Месечни архиви: August 2015

Flüchtlingszüge treffen in Deutschland ein

Züge mit Hunderten Flüchtlingen trafen am Montagabend von Wien aus kommend in Deutschland ein. Erleichtert lächeln die Männer, Frauen und Kinder, als sie nach einer Odyssee über den Balkan deutschen Boden betreten. Die meisten stammen offenbar aus Syrien. Auf dem Bahnsteig berichteten die Neuankömmlinge von ihrer dramatischen Reise. “Letztlich haben sie uns aus Ungarn rausgeworfen, nachdem sie unsere Fingerabdrücke genommen haben”, erzählt ein Jugendlicher namens Mohammad. “Es ist gut hier zu sein, wir sind so glücklich”.


Erste Kontrollen fanden am Bahnhof Rosenheim in Bayern statt. Flüchtlinge ohne Papiere wurden dort von der Bundespolizei in Empfang genommen.

Später setzte der Zug seine Fahrt nach München fort, wo weitere Menschen ausstiegen.
In einer langen Schlange warteten sie auf dem Bahnhof auf ihre Registrierung. Nach Angaben der Bundespolizei wurden bis zu 500 Flüchtlinge im Laufe der Nacht in München erwartet.

Ungarn reicht die Probleme weiter

Ungarn hatte zuvor Hunderte Migranten mit überfüllten Zügen gen Westen ausreisen lassen und damit das Flüchtlingsproblem an seine Nachbarländer weitergereicht. Am Budapester Ostbahnhof verzichtete die ungarische Polizei überraschend auf ihre bisherigen Bahnsteigkontrollen und löste damit einen regelrechten Flüchtlingsansturm auf Züge Richtung Wien und München aus.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Migration Aid hatten rund 2000 Asylbewerber auf Budapester Bahnhöfen festgesessen, weil ihnen das offenbar überforderte Einwanderungsamt keine Lager mehr zuwies. Nach dem Polizeiabzug bildeten sich laut ungarischen Medien Schlangen vor den Fahrkartenschaltern, von wo aus die Menschen dann in die Waggons strömten.



 Flüchtlinge am Münchener Bahnhof

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte

In der österreichischen Hauptstadt demonstrierten etwa 20.000 Menschen für einen besseren Umgang mit Flüchtlingen. Die Teilnehmer einer Kundgebung trafen sich vor dem Westbahnhof und zogen dann weiter durch das Zentrum der österreichischen Hauptstadt. Der Fund eines Lastwagens mit 71 toten Flüchtlingen auf einer Autobahn im Burgenland hatte in der vergangenen Woche für Entsetzen gesorgt.

EU drängt auf Registrierung

Die EU-Kommission ermahnte Ungarn, europäisches Recht einzuhalten und alle ankommenden Flüchtlinge mit Fingerabdrücken zu registrieren. In der EU gilt die sogenannte Dublin-Verordnung, wonach derjenige Staat für das Verfahren eines Asylbewerbers zuständig ist, in dem dieser erstmals europäischen Boden betreten hat. Wer über ein anderes EU-Land nach Europa eingereist ist, wird dorthin zurückgeschickt. Deutschland wies den Vorwurf Ungarns zurück, diese Regel durch “nachgiebigeres Verhalten” zu brechen.


Die östlichen EU-Staaten Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn wollen nach Kritik an ihrer Haltung das gemeinsame Vorgehen am Freitag auf einem Gipfeltreffen in Prag abstimmen. Die vier Länder gelten als Gegner fester Umverteilungsquoten und befürworten eine vergleichsweise harte Asylpolitik. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico kündigte an, dem Druck der westlichen EU-Staaten nicht nachzugeben: Verpflichtende Quoten zur Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU würden “nur die organisierte Kriminalität” fördern.

Der Aufruf der Kanzlerin

Bislang nehmen einige wenige Staaten, darunter Deutschland, das Gros der Flüchtlinge auf. Kanzlerin Angela Merkel appellierte in Berlin an die Deutschen, Mitgefühl zu zeigen. Die meisten Flüchtlinge hätten Angst- und Erschöpfungszustände erlebt, unter denen die meisten Menschen zusammenbrechen würden.


“Wir achten die Menschenwürde jedes einzelnen”, sagte die CDU-Vorsitzende. Politisch Verfolgte hätten in Deutschland ein Anrecht auf Asyl. Auch Flüchtlingen aus Kriegsgebieten werde geholfen.

Den Teilnehmern fremdenfeindlicher oder rechtsradikaler Ausschreitungen drohte sie Konsequenzen an: Man werde sich mit der “ganzen Härte unseres Rechtsstaates” gegen diejenigen wenden, die andere angriffen und anpöbelten.

