Месечни архиви: February 2019

Vom Knopf zur Bundesflagge: Die Geschichte von Schwarz-Rot-Gold

Schwarz, Rot, Gold – Farben des Widerstands, Farben der Emanzipation. So jedenfalls sah es Florian Geyer, einer der Führer des Deutschen Bauernkriegs im frühen 16. Jahrhundert. Damals erhoben sich die Bauern gegen den deutschen Hochadel und die ihm verbundenen Vertreter der Katholischen Kirche. Geyer stand an der Spitze einer Sozialrevolution, deren Anliegen sich in den Farben der Bewegung ausdrückte. Der Bauernführer soll es der Legende nach so ausgedrückt haben: “Unser Gold haben Adel und Pfaffen aus unserem Schweiß geschlagen, bis unsere Trauer schwarz war wie die Nacht und unsere Wut rot wie Blut. Wohlan denn, Brüder, setzen wir ihnen den roten Hahn auf die Dächer.”

Emanzipation und Freiheit hatten sich auch das sogenannte Lützowsches Freikorps, ein Freiwilligenverband der preußischen Armee, auf die Fahne geschrieben, das sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Kämpfen gegen die Armee des französischen Kaisers Napoleon beteiligte. Militärisch vermochte es zwar wenig auszurichten, doch die Idee eines Freiwilligenverbandes faszinierte viele Deutsche. So verkörperte das Korps die Sehnsüchte vieler Deutscher nach einem geeinten Staat, einer Regierung jenseits der vielen Fürstentümer, die das Land zergliederten. Noch war die deutsche Einheit allerdings ein ferner Traum. “Von schwarzer Nacht durch rotes Blut der goldenen Sonne entgegen” – so formulierte Theodor Körner, der als damals angesehener Dichter dem Lützowschen Freikorps beitrat und 1813 fiel, den langen Weg zum deutschen Bundesstaat.

Symbolik und Pragmatismus

Allerdings gab es auch ganz pragmatische Gründe für die drei Farben, sagt Ulrike Dittrich, Geschäftsführerin der Stiftung Hambacher Schloss, im Gespräch mit der DW. Denn eine einheitliche Uniform gab es zunächst nicht. “So färbte man vorhandene Kleidung einfach schwarz ein. Dann wurde sie mit roten Aufschlägen und mit goldenen Knöpfen – vermutlich aus Messing – versehen.” Symbolik und Pragmatismus mischten sich: Das Schwarz der Nacht bot sich auch darum an, weil sich Kleidung mit Schwarz besonders leicht einfärben ließ.

23.06.2016 DW Doku Deutschland-Saga Teil 3 Hambacher Fest (ZDF)

Im Zeichen des Liberalismus: das Hambacher Fest

Schwarz-Rot-Gold waren auch die Farben von mehreren tausend Menschen, die sich 1832 auf den Weg zum Hambacher Schloss machten, um dort den alten Traum der deutschen Einheit zu feiern. Freiheit und Souveränität des Volkes waren weitere Ziele, die sich die auf dem Schloss Versammelten auf die Fahne geschrieben hatten. Die Farbkonstellation der derzeitigen Deutschlandflagge sei erstmals beim Hambacher Fest nahe Neustadt an der Weinstraße verwendet worden, sagt Ulrike Dittrich. “Im Anschluss an den Festzug, der sich für die Liberalisierung und ein vereinigtes Deutschland einsetzte und auch schon den Gedanken des konföderierten Europa mit sich trug, wurde die Flagge auf dem höchsten Turm des Hambacher Schloss gehisst.” Auf dem Schloss, einem der großen Symbolorte der Geschichte der Deutschen Einheit, weht seitdem ständig eine Deutschlandfahne.

Die Revolution von 1848

Der Deutsche Bund, in dem sich der Kaiser von Österreich, die Könige von Preußen, Dänemark und der Niederlande sowie die deutschen Provinzfürsten und freien Städte zusammengeschlossen hatten, reagierte repressiv auf die Freiheitsbewegung. So brauchte es noch einmal gut anderthalb Jahrzehnte, bis sich das deutsche Bürgertum in der liberalen Revolution von 1848 zusammenfand, um für ein geeintes Deutschland zu kämpfen.

