Месечни архиви: August 2021

Bald wieder eine deutsche Botschaft in Kabul?

“Wenn es politisch möglich wäre und wenn die Sicherheitslage es erlaubt, dann sollte auch Deutschland in Kabul wieder eine eigene Botschaft haben”, sagte Außenminister Heiko Maas bei einem Besuch in Katar. “Es gibt ein großes Bedürfnis nach diplomatischer Präsenz, weil wir eben auch viele Themen in Afghanistan haben”, betonte Maas. In diesem Zusammenhang nannte er die Bemühungen, frühere Mitarbeiter von Bundeswehr und Bundesregierung außer Landes zu bringen. “Mit diesem Thema werden wir es noch lange zu tun haben. Deshalb brauchen wir die Kontakte.” Zurzeit sei man in enger Abstimmung vor allem mit den europäischen Partnern zu diesem Thema.

Maas betonte zugleich, dass die Wiederöffnung der Botschaft von der konkreten Politik der Taliban und von der Sicherheitslage abhängen werde. Derzeit betreiben nur noch wenige Länder wie Russland, China und die Türkei ihre Botschaften in Kabul. Dier Minister erklärte aber auch, dass eine diplomatische Vertretung keine Anerkennung einer Taliban-Regierung bedeuten würde. “Es geht im Moment nicht um die Frage der völkerrechtlichen Anerkennung”, sagte er. “Es geht um die Lösung ganz praktischer Probleme.”

Bundesaussenminister Heiko Maas in Katar

Heiko Maas mit seinem katarischen Kollegen Scheich Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al-Thani

Die Bundesregierung hatte nach der Machtübernahme der Taliban die Botschaft in Kabul geschlossen. Alle Diplomaten haben inzwischen das Land verlassen. Der deutsche Botschafter Markus Potzel verhandelt derzeit in der katarischen Hauptstadt Doha mit den Taliban über die Ausreise Schutzsuchender aus Afghanistan. Dort haben die Taliban ihr politisches Büro, das quasi als Außenministerium fungiert.

Letzte Reise-Station

Außenminister Maas beendet in Doha eine Fünf-Länder-Reise in die Türkei, nach Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan und Katar. Auf dieser Reise erkundete er unter anderem Möglichkeiten, Deutsche, afghanische Ortskräfte und Schutzbedürftige sowie deren Familien auch über den Landweg in Sicherheit zu bringen. Auch Kanzlerin Angela Merkel hatte am Mittag in Berlin erklärt, dass man etwa über humanitäre Fragen mit den Taliban sprechen müsse.

“Es führt überhaupt kein Weg vorbei an Gesprächen mit den Taliban”, betonte Maas am Abend in Doha. ”Wir können uns Instabilität in Afghanistan nicht leisten.” Aber wenn die Taliban Forderungen etwa nach Hilfen stellten, müssten sie auch auf Bedingungen der internationalen Gemeinschaft eingehen. Für Deutschland gehörten dazu die Anerkennung der Menschenrechte, die Bildung einer inklusiven Regierung, Sicherheitsgarantien sowie die Einhaltung der Zusage, dass auch nach dem Abzug der ausländischen Truppen weiterhin Menschen aus Afghanistan ausreisen dürfen.

Katars Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani sagte nach dem Treffen mit Maas: “Isolation ist keine Antwort. Aber Anerkennung ist keine Priorität für uns.” Er forderte von den neuen Machthabern in Afghanistan auch, dass sie gegen Terrorgruppen in dem Land vorgehen müssten.

Humanitäre Hilfe aus Berlin?

Deutschland sei bereit zu Hilfe, die auch notwendig sei, um im Winter eine humanitäre Katastrophe in dem zentralasiatischen Land zu verhindern, unterstrich Maas. “Alles, was darüber hinaus geht, wird davon abhängen, wie die Dinge sich hier entwickeln, wie die Taliban Politik machen”, sagte der SPD-Politiker etwa mit Blick auf die von Deutschland unterbrochene Entwicklungszusammenarbeit.

Maas war auf seiner Reise vor allem in Usbekistan, aber auch in Pakistan gemahnt worden, dass die internationale Gemeinschaft Afghanistan auch unter einer Taliban-Herrschaft helfen müsse. “Wir dürfen keinen wirtschaftlichen Kollaps zulassen. Er ist im Interesse von niemanden. Das Land alleinzulassen, ist keine Option”, sagte etwa der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Quereshi. Er verwies darauf, dass die Taliban in Kürze eine Regierung vorstellen wollten. Es gebe Hinweise, dass die heutigen Taliban anders seien als die in den 1990er Jahren. Pakistan hat eine 2450 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan.

