Месечни архиви: January 2020

Von der Leyen: Auf harten Brexit vorbereitet

Deutsche Welle: Es gab eine Menge Tränen diese Woche in Brüssel vor dem Brexit. Wie fühlen Sie sich? Sind sie noch traurig?

Ursula von der Leyen: Das ist ein sehr emotionaler Tag, wie das nun einmal ist, wenn ein Familienmitglied beschließt zu gehen. Es ist traurig. Ich habe viele Freunde im Vereinigten Königreich. Ich habe ein Jahr an der London School of Economics studiert. Ich habe Verwandte dort. Einige meiner Kinder haben dort studiert. Es gibt also eine Menge von Verbindungen. Ein emotionaler Tag!

Was werden Sie am meisten am Vereinigten Königreich vermissen?

Ich werde den Pragmatismus vermissen. Der war sehr hilfreich. Sie waren immer sehr geerdet. Ich werde ihren wunderbaren britischen Sinn für Humor vermissen. Aber so ist das nun einmal. Von morgen an werden wir mit unseren britischen Freunden aus einem Drittstaat umgehen.

Manche sagen, der schwerste Teil des Brexit kommt jetzt, nämlich das Aushandeln der neuen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Glauben Sie das auch?

Es werden harte, faire und schnelle Verhandlungen werden. Es stimmt, da das Vereinigte Königreich ein Drittstaat sein wollte, müssen wir nun herausfinden, wie nahe sie wirklich am gemeinsamen Binnenmarkt dran bleiben wollen. Je enger sie verbunden bleiben wollen, desto mehr müssen sie die gemeinsamen Regeln des Binnenmarktes befolgen. Es ist also mehr oder weniger ihre Wahl, ob sie weit weg sein wollen. Dann wird der Zugang zum Binnenmarkt schwierig. Oder eben umgekehrt.

Belgien Brüssel | DW Interview: Max Hofmann im Gespräch mit Ursula von der Leyen (DW/B. Riegert)

Zu Gast im DW-Studio Brüssel: Ursula von der Leyen mit Interviewer Max Hofmann

Der britische Premierminister Boris Johnson sagt, er werde unter keinen Umständen die Übergangsphase verlängern. Das heißt, wenn es bis zum Ende dieses Jahres keinen Vertrag gibt, erleben wir einen harten Brexit. Denken Sie, das ist ein schlauer Schachzug von ihm?

Das ist seine Entscheidung…

…ja, aber ist das klug?

Wenn das am Ende des Jahres der Fall sein sollte, dann sind wir vorbereitet, denn die schwierigsten Fragen sind für uns im Austrittsabkommen geregelt worden: Bürgerrechte, finanzielle Fragen und das Problem auf der irischen Insel. Das ist erledigt. Damit sind wir zufrieden. Jetzt sind wir in einer starken Ausgangsposition für die Verhandlungen. Wenn es am Ende des Jahres einen harten Brexit geben sollte, dann wird das hart. Das Vereinigte Königreich exportiert immerhin die Hälfte seiner Güter in die EU.

Hat sich Johnson selbst in eine Sackgasse manövriert? Hätten Sie das als Politikerin auch so gemacht?

Ich muss ihm keine Ratschläge geben, was er machen soll. Als EU-Kommission werden wir im Sommer sehen, wo wir stehen und dann entscheiden. Aber auch wenn wir am Ende des Jahres einen harten Brexit haben sollten, können die Verhandlungen danach trotzdem weitergehen.

Sie werden jetzt versuchen, ein Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich auszuhandeln. Können Sie definitiv sagen: Ein Jahr ist dafür zu kurz?

Es geht ja nicht nur um das Freihandelsabkommen. Es geht um mindestens zehn oder elf verschiedene Themen, um Sicherheit zum Beispiel. Es gibt eine Menge zu verhandeln. Wir werden rund um die Uhr arbeiten und dann werden wir sehen, wie weit wir kommen.

Aber unter normalen Bedingungen ist so etwas noch nie in so kurzer Zeit ausgehandelt worden?

Ich habe ursprünglich gesagt, dass wir mehr Zeit brauchen. Für eine solche Entscheidung brauchen Sie aber beide Seiten. Wir sind da ziemlich entspannt, denn wir haben, wie gesagt, eine gute Ausgangsposition.

