Месечни архиви: June 2017

Grimme Online Awards 2017: Erfolgreich im Web

“Hier gibt’s etwas umsonst: nämlich Qualität im Netz”, so Daniel Fiene, der die Nominierten des Grimme Online Awards am roten Teppich am Freitagabend vor der Kölner Flora in Empfang nahm. Seit 2001 wird der Grimme Online Award vom renommierten Grimme-Institut in den Kategorien Information, Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung sowie der Kategorie Spezial vergeben. Zudem gibt es einen Publikumspreis. Ausgezeichnet werden Online-Angebote, die aus der Masse herausstechen. Das können zum Beispiel Blogs sein, Multimedia-Reportagen, 360-Grad-Videos oder andere Produktionen. Aus 200 eingereichten Websites hat die Jury in diesem Jahr 29 Online-Angebote für den Preis nominiert.

Der erste Grimme Online Award des Abends ging in der Kategorie Wissen und Bildung an die Multimedia-Reportage “Die mit den Händen tanzt” des Hessischen Rundfunks. Darin wird Laura Schwengber begleitet, die ihre Hände so tanzen lässt, dass man die Musik sehen kann, denn sie übersetzt Konzerte in Gebärdensprache.

Webreportage über Armut in Deutschland ausgezeichnet

In der Kategorie Wissen und Bildung konnte außerdem die Webreportage “Was heißt schon arm?” von Spiegel Online punkten. Darin suchen die Macher nach den Ursachen von Armut und lassen drei Protagonisten zu Wort kommen, die offen von ihrem Leben mit meist leerem Portemonnaie erzählen und sich oft ausgegrenzt fühlen, weil sie nicht an der Gesellschaft teilhaben können.

Gewonnen in der Kategorie Information hat der “WDR-Kandidatencheck”. Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai hat der Westdeutsche Rundfunk alle Kandidaten für Interviews angefragt. Fast 1000 haben zugesagt und konnten sich in kurzen Videos vorstellen – ohne Schnitt, in vier Minuten, und alle bekamen dieselben Fragen gestellt. Der Kandidatencheck habe allen Politikern die gleiche Chance gegeben und so zur politischen Meinungsbildung beigetragen, begründetete die Jury ihre Entscheidung. Im Vorfeld der Bundestagswahl werde es ebenfalls wieder einen solchen Check geben, verrieten die Macher während der Preisverleihung. Allerdings werden auch dort nur die Kandidaten aus NRW dabei sein, weil den übrigen Landesrundfunkanstalten der logistische Aufwand so kurz vor der Wahl im September zu groß sei.

Preise für Datteltäter, Kölner Dom in VR und Wochenendrebellen

Die “Datteltäter” siegten in der Kategorie Kultur und Unterhaltung. Ironisch nehmen sie in ihren Youtube-Videos die kulturellen Unterschiede zwischen Muslimen und der christlichen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland auf’s Korn, schlachten Vorurteile satirisch aus. Die “Datteltäter” seien “lustig, authentisch, anarchisch und mutig”, befand der Schauspieler und Laudator Oliver Wnuk. Auch den Publikumspreis nahmen die “Datteltäter” mit nach Hause.

Außerdem gewann in der Kategorie Kultur und Unterhaltung die Virtual-Reality-Produktion “Der Kölner Dom in 360° und VR” des Westdeutschen Rundfunks. Ob Chorkonzert am Dreikönigsschrein oder eine Zeitreise in die Vergangenheit: Dieses Online-Angebot eröffnet dem User neue Perspektiven und lässt ihn in Bereiche vorrücken, die dem gewöhnlichen Köln-Touristen verborgen bleiben.

Ein weiterer Gewinner in dieser Kategorie ist der Blog “Wochenendrebellen”. Darin und in einem zusätzlichen Podcast erzählen Mirco und Jason von Juterczenka, Vater und Sohn, aus ihrem Leben. Besonders ist das vor allem deshalb, weil der zwölfjährige Jason Autist ist. Es gelinge dem Duo in einmaliger Weise, viel Verständnis für Menschen mit Asperger-Syndrom zu vermitteln, so die Jury.