Deutschland Denkmal von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn in Berlin (picture-alliance/Arco Images/Schoening)

Sport und Freiheit: Friedrich Ludwig Jahn, genannt Turnvater Jahn

Mit dabei: Friedrich Ludwig Jahn, später bekannt als Turnvater Jahn, Gründer der deutschen Turnerbewegung. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon hatte er sportliche Übungen ersonnen, die die Soldaten für den Krieg stärken sollten. Auch jetzt, 1848, war er wieder dabei. “Noch immer trage ich die deutschen Farben, so ich im Befreiungskriege aufgebracht habe”, erklärte er.

Zum Erfolg des bürgerlichen Kampfes trug bei, dass König Friedrich Wilhelm IV. im März in Berlin mit schwarz-rot-goldener Schärpe durch die Straßen ritt und sich an die Spitze der Revolution setzte. Im Mai 1848 konstituierte sich in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung, das vorläufige Parlament des im selben Jahr entstehenden Deutschen Reiches. Dieses mündete auf Umwegen 1871 in das Deutsche Kaiserreich. Das allerdings hatte die Nationalfarben Schwarz-Weiß-Rot . 

100 Jahre nach der ersten Republik

Als dieses Reich am Ende des Ersten Weltkrieg stürzte und aus den Revolutionswirren an seiner Stelle die Weimarer Republik entstand, entsannen sich deren Gründungsväter der Farben von 1848. Am 18. Februar 1919 beschloss ein Ausschuss der Deutschen Länder in der Nationalversammlung, sie als deutsche Nationalfarben einzuführen. 

100 Jahre Weimarer Verfassung (picture-alliance/dpa)

Gründungsakt der ersten deutschen Republik: die Verfasssungsgebende Versammlung 1919 in Weimar

“Diese Farben wurden von Februar 1919 an in der ersten Demokratie als Flagge verwendet”, so Ulrike Dittrich von der Stiftung Hambacher Schloss. “Doch später wurde diese Entscheidung dann von den Nationalsozialisten rückgängig gemacht. Die Nazis haben diese Flaggen sogar verbrannt – und mit ihnen symbolisch das liberale Gedankengut.”

Deutschland habe aus dieser Erfahrung Lehren gezogen, erklärte Frank-Walter Steinmeier aus Anlass des 100. Jubiläums der Nationalfarben. “Den Verächtern der Freiheit dürfen wir diese Farben niemals überlassen”, so der Bundespräsident. “Sondern lassen Sie uns stolz sein auf die Traditionslinien, für die sie stehen: Schwarz-Rot-Gold, das sind Demokratie und Recht und Freiheit!”

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Schwarz-Rot-Gold: Farben der Freiheit

Schwarz, Rot, Gold – Farben des Widerstands, Farben der Emanzipation. So jedenfalls sah es Florian Geyer, einer der Führer des Deutschen Bauernkriegs im frühen 16. Jahrhundert. Damals erhoben sich die Bauern gegen den deutschen Hochadel und die ihm verbundenen Vertreter der Katholischen Kirche. Geyer stand an der Spitze einer Sozialrevolution, deren Anliegen sich in den Farben der Bewegung ausdrückte. Der Bauernführer soll es der Legende nach so ausgedrückt haben: “Unser Gold haben Adel und Pfaffen aus unserem Schweiß geschlagen, bis unsere Trauer schwarz war wie die Nacht und unsere Wut rot wie Blut. Wohlan denn, Brüder, setzen wir ihnen den roten Hahn auf die Dächer.”

Emanzipation und Freiheit hatten sich auch das sogenannte Lützowsches Freikorps, ein Freiwilligenverband der preußischen Armee, auf die Fahne geschrieben, das sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den Kämpfen gegen die Armee des französischen Kaisers Napoleon beteiligte. Militärisch vermochte es zwar wenig auszurichten, doch die Idee eines Freiwilligenverbandes faszinierte viele Deutsche. So verkörperte das Korps die Sehnsüchte vieler Deutscher nach einem geeinten Staat, einer Regierung jenseits der vielen Fürstentümer, die das Land zergliederten. Noch war die deutsche Einheit allerdings ein ferner Traum. “Von schwarzer Nacht durch rotes Blut der goldenen Sonne entgegen” – so formulierte Theodor Körner, der als damals angesehener Dichter dem Lützowschen Freikorps beitrat und 1813 fiel, den langen Weg zum deutschen Bundesstaat.