Heiko Maas in Islamabad

Heiko Maas in Islamabad im Gespräch mit Außenminister Shah Mehmood Quereshi

Flüchtlingsbewegung erwartet

Ein Grund, warum Pakistan und einige zentralasiatische Staaten auf eine Zusammenarbeit mit den Taliban pochen, ist die Sorge vor einer größeren Flüchtlingsbewegung, wenn sich die humanitäre Lage in Afghanistan verschärfen sollte. Quereshi wies darauf hin, dass sein Land bereits mehr als drei Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen habe.

Während in Deutschland am Dienstag erneut Vorwürfe gegen die Regierung laut wurden, dass sie die Evakuierung der Ortskräfte zu spät eingeleitet habe, betonte der pakistanische Außenminister Quereshi am Dienstag, dass alle – inklusive der Nachbarstaaten und der Taliban selbst - von dem schnellen Zusammenbruch der afghanischen Armee überrascht worden seien.

kle/rb (rtr, dpa, afp)

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Russland im Mordfall Estemirowa verurteilt

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat Russland wegen mangelhafter Ermittlungen zur Ermordung der Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa im Jahr 2009 verurteilt. Die Aufklärungsarbeit habe nicht den Standards der Europäischen Menschenrechtskonvention entsprochen, urteilte das Gericht in Straßburg. Es ordnete eine Entschädigungszahlung von 20.000 Euro an die Schwester des Opfers an.

Natalja Estemirowa war am 15. Juli 2009 vor der Tür ihres Wohnhauses in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt worden. Wenige Stunden später wurde sie in der Nachbarrepublik Inguschetien erschossen aufgefunden. Die 50-Jährige hatte die Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien geleitet. Mehrfach prangerte sie Entführungen und schwere Verbrechen in der Kaukasusrepublik an, die als autonomes Gebiet zu Russland gehört.

Bislang keine Festnahme

Bis heute wurde niemand wegen des Mordes vor Gericht gestellt. Die russischen Ermittler machen den Islamisten Alchasur Baschajew für die Ermordung Estemirowas verantwortlich, doch wurde er bis heute nicht festgenommen.

Trauer um Natalja Estemirowa in Moskau

Russische Demonstranten zeigen im Juli 2009 in Moskau das Foto von Natalja Estemirowa

Estemirowas Kollegen bezweifeln, dass Baschajew den Mord begangen hat. Sie vermuten vielmehr den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow hinter der Tat. Estemirowas Schwester Swetlana hatte deshalb im Jahr 2011 das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angestrengt.

Keine Beweise für staatliche Beteiligung

In seinem Urteil kommt der EGMR nun zu dem Schluss, dass es keine Beweise für eine staatliche Beteiligung an Estemirowas Ermordung gebe. Moskau habe es jedoch versäumt, das Verbrechen ordnungsgemäß zu untersuchen. Unter anderem seien “Widersprüche in den Zeugenaussagen” nie aufgeklärt worden, so die Richter. Sie warfen der russischen Regierung zudem vor, ihnen “einen Großteil der Dokumente” aus der Ermittlungsakte vorenthalten zu haben.

Estemirowas Tochter Lana sprach in einer ersten Reaktion von einem “äußerst enttäuschenden Urteil”. Sie begrüßte es aber, dass der Gerichtshof die russischen Ermittlungen als unzureichend gerügt habe. Auch Memorial bedauerte, dass der EGMR “die Verantwortung der Behörden für den Tod von Natalja Estemirowa nicht anerkannt hat”.

nob/jj (afp, dpa)

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Das Doppelleben des Journalisten Grubbe alias Volkmann

Mit 17 zieht Claus Volkmann seine erste Uniform und eine Armbinde mit dem Hakenkreuz an. Wie viele andere Altersgenossen schließt er sich der Hitlerjugend an, mit 19 der NSDAP. Er ist ehrgeizig, studiert Rechtswissenschaften in Tübingen, München und Berlin.