Bayern setzt auf beschleunigte Asylverfahren

Die bayerische Sozialministerin Emilia Müller (CSU) eröffnet an diesem Dienstag in Manching bei Ingolstadt die bundesweit erste Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber ohne Bleibeperspektive. Angesichts der weiter steigenden Zugangszahlen sollen diese Asylverfahren beschleunigt werden, teilte das Sozialministerium mit.

haz/sc (dpa, rtr, afp)

Source Article from http://www.dw.com/de/flüchtlingszüge-treffen-in-deutschland-ein/a-18684771?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Das Foto, das ein Leben veränderte

Der Anblick ist herzzerreißend: Abdul Halim Atar versucht, in dem engen Straßengewirr von Beirut blaue Kugelschreiber zu verkaufen. Er sieht müde aus. Jeden Tag nimmt er seine Tochter mit. Doch an diesem Tag war die vierjährige Reem eingeschlafen und legte ihren Kopf auf Papas Schultern. Jemand – wer genau ist nicht bekannt – fotografierte die Szene und postete sie beim Kurznachrichtendienst Twitter. Das Bild verbreitet sich in Windeseile – es wurde fast 6000 Mal geteilt.

Solidarität im Netz – weltweit

Auch der Isländer Gissur Simonarson war sichtlich gerührt. Das war der Zeitpunkt, an dem sich das Leben von Abdul Halim Atar ändern sollte, denn Simonarson wollte den Straßenverkäufer finden und für ihn eine Crowdfunding-Kampagne starten: “Lasst ihn uns finden und all seine Stifte kaufen”, twitterte Gissur Simonarson unter dem Hashtag #buypens – #kaufStifte.

Wenige Tage später war er ausgemacht. “Ein Mann kam auf mich zu und sagte, er sei froh, mich zu sehen”, erzählt Abdul Halim Atar dem Sender Sky News Arabia bei seinem ersten Fernseh-Interview. “Er erzählte mir, dass die ganze Netzwelt mich suchen würde. Ich hab erst gar nicht verstanden, was er damit meinte. Anfänglich hatte ich sogar Angst.”

Gissur Simonarson, der in Oslo ansässig ist, eigentlich als Consultant arbeitet, aber auf einer Website auch über Krisen- und Konfliktgebiete informiert, konnte sich schließlich mit Atar in Verbindung setzen. “Jemand gab Abdul Halim ein Telefon, und so konnten wir sprechen”, erzählte der Isländer verschiedenen Medien.

Die Verbindung von Oslo nach Beirut kam über die libanesische Nichtregierungsorganisation “Lebanese 4 Refugees” zustande. Simonarson nahm zunächst Kontakt zu der Aktivistin Carol Malouf auf. Sie war es schließlich, die sich mit Abdul Halim traf.

Die Crowdfunding-Kampagne, die Gissur Simonarson initiierte, übertraf alle Erwartungen. Innerhalb von nur vier Tagen spendeten Menschen aus 89 Ländern über 155.000 US-Dollar – und die Kampagne läuft noch für weitere zehn Tage. “Ich kann nicht fassen, wie viel Glück ich hatte”, sagt Abdul Halim Atar.

Palästinenser zwischen den Fronten

Vom Glück fehlte bislang im Leben des 35-jährigen palästinensisch-stämmigen Syrers fast jede Spur. Eine Zeit lang arbeitete er in Damaskus in einer Schokoladenfabrik. Als in Syrien die Aufstände begannen und kurze Zeit später der Krieg losging, verließ Abdul Halim Atar mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn Aboud das Palästinenser-Lager Jarmouk nahe Damaskus.

Der Grund: In Syrien waren Palästinenser zwischen die Fronten geraten. Die einen warfen ihnen vor, Präsident Baschar al-Assad zu stützen, andere unterstellten ihnen, zur Opposition zu gehören. Heute ist das Lager Jarmouk von allen am Krieg beteiligten Parteien belagert.



Syrien: Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus (Foto: AP)

So sieht der Heimatort von Abdul Halim Atar heute aus: Jarmouk ist zerstört

Zunächst war Atar mit seiner Familie für acht Monate in Ägypten, doch seine Frau wollte unbedingt zurück nach Syrien. “Das hat uns entzweit. Ich habe keine Zukunft für meine Kinder in Syrien gesehen“, erklärt Atar. Daher sei er mit ihnen in den Libanon gegangen.

Das war vor gut drei Jahren. Hätte Atar versucht, später in den Libanon zu reisen, wäre er vermutlich nicht mehr über die Grenze gekommen. Denn Palästinenser aus Syrien strandeten schon oft mittellos an der Grenze zum Zedernstaat. Die libanesische Regierung folgte damit dem Vorbild Jordaniens, das nach Angaben der Organisation Human Rights Watch palästinensische Flüchtlinge abweist – Syrer aber aufnimmt.

Zu wenig Geld zum Leben

Seither lebt Abdul Halim Atar mit seinen zwei Kindern in Jnah, einem Beiruter Außenbezirk, in zwei karg eingerichteten Zimmern. “Ich habe wenigstens ein Dach über dem Kopf”, sagt er. Bisher erhielt er für sich und seine Familie 40 US-Dollar von einer Hilfsorganisation zum Leben.

