Месечни архиви: October 2020

Neuer Lockdown in England

Joan Plans Laplana hat Angst. Dem erfahrenen Krankenpfleger aus Sheffield in Nordengland steckt die erste Corona-Welle noch in den Knochen. Und die zweite könnte noch schlimmer werden, fürchtet er, “wie bei der Spanischen Grippe”, am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, wo die zweite Welle für wesentlich mehr Todesfälle verantwortlich war als die erste.

Das Universitätskrankenhaus, in dem er arbeitet, war im Frühsommer das einzige in der Region, das noch einigermaßen funktionierte, das Patienten von umliegenden Krankenhäusern aufnehmen konnte, sagt er. Nun häufen sich wieder die COVID-19-Fälle, die Intensivbetten füllen sich schnell.

Krankenpfleger spanische Joan Plans Laplana in Schutzkleidung mit Atemmaske und Visier bei der Arbeit in Sheffield (Privat)

Krankenpfleger Plans Laplana: “Wie bei der Spanischen Grippe”

Sheffield lag bisher in einer sogenannten Tier-3-Region, wo zurzeit die schärfsten Einschränkungen gelten: Pubs, die kein Essen anbieten, müssen schließen und Treffen zwischen Menschen aus verschiedenen Haushalten sind stark eingeschränkt. Bisher gab es regionale Abstufungen – nun gibt der britische Premierminister nach wochenlangem Zögern nach und beschließt einen englandweiten Lockdown. Restaurants, Pubs, Geschäfte außer Supermärkten müssen schließen; Schulen und Universitäten bleiben offen.

Regionale Regeln zu zaghaft?

Für Joan Plans Laplana kommt das zu spät. Schon im Frühjahr hatte Johnson sich zunächst gegen einen Lockdown gesperrt, das brachte ihm damals viel Kritik ein. “Er hat aus seinem Versagen nicht gelernt”, meint der gebürtige Spanier, der schon seit zwanzig Jahren in Großbritannien lebt und einmal sogar zum “Krankenpfleger des Jahres” gewählt wurde. Johnson habe den Lockdown zu spät verordnet, zu früh wieder aufgehoben und nun wiederhole er den Fehler, weil er der Wirtschaft nicht schaden wolle.

Tatsächlich hatte die Expertenkommission SAGE, die die britische Regierung offiziell in Corona-Fragen berät, angesichts steigender Infektionen schon im September eine erneute landesweite Ausgangssperre gefordert – und ansonsten vor “katastrophalen Konsequenzen” gewarnt. Eine neue Studie der angesehenen Universität Imperial College in London schätzt sogar, dass sich jeden Tag fast 100.000 Briten neu mit dem Virus infizieren – Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Maßnahmen à la Macron oder Merkel einfordern.

Pub-Besucher in Westminster (Henry Nicholls/REUTERS)

Kneipen-Besucher in Westminster: Restaurants, Pubs, Geschäfte müssen schließen

Besonders im Norden Englands, der zurzeit am stärksten betroffenen Region, wünschten sich viele schärfere Maßnahmen: “England muss dem Beispiel Frankreichs und Deutschlands folgen, wir müssen den Kreislauf komplett unterbrechen. Jetzt ist die Zeit zum Handeln”, twitterte zum Beispiel Dominic Harrison, Chef des Gesundheitsamtes in Blackburn.

Regierungspartei scheut strengen Lockdown

Innerhalb der Regierung herrscht anscheinend Uneinigkeit über den Corona-Kurs. Außenminister Dominic Raab, de facto Stellvertreter von Premierminister Johnson, sagte noch am Freitag im Interview mit der BBC, die Regierung wolle das Virus gezielt treffen, und dazu gehöre es auch weiterhin, regional unterschiedlich streng vorzugehen. Und bei einer Abstimmung Mitte Oktober stimmten 42 konservative Abgeordnete gegen Maßnahmen wie die frühere Schließung von Pubs und Restaurants.

Einige Experten fürchten, dass es für einen temporären nationalen Lockdown zu spät ist. Ein Manager in einem der größten Londoner Krankenhäuser, der namentlich nicht genannt werden möchte, weist darauf hin, dass einige Kliniken bereits überfordert sind, zum Beispiel geplante Operationen absagen müssen.