Symbolik und Pragmatismus

Allerdings gab es auch ganz pragmatische Gründe für die drei Farben, sagt Ulrike Dittrich, Geschäftsführerin der Stiftung Hambacher Schloss, im Gespräch mit der DW. Denn eine einheitliche Uniform gab es zunächst nicht. “So färbte man vorhandene Kleidung einfach schwarz ein. Dann wurde sie mit roten Aufschlägen und mit goldenen Knöpfen – vermutlich aus Messing – versehen.” Symbolik und Pragmatismus mischten sich: Das Schwarz der Nacht bot sich auch darum an, weil sich Kleidung mit Schwarz besonders leicht einfärben ließ.

23.06.2016 DW Doku Deutschland-Saga Teil 3 Hambacher Fest (ZDF)

Im Zeichen des Liberalismus: das Hambacher Fest

Schwarz-Rot-Gold waren auch die Farben von mehreren tausend Menschen, die sich 1832 auf den Weg zum Hambacher Schloss machten, um dort den alten Traum der deutschen Einheit zu feiern. Freiheit und Souveränität des Volkes waren weitere Ziele, die sich die auf dem Schloss Versammelten auf die Fahne geschrieben hatten. Die Farbkonstellation der derzeitigen Deutschlandflagge sei erstmals beim Hambacher Fest nahe Neustadt an der Weinstraße verwendet worden, sagt Ulrike Dittrich. “Im Anschluss an den Festzug, der sich für die Liberalisierung und ein vereinigtes Deutschland einsetzte und auch schon den Gedanken des konföderierten Europa mit sich trug, wurde die Flagge auf dem höchsten Turm des Hambacher Schloss gehisst.” Auf dem Schloss, einem der großen Symbolorte der Geschichte der Deutschen Einheit, weht seitdem ständig eine Deutschlandfahne.

Die Revolution von 1848

Der Deutsche Bund, in dem sich der Kaiser von Österreich, die Könige von Preußen, Dänemark und der Niederlande sowie die deutschen Provinzfürsten und freien Städte zusammengeschlossen hatten, reagierte repressiv auf die Freiheitsbewegung. So brauchte es noch einmal gut anderthalb Jahrzehnte, bis sich das deutsche Bürgertum in der liberalen Revolution von 1848 zusammenfand, um für ein geeintes Deutschland zu kämpfen.

Deutschland Denkmal von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn in Berlin (picture-alliance/Arco Images/Schoening)

Sport und Freiheit: Friedrich Ludwig Jahn, genannt Turnvater Jahn

Mit dabei: Friedrich Ludwig Jahn, später bekannt als Turnvater Jahn, Gründer der deutschen Turnerbewegung. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon hatte er sportliche Übungen ersonnen, die die Soldaten für den Krieg stärken sollten. Auch jetzt, 1848, war er wieder dabei. “Noch immer trage ich die deutschen Farben, so ich im Befreiungskriege aufgebracht habe”, erklärte er.

Zum Erfolg des bürgerlichen Kampfes trug bei, dass König Friedrich Wilhelm IV. im März in Berlin mit schwarz-rot-goldener Schärpe durch die Straßen ritt und sich an die Spitze der Revolution setzte. Im Mai 1848 konstituierte sich in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung, das vorläufige Parlament des im selben Jahr entstehenden Deutschen Reiches. Dieses mündete auf Umwegen 1871 in das Deutsche Kaiserreich. Das allerdings hatte die Nationalfarben Schwarz-Weiß-Rot . 

100 Jahre nach der ersten Republik

Als dieses Reich am Ende des Ersten Weltkrieg stürzte und aus den Revolutionswirren an seiner Stelle die Weimarer Republik entstand, entsannen sich deren Gründungsväter der Farben von 1848. Am 18. Februar 1919 beschloss ein Ausschuss der Deutschen Länder in der Nationalversammlung, sie als deutsche Nationalfarben einzuführen. 

100 Jahre Weimarer Verfassung (picture-alliance/dpa)

Gründungsakt der ersten deutschen Republik: die Verfasssungsgebende Versammlung 1919 in Weimar

“Diese Farben wurden von Februar 1919 an in der ersten Demokratie als Flagge verwendet”, so Ulrike Dittrich von der Stiftung Hambacher Schloss. “Doch später wurde diese Entscheidung dann von den Nationalsozialisten rückgängig gemacht. Die Nazis haben diese Flaggen sogar verbrannt – und mit ihnen symbolisch das liberale Gedankengut.”