Spezialpreis für #ichbinhier und Resi

Einen Spezialpreis erhielten die Erfinder des Hashtags #ichbinhier. Los ging es jedoch gar nicht auf Twitter, sondern in einer geschlossenen Facebook-Gruppe mit fast 35.000 Mitgliedern. Sie hatten sich zusammengetan, um gemeinsam gegen Hate Speech im Netz vorzugehen und sich für eine bessere Diskussionskultur in den Sozialen Medien einzusetzen – mit guten Argumenten statt mit Fake News und verletzenden Postings.

“Jeder will mitreden, niemand will dumm da stehen”, sagen die Entwickler der “Resi-App”, die den zweiten Spezialpreis abräumten. Resi ist ein Nachrichten-Chat-Bot und soll vor allem junge Menschen, die die klassischen Medien nicht nutzen, informieren. Mit Kurztexten, gifs und schnellen Themenwechseln will Resi Jugendlichen Nachrichten schmackhaft machen und so zur Information und Meinungsbildung beitragen.

Kein Preisgeld, aber viel Ehre

In der Nominierungskommission und der Jury des Grimme Online Awards sitzen unabhängige Medienmacher, Journalisten, Medienwissenschaftler und Fachleute aus den Bereichen Internet, Kultur und Bildung. Neben inhaltlichen, funktionalen und ästhetischen Gesichtspunkten, spielen journalistische Qualität, soziale Verantwortung und die gesellschaftliche Relevanz der eingereichten Arbeiten eine wesentliche Rolle. Der Grimme Online Award ist die wichtigste Auszeichnung für Web-Angebote in Deutschland. Ein Preisgeld winkt jedoch auch bei der 17. Ausgabe nicht, dafür mediale Aufmerksamkeit, eine Trophäe und die Gewissheit, ein hochwertiges, innovatives und informatives Produkt entwickelt und umgesetzt zu haben.

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Ausstellung: Warten auf die Liebsten

Menschen hinter Gittern. Kinder, Frauen, nur wenige Männer. Sie sind ein bisschen bunter gekleidet als wir. Die meisten schauen müde und traurig drein – auch der kleine Junge ganz vorne, der sich mit beiden Händen an einem der Gitterstäbe festhält.

Blumen für die Heimkehrer

Aus diesem Foto lassen sich ganz unterschiedliche Situationen herauslesen: Sind es Menschen im Gefängnis oder Insassen eines Flüchtlings-Lagers? Doch dann entdeckt man in der zweiten Reihe eine strahlende Frau, daneben einen riesigen Blumenstrauß. Eine winzige Zeile am oberen Bildrand bringt die Lösung: “Warten auf die Liebsten” steht da. Es sind Familien, die am Flughafen Dhaka auf heimkehrende Angehörige warten. Ehemänner, Väter, Mütter, die als Arbeitsmigranten für einen Kurzurlaub nach Bangladesch zurückkehren.

Deutschland | Austellung The best years of my life von Shahidul Alam (S. Alam)

Wo ist sie, die verlorene Jugend? Ein Arbeitsmigrant aus Bangladesch.

Der bengalische Blogger und Fotograf Shahidul Alam erzählt in der Ausstellung “Die besten Jahre meines Lebens” von  Arbeitsmigranten aus Bangladesch, die in Malaysia leben und arbeiten. Mit seiner Kamera hat er sie ein Jahr lang begleitet. Alam hat einen genauen Blick für seine Protagonisten. Da ist Sahanaz, die versonnen auf ihr Smartphone schaut – eine der wenigen Frauen unter den Arbeitsemigranten, sagt Alam. “Sie sagte: ‘Ich verließ meinen Sohn, als der ein Jahr war. Er blieb bei meiner Schwester. Jetzt ist er 11. Er nennt meine Schwester Mutter. Und mich nennt er Tante.’” Man kann nur erahnen, wie hoch der Preis ist, den diese junge Mutter zahlen muss, um ihre Familie zu ernähren.

Jedes Jahr verlassen um die 500.000  Bangladeschis ihre Heimat, um Geld weit weg von der Heimat zu verdienen. Längst ist die heimische Wirtschaft auf ihre Überweisungen angewiesen. Das weiß auch Shahidul Alam. In seiner Heimat ist er ein bekannter und gefürchteter Aktivist. Doch in der Berliner Ausstellung klagt er nicht an, sondern hält einfach ganz unterschiedliche Lebenswege fest. Da ist der dreijährige Sohn, zusammengekauert auf seinem Lager; er hat noch nie seinen Vater gesehen. Auch Abhängigkeiten und gebrochene Versprechen werden in Fotos von ärmlichen Behausungen oder Baustellen (siehe Artikelbild) thematisiert, Versprechen, die sogenannte Arbeitsvermittler  machen. Obwohl die Regierung ihnen die Lizenzen entziehen könnte, tut sie nichts, berichtet Alam.