Würden Sie unter diesen Umständen – Boris Johnson will keine Verlängerung, der Zeitdruck ist groß – sagen, dass ein harter Brexit unvermeidbar ist?

Hören Sie, lassen Sie uns doch erst einmal anfangen mit den Verhandlungen. Wir werden uns das britische Verhandlungsmandat anschauen, wir werden unser eigenes Mandat bekommen. Ich glaube, es wäre jetzt nicht klug, schon jetzt Voraussagen für das Ende des Jahres zu treffen. Ich habe Ihnen unsere Optionen aufgezeigt, aber lassen Sie uns erst einmal anfangen.

Was ist Ihr Hauptziel in diesen Verhandlungen?

Mein hauptsächliches Ziel ist es, eine gute, faire und möglichst enge Partnerschaft mit unseren britischen Freunden zu schließen. Wir haben sehr viele gemeinsame Interessen. Es geht darum, unseren Binnenmarkt zu schützen und gleiche Spielregeln mit unseren britischen Freunden zu erhalten. Wir müssen sicherstellen, dass die Union geeint bleibt.

Ich weiß, dass Sie keine Kristallkugel haben, Frau Kommissionspräsidentin, aber ich will es trotzdem versuchen. In zehn Jahren: Glauben Sie, das Vereinigte Königreich will dann wieder zurück in die EU?

Ich sage meinen Kindern immer, das ist eine Aufgabe für euch. Natürlich muss das britische Volk entscheiden. Für mich ist es jetzt wichtig zu sagen, wir sind Freunde. Wir wollen in Zukunft eine Partnerschaft pflegen. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten wie Klimawandel oder Digitalisierung. Da ziehen wir am gleichen Strang und sollten intensiv zusammenarbeiten. Lassen Sie uns auch die positive Seite sehen und machen wir das Beste daraus.

Ursula von der Leyen (61) ist seit dem 1. Dezember 2019 Präsidentin der Europäischen Kommission. Die CDU-Politikerin war zuvor Bundesverteidigungsministerin.

Die Fragen stellte Max Hofmann.

Source Article from https://www.dw.com/de/von-der-leyen-auf-harten-brexit-vorbereitet/a-52220342?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Australian Open: Halbfinale-Premiere verloren und trotzdem gewonnen

Nach drei Stunden und 42 Minuten umarmten Alexander Zverev und Dominic Thiem sich am Netz in der Rod Laver Arena, dem Center Court der Australian Open. Klar war, dass dieser Moment kommen würde, so endet jedes Tennis Match. Nach dem Geschmack des Deutschen hätte er aber deutlich später kommen können. Doch auch im zweiten Tiebreak des Halbfinals zwischen Zverez und Dominic Thiem war es der vier Jahre ältere Österreicher, der das bessere Tennis spielte und die besseren Nerven hatte.

In den entscheidenden Situationen unterlegen

“Dominic war in den entscheidenden Situationen einfach besser, in denen ich nicht mein bestes Tennis zeigen konnte”, analysierte Zverev das Match vor der Presse. “Ich hatte ja meine Chancen mit Break- und Satzbällen. Ich habe ein gutes Match gespielt, aber er ein besseres.” Der 22-Jährige wirkte zwar nicht geknickt, aber große Freude darüber, dass er sein erstes Grand-Slam-Halbfinale mit einem hoffnungsvollen Auftritt bestritten hatte, strahlte er auch nicht aus. Dafür ist die aktuelle Nummer sieben der Weltrangliste zu ehrgeizig. 

Tennis Australian Open Halbfinale | Alexander Zverev (picture-alliance/AP/L. Jin-Man)

Alexander Zverev: “Ich habe nicht mein bestes Tennis zeigen können”

Zu zögerlich war Zverev die Tiebreaks in den Sätzen drei und vier angegangen und hatte sich vom druckvollen, präzisen Spiel Thiems in die Enge treiben lassen. Das eine oder andere Mal wirkte nicht nur das Publikum ziemlich beeindruckt von der Vorstellung des Österreichers. In den von Zverev angesprochenen “entscheidenden Situationen” fehlten ihm Wucht und Präzision. Die Länge seiner Schläge – Zverev agierte weit hinter der Grundlinie - reichte schlicht nicht aus. Im entscheidenden Tiebreak von Satz vier lag Thiem bereits mit 4:0 vorne, ehe Zverev sich spielerisch ein wenig befreien und aufholen konnte. Doch das reichte nicht.

