Месечни архиви: October 2019

Gericht weist Klimaklage von Biobauern und Greenpeace ab

Drei Bauernfamilien aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Brandenburg sind vor dem Berliner Verwaltungsgericht mit einer Klimaklage gegen die Bundesregierung gescheitert. Eine Berufung zum Oberverwaltungsgericht als nächste Instanz wurde allerdings zugelassen.

Die Öko-Landwirte von der Nordsee-Insel Pellworm, aus dem Alten Land bei Hamburg und aus der Lausitz wollten gemeinsam mit der Umweltorganisation Greenpeace die Regierung dazu verpflichten, ihre 2014 beschlossenen Klimaziele und damit eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 bis 2020, und nicht erst bis 2023 umzusetzen. In der Verfehlung der Klimaziele sehen sie ihre Grundrechte verletzt, weil die durch den Klimawandel ausgelösten Extremwetterereignisse wie Starkregen oder anhaltende Dürre ihre landwirtschaftliche Existenz bedrohe. Sie hätten in den vergangenen Jahren gemerkt, “dass die Wetterextreme einfach mehr werden”, sagte Klägerin Silke Backsen vor Prozessauftakt der Deutschen Welle.

“Zulässige Zielabweichung”

Die 10. Kammer des Verwaltungsgerichtes wies die Klage am Ende einer mehrstündigen Verhandlung als unzulässig zurück. Der damalige Beschluss der Bundesregierung sei eine politische Absichtserklärung und keine rechtliche Regelung, auf die sich die Kläger berufen könnten, betonten die Richter. Es gebe keine zwingende Vorgabe zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen. Zudem habe die Bundesregierung ihre Klimaziele für 2020 durch den im Oktober verabschiedeten Regierungsentwurf zum Bundes-Klimaschutzgesetz auf das Jahr 2023 verschoben – aus Sicht des Gerichtes eine “zulässige Zielabweichung”.

Wenn im Jahr 2020 eine Reduzierung um 32 Prozent erreicht werde und das Klimaziel erst drei Jahre später erfüllt werden solle, bedeute das nicht, dass die bisherigen Maßnahmen völlig unzureichend seien, so das Gericht weiter. Das 40-Prozent-Ziel sei kein absolut gebotenes Minimum an Klimaschutz. Auch ergebe sich keine unbedingte Verpflichtung, die Reduzierungsziele ausschließlich durch Maßnahmen im eigenen Land einzuhalten. Vielmehr sei es bei Verfehlen des Reduktionsziels zulässig, überschüssige Emissionsberechtigungen von anderen EU-Mitgliedstaaten zu erwerben. Eine Berufung wurde trotzdem zugelassen, um grundlegende Fragen zu klären, wie es hieß. Klimaklagen seien für die Verwaltungsgerichtsbarkeit “ein völlig neues Terrain”, erklärte das Gericht.

“Geschichte noch nicht zu Ende” 

Die Vertreter der Bundesregierung hatten in der Verhandlung davor gewarnt, eine mögliche Klage verstoße gegen die Gewaltenteilung und das Demokratieprinzip. Die Verpflichtung der Exekutive durch ein Gericht zu einem bestimmten Handeln, wäre ein “schwerer Eingriff in die politische Willensbildung der Bundesregierung und künftiger Bundesregierungen”.

Die Klägeranwältin Roda Verheyen würdigte das Urteil als Teilerfolg. Mit der Zulassung zur Berufung “sei die Geschichte noch nicht zu Ende”, sagte sie. Das zeige, Klimaschutz sei justiziabel. Sie sei deshalb auch “überhaupt nicht enttäuscht”. Auch die Linken im Bundestag erklärten, Klimaschutz und Klimaschutzziele müssten als Recht verbindlich und einklagbar sein. Zum Auftakt der Verhandlung hatten rund 100 Klimaaktivisten und Landwirte vor dem Gerichtsgebäude demonstriert.

sti/AR (afp, dpa, epd)

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US-Demokraten forcieren Verfahren gegen Trump

Erstmals seit Beginn der Ermittlungen für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump hat das Repräsentantenhaus in einem förmlichen Beschluss die Untersuchungen gebilligt und das weitere Prozedere festgelegt. Die Kongresskammer votierte mit den Stimmen der Demokraten für eine Resolution, die Regeln für die weiteren Untersuchungen setzt und unter anderem öffentliche Zeugenanhörungen ermöglicht.