Deutschland | Austellung The best years of my life von Shahidul Alam (S. Alam)

Erfolgreich: Heute ist Shaheen Sardar Generalmanager in seiner Firma

Aber er erzählt in seinen Fotos auch von Erfolgen und menschlicher Wertschätzung. Da sieht man Dato, der als mittelloser Mann nach Malaysia kam und jetzt erfolgreicher Unternehmer ist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau sitzt er in einem luxuriösen Wohnzimmer. Oder Bashirol, der mit seinem Chef, dem Besitzer eines Metallbetriebs, ganz gelöst zusammensteht. Die Männer halten sich gegenseitig im Arm, sind offensichtlich guter Dinge. Das vielleicht stärkste Foto zeigt das Porträt eines ernst blickenden Manns. Ihm mache das entbehrungsreiche Leben nichts aus, lesen wir auf einer Tafel. Aber am Ende ist ihm schmerzlich bewusst geworden, dass er darüber seine Jugend verloren hat.

Migranten als Menschen zeigen

Shahidul Alam (Rahnuma Ahmed)

Shahidul Alam: Das Leben von seiner menschlichen Seite zeigen

Ihm gehe es darum, das Leben der Migranten “von seiner ganz menschlichen Seite zu zeigen”, fernab aller klischeehaften Typisierung, erklärt Alam. Und er gibt auch uns damit zu denken. Denn Alams Arbeitsmigranten sind “unsere” Flüchtlinge. Jeder mag sich prüfen, wie genau er da hinschaut.

Mit seinem nächsten Projekt will sich Shahidul Alam ganz direkt in eine Diskussion in Deutschland einschalten. Ähnlich wie in Dhakar will er auch hier in einer Moschee ausstellen – in der vor wenigen Wochen eröffneten liberalen Moschee der Frauenrechtlerin Seyran Ates, der ersten Moschee, in der Frauen und Männer gleichberechtigt in einem Raum beten. Alam ist bewusst, dass die liberale Moschee massiver Kritik und Anfeindungen ausgesetzt ist. Doch das kennt er auch aus seiner Heimat. Moscheen müssten sich der Welt öffnen, sagt er mit verschmitztem Gesichtsausdruck. Das gelte für Bangladesch genauso wie für Deutschland.  

Die Ausstellung “The best years of my life” wurde bis zum 30. Juni im Auswärtigen Amt in Berlin gezeigt, zeitgleich zu einer internationalen Konferenz über Migration. Zuvor war sie beim Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn zu sehen. Geplant ist, sie künftig auch Schulen zur Verfügung zu stellen. Parallel zur Ausstellung ist ein gleichnamiges Buch von Shahidul Alam erschienen. 

 

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Helmut Kohl im Fokus: "Bilder machen Politik"

Deutsche Welle: Wie gut kannten Sie Helmut Kohl?

Klaus Honnef: Gut nicht. Ich habe ihn mal kennengelernt, als meine Frau und ich noch zu den Kunstausstellungen im Bundeskanzleramt eingeladen waren, die Helmut Schmidt begründet hatte. Er erschien etwas später, kam eine Treppe herunter. Aber in dem Moment, als ich ihn erblickte, starben in meinem Gehirn alle Kohl-Witze, die ich damals parat hatte: Ich hatte noch nie solch einen wandelnden, menschlichen Eisblock wahrgenommen. Ich hatte ihn mir auch nicht so riesig vorgestellt, wie er tatsächlich war.

Helmut Kohl und Francois Mitterand in Verdun (ullstein bild/Sven Simon)

Versöhnende Geste: Kohl und Frankreichs Staatspräsident Mitterand in Verdun

Wenn Sie die Fotos von Kohl Revue passieren lassen, welches Bild gewinnen Sie dann von dem verstorbenen Altkanzler?

