Месечни архиви: July 2020

Schiffscontainer als Folterkammer

Die Provinz Brabant im Süden der Niederlande wirbt auf ihrer Internetseite damit, die gastfreundlichste Provinz des Landes zu sein. Doch was schwerbewaffneten Sondereinsatzkräfte der niederländischen Polizei dort in dem 1200-Einwohner-Dorf Ort Wouwse Plantage Ende Juni vorfanden, hat nichts mit Urlaubsidylle zu tun. Das ganze erinnert eher an einen Schauplatz aus einem Horrorfilm: In einer Lagerhalle nahe der belgischen Grenze standen sieben Schiffscontainer. Sechs waren zu Gefängniszellen umgebaut, einer sollte wohl dazu dienen, die Gefangenen zu quälen.

Offenbar war Grauenvolles in dem Grenzort geplant. Inzwischen konnten sich die Fahnder ein Bild davon machen, was in dem Geheimgefängnis geschehen sollte. Thérèse Ariaans, die Pressesprecherin der Niederländischen Polizei, schilderte jetzt der Deutschen Welle den Stand der Ermittlungen. Laut Ariaans waren die Gefängniszellen schall- und wärmeisoliert, Handschellen waren an Decken und Böden installiert. In jedem der Container habe sich eine Kamera befunden, “mit der die gefangene Person jederzeit überwacht” hätte werden können.

Als sie die Tür zu dem siebten Container aufbrachen, stießen die Polizisten dann auf eine regelrechte Folterkammer. Ihre Kollegen hätten einem Zahnarztstuhl mit Gurten für Hände und Füße entdeckt. Heckenscheren, eine Säge, Zangen, Handschellen und chirurgische Instrumente wie Skalpelle wurden sichergestellt.

Professionelle Entführungen geplant

Zusätzlich, so Ariaans, habe man “24 Kilo Ecstasy, Sturmhauben und schwarze Jutebeutel gefunden”. Letztere seien wohl dazu gedacht gewesen, “sie potentiellen Opfern über den Kopf zu ziehen”. Auch an die zukünftigen Bewacher der Gefangenen war laut der Polizeisprecherin gedacht worden: Neben der Lagerhalle hätten die Polizisten einen Anbau mit Stühlen und einem Bett, außerdem drei gestohlene Vans und zwei BMWs gefunden. Zwar seien die Örtlichkeiten offenbar noch nicht genutzt worden, im Prinzip habe allerdings alles für geplante Entführungen bereitgestanden.

Blick in den siebten Container in Wouwse Plantage | Folter (picture-alliance/dpa/Politie Landelijke Eenheid)

Blick in den siebten Container: Regelrechte Folterkammer

Wie professionell sich die Kriminellen auf ihr geplantes Verbrechen vorbereitet hätten, habe zusätzlich die Entdeckung eines weiteren Lagerhauses in der Nähe von Rotterdam gezeigt. Dort habe die Polizei neben weiteren Autos, schusssichere Westen, mehrere Handfeuerwaffen und das chinesische Modell einer Kalashnikov AK-47 gefunden. Die Polizei, so Ariaans, geht davon aus, dass dieses Gebäude als eine Art Einsatzzentrale für Entführungen dienen sollte.

Entschlüsselung von Chatnetzwerk bringt Kriminelle zu Fall

Dass es nicht soweit kam, ist einem sensationellen Fahndungserfolg der Polizei zu verdanken: Europäischen Ermittlern war es gelungen, das Internet-Netzwerk EncroChat zu knacken, einer Art Whatsapp für Kriminelle. EncroChat hatte sich auf den Verkauf verschlüsselter Telefone an die Organisierte Kriminalität spezialisiert . Den Kunden wurden “totale Anonymität” garantiert. Was keiner der Nutzer ahnte: Monatelang hatten Kripobeamte Zugriff auf das Netzwerk, hörten mit, worüber die Verbrecher sich dort austauschten. Es habe sich angefühlt, “als wären wir live am Tisch der Kriminellen gesessen”, sagt Janine van den Berg, die ranghöchsten Polizistin der Niederlande.

Insgesamt wurden nach Angaben der Behörden mehr als hundert Millionen EncroChat-Nachrichten zwischen Kriminellen auf der ganzen Welt in Echtzeit abgefangen. Allein in den Niederlanden führten die Ermittlungen zu mehr als hundert Festnahmen und der Beschlagnahmung von mehr als 8000 Kilogramm Kokain und 1,2 Tonnen Kristallmethamphetamin. Außerdem seien 19 Labore für synthetische Drogen entdeckt und “Dutzende von automatischen Schusswaffen” sowie “fast 25 Millionen Euro Bargeld” beschlagnahmt worden.