Die Abstimmung verlief bei diesem ersten Stimmungstest nahezu gleichauf mit den Mehrheitsverhältnissen im Repräsentantenhaus – 232 zu 196 Stimmen. Lediglich zwei Demokraten sprachen sich gegen ein Verfahren aus. Die Republikaner votierten geschlossen gegen die Vorlage.

Öffentliche Zeugenanhörungen möglich

Die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, die Demokratin Nancy Pelosi, sagte, die Regeln sorgten für Klarheit und Transparenz. Die Öffentlichkeit könne sich nun selbst ein Bild von Zeugenaussagen machen. Dass überhaupt Impeachment-Ermittlungen nötig seien, sei traurig. Doch die Demokratie des Landes stehe auf dem Spiel.

USA | Repräsentantenhaus | Trump | Impeachment (Reuters/T. Brenner)

Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi: “Dies ist ein trauriger Tag.”

Bei dem Votum handelte es sich noch nicht um eine Abstimmung über die Eröffnung eines sogenannten Impeachment-Verfahrens gegen Trump. Diese erfolgt erst nach Abschluss der Ermittlungen – sofern aus Sicht der Abgeordneten genug Belege für ein schwerwiegendes Fehlverhalten Trumps vorliegen. Das Votum vom Donnerstag gilt aber als wichtige Wegmarke: Damit werden die Ermittlungen formalisiert und auf eine neue Ebene gehoben, weil künftig Zeugenanhörungen in dem Fall, die bislang hinter verschlossenen Türen stattfanden, öffentlich abgehalten werden können.

Zunächst hatten die Demokraten darauf verzichtet, ihr Vorgehen im Plenum der Kammer zur Abstimmung zu stellen – mit der Begründung, die Verfassung verlange dies nicht. Das Weiße Haus hatte das Fehlen eines Plenumsbeschlusses aber scharf kritisiert und unter anderem als Begründung dafür bemüht, eine Kooperation bei Zeugenaussagen oder der Herausgabe von Dokumenten kategorisch zu verweigern.

Die Regierungszentrale beklagte auch, Trump würden in dem Verfahren fundamentale Rechte verweigert, etwa Belege einzusehen oder Zeugen zu benennen. Um diese Argumentation zu entkräften, setzten die Demokraten schließlich doch ein Votum an. Pelosi erklärte, damit könne das Weiße Haus das Fehlen eines Plenarbeschlusses nicht mehr als “grundlose” Ausrede nutzen, um die Untersuchung zu boykottieren.

Hintergrund der Ermittlungen ist die Ukraine-Affäre, bei der es um ein Telefonat Trumps mit seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj geht. Der US-Präsident soll Selenskyj unter Druck gesetzt haben, Nachforschungen zum aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und dessen Sohn Hunter zu unternehmen. Trump soll zudem die Zurückhaltung von rund 400 Millionen US-Dollar an Militärhilfen für die Ukraine als Druckmittel eingesetzt haben, um die Führung in Kiew zu Ermittlungen zu drängen. Trump bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Weißes Haus protestiert

Trump schrieb auf Twitter erneut von der “größten Hexenjagd in der Geschichte der USA”. Das Weiße Haus verurteilte das Vorgehen der Demokraten gegen Präsident Trump als “unfair, verfassungswidrig und von Grund auf unamerikanisch” verurteilt. “Der Präsident hat nichts falsch gemacht und die Demokraten wissen es”, sagte Sprecherin Stephanie Grisham. Sie warf den Demokraten und Pelosi “Besessenheit” vor, die nicht Trump, sondern dem amerikanischen Volk schade. Die Demokraten verschwendeten jeden Tag ihre Zeit mit dem “offenkundigen, parteiischen Versuch, den Präsidenten zu zerstören”, erklärte Grisham.