Deutschland habe aus dieser Erfahrung Lehren gezogen, erklärte Frank-Walter Steinmeier aus Anlass des 100. Jubiläums der Nationalfarben. “Den Verächtern der Freiheit dürfen wir diese Farben niemals überlassen”, so der Bundespräsident. “Sondern lassen Sie uns stolz sein auf die Traditionslinien, für die sie stehen: Schwarz-Rot-Gold, das sind Demokratie und Recht und Freiheit!”

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Der Venezuela-Versteher

Manchmal gibt es Nudeln. An anderen Tagen auch mal Huhn oder Fisch. Auf jeden Fall ist das Mittagessen, das etwa zwei US-Dollar kostet, warm. Für die 65 Mitarbeiter, die immer noch im Unternehmen von Thilo Schmitz in der venezolanischen Hauptstadt arbeiten, ist die Mahlzeit auf jeden Fall überlebenswichtig. “Viele sind nur noch wegen des Mittagessens da. Wenn sie das nicht mehr bei uns bekommen würden, wären sie schon längst über alle Berge!”, ist der deutsch-venezolanische Unternehmer überzeugt. “In Venezuela herrscht die pure Verzweiflung, die Menschen sind hier alle am Ende ihrer Kräfte!”

Das mittelständische Unternehmen in Caracas vertreibt Schulmaterial, Papier und Büroutensilien, produziert Farben und Klebstoffe. Mehr als 200 Angestellte zählte die Firma noch vor ein paar Jahren, vor der schweren Wirtschaftskrise. Jetzt schreibt der Betrieb rote Zahlen, es geht nur noch um die nackte Existenz - im wahrsten Sinne des Wortes. “Alles dreht sich ums Essen”, sagt Schmitz, “es geht nicht mehr um die Klimaanlage, die kaputt gegangen ist, oder die abgefahrenen Autoreifen, was ja gefährlich ist oder auch um das Spielzeug für die Kinder zu Weihnachten. Es geht nur noch darum, genug zu essen zu haben.”

Hunger in Venezuela (picture-alliance/NurPhoto/A. Fuente)

“In Venezuela gibt es keine Tauben und Straßenhunde mehr” – Thilo Schmitz über die verzweifelte Suche nach Essbarem

Da ist der Lagerarbeiter, der um eine neue Hose bittet – weil er nur noch einmal pro Tag isst, 20 Kilo abgenommen hat und die alte Hose ihm nicht mehr passt. Da sind die großen Tüten mit Lebensmitteln, die Schmitz zu Weihnachten jedem seiner Mitarbeiter in die Hand drückt. Oder die Sache mit dem Obst. “Sie kaufen 50 Mandarinen und legen sie auf ein großes Tablett, damit die Mitarbeiter Kohlenhydrate und Vitamine zu sich nehmen. An einem ganz normalen Dienstagnachmittag. Und innerhalb von zwei Minuten ist alles weg.” Doch Schmitz‘ Arbeiter essen die Mandarinen nicht selbst, sondern bringen sie nach Hause, zu ihren Familien.

Eine Erfolgsgeschichte, bislang noch ohne Happy-End

Dabei ist die Geschichte von Thilo Schmitz eigentlich eine ziemliche Erfolgsgeschichte. 1967 wird er in Caracas geboren, macht an der Deutschen Schule Abitur. Für die Lehre geht Schmitz nach Bremen, studiert später in Frankfurt am Main, macht sich dort selbständig, arbeitet bei der Deutschen Bank. Schmitz sieht seine Zukunft in Deutschland, bis ihn 1994 sein Vater bittet, den Betrieb in Caracas zu übernehmen. Er muss nicht lange nachdenken: “So eine Chance, ein Familienunternehmen zu übernehmen und weiterzuentwickeln, bekommt man nur einmal im Leben!”

Kurze Zeit später, im Januar 1996, wagt Schmitz den Sprung über den Teich und ist auf einen Schlag Chef von 34 Angestellten. Aus dem Schreibgeräteunternehmen wird eine Firma für Schreibgeräte und Scheren, später für Papier, Büroartikel und Schreibwaren. Der Laden brummt. Doch dann kommt der 6.Dezember 1998. An den Tag, an dem der Sozialist Hugo Chávez die Wahlen in Venezuela gewinnt, kann sich Schmitz bis heute gut erinnern. “Wir hatten große Angst vor diesem Typen und waren alle ziemlich geschockt. Aber dann haben wir uns gedacht, dass niemand so blöd sein kann, ein so schönes Land so schnell kaputt zu machen.”

