Месечни архиви: November 2021

Studie: Verbreiteter Rassismus gegen Schwarze in Deutschland

Berlin-Fennpfuhl am vergangenen Freitag. Familienvater Adegbayi B. ist mit seiner einjährigen Tochter unterwegs. Der Mann mit nigerianischen Wurzeln wird plötzlich von einer Frau bespuckt und heftig rassistisch beschimpft. Der Mann filmt den Vorfall, lädt das Video hoch und meldet den Angriff der Polizei.

Die Täterin kann kurz darauf festgenommen werden. In mehreren Interviews erklärt Adegabyi B, dass ihn Rassismus in Deutschland ständig begleite. Zwei bis drei Mal im Monat werde er rassistisch beleidigt. Seine Tochter, so Adegabyi B., sei seit dem Vorfall in der vergangenen Woche traumatisiert.

Kein Einzelfall. Immer wieder passiert es Menschen mit schwarzer Hautfarbe, dass ihnen ungefragt in die Haare gegriffen wird. Sie werden nach Drogen gefragt oder sexistisch angepöbelt. Die Polizei kontrolliert sie häufiger als weißhäutige Menschen. Eine Wohnung zu bekommen – für People of Color kann das schwierig sein.

Viele Menschen mit schwarzer Hautfarbe in Deutschland haben solche Erfahrungen gemacht. Rund 6000 von ihnen haben das in einer Online-Befragung so zu Protokoll gegeben. Die anonyme, freiwillige Umfrage lief vom 20. Juli 2020 bis zum 6. September. In einem 300-seitigen Bericht sind die Ergebnisse zusammengefasst.

 

 

“Es war ein wirklich langer Weg. Es war ein Kampf”, sagt Rassismusforscher Daniel Gyamerah von der Organisation “Each One Teach One” bei der Online-Präsentation der Forschungsergebnisse. Von “schmerzhaften Erfahrungsberichten” spricht er. Die bisherige Bundesregierung habe sich nicht besonders um eine Erhebung solcher Daten gekümmert, “wie es eigentlich ihre menschenrechtliche Verpflichtung wäre”, ergänzt Gyamerah. “Anti-Schwarzer Rassismus ist nicht unser Problem. Wir haben ihn uns nicht ausgedacht und nicht erfunden, sondern das Problem ist strukturell.”

Erste systematische Untersuchung zu Anti-Schwarzem Rassismus

Repräsentativ ist die Befragung nicht, aber sie zeigt doch Tendenzen auf – und schildert bittere Erfahrungen von Menschen, die in Deutschland immer noch diskriminiert werden. Durchgeführt hat sie ein gemeinschaftliches Projekt von “Each One Teach One” und “Citizens for Europe”, zivilgesellschaftlichen Organisation, die sich für Vielfalt und Demokratie einsetzen. Mit rund 150.000 Euro wurde das Projekt aus Geldern der Antidiskriminierungsstelle gefördert, die zum Bundesfamilienministerium gehört. Bernhard Franke ist kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle: “Die Ergebnisse des Afrozensus zeigen eindrücklich die Erscheinungsformen und Auswirkungen von Diskriminierung und Anti-Schwarzem Rassismus in Deutschland.”

Daniel Gyamerah - Citizens for Europe

Daniel Gyamerah – Aktivist und Wissenschaftler

“Was ist denn das Problem? Gibt es euch überhaupt?” Immer wieder seien ihm solche Fragen – auch von Politikern – gestellt worden, sagt Rassismusforscher Daniel Gyamerah der Deutschen Welle im Interview. Auch das hat ihn bei dem Projekt angetrieben.

Ja, es gibt sie. In Deutschland leben über eine Millionen Menschen, die auffallen, weil sie eine schwarze Hautfarbe haben. Es sind Journalistinnen, Musiker, Forscherinnen und Forscher, Reinigungskräfte und Rentner und noch viel mehr. Viele von ihnen fühlen sich in Deutschland von staatlichen Institutionen und im Alltagsleben benachteiligt und Rassismus ausgesetzt. Über 42 Prozent der Teilnehmer der Online-Befragung erleben das so.

