Das Foto, das ein Leben veränderte

Der Anblick ist herzzerreißend: Abdul Halim Atar versucht, in dem engen Straßengewirr von Beirut blaue Kugelschreiber zu verkaufen. Er sieht müde aus. Jeden Tag nimmt er seine Tochter mit. Doch an diesem Tag war die vierjährige Reem eingeschlafen und legte ihren Kopf auf Papas Schultern. Jemand – wer genau ist nicht bekannt – fotografierte die Szene und postete sie beim Kurznachrichtendienst Twitter. Das Bild verbreitet sich in Windeseile – es wurde fast 6000 Mal geteilt.

Solidarität im Netz – weltweit

Auch der Isländer Gissur Simonarson war sichtlich gerührt. Das war der Zeitpunkt, an dem sich das Leben von Abdul Halim Atar ändern sollte, denn Simonarson wollte den Straßenverkäufer finden und für ihn eine Crowdfunding-Kampagne starten: “Lasst ihn uns finden und all seine Stifte kaufen”, twitterte Gissur Simonarson unter dem Hashtag #buypens – #kaufStifte.

Wenige Tage später war er ausgemacht. “Ein Mann kam auf mich zu und sagte, er sei froh, mich zu sehen”, erzählt Abdul Halim Atar dem Sender Sky News Arabia bei seinem ersten Fernseh-Interview. “Er erzählte mir, dass die ganze Netzwelt mich suchen würde. Ich hab erst gar nicht verstanden, was er damit meinte. Anfänglich hatte ich sogar Angst.”

Gissur Simonarson, der in Oslo ansässig ist, eigentlich als Consultant arbeitet, aber auf einer Website auch über Krisen- und Konfliktgebiete informiert, konnte sich schließlich mit Atar in Verbindung setzen. “Jemand gab Abdul Halim ein Telefon, und so konnten wir sprechen”, erzählte der Isländer verschiedenen Medien.

Die Verbindung von Oslo nach Beirut kam über die libanesische Nichtregierungsorganisation “Lebanese 4 Refugees” zustande. Simonarson nahm zunächst Kontakt zu der Aktivistin Carol Malouf auf. Sie war es schließlich, die sich mit Abdul Halim traf.

Die Crowdfunding-Kampagne, die Gissur Simonarson initiierte, übertraf alle Erwartungen. Innerhalb von nur vier Tagen spendeten Menschen aus 89 Ländern über 155.000 US-Dollar – und die Kampagne läuft noch für weitere zehn Tage. “Ich kann nicht fassen, wie viel Glück ich hatte”, sagt Abdul Halim Atar.

Palästinenser zwischen den Fronten

Vom Glück fehlte bislang im Leben des 35-jährigen palästinensisch-stämmigen Syrers fast jede Spur. Eine Zeit lang arbeitete er in Damaskus in einer Schokoladenfabrik. Als in Syrien die Aufstände begannen und kurze Zeit später der Krieg losging, verließ Abdul Halim Atar mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn Aboud das Palästinenser-Lager Jarmouk nahe Damaskus.

Der Grund: In Syrien waren Palästinenser zwischen die Fronten geraten. Die einen warfen ihnen vor, Präsident Baschar al-Assad zu stützen, andere unterstellten ihnen, zur Opposition zu gehören. Heute ist das Lager Jarmouk von allen am Krieg beteiligten Parteien belagert.



Syrien: Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus (Foto: AP)

So sieht der Heimatort von Abdul Halim Atar heute aus: Jarmouk ist zerstört

Zunächst war Atar mit seiner Familie für acht Monate in Ägypten, doch seine Frau wollte unbedingt zurück nach Syrien. “Das hat uns entzweit. Ich habe keine Zukunft für meine Kinder in Syrien gesehen“, erklärt Atar. Daher sei er mit ihnen in den Libanon gegangen.

Das war vor gut drei Jahren. Hätte Atar versucht, später in den Libanon zu reisen, wäre er vermutlich nicht mehr über die Grenze gekommen. Denn Palästinenser aus Syrien strandeten schon oft mittellos an der Grenze zum Zedernstaat. Die libanesische Regierung folgte damit dem Vorbild Jordaniens, das nach Angaben der Organisation Human Rights Watch palästinensische Flüchtlinge abweist – Syrer aber aufnimmt.

Zu wenig Geld zum Leben

Seither lebt Abdul Halim Atar mit seinen zwei Kindern in Jnah, einem Beiruter Außenbezirk, in zwei karg eingerichteten Zimmern. “Ich habe wenigstens ein Dach über dem Kopf”, sagt er. Bisher erhielt er für sich und seine Familie 40 US-Dollar von einer Hilfsorganisation zum Leben.

Da Atar und seine Kinder palästinensische Flüchtlinge sind, konnten sie sich nicht beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) melden. Denn palästinensische Flüchtlinge – egal, wo sie vorher gelebt haben – fallen nicht unter die Flüchtlingskonvention von 1951 und dem damit verbundenen Flüchtlingsprotokoll und der Satzung des UNHCR, welches für alle Flüchtlinge weltweit Anwendung findet.

Für die palästinensischen Flüchtlinge wurde eine gesonderte Organisation geschaffen, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) – chronisch unterfinanziert, weil es von freiwilligen Geldern verschiedener Geberländer abhängig ist.

Der Neid wächst

Abdul Halim Atar versuchte, mit dem Verkauf von Kugelschreibern seinen Lebensunterhalt zu verbessern. “Alle Menschen brauchen Stifte”, sagt er. Doch die überraschende weltweite Solidarität, die die Crowdfunding-Aktion auslöste, stieß nicht nur auf Zuspruch im Netz. Sie auch hat Neider und Kritiker auf den Plan gerufen.

So sehen einige User Spenden in dieser Höhe an eine einzelne Person kritisch. Man hätte die Aktion für das ganze Lager ins Leben rufen sollen, heißt es auf der einen Seite. Auf der anderen Seite schreibt James Denselow, Nahost-Experte und Direktor der “New Diplomacy Platform” mit Sitz in London, dass Menschen für individuelle Schicksale eben eher bereit seien, zu spenden. Daher müssten noch mehr solcher Geschichten erzählt werden, so die Schlussfolgerung.

Carol Malouf von der NGO “Lebanese 4 Refugees” versucht derzeit einen Fonds einzurichten, damit Atar monatlich eine Summe erhalten kann. Außerdem will sie die kleine Reem und den neunjährigen Bruder Aboud in einer Schule unterbringen sowie eine neue, sicherere Unterkunft für die Familie finden.

Abdul Halim Atar will mit dem Geld auf jeden Fall seinen Kindern eine Ausbildung finanzieren. “Sie sollen es einmal gut haben”, sagt er. Außerdem will er gerne anderen Kindern helfen. “Es gibt über 1500 Kinder, die auf den Straßen Beiruts arbeiten. Ich wünsche mir, dass sich das ändert.” Aber am meisten wünscht er sich, irgendwann wieder in seine Heimat Syrien zurückgehen zu können. “Davon träume ich.”

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