Um den Präsidenten tatsächlich des Amtes zu entheben, muss sich allerdings der gesamte Kongress dafür aussprechen. Während im Repräsentantenhaus bei einem finalen Votum die einfache Mehrheit genügt, müssen im Senat zwei Drittel der 100 Senatoren zustimmen. Dort haben allerdings Trumps Republikaner eine knappe Mehrheit. Eine Zustimmung der Kammer zu einer Amtsenthebung gilt deswegen als unwahrscheinlich, auch wenn es in den USA keinen Fraktionszwang gibt. Bisher ist noch kein US-Präsident auf diesem Wege des Amtes enthoben worden.

kle/sti (rtr, dpa, afp)

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Steinmeier in Boston: "Danke an Amerika"

Es regnet schon den ganzen Donnerstagmorgen in Boston, und es macht nicht den Eindruck, als würde es demnächst aufhören. Aber davon lässt sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nicht die Laune verderben. Gut gelaunt begrüßt er die Gäste, mit denen er sich im Intercontinental Hotel zu einem Arbeitsfrühstück trifft. Das Motto: “Populismus und Polarisierung – Herausforderungen auf beiden Seiten des Atlantiks”.

Steinmeier sitzt mit einigen Bundestagsabgeordneten fünf Sozialwissenschaftlern aus Deutschland und den USA gegenüber. Gesprochen wird darüber, wie man mit Demagogen in der Politik umgehen sollte, wie man auf Wähler populistischer Parteien – oder Unterstützer von populistischen Politikern – zugehen kann, und welche Rolle Medien in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft spielen.  

Die morgendliche Diskussionsrunde ist der Auftakt zu einem zweitägigen Boston-Besuch des Bundespräsidenten. Der Aufenthalt setzt einen Schlusspunkt an das Deutschlandjahr in den USA, das den Titel “Wunderbar Together” trug. Rund 12 Monate lang wurde die deutsch-amerikanische Freundschaft gefeiert. Die weiß auch der Bundespräsident zu schätzen.

USA Bundespräsident Steinmeier in Boston (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Populismus zum Frühstück: Steinmeier bei der Diskussionsrunde in Boston

“Deutsch-amerikanische Beziehungen – das ist weit mehr als Handelsstreit oder der Streit über Verteidigungsausgaben”, betont der Bundespräsident nach dem Frühstück gegenüber Journalisten. “Das Interesse der Menschen in unseren beiden Ländern aneinander ist erhalten geblieben.” Mit seinem Besuch wolle er 30 Jahre nach dem Mauerfall auch Wertschätzung gegenüber den USA zeigen. “Danke an Amerika für den Beitrag, den dieses Land geleistet hat, um Einheit und Freiheit im wiedervereinten Deutschland möglich zu machen.”

Eine vernachlässigte Freundschaft

Das Deutschlandjahr, eine Zusammenarbeit des Goethe-Instituts, des Auswärtigen Amts und des Bundesverbands der Deutschen Industrie, hat rund 1,3 Millionen Besucher erreicht. In allen 50 US-Bundesstaaten fanden Veranstaltungen in den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Kultur, Sprache, Wirtschaft und Sport statt.

Die “Wunderbar Together” Initiative habe dem transatlantischen Verhältnis gut getan, sagt Cathryn Clüver Ashbrook. Die Deutschamerikanerin, die beide Pässe besitzt, leitet an der Harvard Kennedy School das “Project on Europe and the Transatlantic Relationship”.

Bundeskanzlerin Merkel mit scheidendem US-Präsident Obama (Getty Images/AFP/J. MacDougall)

Gute transatlantische Beziehungen, NSA hin oder her: Angela Merkel mit Barack Obama (2016)

“Wir haben das Verhältnis, wie man das manchmal mit einer Freundschaft, die man schon lange hat, vernachlässigt”, so Clüver Ashbrook. Sie betont: “Die Misstöne sind nicht erst unter Trump entstanden. Unter Obama hatten wir zum Beispiel den NSA-Skandal, mit dem Abhören des Kanzler-Handys. Aber Obama und Merkel hatten ein sehr enges persönliches Verhältnis.”

Verhältnis von Staatsoberhäuptern nicht entscheidend

Das kann man von der deutschen Kanzlerin und dem aktuellen US-Präsidenten nicht sagen. Donald Trump bezeichnete Deutschland als Gegenspieler in Wirtschaftsfragen und kritisiert die niedrigen Verteidigungsausgaben des Landes. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist die Abneigung gegen den US-Präsidenten und seine harsche, von Twitter geprägte Politik groß.