Die meisten Bilder, die sich in meinem Gedächtnis eingegraben haben, spiegeln exakt die Figur, die ich dann leibhaftig sah. Seine Kälte, aber auch seine Fähigkeit, die Leute in den Blick zu nehmen, zu mustern. Und auch eine große Überlegenheit, die er nicht zuletzt durch seinen Körper ausstrahlte.

Nehmen wir das Foto von Kohl und Mitterand am Schlachtfeld von Verdun. Eine Inszenierung?

Natürlich war das eine Inszenierung. Ich bin überzeugt, dass nahezu alle Bilder von Politikern heutzutage inszeniert sind. Sie inszenieren sich selber. Obwohl dieses berühmte Bild nicht auf die Autorenschaft von Helmut Kohl zurückzuführen ist, sondern auf die von Mitterand, der ja ebenfalls ein brillanter Performer in den öffentlichen Medien war.

Auf jeden Fall eine starke Geste und stark in Szene gesetzt….

Auch Helmut Kohl war ein brillanter Performer. Seit der Zeit Willy Brandts haben Politiker gelernt, sich so zu bewegen, als würden sie ständig von Kameras belauert. Sie haben Qualitäten entwickelt, die sonst nur große Schauspieler haben.

Deutsches Familienidyll - Kohl mit seiner Frau Hannelore und den beiden Söhnen.als sie noch Kinder waren (imago/Sven Simon)

Deutsches Familienidyll: Kohl in der Rolle des fürsorglichen Familienvaters

Oder das Foto Kohls mit Hannelore und seinen beiden Söhnen. Eine ideale deutsche Familie. Hat Kohl es damit geschafft, seine politischen Wertvorstellungen auszudrücken?

Ja, auch. Wie wir inzwischen wissen, war das mit dem Familienglück ja nicht so weit her, wie das Bild suggeriert. Aber jedes Bild, das in der Öffentlichkeit zirkuliert und von den Abgebildeten lanciert wird, hat eine gewisse Symbolkraft. Bilder machen Politik – viel mehr als Entscheidungen. Ein solches Bild, das Familienglück zeigt, einen guten Familienvater, korrespondiert mit den Bildern der Macht, die viele andere Bilder von Helmut Kohl zeigen. Das gehört zum Gesamtbild. Einen kalten, machtvollen Politiker möchte man ja auch nicht haben. Er sollte schon etwas Menschliches mitbringen, eben die Wärme eines Familienvaters.

Traditionsbewußt - Kohl vor einem Porträt des CDU-Übervaters Konrad Adenauer (Getty Images/Hulton Archive)

Traditionsbewusst: Kohl vor einem riesigen Adenauer-Porträt

Es gibt dann noch unzählige Porträts. Wie wollte Kohl da wirken?

Immer als erfolgreicher Politiker. Eines der besten Porträts ist das von Helmut Newton, das er im Garten des Bonner Kanzleramtes gemacht hat: Helmut Kohl vor der Eiche. Das ist ein Bild, das beider Einverständnis symbolisiert. Der Blick des Fotografen traf sich mit dem des Kanzlers. Das ist ein Staatsporträt. Aber es ist auch ein künstlerisches Porträt, weil es sich nicht für Amtsstuben eignet.

Mit welchen Mitteln entsteht so eine Inszenierung?

Ein guter Fotograf hat ein Gespür für gute Situationen, er ist ein sehr geduldiger Beobachter. Der Bonner Fotograf Jupp Darchinger etwa, der die Schmidt-Ära fotografisch begleitet hat, hat mit seinen Bildern ebenso Politik gemacht. Er hat erkannt, wo sich eine Erwartungshaltung des Publikums mit einer Strategie des Porträtierten deckt, der ja politische Ziele im Auge hat, die er durchsetzen will.

Würden Sie sagen, Kohl war ein Meister der medialen Inszenierung, der souverän auf der Klaviatur der Selbstdarstellung gespielt hat?

Unbedingt!

Deutschland Klaus Honnef, Professor für Fotografie, Publizist und Kurator (Imago/R. Zensen)

Kunsthistoriker und “Fotografie-Papst” Klaus Honnef

Die Trauerfeierlichkeiten, der europäische Staatsakt in Straßburg, die Überführung auf einem Rheinschiff, der Gottesdienst in Speyer. Passt das ins Bild? Hätte Kohl das gefallen?

