Grundschulen in Deutschland: Lehrer dringend gesucht

Für viele Kinder in Deutschland ist es etwas ganz Besonderes, wenn sie während ihrer vierjährigen Grundschulzeit mal einen Lehrer, also eine männliche Lehrkraft zu Gesicht bekommen. “Einige sind zuerst so verwirrt, dass sie den Mann mit Frau statt Herr Patterson ansprechen oder sogar Frau Herr Patterson”, sagt Christoph Fantini, Leiter des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Bremen im DW-Interview. “Sie haben einfach noch nie einen Mann in dieser Funktion erlebt und wissen nicht, wie sie ihn ansprechen sollen.”

Grundschullehrer: für einige ein unmännlicher Beruf

Deutschland - Rent A Teacherman Projekt an Grundschulen (DW/ C. Bleiker)

Fantini: Kinder wissen nicht, wie sie einen männlichen Lehrer ansprechen sollen.

Grundschullehrer ist in Deutschland ein vorwiegend von Frauen besetzter Job. 2015 waren fast 17.500 für den Studiengang Grundschullehramt eingeschrieben. Und: weniger als 2.500 Männer. Das könnte auch an der Bezahlung liegen, denn die ist an weiterführenden Schulen besser. Pro Monat können das je nach Bundesland mehrere hundert Euro mehr sein. Christoph Fantini glaubt jedoch nicht, dass es an den geringeren Lohnaussichten liegt, die Männer davon abhält, Grundschullehrer zu werden. “Wenn man 18-Jährige fragt, wissen nur die Wenigsten, wie viel ein Grundschullehrer im Vergleich zu einem anderen Lehrer verdient.” Was sie aber wüssten sei, dass es als unmännlich gelte, als Grundschullehrer zu arbeiten. “Sie haben Angst davor, sich um kleine Kinder kümmern zu müssen und Angst, vor dieser emotionalen Nähe.”

Eine Win-Win-Situation für die Kinder und die Männer

Um diese schiefe Wahrnehmung zu ändern, hat Christoph Fantini vor fünf Jahren das Programm “Rent a Teacherman”, zu Deutsch “Leih’ Dir einen Lehrer” ins Leben gerufen. Bremen, die Stadt, in der er unterrichtet, braucht dieses Projekt ganz besonders. Von 90 öffentlichen Grundschulen, haben dort 19 keinen einzigen Lehrer, sondern ausschließlich Lehrerinnen. An genau diesen Schulen assistieren nun männliche Lehramtsstudenten etwa drei Stunden in der Woche innerhalb des Projektes. Es ist eine Win-Win-Situation: Die Kinder erleben Männer als Grundschullehrer und die Studenten wiederum machen wertvolle Erfahrungen und verdienen sich etwas dazu. Finanziert wird das Ganze vom Bremer Bildungsministerium. Insgesamt 36 Lehrer haben bereits unterrichtet oder unterrichten aktuell an 18 Schulen in der Hansestadt.

Erik Schäfer ist einer von ihnen. Der 28-Jährige hat im Mai seine Master-Arbeit eingereicht und wird im Februar 2018 sein Referendariat beginnen. Schäfer hat als “Leih-Lehrer” bereits fünf Jahre Erfahrung an einer Grundschule in Bremer Stadtteil Kirchhuchting gesammelt. An einem Mittwochnachmittag im November sitzt er nun mit vier eifrigen Viertklässlern in seinem wöchentlichen Mathe-Workshop. Dieser freiwillige Kurs richtet sich an jene Kinder, die sich über die Maßen für Mathematik interessieren. “Herr Schäfer, kann ich die nächste Aufgabe lösen?”, fragt einer. “Schauen Sie nicht auf mein Blatt. Ich bin schon fertig” oder “Das ist ganz einfach. Man muss nur ein bisschen logisch denken.”

Deutschland - Rent A Teacherman Projekt an Grundschulen (DW/ C. Bleiker)

“Teacherman” Erik Schäfer über seine Schüler: “Ich kenne diese Jungs, seit sie Erstklässer sind.”