Aber dass sich die führenden Politiker nicht grün sind, heißt nicht, dass Deutsche und US-Amerikaner per se nichts voneinander halten. ”Der Bruch, der vom Weißen Haus ausgeht, spiegelt sich nicht in der Bevölkerung wider”, sagt Clüver Ashbrook. “Es gibt enge Verbindungen zwischen deutschen und amerikanischen Städten und Firmen.”

Katja Petrowskaja und David Levitz beim Bay Area Book Festival in Berkeley (DW/D. Michel)

“Wunderbar Together”: Die Autorin Katja Petrowskaja und DW-Redakteur David Levitz in Berkeley (im Mai)

Auch die Organisatoren der German American Conference, die jährlich an der Harvard University vor den Toren von Boston stattfindet, sagen, dass die Meinungsverschiedenheiten in der Politik keinen Einfluss auf andere Verbindungen haben. “Die wahre deutsch-amerikanische Freundschaft spielt sich auf einer viel persönlicheren Ebene ab”, sagt Philipp Simons, einer von vier Leitern des Organisationskomitees der German American Conference. “All die engen Verbindungen zwischen Gemeinden in den USA und in Deutschland, ob sie nun auf Freundschaft, Wirtschaftskooperation oder dem Austausch von Ideen basieren, sind in einem sehr viel besseren Zustand, als es uns manche glauben machen wollen.”

Daten im Internet: Privatsphäre vs. Komfort

Am Freitag wird Steinmeier vor Teilnehmern der German American Conference sprechen. Bei der Diskussionsrunde soll es um die “Ethik der digitalen Transformation” der Gesellschaft gehen. Ein interessantes Thema – besonders wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Deutsche und US-Amerikaner der Digitalisierung und den Internetriesen, die sie vorantreiben, gegenüber stehen.

“Die eine Seite schätzt Privatsphäre am höchsten, die andere Komfort”, sagt Clüver Ashbrook. “Die Deutschen vertrauen ihre Daten dem Staat und seinen bürokratischen Institutionen an. Die Amerikaner sind eher bereit, ihre Daten an Google, Amazon und Facebook weiterzugeben, wenn das das Leben für sie einfacher macht.”

Unterschiede wie diese können zu Verständnislosigkeit führen, wenn man das jeweils andere Land nur abstrakt aus der Ferne beobachtet. Genau deswegen sind Projekte wie das Deutschlandjahr mit seinen vielen persönlichen Begegnungen so wichtig, sagt Clüver Ashbrook. “Schade, dass es schon zu Ende geht.”

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Nudges: Wie kleine Stupser unsere Entscheidungen beeinflussen

Der Handywecker klingelt und es vibriert fürchterlich laut am Parkettboden. Na guten Morgen! Wie viel Schlaf war das genau? Egal, zu wenig. Viel zu wenig. Und ehe ich mich versehe, befinde ich mich kurz nach dem ersten Augenaufschlag inmitten meines täglichen Entscheidungsmarathons.

Bleibe ich noch kurz liegen, snooze ich noch eine Runde? Besser nicht. Trinke ich einen Kaffee, oder zur Abwechslung mal Tee? So ein Quatsch, Kaffee. Gehe ich vorher ins Bad? Auf gar keinen Fall. Und wie soll eigentlich das Wetter werden? Vielleicht brauche ich einen Schirm. Und eine Jacke?! Laufe ich zur Bahn oder nehme ich das Rad?

Und. So. Weiter.

Wow, das wäre geschafft. Bis ich morgens das Haus verlasse, habe ich – wie jeder Mensch – eine ganze Menge entschieden. Rund 35.000 Entscheidungen treffen wir täglich, schreiben Barbara Sahakian, Professorin für klinische Neuropsychologie an der Universität Cambridge, und Jamie Nicole LaBuzetta von der University of San Diego, in “Bad Moves: How decision making goes wrong, and the ethics of smart drugs“.

Vielleicht sind es auch nur 20.000 oder sogar mehr. Das lässt sich nur schwer verallgemeinern. Mindestens 200 Entscheidungen pro Tag sollen allein für Mahlzeiten draufgehen. Das kann ich mir persönlich schon besser vorstellen. Noch ‘n Keks?