England | Coronavirus | Straßenszene (Henry Nicholls/REUTERS)

Spaziergänger an der Themse in London: “Man weiß nie, wie schnell das Virus außer Kontrolle gerät”

In der Hauptstadt sei die Situation noch nicht so schlimm wie im Norden Englands, aber man wisse nie, wie schnell das Virus außer Kontrolle gerät – auch in London. Auch er meint, die Regierung hätte schon im September der Empfehlung der Expertenkommission folgen und schneller eingreifen sollen.

Der Epidemiologe Jeremy Farrar, Mitglied der britischen Expertenkommission SAGE, twittert: “Die beste Zeit zum Handeln war vor einem Monat. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.”

AI: Patienten zum Sterben entlassen

Ein großes Problem des britischen Gesundheitssystems ist die im OECD-Vergleich geringe Anzahl von Krankenhausbetten. Selbst in ruhigen Zeiten sind es laut Ärzteorganisation British Medical Association zu wenige. Und in der Corona-Krise wurde es fatal: Im Frühjahr seien besonders ältere Menschen ohne Test aus den Krankenhäusern in Altersheime entlassen worden – laut Amnesty International viele von ihnen zum Sterben. Das soll sich nicht wiederholen, und auch Routineoperationen, Krebsbehandlungen, Vorsorgeuntersuchungen sollten nicht wie im Frühjahr und Sommer abgesagt oder verschoben werden müssen.

“Aber wie sollen wir das schaffen, wenn es immer mehr COVID-Patienten gibt?”, fragt Joan Plans Laplana. Selbst wenn die im Frühsommer aus dem Boden gestampften neuen Nightingale-Krankenhäuser wieder in Betrieb genommen würden – es gäbe nicht genügend medizinisches Personal, um alle Kranken zu versorgen. Dazu käme: Ärzte und Schwestern seien noch erschöpft von dem, was sie in der ersten Welle der Epidemie leisten mussten. “Es war wie im Krieg”, sagt der Krankenpfleger. “Jetzt sind wir müde. Wir haben einfach nicht mehr dieselbe Energie.”

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USA: Wie COVID-19 einen Mangel an Wahlhelfern schuf

Eigentlich wollte Dan Kortum den 3. November als Wahlhelfer verbringen. Der ehemalige Anwalt meldete sich nach dem Urnengang 2016 für das Ehrenamt, um zu helfen, die Situation zu verbessern. Denn in seinem Wahllokal in Pittsburgh hatten die Leute bis in die Nacht angestanden, um ihre Stimme abgeben zu können.

“Diese Leute, die den Wahlvorgang am Laufen halten, Gott segne sie, sind schon lange in Rente. Offen gesagt waren sie nicht in Bestform. Und das war das Nadelöhr in diesem Prozess”, sagt Kortum. Es habe noch freie Wahlkabinen gegeben, aber bei der Registrierung habe es sich gestaut, erinnert sich der heute 71-Jährige aus Pennsylvania an die Wahl vor vier Jahren. “Es lag an den Leuten. Und das hat mich frustriert.”

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun, vier Jahre später, Dan Kortums Alter selbst zu Problemen führt. Die Coronavirus-Pandemie bestimmt diese Wahl – und bugsiert Hunderttausende Wahlhelfer im Seniorenalter ins Abseits.

USA | Vorwahl in Pennsylvania (Reuters/J. Roberts)

Wählen in Corona-Zeiten: Das ging bei den Vorwahlen im Juni nur mit Maske und Trennschutzwänden

Wahlhelfer sind die heimlichen Helden in dem demokratischen Prozess. Sie helfen überall aus, haben ein Auge auf die Wahlausrüstung, registrieren neue Wähler und stellen sicher, dass die Stimmzettel korrekt ausgefüllt werden. 2016 waren in den ganzen USA fast eine Million Wahlhelfer nötig, um die Arbeit in den Wahllokalen zu bewältigen. Rund 138 Millionen Wähler stimmten damals in der hart umkämpften Wahl ab.

