte es ein heißer Tag werden: Es wimmelt von zivilen und uniformierten, bestens ausgerüsteten Polizisten, die am und rund um den zentralen Taksim-Platz postiert sind. Der Gezi-Park ist hermetisch abgeriegelt. Ab dem späten Vormittag sind weite Teile des Platzes vor den Treppen zur Grünanlage auch für Fußgänger gesperrt. Die Fahrzeuge, für die die Verkehrssperrung nicht gilt, sind Wasserwerfer, Mannschaftsbusse und Streifenwagen mit und ohne Blaulicht und der Aufschrift “Polis”. Sie stehen an strategisch wichtigen Punkten und beobachten die an ihnen vorbeiziehenden Ströme von Passanten, darunter viele Touristen. Sie sehen besorgt aus. An den Zugängen zu allen schmalen Seitenstraßen stehen Polizisten.


Taksim-Platz abgeriegelt


Gegen Mittag fahren zwei Wasserwerfer in die Einkaufsstraße Istiklal Caddesi. Um sie herum und an den Seitenstraßen stehen Bereitschaftspolizisten mit Stahlhelm, Schlagstock und Gasmaske in der Hand. Junge Polizisten, die ohne Ausrüstung so aussehen, als ob sie keiner Fliege etwas antun könnten.




Polizei-Kordon bei Gezi-Protesten in İstanbul - Foto: DW / Baha Güngör

Die Polizei signalisiert Lässigkeit und Coolness

Dass dieser Anschein trügt, ist den Menschen hier noch in sehr guter Erinnerung: Als sich vor zwei Jahren die Proteste gegen die Zerstörung des Gezi-Parks als einziger “grüner Lunge” inmitten Tausender Büro- und Wohngebäude erhoben und Menschen auf dem Platz Zeltlager errichteten, gingen die uniformierten Staatsdiener in kugelsicheren Westen unverhältnismäßig hart gegen die Demonstranten vor.


Nelken zum Gedenken an acht Todesopfer


“Es werden immer noch 27 Menschen vermisst”, sagt eine 58-jährige Dame, die in der Nähe wohnt. Die Polizisten seien “ehrenlos” gewesen: “Sie haben junge Menschen bewusstlos geschlagen und dann vor meinen Augen in die Müllcontainer geworfen”, schimpft sie.


Dieses Jahr steht sie wieder zwischen den Fronten: Auf der einen Seite postieren sich Wasserwerfer. Von der anderen Seite nähern sich Demonstranten und skandieren: “Taksim ist unser, wird unser bleiben!” Rund 1000 Menschen hat die Organisation “Taksim-Solidarität” auf die Straße gebracht. Sie wollen am Gezi-Park hunderte Nelken im Gedenken an die Ereignisse und an die acht Todesopfer vor zwei Jahren niederlegen. Das wird ihnen jedoch nicht erlaubt. Immer wieder rufen die Demonstranten: “Dieb, Mörder!”


Gemeint ist Staatschef Recep Tayyip Erdogan: Es war damals seine Entscheidung, die friedlichen Zeltlager der Umwelt- und Friedensaktivisten mit Tränengas und Wasserwerfern, ohne Rücksicht auf alte Menschen, Frauen und Kinder brachial niederzureißen.


“Wir wollen keine Zusammenstöße”




Ausschreitungen in Istanbul bei Gedenken an Gezi-Opfer Berkin Elvan - Foto: AFP/Getty Images/B. Kilic

Noch Mitte März dieses Jahres kam es bei einer Demonstration in Erinnerung an ein Gezi-Park-Opfer in Istanbul zu Ausschreitungen

Dass hunderte Bäume im Gezi-Park nach wie vor stehen und das geplante Großbauprojekt “Kaserne mit integriertem Einkaufszentrum” immer noch nicht realisiert werden kann, ist vielen zivilen Gesellschaftsgruppen zu verdanken. Sie haben es trotz ihrer verschiedensten politischen Zielrichtungen geschafft, gemeinsam die Staatsgewalt in die Schranken zu weisen.


Der Rechtsanwalt Can Atalay, einer der Wortführer von “Taksim-Solidarität”, senkt das Megaphon, um mir zu sagen: “Wir wollen heute keine Zusammenstöße. Erdogan wartet nur darauf, damit er uns dann die Schuld zuschieben kann.” Dann hebt er die Flüstertüte wieder und spricht die Namen der Todesopfer hinein. Die Demonstranten rufen im Chor zurück: “Lebt!”


Erdogans unbeschränkte Macht wackelt



Es ist kein Geheimnis, dass die Beliebtheit der seit 13 Jahren alleinverantwortlich regierenden religiös-konservativen AKP nach dem Aufstieg Erdogans zum Präsidenten spürbar gesunken ist. Die AKP könnte, wenn der Kurden-Partei HDP bei der Wahl am 7. Juni erstmals der Einzug ins Parlament gelingen sollte, zu einer Koalition gezwungen sein. Beobachter sprechen von Versuchen, die Wahlen abzusagen. Denn Erdogans Plan, ein Präsidialsystem durchzusetzen, um seine Macht zu zementieren, setzt einen weiteren AKP-Sieg mit mindestens 367 der 550 Sitze voraus.




Türkei Gezi Proteste in İstanbul - Foto: DW / Baha Güngör

Kaum ein Durchkommen für Passanten in der Einkaufsstraße Istiklal-Caddesi

In der Einkaufsstraße Istiklal-Caddesi stehen sich noch immer Polizei und Demonstranten gegenüber. Mutig ziehen Passanten an ihnen vorbei und bummeln an den Schaufenstern entlang. Die Geschäfte haben teilweise ihre Rollgitter oder Blechrollläden zur Hälfte heruntergezogen. “Wir haben Kampferfahrung”, sagt der Verkäufer einer Boutique. “Sobald die Wasserwerfer spritzen und die ersten Tränengasbomben abgefeuert werden, können wir binnen Sekunden in unseren Geschäften verschwinden und alles abriegeln.”


Friedliches Ende


Doch dazu kommt es vorerst nicht. Demonstranten und Polizei ziehen sich zurück. Und schon dröhnt wieder laute Musik aus den Geschäften und Einkaufspassagen. Die Menschen atmen auf. Straßenhunde und -katzen kriechen auch aus ihren Verstecken hervor. Niemand aber kann mit Sicherheit sagen, ob der zweite Jahrestag der Gezi-Park-Proteste am Abend weiterhin friedlich bleiben wird.


Die Demonstranten halten bei ihrem Rückzug noch ein Spruchband hoch: “Heute bleiben die zurück, die für morgen Widerstand leisten!” Derweil haben die Polizisten die Stahlhelme abgenommen und ihre Gasmasken und Schlagstöcke beiseite gelegt. Sie sehen wieder jung und friedlich aus, als ob sie keiner Fliege etwas antun könnten.

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