Месечни архиви: September 2021

Glosse: Hurra, wir leben noch!

Und was ist, wenn er doch Recht hat, der Wendler? “Letzte Warnung. Dr. Coldwell sicher: Im September sind fast alle Geimpften tot”, schrieb Schlagersänger Michael Wendler im August auf Telegram. Ich bibberte mehr als einen Monat - schließlich bin ich wie gut 53 Millionen Deutsche doppelt geimpft. Naht das Ende? Ist das meine letzte Radtour? Mein letztes Abendessen? Mein letztes Mal Spülmaschine ausräumen? Gut, auf Letzteres könnte ich verzichten, aber grundsätzlich hänge ich doch sehr am Leben. Jetzt schon abtreten, so mittendrin – nee, das passt gerade ganz schlecht.

Das Internet sagt: Ich lebe noch

Zur Sicherheit mache ich im Internet einen Test, ob ich schon tot bin. Ergebnis: Nein. Puh. Aber noch hatte der September ein paar Tage. Und es sollen bitte nicht meine letzten sein. Schließlich warten im Oktober noch zwei Hochzeiten, auf denen ich eingeladen bin. Beide versprechen epische Partys zu werden und davon gab’s während Corona ja eher wenige. Also durchhalten, irgendwie die Prophezeiung des weisen Barden überstehen.

Und die hat es in sich: Es ist schon seine “letzte Warnung”, die ersten hatte ich offenbar verpasst. Sträflich. Dann noch der Verweis auf einen “Dr. Coldwell”, gewiss eine Kapazität der Virologie und Epidemiologie. Nun ja, nicht ganz. Nach etwas googlen bin ich schlauer: “Dr. Coldwell” heißt eigentlich Bernd Klein, stand bereits wegen angeblicher Gehirnwäsche vor Gericht warb für Medikamente,vor denen das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt und will bereits 30.000 Krebspatienten geheilt haben - mit einer geradezu spektakulären Heilquote von 92 Prozent. Die Sache hat einen Haken: Klein ist gar kein Arzt und seine Krebstherapie besteht im Kern aus einem “effizienten Coaching” für 3900 Euro, wie er auf seiner Webseite ausführt. Kurz: Der Mann ist ein Hochstapler.

Weber Joscha Kommentarbild App

Joscha Weber leitet die Faktencheck-Redaktion der DW

Die unbelegte Prognose eines Schamanen, verbreitet von einem Schlagersänger mit 145.000 Followern auf Telegram. So sehen sie aus, die modernen Weltuntergangsszenarien. Das mit den Geimpften war ja schon ganz unterhaltsam, lässt sich aber noch locker steigern: Der inzwischen per Haftbefehl gesuchte vegane Koch Attila Hildmann sah im Herbst 2020 einen Atom-Krieg zwischen NATO und Russland aufziehen, weil - Achtung - der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn schon im Bunker verschwunden sei. Spahn war zu dieser Zeit wegen einer Corona-Infektion in Quarantäne. Und der Sänger Xavier Naidoo warnte vor einem “Atomanschlag” am Kraftwerk Brokdorf - ausgeführt ausgerechnet durch die Bundesregierung selbst. Kannst du dir nicht ausdenken.

Wenn wir heute nicht sterben, dann eben in 24 Monaten

Und natürlich hat auch die derzeit vielleicht “erfolgreichste” Verschwörungsbewegung etwas Apokalyptisches im Portfolio: Wenn die Welt, wie wir sie kennen, bald endet, sind die Anhänger des ominösen Q nur Zuschauer: “Genießt die Show“, verspricht er seinen Anhängern. Eine VIP-Lounge für den Weltuntergang - wer will da nicht dabei sein?