Infografik Anti-Schwarzer Rassismus DE

Nur rund jeder Fünfte erlebt keinen oder selten Anti-Schwarzen Rassismus

So etwas wie den Afrozensus hat es bisher nicht gegeben. In Deutschland ist die statistische Erfassung von Bürgern nach ethnischen Kriterien eher ungewöhnlich. Das hat auch mit der Kolonialgeschichte und der Zeit des Nationalsozialismus zu tun.

Mit-Initiator und Wissenschaftler Daniel Gyamerah entgegnet auf Einwände gegen die Erhebung dies: “Es gibt immer wieder die Angst, dass man durch Forschung erst diese Communities kreieren würde”, sagt er der Deutschen Welle. “Aber wir sind hier. Wir sind Teil der Gesellschaft und lassen uns nicht verleugnen.”

Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Anti-Schwarzer Rassismus über drei Mechanismen wirkt. Die Exotisierung ist dabei der wohl wichtigste Faktor. 90 Prozent der Befragten haben angegeben, dass ihnen ungefragt in die Haare gegriffen wird. Aber auch die Sexualisierung schwarzer Menschen ist eine häufige Erfahrung. Insgesamt geben fast 80 Prozent an, auf Dating-Apps sexualisierte Kommentare bezüglich ihres Aussehens oder ihrer “Herkunft” erhalten zu haben.

Infografik Relative Häufigkeit von eigenen Diskriminierungserfahrungen Afrozensus 2020 DE

Der Afrozensus macht klar: Diskriminierung ist Alltag – in fast allen Bereichen

Auch die Kriminalisierung spielt ein Rolle. Rund 56 Prozent der Befragten geben an, gefragt zu werden, ob sie Drogen verkaufen. Ebenso viele wurden ohne erkennbaren Grund von der Polizei kontrolliert. Zwei Drittel der Afrozensus-Befragten (67,6 %) glauben, dass sie aufgrund rassistischer Zuschreibungen in der Schule oder Universität schlechter beurteilt werden als ihre Mitschüler oder Kommilitonen.

Wenn sich schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen gegen Diskriminierung wehren, machen sie oft schlechte Erfahrungen. Über 90 Prozent geben an, dass ihnen nicht geglaubt werde, wenn sie Rassismus ansprechen. 75 Prozent der Betroffenen würde Rassismusfälle erst gar nicht melden.

Außerdem heiße es oft, man solle sich nicht so anstellen. Dabei werden nach Erkenntnissen des Potsdamer Vereins Opferperspektive täglich mindestens drei bis vier Menschen in Deutschland Opfer rechter Gewalt. Rund zwei Drittel aller Angriffe seien rassistisch motiviert.

Der Afrozensus – nur ein Anfang

Bernhard Franke von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt sich zufrieden mit dem Afrozensus. Und er findet lobende Worte für die künftige Bundesregierung. Die wolle für Diskriminierungsfälle künftig Polizeibeauftragte einsetzen.

Für die Autoren des Afrozensus war diese Untersuchung nur ein Anfang. Sie wollen ihre Forschungsarbeit fortsetzen und die Ergebnisse auch in englischer und französischer Sprache publizieren. Außerdem fordern sie mehr Communities-Zentren, Beratungszentren und staatliche Aktionspläne zur Bekämpfung von Anti-Schwarzem Rassismus. Dass die nötig sind, zeigt auch der rassistische Angriff in Berlin-Fennpfuhl.

 

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Eine Mondlandung, Ende ungewiss: Klimaminister Robert Habeck

Noch bis 2030 haben die Staaten der Welt Zeit, den Klimawandel wirklich ernsthaft zu bekämpfen. Und das Ziel des Pariser Klima-Vertrages von 2015 zu schaffen, die Durchschnittstemperatur auf der Erde nicht um mehr als 1,5 Grad anwachsen zu lassen. Das jedenfalls fordern immer mehr Wissenschaftler. Und auch die neue deutsche Regierung nimmt schon in der Präambel ihres Koalitionsvertrages darauf Bezug. Dort heißt es: “Die Klimaschutz-Ziele von Paris zu erreichen hat für uns oberste Priorität. Klimaschutz sichert Freiheit, Gerechtigkeit und nachhaltigen Wohlstand. Es gilt, die soziale Marktwirtschaft als eine sozial-ökologische Marktwirtschaft neu zu begründen.” Nichts anderes ist damit gemeint, als dass ein Industrieland von der Wichtigkeit Deutschlands seine Treibhausgase wirklich massiv senken muss.