Unbedingt. Ich war nicht wirklich Kohl-Fan, obwohl ich seine Lebensleistung bewundere. Aber dass der deutsche Staat sich mit diesem Kanzler so schwer tut und der Bundespräsident keinen deutschen Staatsakt angeordnet hat, das betrifft mich doch. Denn Helmut Kohl ist der Kanzler der Einheit und ist auch ein Symbol eines Deutschlands, das sich momentan dramatisch verändert. Und keiner weiß, in welche Richtung. Insofern hätte dieser Akt eine einigende Wirkung hervorgerufen. Und das, bin ich überzeugt, hätte Kohl sehr gefallen.

Klaus Honnef, Jahrgang 1939, gilt als Deutschlands “Fotografie-Papst”. Zuletzt war er Ausstellungschef im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Mit Klaus Honnef sprach Stefan Dege.

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Man liebt Erdogan oder man hasst ihn

Die Reaktionen auf das Auftrittsverbot sind so tief gespalten, wie sich überhaupt die Anhänger und Gegner Erdogans scharf trennen. Das gilt für Deutschland genauso wie für die Türkei, nur mit dem Unterschied, dass man verständnisvolle Reaktionen aus der Türkei vermisst - zweifellos auch, weil Menschen, mit entsprechender Haltung, Angst haben, sich öffentlich zu äußern.

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin hatte die Absage aus Berlin mit “kurzfristigen wahltaktischen Erwägungen” erklärt und Deutschland gewarnt, es solle “nicht die schrecklichen Fehler der Referendumskampagne wiederholen”. Vor dem umstrittenen Verfassungsreferendum in der Türkei Mitte April hatten mehrere türkische Politiker versucht, in Deutschland zu türkischstämmigen Bürgern zu sprechen, von denen viele beim Referendum stimmberechtigt waren. Als einzelne deutsche Kommunen Auftritte absagten, offiziell zum Beispiel aus Brandschutzgründen oder wegen fehlender Parkplätze, warf Erdogan Deutschland “Nazimethoden” vor. Doch in letzter Zeit war es wieder ruhiger um die beiderseitigen Beziehungen geworden, die Regierung in Ankara schien um eine Wiederannäherung bemüht.

Türkischer Oppositionsführer unterstützt Erdogan

Von Zurückhaltung kann aber jetzt keine Rede sein. Erdogans Sprecher Kalin nannte die Absage einen weiteren Beweis für “zweierlei Maß”, das an die Türkei angelegt werde, und fügte hinzu: “Diejenigen, die der Türkei bei jeder Gelegenheit Lehren über Demokratie, Menschenrechte und Freiheiten erteilen wollen”, hinderten den Präsidenten daran, sich an türkische Bürger zu wenden. Gleichzeitig, so der Sprecher, “scharen sich die Europäer um Terrororganisationen, Putschisten und Gesetzlose”.

Recep Tayyip Erdogan vor Anhängern in Ankara (21.05.2017) (picture-alliance/Presidency Press Service)

Das soll in Deutschland nicht passieren: Erdogan im April in Ankara

Die türkische Regierung schießt sich dabei vor allem auf den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ein, der in der “Bild”-Zeitung gesagt hatte: “Ausländische Politiker, die unsere Werte zu Hause mit Füßen treten, dürfen in Deutschland keine Bühne für Hetz-Reden haben”. Man verurteile “die inakzeptablen Äußerungen dieser Person über unseren Präsidenten und weisen sie entschieden zurück”, so die offizielle Erklärung. Schulz wolle die “Meinungs- und Versammlungsfreiheit” einschränken, heißt es im Außenministerium in Ankara. Der türkische Europaminister Omer Celik kritisierte, für gewisse deutsche Politiker seien “das Versammlungs- und Demonstrationsrecht sowie die Meinungs- und Pressefreiheit nichts anderes als rhetorische Mittel, die zu politischen Zwecken eingesetzt werden”.

Doch es ist nicht nur die Regierung in Ankara, die Deutschland kritisiert, auch der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu findet das Verbot falsch: “Erdogan sollte dort hingehen und zu seinen eigenen Bürgern sprechen dürfen”, sagt Kilicdaroglu.