Bildgalerie über das Leben des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez Venezuela (AFP/Getty Images)

Schon vor der Wahl siegessicher: Hugo Chávez im venezolanischen Präsidentschaftswahlkampf Ende 1998

Tatsächlich erweisen sich die Ängste zunächst als unbegründet, die Firma boomt auch die nächsten Jahre. Schmitz hält sich an die neuen Spielregeln, die Regierung nicht öffentlich zu kritisieren und fliegt erfolgreich unter dem Radar weiter. “Wir waren nicht relevant genug, wir waren nicht im Lebensmittelsektor oder in irgendwelchen wichtigen Industrien.” Bildung und Erziehung haben bei der Regierung Chávez dagegen Priorität, und Hefte, Bleistifte und Radiergummis braucht jeder. Wenn man dann noch wie Schmitz Schulbedarf in den Armenvierteln zum Spottpreis abgibt, ist man auf der sicheren Seite.

Zurück nach Deutschland

Hugo Chávez forciert derweil seinen Sozialismus des 21.Jahrhunderts, das Erdöl sprudelt, der Präsident pumpt die üppigen Gewinne aus dem Erdölgeschäft in Sozialprogramme, der Lebensstandard vieler Venezolaner wächst. “Chávez hat viel Gutes gemacht”, urteilt Thilo Schmitz heute milde, “aber man kann den Sozialismus mit Subventionen und Geschenken nur durchfinanzieren, wenn man die Taschen voller Geld hat. Wenn der Erdölpreis dann aber mal nach unten geht, hat man ein Problem!”

Ölförderung in Venezuela (picture alliance/dpa/M.Gutierrez)

Noch heute lagert knapp ein Fünftel der weltweiten Erdölreserven in Venezuela, Chávez profitierte vom hohen Erdölpreis

Als sich Chávez am 3.Dezember 2006 der Wiederwahl stellt, ist sich Schmitz sicher, dass die sozialistische Ära Venezuelas endgültig vorbei ist. Der Unternehmer hofft auf einen Sieg des sozialdemokratischen Herausforderers Manuel Rosales. Doch Chávez gewinnt mit großem Abstand und nach der Rede vorm Miraflores-Palast fasst Thilo Schmitz einen folgenreichen Entschluss: “Ich gehe, sofort. Nach Miami, Panama oder Deutschland, egal. Aber die Rede von Chávez war so furchterregend, so fanatisch, so aggressiv, das hat mich echt geschockt.” Am Ende dauert es bis zum 8. August 2008, bis Schmitz nach Bremen zurückkehrt. In der Zwischenzeit arbeitet er seinen Nachfolger in Caracas ein, Schmitz managt die Firma ab jetzt von Deutschland aus.

Hoffnung auf bessere Tage stirbt zuletzt

Venezuela hat genauso viele Schüler wie Deutschland, bis zum Tod von Hugo Chávez am 5.März 2013 macht der Deutsch-Venezolaner weiterhin gute Geschäfte. Als Nicolás Maduro übernimmt, entscheidet der Unternehmer, auch in die Produktion zu gehen. “Jede neue Regierung will Arbeitsplätze schaffen und das geht nur, wenn man wie wir die lokale Industrie fördert.” Die neue Strategie, um sich auch mit der Nachfolgeregierung zu arrangieren. “Bei Chávez wussten wir ja mittlerweile, wie er tickt”, erinnert sich Schmitz, “Maduro dagegen war ein unbeschriebenes Blatt. Niemand hatte eine Ahnung, wie es mit ihm weitergehen sollte!”

Mit dem neuen Präsidenten beginnt Venezuelas bitterer Absturz. Und auch der von Thilo Schmitz‘ Firma. “Wir haben einmal 50 Millionen US-Dollar umgesetzt. Jetzt sind wir bei knapp einer Million US-Dollar.” Jahr für Jahr verlassen Mitarbeiter das Unternehmen, wandern nach Kolumbien, Chile oder in die USA aus. Andere schickt Thilo Schmitz in die Frührente, einigen muss er kündigen. Nur noch 65 von einst über 200 Mitarbeitern sind da, warum schließt er nicht endlich und gibt auf wie so viele Betriebe in Venezuela vor ihm? “Wir haben eine Verantwortung für die Mitarbeiter, das Unternehmen muss überleben”, gibt sich Thilo Schmitz kämpferisch, “und wir glauben daran, dass es irgendwann in Venezuela wieder bergauf geht. Und wenn es soweit ist, will ich dabei sein!”