Ein neues Super-Ministerium

Konkret wollen das die Koalitionäre vor allem mit drei Maßnahmen erreichen: Mit einem beschleunigten Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle-Verstromung möglichst schon bis 2030. Mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien ebenfalls bis 2030 und einem Abschied vom Verbrennungsmotor bis 2035.

BTW 2021 Themenbilder

Den Braunkohletagebau, hier in Garzweiler in Nordrhein-Westfalen, schon bis 2030 beenden? Da sind heftige Konflikte schon jetzt absehbar

Und organisatorisch mit einem neuen, verstärkten Wirtschaftsministerium, das zusätzliche Kompetenzen beim Klimaschutz erhält und von Robert Habeck geführt werden soll, dem jetzigen Co-Parteichef der Grünen. Noch ist er nicht im Amt, in der kommenden Woche soll er vor dem Bundestag vereidigt werden. 

Schriftsteller, Philosoph, Parteichef – und Super-Minister

Die Erwartungen sind riesig, vielleicht zu riesig für den 52 Jahre alten verheirateten Vater von vier erwachsenen Söhnen. So sagt etwa Jan Kowalzig, Klima-Experte der Umweltgruppe Oxfam, im Gespräch mit der DW: “Die wichtigste Aufgabe für Robert Habeck ist es jetzt, sein Ministerium so aufzustellen, dass es die Transformation auch engagiert angeht. In der Vergangenheit hat das Wirtschaftsministerium als Antagonist des Umweltministeriums immer wieder vehement gegen den Klimaschutz gearbeitet.”

Zuletzt nur schleppender Ausbau bei den Erneuerbaren 

Tatsächlich war etwa der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland in den letzten Jahren gebremst worden, die Kämpfe zwischen den beiden zuständigen Ministerien war oft daran schuld. Das Umweltministerium vertrat die Interessen der Klimaschützer, das Wirtschaftsministerium die der klassischen Industrie, vor allem der energieintensiven Konzerne. Jetzt hat Habeck entscheidende Kompetenzen beim Klimaschutz dazu bekommen, außerdem sollen die ebenfalls für den Klimaschutz wichtigen Ministerien Umwelt und Landwirtschaft auch von Grünen-Politikerinnen und Politikern geführt werden. Die Startbedingungen für einen Klimaschutz aus einem Guss sind also besser als in der Vergangenheit.

Kohle-Ausstieg und Ausbau von Wind- und Sonnenstrom

Habeck ist klar, welche Herkules-Aufgabe er da übernommen hat. Bis 2030 soll der Anteil vor allem von Wind- und Solarenergie an der Stromversorgung auf einen Anteil von 80 Prozent katapultiert werden. Bislang machen die erneuerbaren Energien 48 Prozent an der Stromversorgung aus. Konkret heißt das: Statt wie zuletzt nur eines sollen demnächst bis zu fünf Windräder täglich an Land dazugebaut werden.

Porträt Jan Kowalzig

Jan Kowalzig von Oxfam: “Den Antagonismus von Wirtschafts- und Umweltministerium beenden.”

Erreichen wollen das SPD, Grüne und FDP durch wesentlich verkürzte Planungszeiten, die momentan einige Jahre dauern. Und der Kohle-Ausstieg, von der alten Regierung nach mühsamen Verhandlungen mit den betroffenen Bundesländern und der Industrie Anfang 2020 auf 2038 terminiert, soll auf 2030 vorgezogen werden. Angesichts der massiven Konflikte, die etwa die Errichtung eines jeden einzelnen Windrades in den ländlichen Gemeinden schon jetzt verursacht, klingt das sehr ambitioniert. 

Moderieren und zuhören kann Habeck

Aber immerhin: In seiner Zeit als Umweltminister in Schleswig-Holstein ab 2012 gelang es Habeck, den Anteil der erneuerbaren Energien im nördlichsten Bundesland in vier Jahren zu verdoppeln. Er sprach mit Landwirten und Kommunalpolitikern in den besonders vom Windkraft-Zubau betroffenen Regionen, und er schaffte es, nicht wenige von ihnen vom Sinn des Ausbaus zu überzeugen. Auch jetzt sagte Habeck im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung”: “Die Klimaneutralität ist ein gigantisches Transformationsprojekt mit immensen Veränderungen und Auferlegungen, die moderiert werden muss.” Und moderieren, das sagen viele Wegbegleiter, kann Habeck.