Kurdische Erdogan-Gegnerinnen in Frankfurt am Main (18.03.2017) (Reuters/R. Orlowski)

Kurdische Erdogan-Gegnerinnen in Frankfurt am Main: Terrororganisationen, Putschisten und Gesetzlose?

Die türkischen Medien haben insgesamt verhalten auf das Auftrittsverbot reagiert, deutlich zurückhaltender jedenfalls als bei den Redeverboten für türkische Politiker im Frühjahr. Die regierungsfreundliche Presse allerdings zeigt die erwartete Loyalität. So spricht die Zeitung “Yeni Safak” von einer “offenen Feindschaft”, die Deutschland der Türkei entgegenbringe. Und das Blatt “Takvim” titelt: “Sie haben Angst wie immer.”

Dagdelen: Auftrittsverbot verteidigt unsere demokratische Souveränität

In Deutschland kontert der türkischstämmige Grünenvorsitzende Cem Özdemir: “Ich biete dem Staatspräsidenten an: Wenn die politischen Gefangenen frei sind, können wir gerne öffentlich über die Demokratie und die Zukunft der Türkei debattieren.”

Cem Özdemir im Bundestag (picture-alliance/dpa/K.Nietfeld)

Grünenpolitiker Özdemir: “Politische Gefangene freilassen, dann können wir diskutieren”

Die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen - sie hat kurdisch-türkische Wurzeln – sagte der Deutschen Welle: “Wer deutsche Journalisten in der Türkei mit absurden Terrorvorwürfen einkerkert, den kann man nicht einfach nach Deutschland einreisen lassen, als wäre nichts geschehen.” Ein Auftritts- sowie Einreiseverbot für Erdogan sei für die Verteidigung von Deutschlands demokratischer Souveränität zwingend nötig. Es müsse unmissverständlich klar sein, so Dagdelen, dass Erdogan hier “keine Bühne für seine Hetzreden” geboten wird. “Erdogan versteht nur die Sprache harter Antworten.”

Regierungen von Drittstaaten halten sich mit Reaktionen zurück. Von journalistischer Seite atmet jedenfalls der Züricher “Tagesanzeiger” auf, dass Deutschland “endlich” das richtige Zeichen gesetzt habe, dass der Westen vor Erdogan “nicht kuschen” dürfe. Die Zeitung empfiehlt der Schweizer Regierung, sich Deutschland zum Vorbild zu nehmen, auch weil beider Länder ähnliche Probleme mit dem türkischen Präsidenten hätten: “Die Schweiz sollte ähnlich handeln, denn Erdogan möchte sich nicht nur in den Schulalltag einmischen”, kommentiert der “Tagesanzeiger”, “sondern alle Auslandstürken unter seine Knute bringen.”

 

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Wo Drache und Adler verschmelzen: Chinas Sprayer-Star Qi Xinghua malt in Berlin

In China ist er als Graffiti Man bekannt. Qi Xinghua verwandelt die Wunden seiner Stadt Peking in überdimensionale Figuren und kommentiert, jede Stadt brauche ihre Tattoos. Er hielt Guinessbuch-Rekorde für die größten 3D-Gemälde und muss zusehen, wie seine Straßenkunst immer wieder verschwindet. Bei seinen spontanen Malaktionen ist er immer auf der Hut vor der Polizei. Im Internet ist Qi ein Star. Er nutzt die sozialen Medien, bloggt und postet Bilder seiner Kunstwerke und Aktionen.

Jetzt hat Berlin den 1982 in der Provinz Heilongjiang geborenen 3D-Künstler eingeladen, eine Wand im Park am Gleisdreieck zu bemalen. Eine Woche lang, noch bis zum Sonntag, 2. Juli, hält sich Qi Xinghua in der deutschen Hauptstadt auf. Am 28. Juni hat er ein Wandgemälde unter einem Eisenbahnbogen am Eingang zum Gleispark fertiggestellt.