Weit im Osten, in Kolomea (damals Polen, heute Ukraine), wächst die Jüdin Ruta Wermuth auf. Auch sie träumt davon, eine Uniform zu tragen. Sie kann es kaum erwarten, auf ein Gymnasium zu kommen und bewundert die Schülerinnen in ihren Röcken und Blusen mit Kragen. Aber Ruta wird nie ihre Uniform bekommen und die Schule abschließen, die sie besucht. Und sie wird nie wieder Ferien mit ihrem Vater verbringen.

Ruta Wermuth

Ruta Wermuth überlebte das Ghetto in Kolomea

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1.09.1939 steigt Claus Volkmann die Karriereleiter hinauf. Er wird persönlicher Referent des Staatssekretärs Josef Bühler im besetzten Polen, das jetzt “Generalgouvernement” genannt wird, stellvertretender Kreishauptmann in der Gemeinde Radzyn Podlaski, Kreishauptmann im Städtchen Krasnystaw und dann in der Stadt Kolomea. Dort soll er eine deutsche Verwaltung aufbauen. Mit ihr kommt auch der Terror.

So kreuzen sich in Kolomea die Wege von Claus Volkmann, Ruta Wermuth und mehreren tausend Juden. Der Kreishauptmann erlässt Verbote. Auf lange Listen steht, was Juden nicht tun dürfen. Sie werden aufgefordert, Schmuck, Gold und Pelze abzugeben. Wer sich weigert, den erwartet der Tod.

Verbote und Terror

Hunger macht sich breit. Der jüdische Apotheker Marceli Neider schreibt in seinem Tagebuch, dass es seit langem kein Brot mehr gibt, manchmal nur Tomaten, etwas Mehl, ein paar Kartoffeln.

Plakat aus Kolomea

Auf Plakaten rät Volkmann der polnischen Bevölkerung, Juden zu meiden, weil sie Typhus verbreiten würden

Krasnystaw versinkt zunehmend im Terror. Kreishauptmann Volkmann ordnet an, dass Juden Armbinden mit dem Davidstern tragen müssen. Auf Plakaten rät er, Juden zu meiden, weil sie Typhus verbreiten würden. Und dann unterzeichnet er auch ein Dokument, das für die meisten Juden von Kolomea den Anfang vom Ende bedeutet: Die Grenzen des Ghettos werden markiert.

Suppe aus Unkraut

Ruta Wermuth erinnert sich an den Stacheldraht auf dem Zaun. Auch Marceli Neider muss ins Ghetto. In seinem Tagebuch schreibt er, dass sogar das Unkraut von den Rasenflächen verschwinde, weil die Leute daraus Suppe kochten. Mehrmals am Tag fährt ein Pferdewagen durch die Straße, um die Leichen einzusammeln.

Dokumente von Marceli Najder aus Kolomea

Das Tagebuch des Apothekers Marceli Neider

Dann beginnen die “Aktionen”. Die Deutschen dringen ins Ghetto ein, erschießen die Kranken und Alten. Andere kommen ins Lager. Auch Ruta Wermuth soll in den Zug dorthin. Sie erinnert sich an die Stille, die in der Stadt herrschte, als die Juden durch die Straßen getrieben wurden. Nur das Scharren von Tausenden Schuhen. Die Hoffnung, dass vielleicht ein Wunder geschieht. Sie hat Glück. Es gelingt ihr, aus dem Waggon zu springen.

Keine Juden mehr

Auch Marceli Neider überlebt. Ein Pole versteckt ihn monatelang unter der Erde, in völliger Dunkelheit. Fast alle anderen Juden Kolomeas werden während der Amtszeit von Claus Volkmann getötet. In Szeparowce, einem benachbarten Dorf, werden sie erschossen und in Massengräbern verscharrt. Tausende kommen ins Vernichtungslager Belzec.

Kolomea: Ruine des ehemaligen jüdischen Friedhofs

Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Kolomea

Einigen Leuten muss es missfallen haben, dass der Kreishauptmann in der Zeit reich geworden war, wohl durch Bestechungsgelder, die er nicht ablehnte. Mitte 1942 verliert Volkmann seinen Posten. Doch die Judenvernichtung geht weiter. Anfang 1943 wird das Ghetto liquidiert.