Konflikte in der Koalition sind vorprogrammiert

Habeck wird viel mit anderen reden müssen, glaubt jedenfalls Jan Kowalzig, auch mit seinen Koalitionspartnern: “Hinzu kommt, dass die Grünen in der Koalition mit der SPD und der FDP nur sehr bedingt Verbündete im Klimaschutz finden werden.

Infografik Strommix in Deutschland 2020 DE

Robert Habeck wird trotz seines neuen Ministeriums auf die Kooperation der Regierungsmitglieder aus den anderen Parteien angewiesen sein. Dass die nicht nur in ihren Sonntagsreden, sondern auch in der konkreten Politik wirklich hinter den Zielen des Pariser Abkommens stehen, halte ich an mehreren Stellen für mehr als fraglich.” 

Ein erster Vorgeschmack auf künftige Kämpfe

Einen kleinen Vorgeschmack auf künftige Kämpfe in der Koalition bekamen die Grünen, als sich jetzt der designierte Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP für eine Entlastung von Besitzern von Diesel-Fahrzeugen stark machte, wenn die Kraftstoff-Preise wegen der geplanten höheren CO2-Steuer ansteigen. Davon steht nichts im Koalitionsvertrag. Grüne und SPD reagierten mit Unverständnis. 

Greenpeace: Kohleausstieg nächstes Jahr neu verhandeln

Auch die Umweltgruppe Greenpeace macht klar, was sie von Habeck erwartet. Deren Klimaexperte Martin Kaiser sagt der DW: “Die größte Hürde ist für Robert Habeck, nach fast zehn Jahren Stillstandes unter der Regierung Merkel den Ausbau der Erneuerbaren so zu beschleunigen, dass schon 2022 der Kohle-Ausstieg 2030 wasserdicht beschlossen werden kann. Denn das erwarten sowohl die Klima-Bewegung als auch die Wählerinnen und Wähler der Grünen.”

Berlin Robert Habeck Christian Lindner

Der eine Super-Minister für Klima und Wirtschaft, der andere für Finanzen: Menschlich verstehen sich Robert Habeck (links) und Christian Lindner gut. Beim Thema Klima könnten sich trotzdem aneinandergeraten

Das aber wird sicher zunächst einmal die härteste Herausforderung für Habeck: 20.500 Beschäftigte zählt der Braunkohletagebau vor allem in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen, das Ausstiegsdatum 2038 wurde nur unter äußersten Mühen erreicht. 40 Milliarden Euro pumpt der Staat bis dahin in die vom Strukturwandel betroffenen Regionen, dennoch ist der Kohle-Ausstieg dort äußerst unpopulär. Jetzt noch einmal das Ausstiegsdatum vorzuziehen wird alle Kraft des Moderators Habeck erfordern.

Klimaschutz ist jetzt Aufgabe aller Ressorts

 Auch wenn FDP und SPD beim Klimaschutz sicher ein geringeres Tempo anschlagen werden als die Grünen, haben alle drei Parteien vereinbart, dass der Abbau der Treibhausgase eine Aufgabe aller Ressorts sein soll. Lange Zeit hatte Habeck klar signalisiert, dass er sich den Kampf gegen den Klimawandel am ehesten als Finanzminister vorstellen könnte. Denn dort, im Finanzressort, fallen am Ende die Entscheidungen, für welche Politik, für welche Projekte Milliarden-Summen bereitgestellt werden. Aber das Finanzministerium führt in der Ampel-Koalition die FDP, deren Parteichef Christian Lindner wird die Aufgabe übernehmen. Für Habeck bleibt der Posten der Vize-Kanzlers. Und die Führung des neuen Super-Ministeriums für Klima und Wirtschaft.

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US-Notenbank warnt vor weiterer Inflationsgefahr

Die derzeit hohe Inflation könnte nach Einschätzung von US-Notenbankchef Jerome Powell länger als ursprünglich erwartet andauern. Im kommenden Jahr dürfte sich der starke Preisauftrieb wieder verlangsamen und die Nachfrage dürfte in ein besseres Gleichgewicht kommen, heißt es in einer vorab veröffentlichten Rede, die Powell am Dienstag vor dem Bankenausschuss des Senats halten will.