Da Atar und seine Kinder palästinensische Flüchtlinge sind, konnten sie sich nicht beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) melden. Denn palästinensische Flüchtlinge – egal, wo sie vorher gelebt haben – fallen nicht unter die Flüchtlingskonvention von 1951 und dem damit verbundenen Flüchtlingsprotokoll und der Satzung des UNHCR, welches für alle Flüchtlinge weltweit Anwendung findet.

Für die palästinensischen Flüchtlinge wurde eine gesonderte Organisation geschaffen, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) – chronisch unterfinanziert, weil es von freiwilligen Geldern verschiedener Geberländer abhängig ist.

Der Neid wächst

Abdul Halim Atar versuchte, mit dem Verkauf von Kugelschreibern seinen Lebensunterhalt zu verbessern. “Alle Menschen brauchen Stifte”, sagt er. Doch die überraschende weltweite Solidarität, die die Crowdfunding-Aktion auslöste, stieß nicht nur auf Zuspruch im Netz. Sie auch hat Neider und Kritiker auf den Plan gerufen.

So sehen einige User Spenden in dieser Höhe an eine einzelne Person kritisch. Man hätte die Aktion für das ganze Lager ins Leben rufen sollen, heißt es auf der einen Seite. Auf der anderen Seite schreibt James Denselow, Nahost-Experte und Direktor der “New Diplomacy Platform” mit Sitz in London, dass Menschen für individuelle Schicksale eben eher bereit seien, zu spenden. Daher müssten noch mehr solcher Geschichten erzählt werden, so die Schlussfolgerung.

Carol Malouf von der NGO “Lebanese 4 Refugees” versucht derzeit einen Fonds einzurichten, damit Atar monatlich eine Summe erhalten kann. Außerdem will sie die kleine Reem und den neunjährigen Bruder Aboud in einer Schule unterbringen sowie eine neue, sicherere Unterkunft für die Familie finden.

Abdul Halim Atar will mit dem Geld auf jeden Fall seinen Kindern eine Ausbildung finanzieren. “Sie sollen es einmal gut haben”, sagt er. Außerdem will er gerne anderen Kindern helfen. “Es gibt über 1500 Kinder, die auf den Straßen Beiruts arbeiten. Ich wünsche mir, dass sich das ändert.” Aber am meisten wünscht er sich, irgendwann wieder in seine Heimat Syrien zurückgehen zu können. “Davon träume ich.”

Source Article from http://www.dw.com/de/das-foto-das-ein-leben-veränderte/a-18684502?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

"Spanien wird Spitzenreiter sein"


Die Verfechter der europäischen Anti-Krisenpolitik mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Spitze haben mit dem Beispiel Spanien viele gute Argumente gegenüber Kritikern. Entscheidende Wirtschaftsdaten der viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone zeigen nach oben, und zwar teils kräftig.


Regierungschef Mariano Rajoy, der am Montag und Dienstag in Berlin ist und neben Merkel auch Wirtschaftsführer aus beiden Ländern trifft, sagt stolz ein Wachstum in diesem Jahr von 3,3 Prozent voraus. “Spanien wird unter den europäischen Ländern Spitzenreiter sein”, schreibt er im “Handelsblatt”. Doch die Arbeitslosigkeit bleibt beunruhigend hoch. Zudem werfen anstehende Regional- und Nationalwahlen Unsicherheiten auf.


Unwägbarkeiten im politischen Bereich


Völlig ungetrübt ist der Himmel über Spanien also nicht. Zwar wurden national wie international die Wachstumsprognosen für Spanien angehoben – aber “allesamt unter der Voraussetzung, dass ungünstige Umstände intern und extern ausbleiben”, wie die deutsche Investitions-Agentur GTAI gerade erst anmerkte.


Unwägbarkeiten gehen insbesondere von der innenpolitischen Entwicklung aus. Da sind die Regionalwahlen in Katalonien Ende September, dessen Regierung die Abspaltung von Madrid anstrebt und dafür mit dem Urnengang ein Mandat erhofft. Gegen Ende des Jahres stehen dann allgemeine Wahlen in Spanien an. Und da spekulieren insbesondere die Spargegner mit der Protestpartei Podemos auf einen Umschwung.


Allerdings: In den jüngsten Umfragen sieht es für sie nicht mehr ganz so günstig aus wie noch vor wenigen Monaten. Das aber kann sich schnell wieder ändern. Und wie ein radikaler Wechsel einen günstigen wirtschaftlichen Trend umkehren kann, hat man gerade erst bei Griechenland gesehen.