Deutschland Wandgemälde vom Qi Xinghua am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin (DW/S. Peschel)

Qi Xinghua vor seinem Wandgemälde am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin

Als wir ihn treffen, ist sein Gemälde fast fertig. Noch klettert er Leitern hoch und runter, um zu tupfen, Farbe zu verspritzen wie Jackson Pollock, oder Wolkenformationen zu sprühen. Ein chinesischer Fan assistiert ihm, rührt Farbe an oder hält die Leiter; er hat über Facebook von der Malaktion erfahren. Laute chinesische und internationale Rock- und Indie-Musik wummert aus dem Lautsprecher. Rammstein mischt sich mit Luo Ning und verjazzten Coverversionen älterer Megahits. Die Aktion lockt immer neue Menschen an. Unablässig wird fotografiert und kommentiert. Das Bild gefällt den Berlinern, auch den Parkwächtern, die am Ende zur Abnahme kommen.

Deutsche Welle: Sie haben gerade hier in Berlin ein Wandgemälde fertiggestellt. Es fehlen nur noch der Name in Umschrift und vielleicht ein paar letzte Tupfer. Was für ein Gefühl ist das?

Qi Xinghua: Ein sehr gutes. Wenn ich male,  wie jetzt in diesen zwei Tagen, bin ich konzentriert, dann blende ich alles andere aus. Jetzt kann ich entspannen.

Wie gefällt Ihnen diese Location hier unter einem Eisenbahnbogen am Eingang zum Park am Gleisdreieck, ganz in der Nähe der Bülowstraße in Berlin Kreuzberg?

Ich finde sie super. Die Wand ist wettergeschützt, das Bild sollte also längere Zeit erhalten bleiben. Und der Park direkt dahinter ist wunderbar, groß und sehr belebt.

Streetart-Festival München (picture-alliance/dpa/A. Heinl)

Dieses 3D-Gemälde von Qi Xinghua ist noch bis 3. September bei der Streetart Ausstellung in München zu sehen

Sie sind zum ersten Mal in Berlin, aber nicht in Deutschland, oder?

Ja, ich war schon in Dresden und habe dort ein großes Bild gemalt. Nicht auf eine Wand, sondern auf Leinwand. Man kann es also transportieren, es wird gerade in München ausgestellt.

Sie sind durch Ihre dreidimensionalen Wandmalereien sehr bekannt geworden. Wie kamen Sie auf die Wandmalerei?

Ich habe 2002 begonnen, an der Zentralen Akademie für die Schönen Künste in Peking zu studieren. Schon damals begann ich mich für Streetart, Graffiti und Wandmalerei zu interessieren. Als man sich spezialisieren musste, habe ich das gewählt.

Sie sind auch im Internet sehr aktiv. Sie publizieren Fotos Ihrer Werke auf Weibo – dem chinesischen Twitter, Instagram und Facebook. Auf Weibo folgen Ihnen inzwischen 260.000 Menschen. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Mir ist das sehr wichtig. Kunst ist nichts Privates. Als Künstler lebt man öffentlich, arbeitet und bewegt sich im öffentlichen Raum. Diese Öffentlichkeit kann ich über die sozialen Netzwerke für mich herstellen. Und es gibt einen zweiten Aspekt, der für mich von großer Bedeutung ist: Meine Arbeiten verschwinden oft sehr schnell wieder. Sie werden zerstört, übermalt oder von Werbung überdeckt. Im Internet leben wenigstens die Bilder der Bilder weiter.

Deutschland Wandgemälde vom Qi Xinghua am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin (DW/S. Peschel)

Der chinesische Drache – jeder sieht das Symboltier anders, sagt Qi Xinghua

Sie nehmen sich oft die Schmuddelecken von Peking vor, übermalen abgeplatzte Stellen an Wänden oder Toren. Bekannt geworden sind die Pandas, die ein Tor säumten, oder das riesige Krokodil, das sich eine lange innerstädtische Mauer entlangzog. Eigentlich verschönern Sie die Stadt durch Ihre ungenehmigten Malaktionen. Aber fast alle Ihre Graffiti und Wandgemälde verschwinden innerhalb kurzer Zeit wieder. Wer ist für die Zerstörung verantwortlich? Die Besitzer, die Stadtverwaltung, die Bürokraten?

Da ich nie dabei bin, wenn diese Malereien zerstört werden, kann ich das nicht beantworten.

Macht es Sie traurig?

Der daoistische Philosoph Laotse prägte das Wort: “Wirken, nicht gewinnen! Schaffen, nicht besitzen.” So sehe ich das auch. Es kommt darauf an, etwas zu schaffen und etwas zu hinterlassen, das nicht unbedingt materiell sein muss. Zum Beispiel eine Idee von einem Bild.