Faktoren auch im nächsten Jahr 

“Es ist schwierig, die Fortdauer und die Auswirkungen der Lieferengpässe vorherzusagen. Aber es scheint derzeit so, dass Faktoren, die die Inflation antreiben, im nächsten Jahr fortbestehen werden”, fügt Powell hinzu. Mit der rapiden Verbesserung am Arbeitsmarkt gehe außerdem die Flaute zurück und stiegen die Gehälter in einem deutlichen Tempo.

USA Benzinpreise schnellen in die Höhe

Deutliches Zeichen der Inflation: die hohen Benzinpreise, nicht nur – wie hier – in den USA

Der jüngste Anstieg der Covid-19-Fälle in Verbindung mit der neuen Omikron-Variante stelle Risiken für die Beschäftigung und das Wirtschaftswachstum sowie eine erhöhte Unsicherheit für die Inflation dar. Powell versprach, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu ihrem Preisstabilitätsziel stehe. Die Zentralbank werde die Konjunktur und den Arbeitsmarkt unterstützen sowie eine Preisspirale verhindern.

Bald die Zinswende?

Die Inflation ist inzwischen so hoch wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. An den Märkten wird damit gerechnet, dass unter der Führung Powells im Juni 2022 die Zinswende eingeleitet wird. Dann könnte der geldpolitische Schlüsselsatz um einen Viertel Prozentpunkt angehoben werden. Derzeit wird er in einer Spanne von null bis 0,25 Prozent gehalten.

ml/fw (rtr, ap)

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Mutter der Performance: Marina Abramovic wird 75

Ihren Tod hat Marina Abramovic schon vorbereitet. Natürlich als Performance: Beerdigt werden sollen drei Marinas, eine “richtige” und zwei “falsche”. Und zwar an den Orten, an denen die weltweit bekannteste Performance-Künstlerin die meiste Zeit verbrachte: in Belgrad, Amsterdam und New York.

An welchem Ort der echte Körper begraben sein wird, soll geheim bleiben. Sich mit dem eigenen Ende auseinanderzusetzen, sei essentiell für sie. “Mit jedem Tag, den man lebt, nähert man sich dem Tod”, sagte Abramovic in einem Interview mit der Kuratorin Carrie Scott. “Darauf muss man vorbereitet sein, damit man ohne Angst oder Wut stirbt.” Das habe sie von ihrer Großmutter gelernt, die stets Kleidung für die eigene Beerdigung zurechtgelegt habe, jeweils angepasst an die damalige, sich ändernde Mode – ihre Oma wurde 103.

Geboren wurde Marina Abramovic am 30. November 1946 in Belgrad, wo sie in den 1970er-Jahren an der Staatlichen Kunsthochschule Malerei studierte. “Ich spüre deutlich, dass ich vom Balkan komme. Wir machen aus allem ein großes Drama. Entweder aus persönlichen Lebensereignissen oder aber aus dem ganz grundsätzlichen Drama des menschlichen Daseins.” Diese Energie und die damit verbundenen Emotionen sind in Abramovic’ Kunst ungemein intensiv. Ihre Performances provozieren, machen aggressiv, wühlen auf, beruhigen, rühren zu Tränen – kalt lassen sie wohl kaum einen.

Marina Abramovic kämmt sich die Haare

Kunst und Künstler müssen schön sein? Zwanghaftes Kämmen mit Metallbürsten in “Art must be beautiful” (1975)

Begonnen hatte Marina Abramovic ihr Werk mit extremen körperlichen Erfahrungen - eine Qual sowohl für sie als auch für die Zuschauer. Mit 26 Jahren stach sie sich bei einer ihrer ersten Arbeiten zwischen die Finger der linken Hand. Dass sie sich dabei verletzten würde, kalkulierte sie mit ein, mit jedem Stich in den Finger wechselte sie das Messer. “Wie beim Russischen Roulette geht es um Mut, Leichtsinn, Verzweiflung und Düsterkeit”, erzählt Marina Abramavic in ihrer 2018 auf Deutsch erschienen Autobiografie “Durch Mauern gehen”. Wichtig sei “die andere Seite”. “Wenn du das alles überstanden hast, ist die Freude unbeschreiblich. Genau dafür lebe ich”, sagte sie über die Schmerzen ihrer Kunst in dem Interview mit der Kuratorin Scott. Nichts sei einfacher, als Dinge zu tun, die man gerne tut. Doch das wirkliche Erleben sei das eben nicht.