Vor dem Zugriff monatelange Überwachung

Auch im Falle der gefundenen Schiffscontainer seien dem Hauptverdächtigen letzten Endes seine Chats zum Verhängnis geworden, so van den Berg. Zwar habe der 40-Jährige aus Den Haag, der einer der führenden Drogenbanden des Landes angehören soll, schon seit April im Fokus der Ermittler gestanden. Aber erst durch den Zugang zu dem Netzwerk sei das ganze Ausmaß der geplanten Operation deutlich geworden. “Er hat zum Beispiel sein Telefon dazu benutzt, um Fotos des Zahnarztstuhls mit Gurten für Arme und Beine zu versenden.” Des Weiteren habe er sich in den Chats explizit über Foltermethoden ausgelassen und die geplanten Entführungen detailliert erörtert.

Polizeifoto von aufgebrochenem Container in Wouwse Plantage | Folter (picture-alliance/dpa/ANP/openbaar Ministerie)

Polizeifoto von aufgebrochenem Container: Schall- und wärmeisoliert, Handschellen an der Decke

Seit Mitte April habe die Polizei daraufhin das Lagerhaus in Brabant überwacht und mehrere Männer täglich dort arbeiten sehen. Letzten Endes sei es eine Kombination aus den Chatverläufen bei EncroChat und den Erkenntnissen der Vor-Ort-Überwachung gewesen, die zur Identifizierung der Verdächtigen geführt habe, sagt Polizeichefin van den Berg. Ende Juni, kurz vor Fertigstellung der Gefängniszellen, hätten die Einsatzkräfte dann zugeschlagen.

Besonders perfide aus Sicht der Polizei: Die Verdächtigen hätten sich wohl als Polizisten verkleiden wollen. Darauf deuteten gefundene Polizeiuniformen hin und entsprechende Nachrichten in den Chats, wo von “Teams und Überwachungsteams, die bereitgestanden hätten” die Rede war. Insgesamt wurden sechs Personen unter dem Verdacht der geplanten Entführung und Geiselnahme festgenommen. Zu Schaden kam glücklicherweise niemand: Die Polizei hat die potenziellen Opfer frühzeitig gewarnt. Sie konnten rechtzeitig untertauchen.

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Polens Regierung bestellt deutschen Top-Diplomaten ein

Das polnische Außenministerium hat den Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Warschau einbestellt. Er habe dem deutschen Diplomaten Knut Abraham erklärt, dass die Regierung entschieden dagegen protestiere, dass eine “Serie von Artikeln in deutschen Medien mit Manipulationen und Lügen arbeitet”, schrieb der stellvertretende polnische Außenminister Szymon Szynkowski vel Sek auf Twitter. Die Berichterstattung in bestimmten deutschen Medien erwecke den Eindruck der “Befangenheit zugunsten eines Kandidaten”, meinte er weiter. Anscheinend wolle man so auf den demokratischen Wahlprozess Einfluss nehmen.

“Das ist eine Gemeinheit!”

Präsident Andrzej Duda hatte in den vergangenen Tagen die Berichterstattung der Boulevardzeitung “Fakt” scharf kritisiert. Das Blatt wird in Polen von der Ringier Axel Springer Media AG herausgegeben. An dem Unternehmen halten das Schweizer Medienhaus und Axel Springer jeweils 50 Prozent Anteile. “Fakt” berichtete darüber, dass Duda einen Pädophilen begnadigt hatte. Der Präsident empörte sich darüber und fragte: “Wollen die Deutschen den Präsidenten in Polen wählen? Das ist eine Gemeinheit! Dem werde ich nicht zustimmen.” 


Polen, Warschau I Letzte Tage der Präsidentschaftskampagne - Rafal Trzaskowski (picture alliance/K. Zatycki)

Der Warschauer Bürgermeister Rafal Traskowski fordert Duda in der Stichwahl heraus

Zudem griff Duda den Warschau-Korrespondenten der deutschen Tageszeitung “Die Welt” an. Bei einer Wahlkampfveranstaltung sprach der von der nationalkonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unterstützte Duda von einer “deutschen Attacke” gegen Polen und nannte den “Welt”-Reporter Philipp Fritz namentlich. Dieser habe geschrieben, Dudas Herausforderer Rafal Trzaskowski wäre der bessere Präsident, weil er anders als Duda nicht auf Reparationszahlungen von Deutschland für Schäden des Zweiten Weltkriegs beharre.