Zwangsarbeit und Straßenrazzien

Volkmann ist kurz bei der Wehrmacht, dann wieder als Kreishauptmann in Lowicz, 60 Kilometer von Lodz entfernt. Auch dort erledigt er seine Arbeit sorgfältig und schickt Tausende Polen in die Zwangsarbeit. Wenn er die festgelegten Normen nicht erfüllen kann, ordnet er Straßenrazzien an. Alle arbeitsfähigen Personen werden gefangen und in Arbeitslager gebracht.

Denkmal in Szeparowce

Das Denkmal für die ermordeten Juden von Szeparowce

Während Volkmann in der Verwaltung Terror sät, muss sich Ruta Wermuth verstecken. Ihre Angehörigen leben nicht mehr. Sie wird noch zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Dort erfährt sie vom Kriegsende. Sie will nach Polen, aber nicht nach Kolomea. Es wäre zu schmerzhaft, auf einem riesigen Friedhof zu leben. Auch Marceli Neider kann endlich sein Versteck verlassen. Er schreit laut und rennt in das blendende Licht. In seinem Tagebuch schmiedet er Rachepläne.

Das zweite Leben

Jetzt muss Claus Volkmann fliehen. Bald nach Kriegsende taucht in Westdeutschland ein begabter Journalist auf. Er nennt sich Peter Grubbe, setzt sich für Demokratie und Menschenrechte ein – und gegen Unterdrückung. Grubbe arbeitet für die größten Tages- und Wochenzeitungen, für “FAZ”, “Die Welt”, “Die Zeit”. 1963 beginnt seine Karriere beim “Stern”, damals dem größten Nachrichtenmagazin der Bundesrepublik. Dass zu diesem Zeitpunkt gegen ihn wegen NS-Verbrechen ermittelt wird, fällt niemandem auf.

Dokumentarfilm Arbeitslose gesucht Journalist Peter Grubbe

Volkmann als Journalist Peter Grubbe im RBB-Dokumentarfilm “Arbeitslose gesucht” (1980)

“Er war Reporter, ständig unterwegs, berichtete über Außenpolitik”, sagt Heiko Gebhardt, ehemaliger “Stern”-Reporter und Leiter des Politikressorts. Er erinnert sich, dass Grubbe das Gesicht einer Werbekampagne war. Aus einer Fotografie schaut Grubbe den Leser an. Er habe immer Fernweh gehabt, hieß es im Text darunter. “Vielleicht liegt es daran, dass wir im Dritten Reich, unter Hitler, in Deutschland eingesperrt waren”.

Nur ein kleiner Gefreiter

Beim “Stern” steht Grubbe den linken Autoren nahe. Erich Kuby, Sebastian Haffner und Günther Schwarberg setzten sich schonungslos mit der NS-Zeit auseinander, prangern die Verleugnung der Vergangenheit an. “Gott sei Dank, dass ich nur ein kleiner Gefreiter war damals”, sagt Grubbe. Doch immer, wenn der “Stern” ein neues Nazi-Verbrechen aufdeckt, fragt er in der Redaktion nach: “Wie habt ihr das rausgekriegt?”

Synagoge in Kolomea

Eine Synagoge in Kolomea

Grubbe ist sehr beliebt, freundlich und charmant, erinnern sich ehemalige Kollegen. Er verlässt den “Stern” Mitte der 1980er Jahre, macht Dokumentarfilme, Radiosendungen, schreibt Reportagen und Bücher, die meisten über die “Dritte Welt”. Er kennt sich aus, bereist über 80 dieser Länder, schreibt über Hungertod und Krankheiten.

“Viel Gutes bewirkt”

Grubbe belässt es nicht bei Appellen. “Er war aktiv, sammelte immer Geld, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen. Eine davon war für Waisenkinder in Biafra”, erinnert sich Ex-Kollege Heiko Gebhardt. Grubbe ist auch im Vorstand der Menschenrechtsorganisation “Gesellschaft für bedrohte Völker”.

In Lütjensee bei Hamburg, wo Grubbe wohnte, ist er auch dafür bekannt. “Er hat viel Gutes bewirkt, er startete beispielsweise eine Aktion für Blinde in Indien und Bangladesch”, sagt Johann von Eicken, Mitglied des örtlichen Lions Club, den Grubbe gegründet hat. Der Journalist dreht Filme, schreibt Berichte, organisiert Spendenaktionen. Er trägt zur Finanzierung von Operationen für Hunderttausende an Grauem Star Erkrankter bei.