Zverev zu Beginn auf Kurs

Dabei hatte es zu Beginn des Matches ganz anders ausgesehen. Nach seinem ersten Satzgewinn scheint das Momentum beim Stand von 4:5 aus Sicht von Zverev endgültig auf seine Seite zu kippen. Einen Schmetterball von Thiem wehrt Zverez selbst mit einem Schmetterball ab, der genau auf der Linie einschlägt. Der Fingerzeig nach oben, 16.000 Zuschauer toben. In dem Augenblick glauben viele: Alexander Zverev wird sein erstes Grand Slam Finale erreichen.

Doch bei 5:4 im dritten Satz fehlt ihm ein Punkt zum Satzgewinn. Beim zweiten Satzball die Chance. Zverev ist nach Thiems Aufschlag in der Rallye und wartet darauf, dass der Österreicher endlich einen Fehler macht. Vielleicht ist genau dies der Unterschied an diesem Abend. Denn Thiem macht keinen Fehler. Und spielt in Drucksituationen stets sein bestes Tennis.

Tennis 2020: Australian Open Day Dominic Thiem (picture-alliance/dpa/S. Low)

Klar der stärkere Spieler: Dominic Thiem

Das hat auch Alexander Zverev häufig gezeigt und dadurch die Herzen vieler australischer Fans gewonnen. Genauso wie durch seine Ankündigung, im Falle eines Turniersiegs sein komplettes Preisgeld von etwa viereinhalb Millionen australischer Dollar an die Opfer derverheerenden Buschfeuer zu spenden. Solidarität hatten viele gezeigt, Zverev stieß hier aber in eine neue Dimension vor.

Generationswechsel im Herren-Tennis?

“Es war einfach alles super eng, besonders in den zwei Tiebreaks”, sagte Dominic Thiem, der im Viertelfinale Mitfavorit Rafael Nadal auf mindestens genauso beeindruckende Art wie dieses Mal Zverev geschlagen hatte, beim Platzinterview mit John McEnroe und zollte Zverev seinen Respekt. Und in der Tat wirkte der Viersatz-Sieg des Österreichers dann doch deutlicher, als es nach Gesamtpunkten war: 138 Punkte hatte Thiem für sich verbuchen können, Zverev derer 133 und damit nur fünf weniger im gesamten Match. Es waren eben die von Zverev angesprochenen “entscheidenden Situationen”, die zuvor den Ausschlag gegeben hatten.

Thiem durchbricht damit die jahrelange Dominanz der “großen Drei” Nadal, Federer und Djokovic zum ersten Mal deutlich. Der lang erwartete “Generationswechsel” im Herren-Tennis scheint bevorzustehen. Auch Zverev hat daran durch die Leistung hier in Melbourne seinen Anteil. Sollte Thiem im Finale auch noch Top-Favorit Novak Djokovic schlagen, wäre dies wohl der endgültige Schritt zu Wachablösung. Teil dieser kann nach Meinung nahezu aller Experten neben Thiem und dem Griechen Tsitsipas auch Zverev werden.

Australien Melbourne | Australian Open - Alexander Zverev und Dmonic Thiem (picture-alliance/Xinhua/Z. Wei)

Der Geschlagene umarmt den Sieger

Der wollte den Erfolg, den der erstmalige Einzug in ein Grand-Slam-Halbfinale definitiv bedeutet, nicht zu hoch bewerten: “In ein paar Tagen habe ich das Turnier vergessen und stehe wieder auf dem Platz.” Seine großen Ziele aber hat der Deutsche weiter im Blick. ”Ich nehme vieles Positives mit. Aber ich möchte beim Grand-Slam-Halbfinale nicht aufhören”, sagt Zverev über seine Marschroute für die Zukunft. Der deutsche Top-Spieler hat viel gelernt in zwei Wochen Australian Open – auch über sich selbst.