Bundestagsabgeordnete fast aller Fraktionen in Berlin zeigten sich angesichts der verbalen Angriffe auf Fritz besorgt über den Zustand der Pressefreiheit im benachbarten EU-Land. Die Organisation Reporter ohne Grenzen beklagte bereits vor der ersten Runde der Präsidentenwahl eine einseitige Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zugunsten Dudas.

Die Stichwahl um das Präsidentenamt in Polen findet am kommenden Sonntag statt. Laut Umfragen steht ein knappes Rennen zwischen Duda und seinem liberalkonservativen Herausforderer Trzaskowski bevor.

se/wa (rtr, kna, dpa, afp)

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Litauen blockt russischen Staatssender RT

Begründet wurde der Schritt von der staatlichen Kommission für Rundfunk und Fernsehen damit, dass RT von dem auf der EU-Sanktionsliste stehenden Journalisten Dmitri Kisseljow kontrolliert wird. Berücksichtigt worden sei dabei auch eine Stellungnahme des Außenministeriums. 

Fast alles dreht sich um Kisseljow

Die Sperre soll den Angaben zufolge am Donnerstag in Kraft treten. Betroffen sind neben den RT Kanälen in russischer und spanischer Sprache auch der Dokumentationskanal sowie alle HD-Versionen der Sender. RT war früher unter dem Namen Russia Today bekannt und gilt als Sprachrohr der russischen Regierung. Kisseljow ist einer der wichtigsten Propagandisten des Kremls – er wurde von der EU in Reaktion auf die Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim durch Russland mit Sanktionen belegt.

Litauens Medienaufsicht folgt damit einer Entscheidung der Regulierungsbehörde im benachbarten Lettland in der Vorwoche, die von Kisseljow und dem russischen Außenministerium scharf kritisiert wurde. Der Nationale Rat für elektronische Massenmedien in Riga legte als Reaktion auf die Moskauer Reaktion nochmals weitere Informationen vor, um die Kontrolle von RT durch Kisseljow zu belegen. 

Der 66-Jährige ist Generaldirektor der Staatsagentur Rossija Segodnja (Russland heute), zu der RT sowie weitere Medien gehören. Er ist auch stellvertretender Generaldirektor des russischen Staatsfernsehens.

Nicht das erste Sendeverbot 

Litauen und Lettland hatten zuvor bereits wiederholt Sendeverbote für mehrere russische Fernsehkanäle wegen des Vorwurfs der tendenziösen Berichterstattung verhängt. Kritiker sehen darin eine Einschränkung der Meinungsfreiheit und bezweifeln die Wirksamkeit der Sperren. Befürworter dagegen heißen die Sendeverbote als Antwort auf die Propaganda durch Moskaus Staatsfernsehen gut.

haz/qu (dpa, afp, rtr, ap)

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Mosambik: Gas-Investoren wollen islamistischem Terror trotzen

“Die Attacke war brutal. Die Angreifer schlachteten unsere Mitarbeiter regelrecht ab”, gab die Baufirma Fenix Construction am Sonntag in einer Erklärung bekannt. Eines der Fahrzeuge der von weißen Südafrikanern geleiteten Baufirma sei von islamistischen Aufständischen angegriffen worden. Das Ganze ist demnach schon am 27. Juni etwa vier Kilometer von Mocímboa da Praia entfernt passiert, einem Ort, der am selben Tag von bewaffneten islamistischen Gruppen angegriffen worden sein soll.

Acht Männer seien bei dem Angriff getötet worden. Eine von der Baufirma ​​beauftragte private Sicherheitsfirma konnte ihre Leichen bergen. Drei der insgesamt 14 Insassen des Fahrzeugs seien in den Busch geflüchtet und hätten überlebt. Drei weitere würden noch vermisst.

Der Verlust von Menschenleben sei schockierend, sagt Inocência Mapisse, Expertin für die mosambikanischen Großprojekte im Energiesektor der mosambikanischen Nichtregierungsorganisation CIP (“Zentrum für öffentlich Integrität”). Zusätzlich verursachten solche Vorkommnisse großen wirtschaftlichen Schaden für das ganze Land: “Angriffe auf Arbeiter von Unternehmen, die für die Gasprojekte in Cabo Delgado arbeiten, werden sich zweifellos negativ auf die Geschäftsergebnisse dieser Projekte auswirken.” Sinkende Gewinne bedeuteten wiederum verminderte Steuereinnahmen für den hochverschuldeten mosambikanischen Staat.