Warnungen vor der Apokalypse haben eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreichen. Bisher hatten alle Weltuntergangsszenarien exakt einen gemeinsamen Nenner: Sie waren falsch. Doch sie finden immer wieder ihre Fans. Und weil doppelt bekanntlich besser hält, hat der Wendler nochmal nachgelegt. Seine zweite Prognose – natürlich in Versalien und vielen Ausrufezeichen – lautet: “!! JEDER COVID-19 GEIMPFTE WIRD INNERHALB VON 24 MONATEN STERBEN !!” Ich halte es jetzt einfach mit seinem größten Schlagerhit: Egal.

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US-Kongress wendet Shutdown in letzter Minute ab

Nach dem US-Senat stimmte am Donnerstag (Ortszeit), also kurz vor Ablauf der Frist, auch das Repräsentantenhaus für einen Übergangshaushalt, der eine Finanzierung der Bundesbehörden bis zum 3. Dezember sicherstellt. Ansonsten wären die USA nach Mitternacht in einen sogenannten Shutdown gerutscht, bei dem Hunderttausende Bundesbedienstete in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt worden wären. US-Präsident Joe Biden muss das Gesetz nur noch unterzeichnen.

Das Problem eines drohenden Zahlungsausfalls der USA ist damit aber noch nicht gelöst – und auch Streitigkeiten innerhalb der Demokraten bringen Biden in Bedrängnis. Zwar stimmten sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus einige Republikaner für den Haushaltsentwurf – eine große Anzahl von ihnen votierte jedoch in beiden Kammern dagegen.

Streitfall Schuldenobergrenze

Mit der Verhinderung des Shutdowns ist nur eine Krise vorerst abgewendet. Das weitaus größere Problem der Schuldenobergrenze bleibt vorerst bestehen. Ohne eine Anhebung oder Aussetzung dieser Grenzedurch den Kongress droht der US-Regierung laut Finanzministerin Janet Yellen Mitte Oktober der Zahlungsausfall.

Das Repräsentantenhaus hatte bereits in der vergangenen Woche mit den Stimmen der Demokraten eine Regelung zur vorübergehenden Finanzierung der Regierung beschlossen. Im Senat sperrten sich die Republikaner aber dagegen, weil darin auch vorgesehen war, die Schuldenobergrenze vorerst auszusetzen – was sie ablehnen. Die Demokraten trennten beide Fragen schließlich notgedrungen, um einen Shutdown doch noch abzuwenden und das Haushaltsgesetz im Senat durchzubekommen.

USA I Janet Yellen (Finanzministerin)

Finanzministerin Janet Yellen warnt vor den Folgen eines Shutdowns

“Riskantes Vorgehen”

Die Demokraten wollen das Schuldenlimit nun in einem separaten Schritt mithilfe eines Sonderverfahrens (“Reconciliation”) bis Dezember 2022 aussetzen. Gelingt das nicht, droht den USA Mitte Oktober erstmals in ihrer Geschichte die Zahlungsunfähigkeit. Nach Angaben der Demokraten würde das sechs Millionen Jobs kosten und Privatvermögen in Höhe von 15 Billionen Dollar (knapp 13 Billionen Euro) zerstören.

Obwohl die Demokraten die parlamentarische Mehrheit dafür hätten, warnen ihre eigenen Leute vor diesem Schritt. Die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hatte dieses Vorgehen als zu “riskant” bezeichnet. Finanzministerin Yellen hatte bei einem Zahlungsausfall vor einer Katastrophe gewarnt. Das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit des Landes würde beschädigt – es drohten eine Finanzkrise und eine Rezession, sagte sie.

USA Symbolbild marode Infrastruktur

Marode Infrastruktur – hier eine aus Altersschwäche eingestürzte Brücke in Minneapolis – ist ein großes Problem in den USA

Infrastruktur und Soziales

Heftige interne Auseinandersetzungen bei den Demokraten machen Präsident Biden auch im Blick auf zentrale Vorhaben seiner Amtszeit schwer zu schaffen. Mit einer Serie von Gesprächen und Verhandlungen versucht er, ein großangelegtes Paket für Investitionen in die Infrastruktur des Landes und ein zweites gewaltiges Paket mit Investitionen für Soziales im Kongress durchzusetzen.