Gewinnt Rajoy, der mit seiner konservativen “Volkspartei” seit Ende 2011 mit absoluter Mehrheit regiert, dürfte alles beim Alten bleiben. “Stabilität, Reformbereitschaft, Rigorosität, Verantwortungsbewusstsein und Sparsamkeit”, das nennt er als die Kernelemente einer Politik, die in seinem Land wie für ganz Europa weiter den Wohlstand gewährleisten kann. Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble würden das kaum anders sagen. Podemos und andere kritische Kräfte in der spanischen Politik wollen diesen Sparkurs dagegen kippen.


Anlass zur Hoffnung


Wenn es um das Hier und Jetzt geht, so ist Spanien eine eindrucksvolle Wende vom “kranken Mann Europas” zum aktuellen Wachstumstreiber gelungen. Dabei lag das Land noch vor wenigen Jahren darnieder. Es musste 2012 Finanzhilfen beim Euro-Schutzschirm ESM beantragen, damit seine taumelnden Banken nicht die gesamte Wirtschaft in den Abgrund riss.


Inzwischen verfügt das Land wieder über vielversprechende Wachstumsperspektiven und sticht dabei auch Deutschland aus, das ein absehbares Wirtschaftswachstum um die drei Prozent bis 2018 nicht vorweisen kann. Spanien wächst derzeit so stark wie seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise vor acht Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt legte von April bis Juni um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu – mehr als doppelt so schnell wie das deutsche. Dazu tragen sowohl der private Konsum wie Investitionen und Exporte bei.


Gut für den deutschen Export


Auch der Appetit auf Waren “Made in Germany” nimmt dabei zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, während die in die gesamte EU gerade um sechs Prozent zulegten. Die Chancen für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends stehen nicht schlecht. Ein Grund ist der Tourismusboom: Im Juli stieg die Zahl der Besucher im Vergleich zum Vorjahr um 6,3 Prozent auf den Rekordwert von 8,8 Millionen. Damit dürfte der Tourismus, der rund elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, die Erholung mittragen.


Es gibt aber auch Schattenseiten, etwa die Arbeitslosigkeit. Die Quote liegt bei 22,5 Prozent, trotz eines leicht rückläufigen Trends mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt in der gesamten Euro-Zone. Es gibt immer noch weit über fünf Millionen Menschen in Spanien ohne Job. Rajoy verweist zwar darauf, dass unter seiner Regierung 2014 und 2015 über eine Million Arbeitsplätze neu entstanden seien. Der Verlust von fast 3,5 Millionen Jobs in den Jahren zuvor ist damit aber beileibe noch nicht ausgeglichen.


Source Article from http://www.dw.com/de/spanien-wird-spitzenreiter-sein/a-18684699?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Neue Verfassung für Zentralafrika: "Das interessiert die Menschen herzlich wenig"


Deutsche Welle: Nach Jahren der Gewalt und der politischen Instabilität befindet sich die Zentralafrikanische Republik in einer Übergangsphase. Die Interimsregierung hat eine neue Verfassung verabschiedet, die auf den ersten Blick keine großen Überraschungen zu bieten hat. Ein zentraler Punkt ist die Beschränkung der Mandatsdauer für den Präsidenten. Erwartbar heißt es da: Ein Präsident darf nur zwei Amtszeiten regieren, eine Verlängerung “aus welchen Gründen auch immer” ist verboten.


Tim Glawion: Das ist eine Präambel, die man sich aus vielen anderen Verfassungen abgeschrieben hat. Diese Frage würde sich sowieso erst in zehn Jahren stellen. Ganz abgesehen davon, dass es in der Zentralafrikanischen Republik sowieso etwas Besonderes ist, wenn man sich zehn Jahre an der Macht halten kann – ohne dass ein Putsch dazwischen kommt. Dieser Satz ist ein Geschenk für die Internationale Gemeinschaft – hat aber für die jetzige politische Situation nichts auszusagen.


Etwas praktischer scheint da der Vorschlag, einen Sondergerichtshof einzurichten, vor dem besonders schwere Verbrechen verhandelt werden sollen. Das klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung für den Versöhnungsprozess im Land.


Das hängt von der Ausgestaltung ab. Sollte es wirklich zu einem starken Gerichtshof kommen, der im Idealfall von zivilgesellschaftlichen Akteuren im Land geleitet wird, dann wäre das sogar ein sehr großer Schritt in die richtige Richtung. Denn eines der größten Probleme ist die Straflosigkeit. Alle starken Milizenführer oder Präsidenten sind praktisch immun und können Verbrechen begehen, wie sie wollen – ohne Konsequenzen. In den vergangenen Monaten ist allerdings schon herausgekommen, dass die derzeitigen Machthaber allen starken Milizenführern doch wieder Amnestie ermöglichen möchten. Es ist also fragwürdig, wen dieser Gerichtshof überhaupt noch verfolgen soll.


Außerdem wurde angekündigt, dass es eine Zweite Parlamentskammer geben soll. Was kann man davon erwarten?