Gas-Boom geht an der Bevölkerung vorbei

Mit ihren Investitionen für die Produktion von Flüssiggas (LNG), das später per Schiff nach Asien exportiert werden soll, haben die Gaskonzerne zwar einen wirtschaftlichen Boom in Cabo Delgado ausgelöst. Doch er geht bisher an einem Großteil der dortigen Bevölkerung vorbei. Bei der technisch sehr anspruchsvollen Suche und Förderung des Gases werden vor allem Spezialisten gesucht – die es in der weitgehend armen Region kaum gibt.

Cabo Delgado bedeutet ein Megageschäft, erläutert Mapisse. Es gehe um die Ausbeutung von circa 5.000 Milliarden Kubikmeter Gas, die im Rovuma-Becken an der Nordküste Mosambiks entdeckt worden seien. Das seien die größten Gasreserven in Afrika; die neuntgrößten Gasreserven weltweit.

Mosambik Gas Gipfel in Maputo (DW/L. Matias)

Im November fand in Mosambik bereits der sechste Gas-Gipfel statt, bei dem sich die Branche traf

Die beteiligten Unternehmen und die Regierung rechnen mittelfristig mit einem Gewinn von über 60 Milliarden US-Dollar – das Vierfache des Bruttoinlandsprodukts von Mosambik im Jahr 2019. Hauptinvestoren sind allen voran die französische Ölgesellschaft Total, die nordamerikanische Anadarko und die italienische ENI. Andere kleinere Unternehmen aus Europa, China, Brasilien, Indien, Japan oder Australien zogen nach und kündigten weitere Investitionen an. Die Exploration soll ab 2023 beginnen. Insgesamt sollen 25 Milliarden US-Dollar in das Gasprojekt im Rovuma-Becken investiert werden.

Aber diese Investitionen haben sich aufgrund der seit 2017 in der Region verübten islamistischen Angriffe verzögert. Im Februar 2019 hatten die Dschihadisten eine Baustelle von Anadarkos Flüssiggas-Projekt direkt angegriffen. Das US-Energieunternehmen hatte sich daraufhin teilweise aus dem Projekt zurückgezogen.

Mosambik I Tausende Vertriebene fliehen vor den Angriffen in Cabo Delgado (DW/D. Anacleto)

Zehntausende hat die Gewalt in Cabo Delgado vertrieben – hier ein Flüchtlingslager in Metuge

Wenn die mosambikanische Regierung die Investitionen in Cabo Delgado nicht gefährden wolle, dann müsse sie dringend deeskalierende Maßnahmen einleiten, damit der Zulauf junger Leute zu den radikalen Gruppen gestoppt wird, meint Inocência Mapisse. Die Regierung müsse den Menschen glaubwürdig versichern, dass die zu erwartenden Einnahmen aus dem Gasgeschäft auch der armen Bevölkerung zugutekommen. Der Propaganda der Islamisten müsse etwas entgegengesetzt werden.

In Cabo Delgado haben islamistische “Gotteskrieger” leichtes Spiel: Sie treffen auf eine verarmte Bevölkerung, einen schwachen Staat und eine relativ wehrlose Armee. Es reiche nicht aus, nur auf eine militärische Lösung des Problems zu setzen.

Regierung und Investoren: Bemüht um Beschwichtigung

Die Beteiligten versuchen unterdessen, das Problem herunterspielen. Der bedauerliche Tod von acht Mitarbeitern von Fenix Constructions in Cabo Delgado habe nichts mit dem Gasprojekt im Rovuma-Becken zu tun, sagte das französische Energieunternehmen Total am Montag auf Anfrage der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Schließlich habe der bewaffnete Angriff “ungefähr 60 Kilometer von der Baustelle des Projekts” entfernt stattgefunden, fügte das Ölunternehmen hinzu.