Doch in den vergangenen Jahren war mehr als jeder zweite Wahlhelfer über 60 Jahre alt. Und gehört damit zur Hochrisikogruppe für eine COVID-19-Erkrankung. Auch Dan Kortum sieht für sich diese Gefahr: “So weit ich weiß, habe ich keine bedeutenden Vorerkrankungen. Aber ich bin 71 Jahre alt. Als Wahlhelfer unterschreibst du Dokumente, leihst ständig Stifte aus, überreichst den Wählern Dinge.” Er ist sich sicher: 15 Stunden lang Interaktionen mit vielen Personen in einem geschlossenen Raum ist ein Risiko, und er möchte es nicht eingehen: ”Deshalb habe ich entschieden, dass es wahrscheinlich das Beste ist, diese Wahl auszusetzen.”

USA Präsidentschaftswahlen | Wahlhelfer | Dan Kortum und Tochter Katherine (Privat)

Dan Kortum und seine Tochter Katherine: Der 71-Jährige hofft, künftig wieder als Wahlhelfer arbeiten zu können

Probleme bei den Vorwahlen

In diesem Jahr ist es wahrscheinlich, dass der Druck auf die Wahllokale noch größer wird. Experten prognostizieren eine so große Wahlbeteiligung, wie es sie seit 1908 nicht mehr gegeben hat. Die Beteiligung an der frühzeitigen Stimmabgabe hat in vielen Bundesstaaten schon jetzt alle Rekorde gebrochen.

Doch viele der erfahrensten Wahlhelfer lassen in diesem Jahr der Gesundheit zuliebe Vorsicht walten. Die Organisatoren der Wahl kämpften darum, diese Lücke bei den Freiwilligen zu schließen – eine Lücke, die dafür sorgen könnte, dass Menschen Schwierigkeiten haben, ihr Wahlrecht auszuüben.

Die erste Welle der Infektionen traf die Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl in der ersten Jahreshälfte teils stark. In Milwaukee etwa, der größten Stadt des politisch hart umkämpften Bundesstaats Wisconsin, waren 175 der üblichen 180 Wahllokale geschlossen. Zehntausende Wähler strömten also zu den verbliebenen fünf Orten. Viele warteten stundenlang, da sich die Schlangen teils über mehrere Häuserblocks erstreckten. Andere gaben einfach auf. Die Wahlbeteiligung sank im Vergleich zu 2016 um fast zehn Prozentpunkte.

Eine neue Generation

Lokale Wahlkommissionen und Initiativen, die die Wahlbeteiligung erhöhen wollen, befürchten eine Wiederholung dieses Szenarios. Deshalb haben sie sich sehr offensiv darum bemüht, neue Freiwillige zu rekrutieren. Dabei haben sie sich vor allem an eine Gruppe gerichtet, der oft nachgesagt wird, sie meide den Gang zum Wahllokal: die nach 1981 Geborenen, auch Millenials und Zoomer genannt.

USA Vorwahl in Milwaukee Wisconsin (Morry Gash/AP Photo/picture alliance)

Warten in Wisconsin: Bei den Vorwahlen im April dauerte es für viele teils Stunden, bis sie ihre Stimme abgeben konnten

Eine von ihnen ist Dan Kortums eigene Tochter Katherine, die als Transportingenieurin in Washington D.C. lebt. “Ich kann nicht den Platz meines Vaters einnehmen, weil ich an einem anderen Ort lebe. Aber ich kann den Vater von jemand anderem ersetzen”, sagt die 36-Jährige. Für sie selbst sei die Gefahr, die von einer Ansteckung ausgeht, eher gering. Deshalb sei es besser, wenn sie im Wahllokal ist. “Es ist gut möglich, dass ich die Person nicht kenne, deren Platz ich einnehme, aber sie ist irgendjemandem wichtig. Wenn ich also dazu beitragen kann, dass sich diese Person keinem Risiko aussetzt, tue ich, was ich kann.”

So gehe es vielen jungen Menschen bei dieser Wahl, sagt Ciarra Malone, die im Bundesstaat Georgia das “Campus Vote Project” koordiniert. Die Initiative will erreichen, dass mehr Studenten an der Wahl teilnehmen. Ihr zufolge weiß die junge Bevölkerung, wie wichtig es ist, sich freiwillig als Wahlhelfer zu melden.