Messerstechen und Ersticken

Nach dem Messerstechen folgten viele weitere verstörende Arbeiten. Bei “Art must be beautiful” kämmte sie sich 1975 mit einer Metallbürste und einem Metallkamm gewaltsam die Haare, Abramovic dazu: “Während ich dies mache, wiederhole ich solange ‘Art must be beautiful’, ‘Artist must be beautiful’, bis ich mein Haar und Gesicht zerstört habe.”

Ein Jahr zuvor bestand ihre Performance “Rhythm 5″ aus einem brennenden kommunistischen Stern, in dessen Mitte sie sich legte, nachdem sie ihre Haare und Nägel geschnitten und verbrannt hatte. Doch das Feuer hatte den ganzen Sauerstoff verbraucht, Abramovic wurde ohnmächtig: “Die Zuschauer reagieren nicht, weil ich liege. Als eine Flamme mein Bein berührt und ich immer noch nicht reagiere, betreten zwei der Zuschauer den Stern und tragen mich hinaus. Ich werde mit den Grenzen meines Körpers konfrontiert, die Performance wird unterbrochen.”

Performance endet in Tumult

Die direkte Konfrontation mit dem Publikum hatte sie bereits 1974 mit “Rhythm 0″ zur Legende gemacht. In einer Galerie legte sie 72 Gegenstände aus, darunter eine Säge, Nägel, Alkohol, Streichhölzer, Lippenstift und sogar eine geladene Pistole. Mit einem Schild forderte die damals 27-Jährige das Publikum auf, sechs Stunden lang mit ihr zu machen, was es wollte. Eine intensive Performance, bei der manche Besucher die junge Frau verletzten, sie beschmierten und die Kleidung zerschnitten, andere hingegen versuchten, sie zu beschützen.

Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay, die Haare zum gemeinsamen Zopf gebunden

Symbiose und Abgrenzung: Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay

1975 lernte sie den deutschen Künstler Ulay kennen. In ihrer zwölfjährigen Beziehung loteten die beiden gemeinsam die Grenzen ihrer Körper aus, “eine romantische und radikale Zeit”, sagte Abramovic im DW-Interview. Im Vordergrund habe ihre Liebe gestanden, danach die Kunst. Die ersten Performances bestanden aus Auf- und Abprallen ihrer nackten Körper, erzählten eindrucksvoll von Verlangen und Abgrenzung. In einer späteren Installation ohrfeigten sich die beiden 20 Minuten lang, dabei sei es um den Klang gegangen, den eine Ohrfeige erzeuge, der Körper sei hier nur ein Instrument.

Viele Jahre lebten sie wie Nomaden, reisten zu den Aborigines und Tibetern. Die beiden exzentrischen Künstler trennten sich schließlich. Ihre ursprüngliche Performance, bei der sie 2500 Kilometer auf der Chinesischen Mauer aufeinander zulaufen wollten, um dann zu heiraten, wurde nach der langen Vorbereitungszeit schließlich zur Trennungsperformance.

Marina Abramovic während ihrer Performance auf einem Holzstuhl im MoMA in New York. Ihr gegenüber sitzt ein Mann

So leer war es selten in der MoMA-Retrospektive: Marina Abramovic in “The Artist is Present” (2010)

Bahnbrechende Kunst des Stillsitzens

Wer meinte, Abramovic hätte schon alle Grenzen der Performance-Kunst überschritten, wurde bald erneut überrascht. So beispielsweise mit der Performance ”The Artist is Present”: Anlässlich der großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art nahm Marina Abramovic die Aussage wörtlich: Die Künstlerin war anwesend. 75 Tage, sieben Stunden am Tag saß sie auf einem Holzstuhl, den sie weder zum Essen noch zum Toilettengang verließ, möglich nur durch eine strenge Diät.

Ihr gegenüber stand ein leerer Stuhl, der jedoch während der gesamten Schau nie leer blieb. Besucher setzten sich der Ikone gegenüber, schauten ihr in die Augen, lachten, weinten, darunter auch Prominente wie Sharon Stone, Tilda Swinton, Björk oder Lady Gaga. Ein einziges Mal brach sie ihre Reglosigkeit, nämlich als ihr früherer Partner Ulay ihr gegenüber Platz nahm.