Source Article from https://www.dw.com/de/australian-open-halbfinale-premiere-verloren-und-trotzdem-gewonnen/a-52219737?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Kommentar: Bitte keinen Corona-Rassismus im Land der Moral

Wirbel an Bord eines Lufthansa-Flugs nach China am Mittwoch: Ein chinesischer Passagier hatte auf Flughöhe begonnen, heftig zu husten. Außerdem war er nach eigenen Angaben zwei Wochen zuvor in der Wuhan gewesen – die Millionenstadt, die wegen des Coronavirus derzeit abgeriegelt ist.

In der Kabine kam Unruhe auf. Der Kapitän blieb jedoch cool und flog einfach weiter – die Maschine konnte sicher am Zielort landen. Crew und Mitreisende in den umliegenden Sitzreihen wurden sofort getestet. Stunden später dann Erleichterung – der Verdacht einer Infektion mit dem Coronavirus bestätigte sich nicht.

Zwischen Sensibilisierung und Überreaktion

Die rasante Verbreitung des potenziell tödlichen Virus hat die Menschen rund um den Globus verunsichert. Und durch die breite Medienberichterstattung sind sie für die Gefahr sensibilisiert worden. Doch die Grenze zwischen Sensibilisierung und Überreaktion ist nicht selten fließend: Hustenden Asiaten werden inzwischen böse Blicke zugeworfen, als wären sie ausnahmslos Träger des neuartigen Coronavirus 2019-nCov. In Frankfurt wurde aus diesem Grund ein Asiate sogar rassisch angegangen.

“Na, hast Du das China-Virus?” wird man diese Tage öfters gefragt, nur weil man kurze Nase hat und von etwas Schnupfen geplagt wird. Das Schlagwort vom “China-Virus” täuscht in der Tat über das Täter-Opfer-Verhältnis hinweg: China leidet mehr als alle anderen betroffenen Länder unter der Krankheitswelle und unternimmt mit einer historisch einmaligen Transparenz alle Anstrengungen, um die Infektionskette zu unterbrechen.

In China selbst distanziert man sich von der Bezeichnung “Wuhan-Virus”, weil diese die ganze Stadt in Sippenhaft nimmt. Doch nicht die Menschen aus Wuhan sind der Auslöser der Krankheit sowie der panikartigen Überreaktion, sondern das Virus, das auch überall sonst auf der Erde hätte auftreten können. In Wuhan, wo die Behörden vom Verlassen der Wohnung abraten, beweisen Millionen von Menschen ihre Disziplin und opfern ihre Freizügigkeit, damit sich die Krankheit nicht noch weiter ausbreitet. Videos, die im Internet kursieren, zeigen Bewohner einer Siedlung, die sich abends durch offene Fenster über Megafon unterhalten, anstatt sich zu treffen.

Das Virus misst die Nasenlänge nicht

Der beste Schutz vor einer Infektion ist regelmäßiges Händewaschen – vor allem so kann man das Risiko minimieren. Absolute Sicherheit kann es jedoch nicht geben, schon gar nicht in einer fortgeschrittenen globalisierten Welt, wo neben Menschen und Gütern eben auch Krankheitserreger um den Globus reisen. Zu Menschen, nur weil sie asiatisch aussehen, auf Distanz zu gehen, bietet hingegen keinen zusätzlichen Schutz. Für das Coronavirus gilt: Es braucht kein Visum für irgendein Land und misst auch nicht die Nasenlänge, bevor es zuschlägt.

Das Gebot für Menschen in dieser Stunde ist Solidarität. Bevor wir den Ursprungsort der Krankheitserreger nicht genau rekonstruieren können, helfen weder Schuldzuweisungen, noch Panik und schon gar nicht rassistische Anmerkungen über angebliche Ess- oder Hygienestandards von Chinesen. Das Coronavirus ist nach dem derzeitigen Wissensstand nicht gefährlicher als die auch in Deutschland jährlich wiederkehrende Grippewelle. Lasst uns also die psychischen Hürden überwinden, die Lage nüchtern und mit Vernunft analysieren und daraus nüchterne Handlungsempfehlungen ableiten. Außerdem heißt Deutschland auf Chinesisch “De Guo” – das Land der Moral.