2011 haben Sie mit Ihrem gigantischen 3D-Bild “Lions Gate Gorge”, das Sie für eine Shopping-Arkade in Guangzhou gemalt hatten, Aufsehen erregt. Es kam sogar als größtes dreidimensionales Bild der Welt ins Guinessbuch der Rekorde. Existiert es noch?

Nein, das gibt es auch nicht mehr. Das war eine Auftragsarbeit, die auch nicht für die Ewigkeit gedacht war.

Deutschland Wandgemälde vom Qi Xinghua am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin (DW/S. Peschel)

Paint it like Jackson Pollock – Detail aus Qi Xinghuas Berliner Wandgemälde

Sie waren bisher insgesamt vier Mal Guinessbuch-Rekordhalter. Sind Sie stolz darauf?

Das bedeutet mir gar nichts, das ist belanglos.

Für Ihr Berliner Gemälde haben Sie sich sehr traditionsbeladene Symbole gesucht: Drache und Adler. Warum?

Ich interpretiere meine Bilder nie selber. Ich will die Freiheit der Betrachter nicht einschränken. Jeder Mensch hat seine eigenen Interpretationen und seine eigenen Erfahrungen, zum Beispiel mit dem Symbol des Adlers. Aber was ich sagen kann: Natürlich ist der Drache ein chinesisches Symboltier, wenn nicht sogar ein Symbol für China. Und der Adler ein deutsches. Aber Drachen gibt es ja nicht wirklich. In die Vorstellung eines Drachen fließen viele verschiedene Tiere und Attribute mit ein, die dann den Drachen konstituieren. Und auch wenn es Adler tatsächlich gibt, verhält es sich beim deutschen Wappentier genauso. Und diese beiden Vorstellungswelten verschmelzen hier, vage, explosiv, vom Betrachter verschieden wahrgenommen. Darauf kam es mir an.

Berlin Foto Wappen (DW/S. Peschel)

Ein farbverschmiertes Foto von Qi Xinghua, das er sich als Vorlage für den Adler auf seinem Wandgemälde mitgebracht hat

Deutschland und China verschmelzen also, platt gesagt. Sie haben für Ihr Gemälde auch die deutschen Nationalfarben gewählt: Schwarz, Rot, Gold bzw. Gelb. Das war Absicht, oder?

Alles was ich mache, überlege ich mir vorher gut. Rot und Gelb sind ja auch die Farben Chinas. Und auch Schwarz und Weiß.

Sie haben sich für den Adler eine Vorlage mitgebracht, den Adler im Wappen im Geländer der Weidendammer Brücke. Haben Sie das Foto selbst gemacht?

Ja. Ehe ich an einem Ort zu malen beginne, streife ich durch die Stadt und erkunde sie. Bei meinem Spaziergang begegnete ich diesem bekannten Wappen mit dem Adler. Ich hatte mein Motiv.

Sie malen oft Tiere und selten Menschen. Warum?

Tiere beschweren sich nicht. Menschen könnten sich falsch dargestellt finden.

Deutschland Wandgemälde vom Qi Xinghua am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin (DW/S. Peschel)

Letzte Tupfer im Auge des Drachen

Kunst hat ja auch kommerzielle Aspekte. Sie malen große 3D-Wandgemälde und Streetart. Das lässt sich nicht transportieren, nicht in Museen ausstellen, schlecht bewahren. Wie macht sich Ihr Erfolg materiell bezahlt?

Nun, ich habe Auftraggeber, für die ich diese 3D-Werke schaffe. Öfter in China, aber auch an anderen Orten, zum Beispiel in Miami und in Dubai gibt es jeweils ein großes Werk von mir. Ab und zu verkaufe ich auch Bilder, die nicht auf eine Wand gemalt sind.

Sie haben auch ein Porträt der deutschen Kunstsammler und Mäzene Peter und Irene Ludwig gemalt. Wo hängt das jetzt?

Das hängt in der deutschen Botschaft in Peking.

Deutschland Wandgemälde vom Qi Xinghua am Eingang zum Park am Gleisdreieck in Berlin (DW/S. Peschel)

Zuallerletzt setzt Qi Xinghua noch ein “China” unter seine Signatur

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