 Tim Glawion

Tim Glawion

Das habe ich mich ehrlich gesagt auch gefragt. Es ist nicht wichtig, ob es jetzt eine, zwei oder zehn Kammern gibt. Das Problem in der Zentralafrikanischen Republik ist, dass der Präsident zu viel Macht hat. Es ist ein präsidentielles System, wo alle Fäden beim Präsidenten zusammenlaufen und er sehr, sehr viel entscheiden kann. Das muss gebrochen werden. Und wenn diese zweite Kammer das tut, dann wäre das eine interessante Neuerung. Aber wenn die Kammer nur erfunden wurde, um mehr Menschen in das korrupte System einzubinden, wie das mittlerweile in der ersten Kammer der Fall ist, dann braucht es diesen Senat nicht.


Auch wenn wir die neue Verfassung bisher nur in Auszügen kennen – welche zentralen Punkte fehlen Ihnen denn?


Meiner Meinung nach ist die Verfassung nicht der richtige Weg, um die zentralen Fragen, die die Bevölkerung derzeit beschäftigen, zu beantworten – aber es ist immerhin eine Möglichkeit, diese Fragen anzusprechen. Ein wichtiges Thema ist die Gleichberechtigung aller religiösen Gruppen im Land. Bisher werden die Muslime immer noch als ‘Ausländer’ gebrandmarkt, obwohl sie und ihre Vorfahren schon seit 150 Jahren in dem Land ansässig sind. Sie müssen genauso einfach wie alle anderen einen Pass bekommen können und dürfen an Straßensperren nicht schikaniert werden. Ein anderer Punkt ist das Verhältnis vom Zentrum zur Peripherie: Über die vergangenen zehn Jahre hat die Regierung praktisch nur in Bangui regiert. Die Peripherien waren in der Hand von Milizen, Rebellen oder Selbstverteidigungsgruppen. Hier muss der Staat die Kontrolle zurückerlangen. Und zuletzt gehört der Umgang mit den vielen militärischen Gruppen und ihren Anführern, die zahlreiche Verbrechen begangen haben, auf die Tagesordnung.


Im März 2013 wurde Staatschef François Bozizé von Séléka-Rebellen aus dem Amt geputscht. Danach kam Michel Djotodia mit der Unterstützung der muslimische Rebellenallianz an die Macht – 2014 trat er zurück, nachdem er die Gewalt im Land nicht beenden konnte, und floh wie sein Vorgänger ins Exil. Beide gelten als die Hauptverantwortlichen der Krise. Doch die neue Verfassung schließt ein Comeback der beiden bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht aus.


Es war auch für mich eine Überraschung, als François Bozizé aus dem Ausland seine Kandidatur erklärte. Zehn Jahre lang hat er das Land ausbluten lassen und will sich jetzt wieder aufstellen – das ist fast schon makaber. Ebenso wie Michel Djotodia, der die Rebellenorganisation mit dem Ziel angeführt hat, das Land zu verändern. Aber sobald er an der Macht war, haben seine Schergen das Land komplett ausgebeutet, mit Gewalt regiert und Menschen zum Teil sogar massakriert. Beide haben gezeigt, dass ihnen nichts am Wohle des Volkes liegt. Ich glaube deshalb nicht, dass sie bei den Wahlen wirklich Chancen haben.



Glawion mit Händlern in der Zentralafrikanischen Republik

Glawion mit Händlern in der Zentralafrikanischen Republik


Über die Verfassung muss das Volk noch in einem Referendum abstimmen. Wie sehr ist die neue Gesetzgebung denn Thema in der Bevölkerung?


Man muss verstehen, dass diese Verfassung für die internationalen Geldgeber gemacht wird. Die Menschen im Land interessiert sie herzlich wenig. Die Zentralafrikanische Republik hatte bisher eine recht liberale Verfassung nach französischem Vorbild. Aber der Staat und die Rechte, die er seinen Bürgern gewähren muss, existierten immer nur auf dem Papier. Sie wurde einfach nicht umgesetzt. Diesmal wollte man es besser machen und die Bevölkerung mehr einbeziehen. In Bürgerforen wurden die wichtigsten Anliegen zusammengetragen und daraus ist dann die jetzige Verfassung entstanden. Aber die ganze Debatte geht an der Realität der Bevölkerung vorbei.



Tim Glawion ist Wissenschaftler am GIGA-Institut Hamburg, dem “German Institute of Global and Area Studies”. Auf seinem Spezialgebiet Sicherheits- und Konfliktstudien forscht er unter anderem zur Zentralafrikanischen Republik.