USA Präsidentschaftswahlen | Wahlhelfer | Ciarra Malone, (Privat)

Die junge Generation ist sich ihrer Verantwortung bewusst, sagt Ciarra Malone

“Sie wollen sicherstellen, dass ihre Großmutter in Sicherheit ist und dass sie einen Ort hat, an dem sie gefahrlos ihre Stimme abgeben kann”, sagt Malone. “Geliebte Personen zu schützen, ist ein sehr starker Antrieb, für junge Leute, etwas zu tun, was sie vorher nicht getan haben.”

Die Wahlhelfer-Krise überwinden

Im Zuge der anstehenden Wahl hat Malone eng mit der Initiative “Power the Polls” zusammengearbeitet, die im Juni gegründet wurde, nachdem Wahllokale besetzt wurden. In weniger als 100 Tagen hat die Gruppe ihr ursprüngliches Ziel nahezu verdreifacht. Sie konnte mehr als 700.000 neue Wahlhelfer gewinnen.

Auch andere Initiativen wie “More than a Vote” vom Basketballstar LeBron James bemühten sich um neue Freiwillige. Unterstützt wurde sie vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und seiner Frau Michelle.

Allen Widrigkeiten zum Trotz heißt es von den meisten Stellen nun, sie seien voll besetzt. Das ist Musik in Dan Kortums Ohren: “Wenn es genug Ersatzfreiwillige gibt, dann gibt es am Wahltag nur Warteschlangen wegen einer immensen Wahlbeteiligung – nicht wegen eines Mangels an Wahlhelfern.”

Er ist mehr als glücklich, den Staffelstab an die nächste Generation weiterzugeben. Trotzdem hofft er, bei der nächsten Wahl wieder als Freiwilliger dabei zu sein. “Mit ein bisschen Glück und Gottes Gnade ist das Coronavirus bis dahin nichts weiter als eine Erinnerung.”

Adaptiert aus dem Englischen von Uta Steinwehr.

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Muslime und die Trauer nach dem Anschlag in Nizza

“Schwarz oder mit Zucker?”, fragt Khalid und verschwindet um die Ecke. Mit Kaffees für das DW-Team in der Hand gesellt er sich wieder zu seinen Freunden Hassan und Mouhcine, die auf dem Bürgersteig stehen.

Alle drei haben marokkanische Wurzeln, sind muslimischen Glaubens, wohnen seit einigen Jahren hier im Viertel L’Ariane im Osten Nizzas. Viele Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus nordafrikanischen Ländern nach Frankreich eingewandert sind.

“Schrecklich. Jeder hier denkt, dass es schrecklich ist”, sagt Khalid als man ihn nach dem Anschlag fragt. Am Donnerstagmorgen hatte ein 21-jähriger Tunesier drei Menschen in der Basilika Notre-Dame im Zentrum Nizzas ermordet. Einen davon, den Küster der Kirche, habe er gekannt, erzählt Khalid. “Wir haben manchmal einen Kaffee zusammen getrunken gegenüber von Notre-Dame.”

Frankreich Nizza | Trauer nach Anschlag | Viertel l'Ariane (Marina Strauß/DW)

An dieser Straße in L’Ariane, Nizza, treffen sich Khalid und seine Freunde. Auf das Foto wollten sie nicht

Der Täter von Donnerstag habe nichts mit ihnen zu tun, nichts mit dem Islam, sind sich Khalid und seine Freunde einig. “Ein Verrückter”, sagt Mohammed, der mit zwei Baguettes unter dem Arm zu der kleinen Gruppe stößt.

“Ich will mich nicht immer rechtfertigen müssen”

Nach ein paar Minuten kommt Karim auf seinem weißen Roller angebraust und bremst scharf: “Sie sind Journalistinnen?” Alle hier seien traurig wegen des Anschlags, sagt er. Aber er sei verärgert, dass viele Medien, vor allem Fernsehsender, keinen Unterschied machen würden zwischen diesem Attentäter und Muslimen. Nicht nur dieses Mal, sondern immer nach einer islamistischen Attacke. “Ich will mich nicht immer rechtfertigen müssen, obwohl ich nichts damit zu tun habe”, sagt Karim, der wie die anderen Männer seinen Nachnamen lieber für sich behalten will.

