Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert

Ob Opfer, Täter oder Helfer – es gibt immer weniger Menschen, die über ihre Erlebnisse während der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945 berichten können. Wie sich Deutschland schon in naher Zukunft ohne Zeitzeugen an erinnern soll, darüber zerbrechen sich Historiker, Politiker und Pädagogen schon lange den Kopf. Die Frage hat auch deshalb an Brisanz gewonnen, weil Rassismus und Antisemitismus seit Jahren sichtbar zunehmen. Vor diesem Hintergrund legte das Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) am Dienstag in Berlin seine Studie “MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor” vor.

“Es hat uns vor allem interessiert, was, warum und wie Menschen in Deutschland Geschichte erinnern”, sagte IKG-Direktor Andreas Zick. Ein besonderer Blick sei auf die Erinnerung an den Holocaust gerichtet gewesen. Denn angesichts von Antisemitismus und Versuchen, Themen wie die Kriegsschuld für Propagandazwecke zu missbrauchen, stehe Erinnerungskultur infrage. “Wenn jetzt aber von einem ‘Schuldkult’, der in Deutschland betrieben werde, die Rede ist, entspricht das überhaupt nicht der Meinung in der Bevölkerung”, betonte Zick. Die Befragten würden viel differenzierter erinnern. Dabei spielt die Vergangenheit der eigenen Familie eine wichtige Rolle.

Holocaust-Mahnmal (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Auch abstrakte Erinnerung ist möglich: Denkmal für die ermordeten Juden Europas neben dem Brandenburger Tor in Berlin

Zicks Team befragte in Telefon-Interviews über 1000 Personen im Alter von 16 bis 92 Jahren zu ihrer eigenen Vergangenheit oder der ihrer Vorfahren. Demnach hatten 17,6 Prozent während des Zweiten Weltkriegs Täter in ihrer Familie. Fast den gleichen Wert (18 Prozent) ermittelten die Forscher bei der Frage nach Angehörigen, die potentiellen Opfern geholfen haben. Mit Abstand am größten ist die Zahl der Interviewten (54,4 Prozent), die von Opfern unter den Verwandten berichtete. Gering ist laut Studie der Anteil jener, die sich für die Vernichtung der europäischen Juden schuldig fühlen. Der Aussage “Auch wenn ich selbst nichts Schlimmes getan habe, fühle ich mich schuldig für den Holocaust” stimmte lediglich jeder zehnte Befragte zu.

Besuche authentischer Orte sind sehr prägend

Wenig überraschend: Fast alle Interviewten haben in der Schule über den Nationalsozialismus erfahren (98,4 Prozent). Bei Jüngeren spielt außerdem das Internet als Informationsquelle eine wichtige Rolle. Allerdings wird es als wenig prägend erlebt, haben die Wissenschaftler bei ihren Befragungen herausgefunden. Den stärksten Eindruck hinterlässt demnach der Besuch von Orten des Erinnerns,  also Gedenkstätten oder Mahnmale. Dabei hinterlässt der Besuch von Stätten, die an die Vernichtung von Menschen durch den Nationalsozialismus erinnern, nach Meinung der Befragten den stärksten bleibenden Eindruck.

Weit über die Hälfte der Befragten interessiert sich für die deutsche Geschichte eher stark (32,5 Prozent) oder sogar sehr stark (27,7 Prozent). Die Befürchtung, dass sich etwas wie der Holocaust wiederholen könnte, ist unter den Befragten vorhanden. Knapp die Hälfte teilt diese Sorge eher (25,6 Prozent) oder sogar stark (21,6 Prozent). Die Ergebnisse der repräsentativen Befragung sollen in neue Formen der Erinnerungskultur münden. Das wünscht sich die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” (EVZ), mit deren Unterstützung die Studie entstanden ist. EVZ-Vorstandschef Andreas Eberhardt hofft auf eine “lebendige Erinnerungskultur mit innovativen Formen und frischen Ansätzen”.

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