Die zentralafrikanische Republik stürzte nach einem Putsch gegen Staatschef François Bozizé im März 2013 in eine Spirale der Gewalt. Erst eine militärische Intervention Frankreichs und später eine Blauhelmmission konnten das Land teilweise stabilisieren. Derzeit regiert eine Interimsregierung – ihr Ziel sind demokratische, freie Wahlen. Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sind für Oktober 2015 zwar angekündigt, aber der Termin wurde bereits mehrfach verschoben. Auch dieses Mal hinkt die Übergangsregierung Monate hinter dem Terminplan hinterher.


Das Interview führte Madelaine Meier.

Source Article from http://www.dw.com/de/neue-verfassung-für-zentralafrika-das-interessiert-die-menschen-herzlich-wenig/a-18684644?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Sankara: Held der Jugend


Der Kies knirscht unter den Füßen von Serge Bayala. Nach einer Operation stützt er sich noch auf zwei Krücken und stakst vorsichtig über den großen, leeren Platz. Es ist Regenzeit in Burkina Faso, und überall stehen große Pfützen. Ein paar Jungs stören sich nicht daran und spielen trotzdem Fußball. Nach einigen Metern bleibt der 23-Jährige stehen und blickt sich fast liebevoll um. Dabei wirkt die unbebaute Fläche in Dagnoen, einem Stadtteil von Ouagadougou, auf den ersten Blick völlig unspektakulär.


Bekannt ist das Viertel ohnehin nur, weil gleich nebenan der Friedhof ist, auf dem Revolutionär
Thomas Sankara begraben wurde. Um die Erinnerung an sein Idol lebendig zu halten, hat Serge Bayala zusammen mit Freunden eine Initiative gegründet. Hier, auf dem großen, leeren Platz in Dagnoen, wollen sie das “Zentrum Thomas Sankara” erbauen. “Wenn man einen Präsidenten hatte, der das Land so positiv beeinflusst hat, dann ist es selbstverständlich, einen Ort zu schaffen, um ihm zu gedenken”, so Serge Bayala.


Viele Ideen, aber kein Geld


Um die Ideen, die er und die Initiative für das Zentrum haben, zu verdeutlichen, holt Serge Bayala seinen Laptop hervor. Er öffnet die Facebook-Seite und zeigt anhand einer Luftaufnahme, welches Gebäude wo gebaut werden könnte. Die Initiative hätte gerne ein Amphitheater, eine Bibliothek und sogar einen kleinen Sportplatz.



Burkina Faso Die Initiative hat viele Ideen für die große Fläche in Ouagadougou
Foto: Katrin Gänsler

Serge Bayala und seine Initiative haben große Pläne für die Brachfläche


Ein gravierendes Problem gibt es allerdings: Geld haben die jungen Leute keins und besitzen nicht einmal das Gelände. Doch sie sind optimistisch, denn die Unterstützung im Viertel ist ihren Angaben zufolge groß – ganz gleich, ob von lokalen Politikern oder Bewohnern. “Wir leben direkt gegenüber”, sagt Anwohnerin Rosine Tapsoba, die kürzlich sogar Mitglied der Initiative geworden ist, “Das Zentrum wird uns allen in Zukunft nützlich sein”. Schließlich dürfte es das Viertel aufwerten. Die Initiative überlegt beispielsweise, regelmäßig Konzerte zu veranstalten.


Wenig Wissen über Sankaras Leben


Sankara, der von 1983 bis zu seiner Ermordung am 15. Oktober 1987 Präsident von Burkina Faso war, hat es der jungen Frau angetan – wie so vielen jungen Menschen in dem Land. Er wird als jemand dargestellt, der moderat war und sich nicht wie andere Präsidenten ständig bereichern wollte. Auch kritisierte der Sozialist europäische Politiker öffentlich. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Politikern auf dem Kontinent und macht ihn gerade bei jungen Erwachsenen attraktiv.




Thomas Sankara
Foto: AFP +++(c) dpa - Report+++

Thomas Sankara wird von Vielen als Volksheld verehrt

Trotzdem antwortet Rosine Tapsoba ein wenig ausweichend auf die Frage, was den Revolutionär so besonders mache. “Viele sagen über ihn, dass er den Frauen sehr geholfen habe. Ich selbst habe Sankara ja gar nicht gekannt.”


Wie Rosine Tapsoba reagieren viele junge Burkinabé. Sie bezeichnen sich zwar als glühende Anhänger und nennen sich sogar Sankaristen. Doch Details aus dem Leben ihres Helden werden nicht näher thematisiert. So kam der Offizier beispielsweise durch einen Staatsstreich an die Macht und nicht durch eine demokratische Wahl. Auch die Frage, ob sich der von Sankara propagierte Sozialismus heute noch aktuell ist, wird nicht analysiert.


Angst vor Folter unter Compaoré


Viele ältere Menschen winken ab, wenn man sie nach dem einstigen Präsidenten fragt. “Die Erwachsenen haben ihn entmystifiziert”, versucht es Serge Bayala mit einer Erklärung. Grund sei nicht Sankara selbst, sondern der Umgang mit ihm. “Wenn man früher auch nur den Namen Thomas Sankara in einem bestimmten Umfeld ausgesprochen hat, musste man mit Folter, mit Gewalt rechnen. Das haben die älteren Menschen noch immer im Kopf.”