Kekse

Über 200 unserer Entscheidungen pro Tag drehen sich allein ums Essen

Erdbeere, Schoko oder Vanille

Zum Glück sind die meisten dieser unzähligen Entscheidungen unbewusst, sonst hätte ich ein Problem. Denn Entscheidungen zu treffen, fällt mir extrem schwer. Und damit meine ich keine besonders wichtigen Veränderungen, sondern es reicht schon die Auswahl einer Kugel Eis. 

Während ich unentschlossen vor der Eistheke auf- und ablaufe, die angebotenen Geschmacksrichtungen abwäge, scanne welche Behälter besonders leer sind – ergo besonders beliebt sind – , scheint es andere ziemlich egal zu sein, welche Eis-Sorte  sie gleich rübergereicht bekommen.

Sie wählen innerhalb von 0,5 Sekunden quasi die Erstbeste, Vanille etwa, ohne auch nur Avocado-Gurke-Petersilie oder Pfirsich-Lavendel direkt daneben eines Blickes gewürdigt zu haben. 

Dr. Eva Krockow, University of Leicester

Eva Krockow forscht zu “Judgement and Decision Making” an der University of Leicester

Am Ende sind sie wahrscheinlich genauso glücklich mit ihrem Eis wie ich – mit dem kleinen Unterschied, dass sie zehn Mal schneller zum Entschluss gekommen sind.

Entscheidungen einfach treffen

Doch warum ist das so, warum treffen die einen Menschen scheinbar völlig problemlos sowohl nebensächliche als auch essenziellere Entscheidungen, und andere tun sich schon mit Alltäglichem schwer?

“Grundsätzlich ist es nie einfach, Entscheidungen zu treffen, ganz egal welche”, sagt Eva Krockow, Juniorprofessorin in Psychologie an der University of Leicester. Sie forscht zu “Judgement and Decision Making”.

“Allerdings beeinflussen auch Persönlichkeitsaspekte unsere Entscheidungsfreude”, so Krockow.”Wer eine Tendenz zum Perfektionismus hat, der hat den Drang, alle Optionen exakt abwägen zu müssen, was realistisch gesehen aber einfach unmöglich ist.”

Auch wenn es natürlich schön wäre, alle 50 Eis-Sorten vor der finalen Entscheidung durchzuprobieren, das gibt auch Eva Krockow zu.

Eistheke

Decisions, Decisions: Welche Sorte würden Sie nehmen?

Alltagstaugliche Heuristik

Mit der Frage, wie Menschen in ihrem Alltag Entscheidungen treffen, beschäftigt sich sogar ein ganzes Forschungsgebiet, die “Kognitive Heuristik”. Der Begriff ”Heuristik” kommt aus dem Altgriechischen; “Heuriskein” bedeutet so viel wie ”finden”. 

“Bei unserer Entscheidungsfindung greifen wir sogar ganz oft auf bestimmte Heuristiken zurück, wir merken es nur nicht”, sagt Eva Krockow. Sie rät, öfters simple, aber effiziente Entscheidungsregeln zu nutzen. 

Ein einfaches Beispiel: Wir möchten über ein verlängertes Wochenende verreisen, aber das Angebot an Unterkünften überfordert uns: Hotels, Bed&Breakfast, Hostel, Frühstück, Halbpension, All Inclusive.

“Suchen Sie sich das für Sie wichtigste Kriterium aus, von dem Sie Ihre Entscheidung abhängig machen”, sagt Eva Krockow. “Das kann zum Beispiel die Unterkunft mit den meisten positiven Bewertungen allgemein sein, oder wenn Ihnen die zentrale Lage wichtig ist, dann setzen Sie hier Ihre Priorität.” Bevor Sie sich in all den anderen Optionen verlieren, buchen Sie nach dieser einfachen Regel. Ende. 

Die perfekte Lösung gebe es ohnehin nur selten, so Krockow. Auch das sollten wir uns im Alltag des Öfteren bewusst machen.  

Entscheidungshelfer

Tipp: Machen Sie sich öfter simple, aber effiziente Entscheidungsregeln zunutze

Entscheidungen: Intuition vor Logik

Grundsätzlich unterscheiden Psychologen bei Entscheidungen zwischen schnellen, instinktiven, beziehungsweise emotionalen Denkprozessen (System 1 genannt) und langsamen, systematischen Denkprozessen (System 2 genannt).