Das Infrastrukturpaket, mit dem Straßen, Brücken sowie andere Verkehrs- und Energienetze in den USA modernisiert werden sollen, hatte im August nach langen Verhandlungen den Senat passiert – mit Unterstützung von Republikanern. Das abschließende Votum der anderen Kongresskammer fehlt noch.

USA I Schüler im Unterricht

Die US-Regierung will auch im Bildungsbereich Milliarden investieren

Vorgesehen sind über die nächsten Jahre verteilt rund 550 Milliarden US-Dollar neuer Investitionen in die Infrastruktur. Insgesamt, inklusive schon vorher veranschlagter Mittel, hat das Paket einen Umfang von mehr als einer Billion Dollar. Das zweite Paket sieht einen deutlichen Ausbau der Sozialleistungen vor. Biden will etwa mehr in Bildung und Kinderbetreuung investieren, Familien stärker unterstützen und sie steuerlich entlasten sowie Geld für den Kampf gegen die Klimakrise in die Hand nehmen. Dieses Paket hat bisher einen Umfang von 3,5 Billionen Dollar, auch verteilt über mehrere Jahre. Finanziert werden soll es durch Steuererhöhungen für Spitzenverdiener und das konsequentere Eintreiben fälliger Abgaben.

Da die Republikaner hier nicht mitziehen wollen, planen die Demokraten, dieses zweite Paket in einem parlamentarischen Sonderverfahren aus eigener Kraft durch den Kongress bringen. Sie haben in beiden Kammern aber nur knappe Mehrheiten, und auch bei ihnen sind die Pläne umstritten. Einige moderate Demokraten sehen die hohen Ausgaben kritisch und sperren sich dagegen. Progressive Demokraten haben sich hingegen mehr gewünscht. Letztere drohten damit, das Infrastrukturpaket zu blockieren, sofern nicht auch das größere zweite Paket gesichert sei.

mak/rb (dpa, afp)

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Neandertaler: Der Urmensch im Business Dress

Neue Klamotten für den Neandertaler: Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Neanderthal Museums im Oktober haben die Ausstellungsmacher einem ihrer Stars den Gang zum Herrenschneider gegönnt. “Mister 4 Prozent”, eine 1,60 Meter große Figur, wurde neu eingekleidet. Der Neandertaler trägt nun einen schicken Einreiher und dazu – top modisch - weiße Sneaker. Alles wurde maßgeschneidert.

“Mister 4 Prozent” bekam seinen Namen, weil man einst davon ausging, dass auch im modernen Menschen noch vier Prozent des Erbgutes vom Neandertaler stammen. Zwar haben die Forscher den Wert inzwischen nach unten korrigiert, der Ausstellungsstar, der bei Besuchern ein beliebtes Selfie-Motiv ist, behielt jedoch seinen Namen. Der vorherige Anzug sei nach neun Jahren und zahllosen Berührungen durch Besucher recht abgenutzt gewesen, sagte ein Museumsmitarbeiter.

Weitere Änderungen im Museum

Das Museum wird aber noch mehr ändern. Schon im Sommer wurde bekannt, dass eine der Urmenschen-Figuren eine dunklere Hautfarbe bekommt. Die Nachbildung eines freundlich lächelnden älteren Neandertalers mit Speer werde am 8. Oktober anlässlich des Jubiläums zum 25-jährigen Bestehen des Museums gegen ein Modell mit einem dunkleren Teint ausgetauscht, sagte Museumsdirektorin Bärbel Auffermann Anfang August dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Deutschland | Museum Mettmann | Neandertaler-Figur in Anzug und mit weißen Sneakern

Mister 4 Prozent: Top modischer Ausstellungsstar

Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre legten die Vermutung nahe, dass die Neandertaler eine dunklere Hautfarbe hatten als die im Museum präsentierten Nachbildungen. Archäologin Auffermann stützt sich dabei unter anderem auf Analysen von Paläogenetikern, nach denen zumindest die Menschen der Gattung Homo Sapiens, die vor Zehntausenden Jahren in Europa lebten, noch eine dunkle Haut hatten. Der moderne Mensch habe erst eine hellere Hautfarbe entwickelt, als er sesshaft wurde und mehr Getreide und weniger Fleisch und Fisch aß.