Die Abramovic-Methode

Marina Abramovic hat seit den 1990er-Jahren viele junge Performancekünstler in den verschiedensten Institutionen unterrichtet. Ihre Methoden hat sie in der “Abramovic-Methode” zusammengefasst, einer Sammlung von verschiedenen Entspannungs-, Meditations- und Konzentrationsübungen.

Sie wolle die Techniken vermitteln, die es ihr während der Performances ermöglichen, Grenzerfahrungen durchzustehen, sagt die Künstlerin. Im “Marina Abramovic Institute” können auch zahlende Privatpersonen in fünftägigen Workshops ihre spezielle Methode kennenlernen. Damit reduziere sich Abramovic zur Society-Schamanin, monieren ihre Kritiker.

Naserümpfend wurde teilweise auch ihr Crowdfunding für ein Performance-Art-Zentrum in Hudson im Bundesstaat New York bewertet. 31 Millionen Dollar hätte der von Rem Koolhaas entworfene Neubau kosten sollen, zu viel für Abramovic, sie gab das Projekt auf. Sie habe akzeptiert, sagte sie 2017 gegenüber der Monatszeitschrift “The Art Newspaper”, dass diese immaterielle Kunstform auch ein immaterielles Zentrum habe: “Wenn uns Institutionen einladen, arbeiten wir einfach dort.”

Geteiltes Echo: mal gefeiert, mal verrissen  

In den letzten Jahren wagte Marina Abramovic mehrere Experimente, auch im Grenzbereich von Musik, Theater, Film und Performancekunst: So konnten Neugierige 2019 die Abramovic-Methode bei ihrem Projekt “Anders hören” in der Frankfurter Oper selbst ausprobieren. Nach achtstündiger Vorarbeit mit der Methode sollten sie besonders sensibilisiert in eine vierstündige Musikvorführung gehen. Die Kritiken fielen sehr unterschiedlich aus.

Marina Abramovic im goldene Kleid auf der Bühne im Opernprojekt 7 deaths of Maria Callas

Marina Abramovic im Opernprojekt “7 deaths of Maria Callas”

Ähnlich ambivalent wurde auch ihr wegen der Corona-Pandemie mehrmals verschobenen Opern-Projekt “7 Deaths of Maria Callas” aufgenommen. In München verrissen, in Paris gefeiert, wartet es nun auf weitere Aufführungen, unter anderem im Frühling 2022 an der Deutschen Oper in Berlin. Mit der griechischstämmigen Star-Sopranistin Callas eint die jetzt 75-Jährige Abramovic nicht nur die markante Nase sondern auch ein untrügliches Gespür für das Dramatische.

Sterben, sterben – und gleich nochmal

In der von ihr geschriebenen und inszenierten Oper liegt Abramovic auf einem Sterbebett, während sie in großen Videoprojektionen – begleitet von Charakterdarsteller Willam Dafoe – in der Rolle der Callas den siebenfachen Operntod stirbt. Zuletzt imaginiert sie den echten Tod der Callas: Ein Schlafzimmer in Paris, es sind nur Klangflächen zu hören, ein Schaben, Sprachfetzen aus den Lautsprechern: “Bin ich wach?”, “Welcher Tag ist es?” Das Sterben geschieht in Einsamkeit, umgeben von einem Rauschen, durch das Musikfetzen wehen, das Gefühl von Leere. Und irgendwann: Stille.

Oper 7 seven deaths of Maria Callas | Marina Abramovic

Sterben als Diva: Marina Abramovic als Maria Callas auf der Opernbühne

Derweil bleibt Marina Abramovic auch mit 75 Jahren äußerst umtriebig: 2023 etwa ist
eine große Ausstellung in der Royal Albert Hall in London geplant.

Warum sie ausgerechnet drei Marinas beerdigen lassen möchte? Jede stünde für einen Teil von ihr: Mut, Spiritualität und Blödsinn. Früher habe sie sich immer für einen dieser Teile geschämt, heute akzeptiere sie sich so, wie sie ist. Daher habe sie auch kein Problem damit, älter zu werden, sagte die Performance-Ikone im DW-Interview. “Man braucht Zeit, sich selbst zu verstehen. Älterwerden bedeutet, weiser zu werden.” 

Dies ist die aktualisierte Fassung eines Porträts vom 29.11.2016.

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