Der französische Präsident würde zusätzlich Öl ins Feuer gießen, sagen sie. Emmanuel Macron hatte nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty Mitte Oktober Mohammed-Karikaturen als Zeichen der freien Meinungsäußerung verteidigt. Eine Reaktion, die heftige Proteste in Teilen der muslimischen Welt ausgelöst hat.

Auch für die fünf Männer in L’Ariane sind Karikaturen, die die Gefühle von Gruppen verletzten, nicht akzeptabel – seien es Muslime, Christen oder Juden.

Frankreich Nizza | Trauer nach Anschlag | Nedjma Benabed (Marina Strauß/DW)

Nedjma Benabed aus L’Ariane sagt, jeder solle so leben, wie er es für richtig halte und die Religion des anderen respektieren

Ein paar Straßen weiter zieht Nedjma Benabed einen Einkaufs-Trolley hinter sich her. In Algerien geboren, lebt sie seit 35 Jahren in Frankreich, beschreibt sich als gläubige Muslima. Die Karikaturen seien ihr egal, sagt sie. Man wisse sowieso nicht, wie der Prophet Mohammed aussähe. “Aber manchen Menschen tut es weh. Warum kann man es dann nicht einfach lassen?”

Für Präsident Macron findet sie nettere Worte als die fünf Männer: “Ich gebe ihm Recht. Wir müssen etwas tun.” Zum Beispiel: “Menschen, die illegal hierher kommen, müssen zurückgeschickt werden.”

Macron: Frankreich hat ein Problem mit dem radikalen Islam

Die Gespräche in L’Ariane zeigen, wie schwierig es ist, Antworten zu finden: auf den mutmaßlich islamistischen Anschlag in Nizza und auf die, die ihm vorausgegangen sind. Wie kann man solche Exzesse der Gewalt verhindern, was tun, damit sich Mitglieder der muslimischen Gemeinde nicht radikalisieren? Und gleichzeitig dafür sorgen, dass Muslime keinem Generalverdacht ausgesetzt sind?

Frankreich | Paris | Emmanuel Macron spricht nach einer brutalen Messerattacke (Abdulmonam Eassa/POOL AFP/AP/dpa/picture-alliance)

Emmanuel Macron nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty (16.10.2020)

Die Antwort des Präsidenten darauf ist ein Plan gegen “islamistischen Separatismus”, den er Anfang Oktober vorgestellt hat. Frankreich habe ein Problem mit dem radikalen Islam, verkündete Macron damals. Und dieses Problem solle nun mit mehr Kontrolle über Bildung, Moscheen und Vereine angegangen werden.

Macron zufolge untergrabe der politische Islam in Frankreich den Laizismus, also die strenge Trennung zwischen Religion und Staat. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop im September gaben 40 Prozent der französischen Muslime - die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Frankreich - ihren Glauben vor die Werte der Republik. Bei den Franzosen insgesamt sind es 17 Prozent.

Die Rede Emmanuel Macrons ging Rechten nicht weit genug, linke politische Kräfte sahen darin hingegen eine generelle Stigmatisierung des Islam. Vielen Muslimen stieß vor allem eines sauer auf: Dass der französische Präsident dem Islam attestierte, “auf der ganzen Welt” in der Krise zu sein.

Frankreich Nizza | Trauer nach Anschlag | Viertel l'Ariane (Marina Strauß/DW)

Lockdown in L’Ariane: Wegen der Covid-19-Pandemie sind auch hier die meisten Läden geschlossen

Die fünf Männer an der Straßenecke in L’Ariane fühlen sich von solchen Worten angegriffen. Sie respektierten den Rechtsstaat, arbeiteten und zahlten Steuern, sagen sie. Ihre Eltern, ihre Großeltern seien nach Frankreich gekommen – oder vom französischen Staat geholt worden -, um das Land nach den Kriegen aufzubauen. Jetzt hätten sie das Gefühl, sie seien hier nicht mehr erwünscht. “Wir sind Franzosen”, sagt Mohammed mit den Baguettes unter dem Arm.

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