Zum Jubiläum hat das Neaderthal Museum – das sich als Reminiszenz an die deutsche Rechtschreibung in der Zeit der ersten Knochenfunde mit einem “h” schreibt – auch weitere Teile der Dauerausstellung überarbeitet. In einem neuen Bereich dreht sich alles um das Thema Klima. Zahlreiche Exponate zeigen, wie sich der Klimawandel in der Eiszeit vom heutigen unterscheidet. Zu sehen ist ab dem 9. Oktober in dem nordrhein-westfälischen Museum auch die lebensechte Rekonstruktion eines Mammutbabys.

AR/MM (dpa, edp)

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Viktor Martinowitsch: "Jede Revolution findet im Inneren statt"

Viktor Martinowitsch ist einer der bekanntesten jungen belarussischen Schriftsteller. Sein Roman “Revolution” ist im Frühjahr 2021 auf Deutsch erschienen. In seiner Heimat ist das Buch jedoch faktisch verboten. In Deutschland hingegen kommt der Roman sogar auf die Bühne: Für April 2022 ist die Premiere am Hamburger Schauspielhaus geplant. Die DW hat mit dem Schriftsteller bei der Buchpräsentation im Literaturhaus München gesprochen.

DW: Seit den Protesten und Repressionen 2020 schaut Europa vermehrt auf Ihre Heimat. Dies gilt auch für die belarussische Literatur. Warum, denken Sie, ist Ihr Roman “Revolution” auch für deutsche Leser interessant?

Viktor Martinowitsch: Wir müssen eingestehen, dass Belarus auf der europäischen Landkarte bislang nicht existierte. Niemand kannte unsere Schriftsteller, und unsere Theaterstücke wurden auf europäischen Bühnen nicht aufgeführt. In einem Land, das es nicht gibt, kann man tun und lassen, was man will. Und das Wichtigste: Niemand erfährt davon!

Aber jetzt beginnt man uns, Belarussen, zu lesen. Dabei ist natürlich die Qualität der Bücher ausschlaggebend. Wenn uns Bücher gelingen, mit denen sich auch Europäer angesprochen fühlen, dann werden wir bestehen. Menschen sind überall nur Menschen, hier gibt es nichts speziell Belarussisches. Angst und Liebe kennen keine Geographie. Es macht mich traurig, wenn wir mit unserem Schmerz Handel treiben. Das sollten wir nicht tun, er ist eine schnell verderbliche Ware. Schmerz umgibt uns um ein Vielfaches mehr, als die Ohren, die bereit sind, sich diesen anzuhören. Wir müssen von Schönheit erzählen, weil Schönheit bleibt. Dies sind die Ziele, die ich mir selbst setze, während ich auf den europäischen Buchhandel zugehe.

Obwohl “Revolution” nicht von den Protesten in Belarus handelt, wurde der Roman dort faktisch verboten. In den Buchläden kann man ihn nicht kaufen, Lesungen sind verboten. Warum?

Buchcover Revolution Viktor Martinowitsch

Deutsche Ausgabe des Romans “Revolution” von V. Martinowitsch

Es ist ein Buch über die Natur der Macht. Vielleicht haben solch umfangreiche Ausführungen darüber, was Macht und Unterwerfung bedeuten, aber auch darüber, warum die Verweigerung von Freiheit so verführerisch ist, irgendjemandem missfallen. Aber wahrscheinlich war einfach nur ein Instinkt am Werk. Das Wort “Revolution” auf dem Buchcover sollte offenbar verbannt werden. Das finde ich bitter, denn das Buch trägt keine Schuld und hat ein solches Schicksal nicht verdient. Vielmehr nutzt es allen: Sowohl denjenigen, die es untersagt haben, als auch denjenigen, die es nicht ernsthaft betrachten wollen, weil es nicht von den belarussischen Protesten handelt. In dem Buch wird eigentlich alles verhandelt, auch um die Situation in Belarus im Jahr 2020. Nur ist die Handlung eben fiktiv. Ich sehe mich nicht als Dokumentarfilmer. Für mich ist interessant, von etwas zu erzählen, was es schon immer gab und immer geben wird.