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Gegen den Extremismus hinter Gittern

Chérif Chekatt hat in den 29 Jahren seines Lebens viele Gefängnisse von innen gesehen, in Frankreich, aber auch in Konstanz und Freiburg. Verurteilt wurde er vor allem wegen Einbruchsdiebstählen. Hinter Gittern wurde jedoch aus dem Kriminellen allmählich ein Extremist, der französische Geheimdienst führte ihn seit 2015 in der Sicherheitsakte “Fiche S”. Am 11. Dezember 2018 verübte Chekatt einen Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt, bei dem er fünf Menschen tötete. Sicherheitskräfte töteten ihn zwei Tage später, die Terrormiliz IS bezeichnete ihn posthum als einen ihrer “Soldaten”.

Dass zahlreiche Insassen von Gefängnissen anfällig sind für radikales Gedankengut, ist nicht erst seit dem Fall Chekatt bekannt. “Ein Salafist geht rein, fünf kommen raus”, so brachte es ein hessischer Verfassungsschützer 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) auf den Punkt. Von den 750 Personen, die das Bundeskriminalamt (BKA) als sogenannte ”Gefährder” einstuft, sitzen nach Auskunft der Behörde derzeit 116 in deutschen Gefängnissen ein. Damit sie und andere ihr extremistisches Gedankengut nicht weitergeben, sondern bestenfalls sogar ablegen, gibt es in allen 16 Bundesländern Programme zur Extremismus-Prävention und Deradikalisierung hinter Gittern.

Zum Denken animieren

In acht Bundesländern ist der Berliner Verein “Violence Prevention Network” (VPN) mit dieser Aufgabe befasst, in sechs Ländern bieten die Mitarbeiter des Vereins in Gefängnissen den Dreiklang aus Prävention, Fortbildung und Deradikalisierung an. “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir es tatsächlich schaffen können, Arbeitsbeziehungen aufzubauen”, sagte VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke der DW. “In einem längeren Beratungsprozess sorgen wir dafür, dass die Menschen anfangen, nochmal selber nachzudenken und nicht irgendwelchen Ideologien hinterher zu laufen.”

Thomas Mücke, Mitbegründer und Geschäftsführer des Violation Prevention Networks (VPN/Klages)

Thomas Mücke ist Mitgründer und Geschäftsführer des Violence Prevention Networks

Die pädagogischen Mitarbeiter von VPN sind zum Teil religiöse Muslime, aber nicht alle: “Es ist für den Erstkontakt sehr wichtig, dass das Gegenüber interessant ist”, sagt Mücke. Dabei zögen manche Klienten ein religiöses Gegenüber vor, für manche sei jedoch eine atheistische Grundeinstellung wichtig. 2017 belegte eine Studie des BKA, dass Prävention und Deradikalisierung vor allem dann erfolgreich ist, wenn ein “möglichst breit aufgestelltes Portfolio an Maßnahmen und vielfältige Identifikationsmöglichkeiten” angeboten werden.

VPN entsendet seine pädagogischen Mitarbeiter deshalb direkt in Zweierteams in die Haftanstalten. Die Tandems begegnen meist acht Personen in Gruppensitzungen, in komplizierteren Fällen halten sie auch Einzelsitzungen ab. Darin sollen die Häftlinge vor allem die Brüche in ihrer Biografie nachvollziehen und begreifen, warum sie zu einem bestimmten Zeitpunkt für extremistisches Gedankengut anfällig waren. “Wenn jemand einer Ideologie folgt, in der das Existenzrecht anderer Menschen abgelehnt wird, und wir bemerken die Zweifel, dann kommt häufig irgendwann der Punkt, an dem derjenige sagt, dass er eigentlich ein ganz normales Leben führen möchte”, sagte Mücke. “Dann versuchen wir an diesem Punkt mit ihm zu arbeiten.” Häufig entwickeln die Klienten im Laufe das Trainings einen eigenen Antrieb, etwas zu ändern – selbst, wenn sie eigentlich aus anderen Gründen begonnen haben. Eine Haftverkürzung könnten sie damit nur erreichen, wenn nachweislich festgestellt werden kann, dass ein Betroffener seine Haltung verändert hat.