Diese Theorie wurde unter anderem von den Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky geprägt und wird oft als “Dual-process theory” (DPT) bezeichnet. “Auf unserem Weg durchs Leben lassen wir uns normalerweise von Eindrücken und Gefühlen leiten. Das Vertrauen, das wir in unsere intuitiven Überzeugungen und Präferenzen setzen, ist in der Regel gerechtfertigt. Aber nicht immer.

Wir sind oft selbst dann von ihrer Richtigkeit überzeugt, wenn wir irren. Ein objektiver Beobachter erkennt unsere Fehler mit höherer Wahrscheinlichkeit eher als wir selbst”, heißt es in Kahnemanns Buch “Thinking, Fast and Slow”. 2002 erhielt er für seine Arbeit über Entscheidungsprozesse den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. 

Umfrage zur Intuition bei Entscheidungen

“Gerade im Alltag spielen Intuition und Bauchgefühl eine besonders große Rolle”, sagt auch Eva Krockow. “System 1 wird in der Realität viel häufiger genutzt als System 2, da wird nicht genug Zeit und kognitive Kapazität haben, um über jedes Problem systematisch nachzudenken.” 

Die Sache mit dem Bauchgefühl

“Viele dieser automatischen Denkprozesse funktionieren gut – deshalb liegt man mit dem Bauchgefühl oft richtig”, sagt Krockow. Aber: Bei wichtigen Entscheidungen oder in Situationen, in denen man womöglich manipuliert werden könnte, sollte man sich nicht allein auf das Bauchgefühl verlassen. 

So durchschaubar

Denn wir Menschen sind leicht zu manipulieren. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie gehen mittags (besonders hungrig) in die Caféteria. “Was Sie dann auswählen, hängt ganz oft davon ab, wo ihr Blick als erstes hinfällt”, sagt Eva Krockow. Studien haben sogar gezeigt, dass gesunde Früchte – wenn auf Augenhöhe präsentiert – häufiger gewählt werden.

Solche Entscheidungsarchitekturen werden natürlich gezielt eingesetzt, zum Beispiel in Supermärkten. Sie wissen das vielleicht auch, greifen aber trotzdem manchmal zu, stimmt’s? Wenn im Supermarkt vorne an der Kasse Süßigkeiten liegen, schlagen wir spontan zu, obwohl wir zuvor erfolgreich einen großen Bogen um die Süßwarenabteilung gemacht hatten.

“Der Gedanke hinter der Theorie ist, dass man eigentlich die komplett freie Auswahl hat, unsere Entscheidungen aber stark davon beeinflusst werden, wie die verschiedenen Optionen dargeboten werden”, so Krockow.  

Mehr dazu: Wirtschaftsnobelpreis fürs “Anstoßen” 

Zum Wohle des Kunden

Die gemeinnützige Organisation “Royal Society for Public Health” (RSPH) hat einen Report (Bericht hier verlinken!) veröffentlicht, wonach bestimmte Konzepte in Supermärkten dabei helfen können, dass Kunden gesündere Lebensmittel kaufen.

Der Bericht soll Einzelhändler ermutigen, die Ladeneinrichtungen zugunsten gesundheitsorientierterer Designs zu überdenken: Es sollen weniger Regalfläche für Produkte wie Schokolade, Chips und zuckerhaltige Getränke bereitgestellt werden. Stattdessen sollen gesunde Lebensmitteln prominenter platziert werden, die auf dem EatWell-Leitfaden basieren, zum Beispiel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, mageres Fleisch und Wasser.

Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hat RSPH einen Popup-Supermarkt in London eröffnet. Er trägt den Namen “Nudge”.

Nudge: Ein kleiner Stups

Dieser Titel kommt nicht von ungefähr. Denn “to nudge” bedeutet so viel wie “anstupsen” oder “schubsen”. Der Begriff wurde von Thaler und Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch geprägt: “Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“.

Unter einem Nudge verstehen die Autoren eine Methode, um das Verhalten von Menschen zu beeinflussen - jedoch ohne Verbote und Gebote.

Beispiel gefällig? Wird in Urinalen das Bild einer Fliege angebracht, soll um die 80 Prozent weniger Urin auf dem Boden landen, da die Männer beim Urinieren auf die Fliege zielen. So heißt es jedenfalls. 