Wie jüngere Geschwister mit dem älteren Bruder

Die Schüler sitzen um zwei Tische herum und wedeln mit ihren Händen direkt vor Erik Schäfers Gesicht herum, um von ihm dran genommen zu werden. Sie buhlen regelrecht um seine Aufmerksamkeit, so wie jüngere Geschwister es manchmal mit dem älteren Bruder tun. “Als ich den Workshop mal eine Zeit lang nicht machen konnte, kamen jede Woche Schüler zu mir und fragten, wann es denn wieder los ginge”, erzählt der angehende Referendar.

Als Erik Schäfer sich damals dafür entschied, bei “Rent a Teacherman” mitzumachen, wollte er mehr Erfahrung sammeln. Über seine Zeit an der Grundschule in Kirchhuchting sagt er, dass sie ihm gezeigt habe, dass er sehr gut mit jüngeren Kindern arbeiten könne und für sich den richtigen Beruf gefunden habe. Auch er hat erlebt, dass Schüler verwirrt waren, wenn plötzlich ein Mann statt einer Frau unterrichtet hat. “Es hat definitiv einige Wochen gedauert, bis sie sich an mich gewöhnt hatten”, sagt er lachend. “Meine langen Haare haben es noch schwieriger gemacht.”

Auch zu Hause fehlt oft eine männliche Bezugsperson

Die Direktorin der Grundschule von Kirchhuchting, Ruth Rauer, ist sehr glücklich darüber, Schäfer in ihrem Kollegium zu haben. Ihre Schule, die aus etwa 170 Schülern und 11 Lehrerinnen besteht, war eine der Ersten, die an dem Projekt “Rent a Teacherman” teilgenommen hat. “In unserem Teil von Bremen ist die Kinderarmut sehr hoch und so wollen wir alles nutzen, was den Schülern helfen könnte”, sagt Rauer in ihrem kleinen Büro neben dem Lehrerzimmer. “Viele der Kinder hier wachsen mit alleinerziehenden Müttern auf. Ihnen fehlt schon zu Hause eine männliche Bezugsperson.” Rauer und ihre Kollegen hätten sehr gerne noch einen weiteren “Teacherman” an ihrer Schule. “Wir können uns unsere Schule gar nicht mehr ohne einen Mann vorstellen”, sagt eine von Erik Schäfers Kolleginnen.

Frauen sind klüger und Männer stärker, oder!?

Ganztagsschule (picture-alliance/dpa/F. Leonhardt)

Vor allem an vielen Grundschulen in Deutschland fehlen männliche Rollenvorbilder.

Der Bedarf an männlichen Vorbildern an Schulen ziehe sich in Deutschland durch alle Gesellschaftsschichten, sagt Christoph Fantini, Gründer des Projekts. Für Kinder wäre es gut zu sehen, dass es keine Jobs gebe, die ausschließlich für Männer oder Frauen vorbestimmt seien. Einer seiner “Leihlehrer” habe die Kinder an einer Schule kürzlich gefragt, warum es ihrer Meinung nach so wenig männliche Lehrer gebe, erinnert sich Fantini. “Ein Junge habe geantwortet: Weil Frauen klüger und Männer stärker seien. Es ist verheerend, wenn Jungen denken, dass sie in der Schule nicht so gut sein könnten wie die Mädchen, weil diese klüger seien.” Das Projekt “Rent a Teacherman” kann das vielleicht ändern.

Als ein Junge, der von einem von Christoph Fantinis Lehrern unterrichtet wird, gefragt wurde, was er für männlich halte, sagte dieser: Kochen, boxen, tanzen und Lehrer sein. Es waren genau jene Dinge, die sein Lehrer der Klasse zuvor als seine Leidenschaften aufgezählt hatte.

Source Article from http://www.dw.com/de/grundschulen-in-deutschland-lehrer-dringend-gesucht/a-41605592?maca=de-rss-de-all-1119-rdf