1987 putsche Blaise Compaoré Sankara aus dem Amt, bei einem Schusswechsel zwischen Putschisten und Leibgarde starb Sankara. Compaoré regierte Burkina Faso 27 Jahre lang mit harter Hand – bis das Volk ihn vor knapp einem Jahr aus dem Amt jagte. Seitdem regiert eine Übergangsregierung das Land. 28 Jahre nach seinem Tod werden nun endlich die Umstände von Sankaras Ermordung untersucht.


Sankaristen-Partei setzt auf die Jugend


Die Alten, die sich an die Machtübernahme durch Compaoré noch erinnern können, werden in Burkina Faso zu einer Minderheit. Heute sind mehr als 65 Prozent der rund 19 Millionen Einwohner unter 25. Das könnte nun der Sankaristen-Partei “Vereinigung für die Wiedergeburt” bei den bevorstehenden Wahlen am 11. Oktober helfen.




Bénéwendé Stanislas Sankara
Foto: Katrin Gänsler

Bénéwendé Stanislas Sankara könnte die Sankara-Euphorie mehr Wählerstimmen bringen

Die Partei will das politische Erbe von Thomas Sankara weiterleben, ihm gilt die “Wiedergeburt” in ihrem Namen. Nennenswerte Wahlerfolge hatte die Partei zwar bisher nicht. Jetzt könnten das die Jungwähler und Sankara-Sympathisanten aber ändern. Schließlich ist der “Che Guevara Afrikas”, wie viele ihn nennen, so beliebt und bedeutend wie schon lange nicht mehr. “Er bleibt für uns ein Symbol für die Entwicklung, für die Gerechtigkeit, den Fortschritt und den Kampf gegen die Armut”, sagt der Parteivorsitzende Bénéwendé Stanislas Sankara, der mit seinem großen Vorbild nicht verwandt ist. “Man hat gesagt: Sankara ist der Präsident der Armen.”


Eine Garantie, dass die Jungen im Oktober die Sankaristen wählen, hat der Parteivorsitzende aber nicht. In Dagnoen spricht sich auch Serge Bayala nicht für eine Partei aus, der er in wenigen Wochen seine Stimme geben wird. Lieber betrachtet er noch einmal das Luftbild des großen Areals und hofft auf einen schnellen Baubeginn des Sankara-Zentrums.


Source Article from http://www.dw.com/de/sankara-held-der-jugend/a-18684461?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Thomas Sankara: Der "Che Guevara Afrikas"


Sechzehn Kandidaten stehen auf der vorläufigen Liste der Präsidentschaftskandidaten, die am Samtag in Burkina Faso veröffentlicht wurde. Einer von ihnen ist Bénéwendé Sankara, der
für die Sankaristen-Partei “Vereinigung für die Wiedergeburt” ins Rennen geht. Die Partei beruft sich auf Thomas Sankara, den ehemaligen Präsidenten des Landes. Auch 28 Jahre nach seinem Tod ist Sankara eine Legende.


Die Umstände Sankaras Ermordung sind bis heute nicht geklärt. Ende Mai dieses Jahres wurden seine sterblichen Überreste exhumiert, in der Hoffnung, dass die späte Untersuchung Aufschluss geben kann. Denn jahrzehntelang lag der Fall auf Eis. Blaise Compaoré, bis Oktober 2014 Präsident von Burkina Faso, schien kein Interesse daran zu haben, den Tod seines Vorgängers aufzuklären. Für Yamba Malick Sawadogo, Weggefährte Sankaras, ist das ein klares Indiz dafür, dass Compaoré eine Mitschuld trägt. Er nennt ihn im DW-Interview sogar “Mörder”.



Trauern am Grab von Thomas Sankara vor seiner Exhumierung
ISSOUF SANOGO/AFP/Getty Images

Trauern am Grab von Thomas Sankara vor seiner Exhumierung


Compaoré putschte seinen langjährigen Freund Sankara am 15. Oktober 1987 aus dem Amt. Bei einem Schusswechsel zwischen Putschisten und Leibgarde wurde Sankara tödlich getroffen und anschließend, zusammen mit zwölf seiner Anhänger, hastig begraben. “Seit 27 Jahren kämpfen wir für ein Gerichtsverfahren”, so Sawadogo im DW-Interview. “Wir wollen wissen, wer ihn getötet hat und warum man ihn getötet hat. Das ist doch das Minimum.”