Source Article from https://www.dw.com/de/kommentar-bitte-keinen-corona-rassismus-im-land-der-moral/a-52210030?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Der Nahostplan, der keinen zufriedenstellt

Kurz vor dem Wochenende ist es geschäftig auf der Salah-Eddin-Straße im Zentrum von Ostjerusalem, gleich außerhalb der Altstadt. Der sogenannte “Jahrhundertdeal” von US-Präsident Donald Trump sorgt noch immer für Diskussionen, für Ärger, aber auch für viel Ratlosigkeit unter Palästinensern. Vor allem die Idee, dass der Jerusalemer Vorort Abu Dis, gleich hinter der israelischen Sperrmauer, erneut als mögliche Hauptstadt der Palästinenser gehandelt wird, sorgt bei einigen Ostjerusalemern für Spott und Häme.

“Das ist doch nicht wirklich was Neues oder? Haben wir das nicht schon mal gehört?”, fragt Firas Khalaf, der in einem kleinen Büchercafé seinen Kaffee trinkt. Schon in den 1990er Jahren war von einer Hauptstadt in dem Vorort die Rede, sogar mit dem Bau eines Parlamentsgebäude wurde dort begonnen, aber es wurde niemals eröffnet. Schon allein Abu Dis mit Jerusalem gleichzusetzen, ist für viele Palästinenser unvorstellbar.

Jerusalem Reaktionen Trump Pläne (DW/T. Krämer)

Hofft nicht mehr auf Frieden und einen palästinensischen Staat in seiner Lebenszeit: Apotheker Ismail Kadourah

Die Erwartungen an den Nahostplan waren ohnehin nicht besonders groß. In den vergangenen drei Jahren hat die Trump-Regierung immer wieder proisraelische Schritte im Nahostkonflikt gemacht. Und auch dieser Vorstoß lehnt sich an israelische Positionen an. Schon 2017 hatte Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und damit langjährige US-Politik verworfen. Doch Palästinenser sehen Ostjerusalem als künftige Hauptstadt ihres unabhängigen Staates, darum brach die palästinensische Führung in Ramallah daraufhin alle diplomatischen Beziehungen zu den USA ab.

Der Nahostplan sieht zwar einen palästinensischen “demilitarisierten” Staat vor, dieser aber ist an eine Liste von Bedingungen gebunden und stünde letztlich immer noch unter der Kontrolle Israels.

Viele Pläne – aber kein Staat

“Die Israelis schaden sich damit doch nur selbst”, sagt Ismail Kadourah, der seit 1966 eine Apotheke auf der Salah-Eddin-Straße betreibt. Langfristig laufe dies auf eine Ein-Staaten-Lösung hinaus, mit unterschiedlichen Rechten für die Bürger. Kadourah hat schon viele sogenannte Friedensinitiativen kommen und gehen sehen, aber keine davon hat Frieden und den Palästinensern einen eigenen Staat gebracht.

“Am besten wäre, die palästinenische Autonomiebehörde löst sich auf und die PLO geht ins Exil. Wir können uns dann hier mit gewaltlosem, zivilen Ungehorsam für unsere Rechte einsetzen”, erklärt Kadourah, der sein Alter mit “um die 80″ angibt. Der Apotheker spielt dabei auf die Auflösung der palästinensischen Autonomiebehörde an, die im Zuge der Osloer Friedensverträge ab 1993 geschaffen wurde. Für einige Palästinenser wäre dieser Schritt nur konsequent, da die Behörde aufgrund der israelischen Militärbesatzung im Westjordanland nie wirklich Autonomie besessen hat.

“Wir haben unser Leben mit den verschiedensten Plänen verbracht. Man ist ständig damit beschäftigt und am Ende kommt nichts dabei raus”, sagt auch Nadine Alami, eine Kundin aus Ostjerusalem. Sie hat selbst die erste Intifada, den Aufstand 1989 miterlebt, danach die Zeit des Osloer Friedensprozesses. Heute, sagt sie, seien die Menschen müde, weil keine Hoffnung mehr bestehe, dass sich tatsächlich etwas ändere. “Man glaubt einfach an nichts mehr. Und alles, was wir vom Leben wollen, ist, sich um die Familie und das eigene Leben zu kümmern.”