Aufgeklebte Fliege im Urinal

Was macht die Fliege wohl im Urinal? Uns erziehen!

Richard Thaler betont allerdings auch drei ethische Grundsätze beim Nudging: So müssen Nudges transparent und nicht irreführend sein. Es sollte so einfach wie möglich sein, sich gegen einen Nudge zu entscheiden und es sollte sichergestellt sein, dass das Verhalten, welches durch einen Nudge angestoßen wird, dem Wohlergehen der Gesellschaft dient. 

Achtung, Aha-Erlebnis!

Gerade im Alltag, sagt auch Eva Krockow, gibt es unendlich viele Anwendungsbereiche für Nudges. “Wir werden überall genudget”, so die Psychologin: “Es gibt kein neutrales Umfeld, alles ist irgendwie Design, alles ist Entscheidungsarchitektur.”

Denken Sie zum Beispiel an ihren Arbeitsweg: Liegt da eine Bäckerei am Weg, deren Duft ihnen jeden Morgen entgegenkommt? “Auch das hat einen großen Einfluss”, so Krockow. Wir müssen kein Brötchen oder Croissant kaufen, es ist nicht so, dass wir gezwungen werden, “aber wir werden extrem beeinflusst, wo ein Weg uns herführt.” 

Durchschauen Sie sich

Wer ein bisschen mehr über Nudging weiß, kann mit offeneren Augen durchs Leben gehen. “Sie werden sich selbst schnell durchschauen und merken, wo Sie besonders anfällig sind”, weiß Krockow. Wir können uns quasi umstellen, “uns selbst nudgen sozusagen”. Im Falle der verführerischen Bäckerei wäre das zum Beispiel ein kleiner Umweg, um der Versuchung zu widerstehen.

“Nudging ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit. Manche Sachen treffen auf einen selbst zu oder beeinflussen einen mehr als andere Leute. Da braucht man etwas Einsicht, um das zu erkennen und seine Umwelt zu beeinflussen.” 

Übrigens ist selbst eine Entscheidungsexpertin vor der Nudget-Macht nicht sicher. Eva Krockow hat sich zum Beispiel eine neue Spülmaschine angeschafft, die plötzlich Platz für größere Teller hatte, woraufhin sie sich größere Teller besorgt hat. Dadurch wurden die Portionen beim Essen auf einmal größer. 

“Wie groß wir die Portionen machen, war komplett uns überlassen ,doch die Größe der Teller hat dann doch deutlich beeinflusst, wie viel wir gegessen haben.”

Apropos Wahlmöglichkeiten, hier noch ein Beispiel aus dem Nudge-Universum: Forscher haben in einer Schulcaféteria getestet, wie viel Mühe die Schüler aufwenden, um an Eis zu kommen.

An einigen Tagen hielten sie dafür den Eisdeckel in der Theke geschlossen, an anderen Tagen geöffnet. Das Ergebnis: Wenn der Deckel geschlossen war, entschieden lediglich 14 Prozent der Schüler, dass sich die Mühe, also das anstrengende Öffnen der Theke, für ein Eis lohnt. War der Deckel schon geöffnet, entschieden sich 30 Prozent für Eis. 

Was ich daraus für mein Eis-Dilemma mitnehme? Meine Eisdiele geht nun erst mal in die Winterpause. Der Deckel ist also vorerst mehr als zu.

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Bushidos Album bleibt auf dem Index – was bringt das?

Zwei Klicks und schon findet der User die verbotenen Songs des Rappers Bushido – und das obwohl das Album bereits seit vier Jahren auf dem Index steht und damit als nicht jugendfrei gilt. Im Wortschwall des Gangster-Rappers fallen obszöne und vulgäre Bezeichnungen, die frauen- und homosexuellenverachtend sind. “Die hemmungslose Gewaltdarstellung zieht sich durch die Titel”, urteilte Thomas Heitz, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

“Sonny Black”, das 10. Studioalbum des Berliner Rappers, wurde 2015 von der zuständigen Bundesprüfstelle als jugendgefährdend eingestuft. Bushido ging daraufhin durch alle rechtlichen Instanzen: Das Verwaltungsgericht in Köln wies seine Klage ab, das Oberverwaltungsgericht gab ihm im Berufungsverfahren Recht, nun entschied das Bundesverwaltungsgericht erneut für die Indizierung des Albums.