Acht Jahre Recherche

Seine Nachbarn erinnern sich an ihn als einen offenen, wortgewandten, engagierten und vielleicht etwas eingebildeten Journalisten. Grubbe redet gerne – nur über seine Vergangenheit spricht er nie, erinnert sich Sigrid Wille, einst eine gute Bekannte des Journalisten. Die Nachbarn und Kollegen hätten sich nur an die Hilfsaktionen erinnert und Grubbe wäre ein Verteidiger der Schwachen geblieben – wenn nicht Philipp Maußhardt gewesen wäre.

Pilipp Maußhardt

Der Journalist Philipp Maußhardt

Maußhardt hatte von einem Kollegen aus der DDR von Grubbe/Volkmanns Vergangenheit erfahren. Acht Jahre lang arbeitet der Reporter der Berliner Tageszeitung “taz” an dem Thema, sichtet Akten, sucht Zeugen und zögert immer wieder mit der Enthüllung. “Das hätte ich nicht getan, wenn Grubbe mir gesagt hätte, er sei ein aufrechter Demokrat, weil er früher selbst Nazi war. Und weil er selbst am Völkermord beteiligt gewesen sei, wolle er ihn nun anprangern und bekämpfen”, sagt Maußhardt.

Die Entlarvung

Doch das hört Maußhardt nicht, als er nach Lütjensee fährt. Stattdessen erklärt Grubbe, dass die Namensänderung das Ergebnis seiner literarischen Karriere ist. “Ich habe nie verheimlicht, dass ich Volkmann heiße”, sagt Grubbe und hat damit teilweise recht. Im Telefonbuch und in manchen seiner Bücher steht Klaus Volkmann. Doch den ersten Buchstaben seines Vornamens hatte er bereits da in “K” geändert.

TAZ-Reportage Es gibt zwei Leben vor dem Tod Kombo

Am 29. September 1995 erschien Maußhardts Artikel über Grubbe in der “taz”

Die von der Zentralen Stelle zur Aufklärung der NS-Verbrechen in Ludwigsburg gesammelten Akten überzeugen Maußhardt, dass Volkmann eine entscheidende Rolle bei der Vernichtung der Juden gespielt hat. Peter Grubbe wird entlarvt.

“Feigling und Lügner”

“Alle haben darüber gesprochen”, erzählt Peter Grubbes Tochter. Sie möchte anonym bleiben. Als wir anrufen, ist sie überrascht, erzählt aber lange, als hätte sie seit Jahren auf diesen Anruf gewartet. “Ich habe drei Aktenordner mit Dokumenten, Zeitungsausschnitten und Notizen darüber, was man über ihn gesagt hat.” Sie kennt jedes Buch, das Informationen über ihren Vater enthält. “Ein Feigling, der ohne Ende gelogen hat”, sagt sie. Was ihr Vater erzählt, prüft sie bei Familienangehörigen, Historikern und in Yad Vashem. Sie fährt nach Polen und in die Ukraine, kommt in die Nähe von Kolomea. Und bricht den Kontakt zum Vater ab.

Auch Freunde können es nicht ertragen. “Wir konnten nicht mit jemandem befreundet sein, der eine solche Vergangenheit hat und keine Buße tut”, erklärt Sigrid Wille. Wenn Grubbe selbst auf seine Vergangenheit angesprochen wird, wechselt er das Thema oder wird wütend. Es sei seine Privatsache, sagt er.

Gisela und Hartmut Lewandowski

Gisela und Hartmut Lewandowskis kannten Grubbe seit Anfang der 1960er Jahre als engagierten Journalisten

Eine antifaschistische Zelle greift an. “Es stank nach Buttersäure, die Fenster waren kaputt und in der Bibliothek alles schwarz bemalt. Die Hauswände auch”, erinnert sich Nachbar Hartmut Lewandowski. Die Täter hinterlassen eine Nachricht: “Keine Ruhe den NS-Mördern!”

“Eine ganz normale deutsche Geschichte”

Volkmann/Grubbe bestreitet die Vorwürfe und behauptet sogar, Juden gerettet zu haben. Doch die Ermittlungen, die ab 1963 gegen ihn laufen, bestätigen dies nicht. In ihnen wird er verdächtigt, an der Ermordung von Zehntausenden Juden beteiligt gewesen zu sein.