Begeisterung bei rechten Israelis

In Israel war die Begeisterung des rechten Lagers über den Plan am lautesten. “Es ist Zeit, Souveränität über unser historisches Heimatland zu erlangen”, schreibt Chefredakteur Boaz Bismuth in “Israel Hayom”, der kostenlosen Likud-nahen Tageszeitung. Der Deal werde zwar nicht den gewünschten Frieden mit den Palästinensern bringen, aber er werde Israel ermöglichen, in Judäa und Samaria (Westjordanland) genauso wie in Tel Aviv zu bauen. Die Freude über den Plan wurde im ideologisch rechten Lager allerdings erheblich dadurch getrübt, dass er auch explizit die Entstehung eines, wenn auch eng begrenzten, palästinensischen Staates vorsieht.

Jerusalem Reaktionen Trump Pläne Panorama (DW/T. Krämer)

Die Palästinenser wünschen sich Ostjerusalem als Hauptstadt – Trumps Nahostplan sieht den Vorort Abu Dis dafür vor

US-Präsident Trump genießt in Israel größte Popularität. Doch ob der Plan realistisch ist und Frieden bringen wird, ist eine ganz andere Frage: “Man braucht zwei, um Tango zu tanzen”, sagt Chaim Levi, ein Passant unterwegs auf der Jaffa-Straße im Westen Jerusalems. “Auch wenn wir dem Plan zustimmen, werden es die Palästinenser niemals tun. Damit ist es reine Zeitverschwendung.” In einem offenen Brief, der im britischen “Independent” veröffentlicht wurde, warnen mehrere prominente Israelis vor einem “Bantustan-Plan”, also einem Plan für ein instabiles politisches Gebilde, der keinen Frieden bringen wird.

Annektierung “verschoben”

In den israelischen Medien wurde viel über den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Trumps Vorhaben nur rund einen Monat vor der nächsten israelischen Parlamentswahl am 2. März diskutiert. “Der Plan war Netanjahus bescheidener Beitrag zu Trumps Wahlkampf. Und der Zeitpunkt war Trumps unbescheidener Beitrag zu Netanjahus Wahlkampagne”, kommentierte der israelische Journalist Nahum Barnea in der Tageszeitung “Yedioth Ahronoth”. Eine erste Umfrage des israelischen Fernsehkanals KAN nach der Veröffentlichung zeigte keine große Wählerwanderung. Benny Gantz (Bündnis Blau-Weiss) führte darin knapp mit einem Sitz (34) vor dem nun seit dieser Woche auch formell wegen Korruption angeklagten Netanjahu (33 Sitze). Netanjahu hätte noch immer Schwierigkeiten, eine Koalitionsregierung mit dem rechten Block zu bilden.

USA Washington Weißes Haus | Benjamin Netanjahu, Israel & Donald Trump, Präsident | Friedensplan Nahost (Getty Images/AFP/M. Ngan)

Gegenseitige Wahlkampfhilfe? US-Präsident Trump und Israels Premier Netanjahu präsentieren ihren Nahost-Plan

Vieles wird davon abhängen, welche Schritte Netanjahu noch vor der Wahl durchsetzen kann. Noch in Washington hatte er versprochen, dass das israelische Kabinett bereits diesen Sonntag über die Annektierung des Jordantals abstimmen werde. Jetzt heißt es, dass die Entscheidung verschoben werde. Grund dafür sind offenbar Unstimmigkeiten mit den US-Amerikanern über den Zeitplan. In einem Interview sagte Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, einer der Architekten des Plans, er hoffe, Israel werde mit einer Annektierung bis nach den Wahlen warten. Eine bilaterale Arbeitsgruppe müsse zunächst die technischen Details klären und dies würde “Zeit benötigen”.

Bei den Palästinensern hat der Nahostplan das Gefühl bestärkt, allein dazustehen mit ihrem Streben nach einem unabhängigen Staat. Zwar will der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas am Wochenende bei der Arabischen Liga in Kairo für Unterstützung werben, aber die Reaktionen der arabischen Nachbarstaaten waren ebenso verhalten wie die aus Europa.

“Wir sind hier”, sagt Apotheker Ismail Kadourah. Echten Frieden und einen Staat werde er “in seinem Alter” wahrscheinlich nicht mehr sehen, seine Kinder wohl auch nicht. “Das ist hart, aber wir müssen durchhalten.”

Source Article from https://www.dw.com/de/der-nahostplan-der-keinen-zufriedenstellt/a-52217430?maca=de-rss-de-all-1119-rdf