Das Leben danach

Hat ein Häftling seine Strafe verbüßt, darf er sich aus dem Tandem einen Mitarbeiter aussuchen, der ihn sechs bis zwölf Monate weiter betreut – oder länger, falls erforderlich. Die soziale Integration sei nicht einfach, sagte Thomas Mücke: “Wenn zum Beispiel bekannt ist, dass sie sich in einem Kampfgebiet aufgehalten haben, wird es schwierig, einen Ausbildungsplatz oder einen Arbeitsplatz zu finden. Dieser Personenkreis muss nach der Haftentlassung sehr intensiv betreut werden, damit die Betroffenen wieder einen Weg zurück in die Gesellschaft finden.” Rückschläge gehörten dazu, sagte Mücke, aber gerade beim Verhindern von Selbst- und Fremdgefährdung sei man auf einem guten Weg.

Symbolbild Entlassung aus dem Gefängnis (picture-alliance/blickwinkel/McPHOTOs)

Die Gesellschaft drückt häufig Ex-Häftlingen einen Stempel auf

Die Abbrecherquote der Programme von VPN liegt bei zwei Prozent. “Die meisten lassen sich tatsächlich auf diesen Prozess ein – auch auf die Betreuung nach der Haftzeit”, sagte VPN-Geschäftsführer Mücke der DW. Er warnte jedoch vor überzogenen Erwartungen: “Natürlich wird es nicht in jedem einzelnen Falle gelingen”, so Mücke. “Aber wenn man gar nichts macht, entsteht ein Flächenbrand, der kaum noch kontrollierbar ist.”

Mehr Islamisten, keine Rückfälle

Die Zahl der Gefangenen mit islamistischem Hintergrund steigt – in Baden-Württemberg zum Beispiel lag sie bis Mitte 2016 im einstelligen Bereich, nach einem rapiden Anstieg zählt das Justizministerium in Stuttgart derzeit 41 Islamisten. Davon sind jedoch nur zwei Personen wegen einer islamistisch motivierten Straftat verurteilt, weitere 13 sitzen deswegen in Untersuchungshaft, die übrigen sitzen wegen anderer Delikte ein und werden als mögliche Islamisten beobachtet. Neben dem VPN ist dort auch das Kompetenzzentrum gegen Aktivismus “konex” aktiv. Ein Ministeriumssprecher teilte der DW mit, dass “nach allseits sehr positiven Bewertungen” die Mittel für die jeweiligen Programme aufgestockt würden. Wie wirksam die Bemühungen letztlich sind, könne jedoch nicht gesagt werden, weil die Zielerreichung nur begrenzt messbar sei und die Zahl der einschlägig Verurteilter gering.

Deutschland Hamburg Messerattacke in Supermarkt (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

In Hamburg-Barmbek ging 2017 ein 27-Jähriger, der sich selbst als Terrorist bezeichnete, mit einem Messer auf Supermarktkunden los und tötete einen Mann – er sitzt lebenslänglich im Gefängnis

Aus denselben Gründen gilt auch in Hamburg die Erfolgsmessung als schwierig. “Wir haben jedenfalls bisher nicht beobachten können, dass sich Gefangene während der Haftzeit radikalisieren würden oder dass Hamburgs Gefängnisse Orte der Rekrutierung durch extremistische Gruppen wären”, betonte ein Sprecher der Justizbehörde. In der Hansestadt sitzen derzeit neun als Extremisten identifizierte Personen ein.

Eindeutiger äußerte sich zum Jahreswechsel der Präsident des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG), Roman Poseck. “Durch den Strafvollzug werden die Verurteilten aus ihrem islamistischen Umfeld herausgerissen und der Indoktrination durch islamistische Propaganda entzogen”, sagte Poseck in einer Pressemitteilung. Die Arbeit des VPN in der Strafvollstreckung setze “an den richtigen Stellen” an. In Hessen habe es seit 2010 bisher keinen einzigen Rückfall gegeben, nachdem Islamisten ihre vom OLG verhängten Strafen verbüßt hätten.

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