Drei Tage vorher war Arnaud Breuillac, zweiter Mann im Vorstand des französischen Energieriesen, zuständig für Exploration und Produktion, überraschend nach Mosambik gereist. Nach einem Treffen mit dem mosambikanischen Minister für Bodenschätze und Energie, Max Tonela, stellte der Manager klar, dass sein Besuch “keinen Bezug zur Sicherheitslage in der Provinz Cabo Delgado” habe. Breuillac betonte, auf Anfrage von Journalisten, dass die Regierung die Sicherheitslage unter Kontrolle habe und daran arbeite, “die besten Bedingungen für eine sichere Durchführung der Gasprojekte zu schaffen”.

Inocência Mapisse Investigadora CIP (DW/L. da Conceição )

Inocência Mapisse ist Expertin für für die mosambikanischen Großprojekte im Energiesektor

Expertin Inocência Mapisse meint, sowohl Total als auch die Regierung wollten das Projekt unbedingt vorantreiben. Beide Seiten hätten deshalb ein Interesse daran, das Problem kleinzureden. Dabei könne man von einem regelrechten Kriegsszenario im Nordosten Mosambiks sprechen. Obwohl jederzeit weitere Angriffe stattfinden können, will Total das Projekt nicht aufgeben. “Zu groß sind die bereits getätigten Investitionen, zu verlockend die Gewinnaussichten”, meint die Expertin Inocência Mapisse.

Humanitäre Krise in Cabo Delgado

Die Überfälle bewaffneter Gruppen haben in den letzten zweieinhalb Jahren bereits mindestens 700 Menschen getötet und nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 115.000 in die Flucht getrieben. “Eine humanitäre Krise ersten Ranges”, sagt der katholische Bischof von Cabo Delgado Luis Fernando Lisboa im DW-Gespräch: “Selbst in der Provinzhauptstadt Pemba herrscht Angst. Es gibt, nicht nur unter den vielen Flüchtlingen, ein Gefühl der Unsicherheit. Cabo Delgado macht eine sehr schwere humanitäre Krise durch.”

Mitarbeit: Madalena Sampaio

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Boom der Hochverratsverfahren in Russland

Das berüchtigte Untersuchungsgefängnis “Lefortowo” in Moskau hat einen neuen prominenten Insassen: Iwan Safronow. Der 30-Jährige Berater des Chefs der staatlichen russischen Raumfahrtagetur Roskosmos und ehemalige Journalist wurde am Dienstag festgenommen. Der Inlandsgeheimdienst FSB wirft ihm Hochverrat vor. Safronow wird beschuldigt, Details von Rüstungsgeschäften weitergegeben zu haben. Er soll zunächst für zwei Monate in Untersuchungsaft bleiben.

Ein vom FSB veröffentlichtes Video zeigt, wie Safronow – in Anzug und Krawatte – in der Nähe seines Moskauer Wohnhauses von bewaffneten Männern mit Schutzmasken in Handschellen gelegt, abgeführt und in einem grauen Kleinbus weggebracht wird. Sollte er wegen Hochverrats verurteilt werden, droht ihm eine Haftstrafe zwischen 12 und 20 Jahren. Doch Safronow beteuert seine Unschuld.

Vorwurf der Zusammenarbeit mit tschechischem Geheimdienst

Schnell war klar, dass die schweren Vorwürfe wohl nicht den Bereich Roskosmos betreffen, wo Safronow erst seit Mai arbeitet. Die Raumfahrtagentur beeilte sich mitzuteilen, die Festnahme habe nichts mit seiner Tätigkeit dort zu tun. Zuvor hatte Safronow jahrelang als Journalist für zwei renommierte russische Wirtschaftsblätter geschrieben: “Kommersant” und “Vedomosti”. Er galt als angesehener Fachreporter mit Schwerpunkten Militär- und Raumfahrtindustrie.

Festnahme von Iwan Safronow (07.07.2020) (picture-alliance/dpa/Public Relations Centre of Federal Security Service)

Safronow-Festnahme (am 7. Juli): In Anzug und Krawatte abgeführt

Erst nach und nach sickerten die Details der Vorwürfe gegen ihn durch. Nach Informationen seiner Anwälte beschuldigt der FSB Safronow, einem tschechischen Geheimdienst 2017 Informationen über russische Waffenlieferungen nach Afrika und Nahost übergegeben zu haben. Diese Informationen sollen am Ende bei den USA gelandet sein. Dabei soll Safronow bereits 2012 von der tschechischen Seite angeworben gewesen sein. Das Außenministerium in Prag teilte auf Anfragen diverser Medien am Mittwoch mit, man wolle sich dazu nicht äußern.