Als Kreishauptmann war er demnach “der wichtigste Mann der Zivilverwaltung, der sämtliche gegen die Juden gerichteten Zwangsmaßnahmen – Kontributionen, Ghettoeinrichtung, Registrierungen usw. – befahl und damit maßgeblich die Aktionen der Sipo (Sicherheitspolizei – Anm. d. Red.) unterstützte”, heißt es in den Akten. Volkmann soll selbst zwei Juden erschossen haben, 30 weitere sollen auf sein Betreiben von der Gestapo verhaftet und erschossen worden sein.

Bei den Vernehmungen kann sich Volkmann/Grubbe an wenig erinnern, gibt aber zu, vom Mord an Juden gewusst zu haben. Nach sechs Jahren wird das Verfahren 1969 eingestellt. Der Versuch, Mitte der 1990er Jahre neue Ermittlungen einzuleiten, scheitert.

Peter Grubbe fühlt sich rehabilitiert. Er wird sagen, sein Leben sei “eine ganz normale deutsche Geschichte”. Am Ende des Lebens fühlt er sich einsam. “Niemand will mit mir reden”, klagt er. Dabei ist er es, der nicht reden will. Zumindest nicht über Claus Volkmann.

Dieser Text ist die gekürzte Übersetzung einer Reportage aus der Reihe “Schuld ohne Sühne” von 2019 (dw.com/zbrodniabezkary), einem Projekt von DW Polnisch und der polnischen Internet-Portale “Interia” und “Wirtualna Polska”.

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Festakt erinnert an 60 Jahre Anwerbeabkommen

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, Deutschland habe sich seither zu einem Einwanderungsland entwickelt, das durch Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen stärker geworden sei. Das am 30. Oktober 1961 geschlossene Abkommen regelte die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei. Heute leben in Deutschland mehr als 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. 

“Glücksfall für unser Land”

Im Rahmen des Festakts verliehen Merkel und der frühere Bundespräsident Christian Wulff den Integrationspreis “Talisman” der Deutschlandstiftung Integration. Stellvertretend für die Migranten der ersten Generation wurden vier Zuwanderer aus der Türkei, Kroatien, Vietnam und Korea für ihre Lebensleistung ausgezeichnet. In seiner Rolle als Stiftungsratsvorsitzender würdigte Wulff die Preisträger als “Glücksfall für unser Land”. 

Weil im Wirtschaftswunderland Arbeitskräfte fehlten, schloss die Bundesrepublik seit 1955 mehrere Anwerbeabkommen – unter anderem auch mit Italien, Griechenland und Jugoslawien. Unterdessen holte die DDR sogenannte Vertragsarbeiter aus Ländern wie Vietnam und Mosambik.

Integration war ein Fremdwort

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, bezeichnete die Anwerbeabkommen als “ein Herzstück deutscher Geschichte”. Die sogenannten Gastarbeiter hätten entscheidend zur wirtschaftlichen Stärke des Landes beigetragen. Integration sei damals allerdings noch ein Fremdwort gewesen. “Die Leistung der ersten Generation verdient deshalb unseren ganz besonderen Respekt.”

nob/jj (dpa, kna, epd)

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Vom Wunderkind zur Hochstaplerin

Ein Pieks, der Leben retten soll. So vollmundig war das Versprechen, das Elizabeth Holmes, Gründerin des US-Medizin-Unternehmens Theranos, rasant zum gefeierten Wunderkind aufsteigen und dann umso schneller fallen ließ. Bereits wenige Tropfen Blut, so die Ansage, sollten reichen, um mithilfe eines eigens dafür entwickelten Analysegeräts Hormon- und Viruslasten bestimmen, Anomalien entdecken und sogar lebensgefährliche Krankheiten aufspüren zu können. Das Problem: Das Gerät, mit dem vielversprechenden Namen Edison, hat nie funktioniert.

Holmes kam damit allerdings jahrelang durch. Mehr als zwölf Jahre gaukelte sie Unternehmen, Managern und Milliardären erfolgreich vor, dass die Fähigkeiten von Edison so stark, effizient und kostengünstig seien, dass sie nicht nur lästiges Blutabnehmen erleichtern würden, sondern auch aufwendige und teure Labortests für immer ersetzen. Die amerikanische Drogeriekette Walgreens bot den Service der vermeintlichen Medizin-Revolution sogar in 40 seiner Läden in den US-Bundesstaaten Arizona und Kalifornien an. Vermutlich Hunderttausende Kunden bekamen so ungenaue und zum Teil gefährlich-falsche Blutergebnisse zugestellt.