Mehr Aufmerksamkeit dank Index

Jedes dieser Gerichtsverfahren wurde mit entsprechender Berichterstattung verfolgt und die verbotenen Formulierungen des umstrittenen Rappers medial diskutiert. Damit wurde dem Album wohl mehr mediale Aufmerksamkeit geschenkt als ohne Indizierung.

Zudem hat die Einstufung der Bundesprüfstelle an Schlagkraft verloren. “Schon in den 1980er Jahren hat die Indizierung nicht funktioniert, heute, im digitalen Zeitalter, ist das ein Witz”, sagte Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut der Deutschen Presse-Agentur. Vielmehr würde die Musik durch eine Tabuisierung für Jugendliche erst recht interessant.

Bushido in weißer Hose und weißem Pulli zieht mit verschränkten Armen auf einem Tisch eines Gerichtssaals (Foto: picture-alliance/dpa/S. Willnow).

Bushido vor Gericht: Der Rapper im Saal des Bundesverwaltungsgerichtes in Leipzig

Während deutsche Behörden gegen den Verkauf von Tonträgern am Ladentisch vorgehen können, entzieht sich das Internet zum größten Teil ihrer Kontrolle – insbesondere wenn die entsprechenden Seiten auf ausländischen Servern lokalisiert sind. “Das Internet hat Jugendmedienschutz schwieriger gemacht als er früher war, aber hat ihn nicht völlig obsolet gemacht”, sagte Frank Hölscher, Anwalt der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. So würden die großen Streamingdienste wie Spotify und Amazon die Indizierung beachten. Allerdings lassen sich die Song auch auf den gerade bei Jugendlichen beliebten, kostenlosen Plattformen wie YouTube problemlos finden.

Bushido will an seinem Image arbeiten

Dennoch nahm Bushido das Urteil nicht gelassen hin. Er sei “abgeschmiert auf ganzer Linie”, sagte er nach dem Prozess. Große Hoffnungen hätte er sich allerdings nicht gemacht, schließlich sei es schwierig mit der Rapper-Sprache in einer “komplett anderen Abteilung auf Verständnis zu stoßen”. Tatsächlich gelobte er gar Besserung, wolle in Zukunft weniger Gründe für eine Indizierung liefern: “Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ich nicht frauen- und schwulenfeindlich bin”, so der tunesisch-deutsche Rapper.

Bushido im Smoking und Fliege, neben ihm seine Frau mit Hochsteckfrisur und einem langen, silbernen Ohrring (Foto: AFP/Getty Images).

Bushido posiert mit seiner Frau Anna Maria Lagerblom bei der Bambi-Verleihung 2011

Es ist nicht das erste Bushido-Album, das von der Bundesprüfstelle verboten wurde. Bereits das erste Studio-Album “Vom Bordstein bis zur Skyline” landete 2005 auf dem Index, sein zweites war mehrere Jahre ebenfalls indiziert. Seit dem aktuellen Gerichtsverfahren 2015 hat Bushido mittlerweile drei weitere Alben, diesmal jugendfrei, herausgebracht. Mit insgesamt 13 Alben ist der 41-Jährige einer der produktivsten Rapper Deutschlands. Machte er keine Schlagzeilen mit jugendgefährdenden Songs, provozierte er öffentlich andere Rapper oder Prominente – und stilisierte sich damit gekonnt zum Gangsta-Rapper. Während die Öffentlichkeit sich vermeintlich echauffierte, wurden ihm zeitgleich diverse renommierte Preise verliehen wie der Echo oder MTV Europe Music Award – und 2011 tatsächlich auch der Bambi für Integration.

Bushido nun richtig einzuordnen, ist für Minderjährige daher gar nicht so einfach, insbesondere da sich indizierte Titel problemlos im Netz wiederfinden lassen. ”Kinder und Jugendliche müssen von klein auf lernen, mit Angeboten der Medien kritisch umzugehen”, sagte Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut. Dazu gehöre auch, zu hinterfragen, welches Anliegen Bushido mit seinen Texten verfolgt und welchen Nutzen der Rapper aus einer Skandalisierung zieht.

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