Kollegen fordern Safronows Freilassung

Die Festnahme von Iwan Safronow ist in dieser Woche bereits der zweite Anlass zur Sorge für die liberalen Teilen der russischen Öffentlichkeit, die sich seit Jahren einem wachsenden Druck der Behörden ausgesetzt sehen. Am Montag wurde die Journalistin Swetlana Prokopjewa aus der westrussischen Stadt Pskow zu einer heftige Geldstrafe verurteilt.

Ihr Vergehen: eine Radiokolumne, die von der Anklage als Terrorismus-Rechtfertigung bewertet wurde. Prokopjewa geht davon aus, dass sie sei nur dank der Solidarität und von Protesten ihrer Kollegen nicht im Gefängnis gelandet ist. Die Anklage hatte für sie sechs Jahre Haft gefordert.

Protest gegen Safronow-Verfahren vor der FSB-Zentrale (DW/S. Dick)

Protest gegen Safronow-Verfahren vor der FSB-Zentrale: “Etwas Symbolisches”

Auch der Fall Safronow sorgt zunehmend für Solidarität. Mehrere Kollegen haben eine öffentliche Kampagne für seine Freilassung gestartet. Die Zeitung “Kommersant” stellte sich in einer Erklärung auf die Seite seines ehemaligen Autors. Der Hochverratsverdacht sähe “absurd” aus, heißt es. Einige frühere Kollegen stellten sich am Dienstag mit Protestplakaten vor die FSB-Zentrale in Moskau und wurden für kurze Zeit festgenommen. Auch am Mittwoch demonstrierten russische Journalisten für Safronows Freilassung, unter anderem in der Provinz.

“Für die Machthaber sind Rüstungsthemen sehr wichtig, es hat etwas Symbolisches”, sagt Andrej Perzew, ein ehemaliger Kollege von Safronow bei “Kommersant”. Viele hätten einen Grund Iwan Safronow wegen seiner Arbeit zu verfolgen, “von Vertretern der Rüstungsindustrie bis zum FSB”.

In Medienkreisen wird nun gerätselt, welche seiner Publikationen ihm zum Verhängnis wurde. Die Journalistin, Menschenrechtlerin und Safronows ehemalige Dozentin Olga Romanowa sagt, die Vorwürfe hätten mit einem Artikel Safronows aus dem Jahr 2019 über Lieferungen russischer Kampfjets nach Ägypten zu tun. Seine Anwälte wollen diese Vermutung jedoch bislang nicht bestätigen.

Junge Experten im Visier der Geheimdienste?

Mit dem Fall Safronow setzt sich in Russland auch eine andere Tendenz fort. Die Zahl der Schuldsprüche in Prozessen wegen Hochverrats hat sich innerhalb kürzester Zeit verdoppelt: von vier im Jahr 2018 auf acht 2019. Freisprüche gab es keine. In diesem Jahr dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Seit Jahresbeginn gibt es rund ein Dutzend Fälle, in denen entweder Urteile bereits gefällt wurden oder noch ermittelt wird. Eine Berufsgruppe sticht dabei besonders hervor: Wissenschaftler. Details der Anklagen sind normalerweise nicht bekannt, da solche Prozesse hinter verschlossen Türen stattfinden.

Wegen Hochverrats verurteilt ist bereits Wladimir Neelow. Der Militär-Experte aus St. Petersburg muss sieben Jahre lang in eine Strafkolonie, so das Urteil vom 2. Juli. “Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Neelov einer deutschen Beraterfirma Informationen über den Verlauf von Ausbildung und Training von FSB-Mitarbeitern für eine finanzielle Belohnung weitergeben hatte”, heißt es in einer Pressemitteilung der Justiz. Er soll seine Schuld teilweise zugegeben haben.

Russische Medien berichten, dass Neelow möglicherweise wegen Informationen über russische Söldner verurteilt wurde, bekannt als die “Wagner-Truppe” nach dem Kampfnamen ihres Abführers. Diese Truppe soll in der Ukraine und Syrien gekämpft haben.

Wegen seiner Expertentätigkeit und seines jungen Alters unterscheidet sich der Fall Neelow von anderen Ermittlungen gegen meist ältere Wissenschaftler. Das Verfahren gegen den erst 30-jährigen Iwan Safronow scheint dem von Iwan Neelow eher zu ähneln. Junge Experten im Visier der Geheimdienste: Möglicherweise ist dies ein neuer Trend in der russischen Strafverfolgung.

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