Der Vorwurf: Betrug an Investoren, Ärzten und Patienten

Dass ihre Masche aufflog, ist vor allem einem Mann zuzurechnen: John Carreyrou, ein investigativer Journalist des Wall Street Journals. Vor rund sechs Jahren bekam er einen Anruf eines ehemaligen Mitarbeiters, der ihn auf die Missstände im Unternehmen aufmerksam machte. Seine Recherchen, Interviews und Publikationen trugen wesentlich dazu bei, Holmes zu entlarven.

Logo von Theranos

Vom Shooting-Star zur Pleite – zum Höhepunkt wurde Theranos mit neun Milliarden Dollar bewertet

Mit der Auswahl der Geschworenen beginnt am Dienstag nun der Prozess gegen Holmes. Die Bundesanwälte werfen der inzwischen 37-Jährigen Betrug an Investoren, Ärzten und Patienten vor. Auch ihr ehemaliger Geschäftsführer Ramesh Balwani, der eine Zeit lang ihr Lebenspartner war, sitzt mit auf der Anklagebank. Sollte das Gericht beide für schuldig befinden, drohen ihnen bis zu 20 Jahre Haft und Geldstrafen in Höhe von jeweils mehr als zwei Millionen Dollar.

Luxuriöser Lebenswandel und eine verstellte Stimme

Eine zentrale Frage im Prozess wird sein, ob die Unternehmer vorsätzlich gehandelt haben, um unter Vortäuschung falscher Tatsachen Investorengelder zu ergaunern und sich bei Ärzten und Kunden beliebt zu machen. Auch der luxuriöse Lebenswandel, der beide mutmaßlich immer gieriger werden ließ, steht im Fokus. Die Staatsanwälte fordern deshalb, konkrete und teils intime Details aus Holmes Leben offenzulegen. Vor allem geht es um Reisen in Privatjets, teure Shoppingtouren und regelmäßige Besuche in Luxus-Hotels.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Holmes sehr genau wusste, wie sie Investoren in ihren Bann ziehen kann. Auf großen Bühnen, bei Vorträgen oder Meetings verstellte sie ihre Stimme bewusst, um tiefer und damit seriöser zu klingen. Ihr Auftreten erinnerte fast immer an ihr großes Vorbild, den Apple-Gründer Steve Jobs, der sie auch in ihrer Kleiderwahl beeinflusste. In ihrem Kleiderschrank befanden sich bewusst nur schwarze Klamotten und Rollkragenpullover, die ihr die Auswahl am Morgen erleichtern und nicht unnötige Energie verschwenden sollte.

Große Namen und einflussreiche Investoren machten mit

Vor allem einflussreiche und wohlhabende Männer wickelte sie so um ihren Finger. Im Aufsichtsrat von Theranos saßen unter anderem US-Staatsmänner wie Ex-Außenminister Geroge Shultz, der ehemalige Verteidigungsminister James Mattis oder Henry Kissinger. Zu den Investoren wiederum gehörten so prominente Namen wie der Medienmogul Rupert Murdoch, der Silicon Valley-Investor Tim Draper oder die Familie Walton, Gründer der amerikanischen Supermarktkette Walmart. Alle waren fasziniert vom Charisma der ehemaligen Stanford-Studentin.

Bildergalerie EU Erfinderpreis Elizabeth Holmes

Angeblich nur ein Piks – Gründerin Elizabeth Holmes mit ihrem vermeintlich revolutionären Bluttest

Geblendet von der Vision und ohne große Prüfung der Geschäftsbücher investierten sie mehr als 700 Millionen Dollar in das Start-up. Zum Höhepunkt ihres Erfolgs im Jahr 2014 wurde Theranos mit stolzen neun Milliarden Dollar bewertet. Selbst ein Jahr später noch kürte das “Time”-Magazin Holmes zu einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Regelmäßig war sie auf den Titelseiten der populärsten Wirtschaftsblätter zu sehen.

Was viele nicht sahen, oder nicht sehen wollten, wurde für Kritiker wie dem Journalisten John Carreyrou jedoch irgendwann offensichtlich. Etwa dass Edison, das vermeintlich magische Analysegerät, äußerst simpel aufgebaut war. Praktisch bestand die Maschine nur aus einem Roboterarm und unzähligen Pipetten, die im Inneren der bierkastengroßen Maschine aufgereiht waren. Hier mehr als 200 unterschiedliche Bluttests durchzuführen, war schlicht unmöglich, weshalb Theranos heimlich auf die Maschinen der Konkurrenz umstieg.