Charismatisch und bescheiden


Auch Thomas Sankara kam 1983 durch einen Putsch an die Macht. Er galt als hochintelligent, war rhetorisch brilliant und charismatisch. Seine persönliche Integrität und Bescheidenheit standen in krassem Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Potentaten und machten ihn bereits zu Lebzeiten zu einer Legende. Die Luxuslimousinen der Vorgänger-Regierung ließ Sankara verkaufen und verpflichtete die Minister stattdessen, so wie er selbst, einen Renault 5 zum Dienstwagen zu nehmen – das billigste Auto in Burkina Faso. Anfang 1987 legte Sankara seine Vermögensverhältnisse offen. Sie entsprachen dem Lebensstandard seines Landes, das nach wie vor zu den ärmsten Entwicklungsländern zählt.


“Das, was Thomas Sankara ausgezeichnet hat, war seine Authentizität”, erzählt Weggefährte Sawadogo, der von Anfang an Teil von Sankaras “afrikanischer Revolution” war. “Trotz seiner Bildung, seines militärischen und politischen Ranges blieb er sich selbst immer treu.”


Das Land der Aufrichtigen


Bis 1984 hieß das westafrikanische Land Obervolta, dann gab ihm der bekennende Panafrikanist Sankara einen neuen Namen: Burkina Faso – das Land der Aufrichtigen. Sankara war Visionär, er wollte einen Staat schaffen, der frei war von Korruption, unabhängig vom Westen, vereint mit den afrikanischen Nachbarländern. Dabei ließ er sich von der kubanischen Revolution und von seinem ghanaischen Amtskollegen Jerry Rawlings inspirieren – mit ihm plante er sogar den Zusammenschluss beider Länder. Obwohl Sankara gute Kontakte nach Havanna pflegte und von vielen auch der “Che Guevara Afrikas” genannt wurde, schreckte er vor offener Kritik an sozialistischen Staaten nicht zurück.



Burkina Faso Erinnerung an Präsident Thomas Sankara
Foto: ISSOUF SANOGO/AFP/Getty Images

Der Geist von Sankara lebt weiter: Demonstration im Oktober 2014


Im August 1984 ließ Sankara Grund und Boden verstaatlichen. Er investierte in die Gesundheitsversorgung, ließ Schulen bauen, schrieb sich den Kampf gegen den Hunger auf die Fahnen, startete ein Programm zur Wiederaufforstung um der Wüstenbildung entgegenzuwirken, und setzte sich für die Rechte der Frauen ein. Er verbot die weibliche Beschneidung, verurteilte Polygamie und propagierte Verhütung. In seiner Regierungsmannschaft waren sich so viele Frauen wie nie zuvor in einem afrikanischen Staat. Seine Leibwache: eine nur aus Frauen bestehende Einheit auf Motorrädern.


“Revolutionäre kann man töten – nicht aber ihre Ideen”


Mit seinen zum Teil eigenwilligen politischen Aktionen und seiner Neigung zu radikalen Entscheidungen machte sich Sankara auch Feinde. Als 1984 rund 2000 Lehrer für höhere Gehälter streikten, ließ er sie kurzerhand feuern. Im Januar 1985 protestierten die Gewerkschaften gegen den Verlust der demokratischen Freiheiten und die sinkende Kaufkraft. Sankara suspendierte daraufhin elf Gewerkschaftsführer von ihren Ämtern, ein führender Arbeitnehmervertreter wurde wegen kritischer Äußerungen inhaftiert.




Blaise Compaore 
Foto: SIA KAMBOU/AFP/Getty Images

Ex-Präsident Blaise Compaoré: Welche Rolle spielte er im Fall Sankara?

Am 15. Oktober 1987 kam der Putsch, in dessen Verlauf Sankara ermordet wurde. “Als ich meinen Mann das letzte Mal gesehen habe, war er am Leben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich ihn nie wiedersehen würde”, sagt Mariam Sankara, die Witwe des Getöteten,
im DW-Gespräch. 1988 verließ sie Burkina Faso. “Ich hatte kein gutes Leben in dem Land. Ich wurde verfolgt, genau wie meine Kinder und andere Personen aus meinem Umfeld.”


Blaise Compaoré regierte Burkina Faso 27 Jahre lang. Als er sich mit Hilfe einer Verfassungsänderung fünf weitere Jahre an der Macht sichern wollte, gingen die Menschen im “Land der Aufrichtigen” auf die Straße und zwangen ihn zum Rücktritt. Viele, auch jüngere Demonstranten, sahen sich durch die Visionen von Thomas Sankara inspiriert. “Revolutionäre kann man töten – nicht aber ihre Ideen”, hatte Sankara eine Woche vor seinem Tod gesagt. An diesen Satz erinnern sich heute wieder viele in Burkina – sechs Wochen vor der Wahl, die zum ersten Mal seit fast 40 Jahren einen neuen Präsidenten auf demokratischem Wege hervorbringen soll.


Mitarbeit: Richard Tiéné, Fréjus Quenum

Source Article from http://www.dw.com/de/thomas-sankara-der-che-guevara-afrikas/a-18684462?maca=de-rss-de-all-1119-rdf