Vor einem Jahr haben Sie nicht daran geglaubt, dass die belarussischen Proteste erfolgreich sein würden. Dennoch hielten Sie sie für einen Wendepunkt – verbunden mit Hoffnung. Haben die Belarussen jetzt noch Hoffnung?

Ich glaube, dass nur Gutes die Welt zum Besseren verändern kann. Gewalt, selbst Vergeltung, führt nicht zum Triumph irgendeiner Tugend. Wenn man anfängt, das Gesetz nach dem zu brechen, der es zuerst gebrochen hat, dann schafft man keine Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Ordnung herrschen. Daher liegt die Hoffnung auf denjenigen, die all das Unrecht gesehen und begriffen haben und ihr Handeln nun so gestalten, dass möglichst wenig Böses in ihm steckt. Denn jede Revolution findet im Inneren des Menschen statt, im menschlichen Herzen. Darauf hoffe ich. Sklaven machen keine Revolution, Sklaven können nur rebellieren. Jeder Aufstand kann von einer ausgebildeten Armee niedergeschlagen werden.

Haben Sie als Schriftsteller im Zuge der Protestbewegung eine gewisse Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit empfunden?

Viktor Martinowitsch

Viktor Martinowitsch hat zwölf Jahre an “Revolution” geschrieben

Ich habe mich bemüht, dass meine Worte niemanden dazu bringen, sein eigenes Schicksal zu zerstören. Anfangs betrachteten viele Intellektuelle es als Pflicht eines Schriftstellers, Menschen zu irgendetwas aufzurufen. Aber da ich mir damals keine Illusionen machte, wie auch jetzt nicht, war mir klar, dass ich mit einem maßlosen Enthusiasmus das Schicksal von Menschen, die mir glauben, hätte ruinieren können.

Wie haben Sie es geschafft, diese Zeit selbst zu überstehen?

Für mich als kreativen Menschen, der alles sehr intensiv erlebt, war das sehr schwer. Das alles konnte mich nicht kalt lassen. Dieses Eintauchen führte zu einem sehr schweren Trauma. Wenn einem die Vorstellung von Rechtmäßigkeit und Verantwortung als Folge eigenen Handelns genommen wird und einem stattdessen das Bild einer Welt geboten wird, in jedem einzelnen schreckliche Dinge widerfahren können, dann kann man damit nur schwer umgehen. Wir werden noch lange die Folgen der Ereignisse in Belarus auslöffeln.

Ihnen wird nachgesagt, dass Sie über eine gute Voraussicht verfügen. Wie lautet Ihre Prognose über die nahe Zukunft von Belarus?

Ich habe aufgehört, meine Hoffnungen mit den aktuellen Entwicklungen in Belarus zu verbinden und suche stattdessen Freude an unvergänglichen Dingen, zum Beispiel in der Literatur, in der Kultur. Ich bin nicht dazu bestimmt, jetzt etwas zu verändern. Meine Aufgabe besteht darin, eine Art kulturelles Produkt zu schaffen, das vielleicht irgendwann im Chor der Leute mitspielen wird, die ein neues Belarus hervorbringen werden, das ich jedenfalls nicht mehr erleben werde. Aber das ist keine Prognose, sondern ein allgemeines Gefühl. Die Szenarien, die in meinem Kopf schwirren, behalte ich für mich. Sie sind sehr pessimistisch.

Das Gespräch führte Iryna Ignatjuk.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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