“Wie die Worte einer Chemieschülerin”

Genau davon aber ließ sich Holmes nie etwas anmerken. Nach außen versicherte sie immer, dass sie etwas ganz Großem auf der Spur sei und deshalb nicht viele Details verraten wolle. Angesprochen auf das rudimentäre Design, ließ sie allerdings indirekt durchblicken, wie wenig sie eigentlich von der Technik verstand.” Es klang wie die Worte einer Chemieschülerin und nicht wie die einer anspruchsvollen Laborwissenschaftlerin, die wirklich eine neue Wissenschaft erfunden hatte”, schreibt Carreyrou in seinem Buch “Bad Blood”, in dem er den Fall aufarbeitet.

Holmes wiederum zeigt sich durchweg uneinsichtig. Mithilfe der besten Anwälte des Landes übte sie bis zuletzt rechtlichen Druck auf all jene aus, die gegen sie aussagen oder ihr Unternehmen in Verruf bringen wollten. Viele stempelte sie als Neider ab, während sie weiterhin an ihre Vision glaubte.” Das ist, was passiert, wenn man daran arbeitet, Dinge zu ändern: Erst denken sie, du seist verrückt, dann bekämpfen sie dich und dann veränderst du plötzlich die Welt”, sagte sie 2018 dem Fernsehsender CNBC.

USA San Jose Prozess Theranos Ramesh Balwani

Steht auch vor Gericht – der ehemalige Ehemann Ramesh Balwani

Auch für den nun beginnenden Gerichtsprozess setzt die 37-Jährige auf Konfrontation. In den vergangenen Tagen schon wurde der Kreis der potenziellen Geschworenen radikal verkleinert, nachdem ihre Anwälte moniert hatten, dass die Mehrheit von ihnen befangen war.” Dreißig bis vierzig Geschworene haben umfangreiches außergerichtliches Material über den Fall und die Angeklagte konsumiert”, sagte Kevin Downey, ein Anwalt von Holmes, dem Richter. Schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird ein langwieriger und zäher Prozess.

Prozess-Krimi bis zum Schluss

Holmes selbst geht dabei offensiv in die Verteidigung. Am Wochenende wurde bekannt, dass sich die 37-Jährige als Opfer einer jahrzehntelangen missbräuchlichen Beziehung zu Ramesh Balwani, ihrem Geschäftsführer und Ex-Freund, inszenieren wird. Laut nun veröffentlichten Dokumenten plant Holmes einen Experten zu Wort kommen zu lassen, der über den psychologischen, emotionalen und sexuellen Missbrauch aussagt, den sie durch Balwani erfahren musste. Balwani war es, so Holmes, der sie erst kontrolliert und dann manipuliert habe.

Dass sie mit dieser Taktik durchkommen wird, ist allerdings fraglich. Schon mehrfach musste sich Holmes für ihre Taten verantworten und hat dafür eine Teilschuld eingeräumt. Um etwa einem Gerichtsprozess im Jahr 2018 zu entgehen, einigte sie sich auf einen Vergleich mit der US-Börsenaufsicht SEC, die ihr vorwarf” in Investorenpräsentationen, Produktdemonstrationen und Medienartikeln zahlreiche falsche und irreführende Aussagen” über ihr Schlüsselprodukt gemacht zu haben. Holmes musste daraufhin 500.000 Dollar zahlen und einwilligen, in den kommenden zehn Jahren kein börsennotiertes Unternehmen mehr zu leiten.

Was ihr jetzt allerdings zugutekommen könnte: vor wenigen Wochen hat Holmes ihr erstes Kind auf die Welt gebracht. Geplant oder ungeplant: Viele halten es für einen klugen Schachzug.” Dass sie frischgebackene Mutter ist, kann ihr helfen, die Sympathie der Geschworenen zu gewinnen”, sagt Danny Cevallos, Rechtsanalyst bei NBC News.”   Im Falle einer Verurteilung werden ihre Anwälte ihre Mutterschaft vor dem Richter in den Vordergrund stellen, selbst wenn die Richtlinien für die Verurteilung eine Haftstrafe vorsehen.”  

 

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