Mourinho mauert sich raus

Die Kamera zoomt auf ihn, sucht nach einer Regung. Doch da ist nichts. José Mourinho steht bewegungslos da. Er schaut auf das Spielfeld, doch irgendwie wirkt es, als ginge sein Blick weiter, als gehe er durch das, was vor ihm geschieht, hindurch. Die letzten Minuten dieses Spiels laufen bereits und Mourinho weiß längst, dass es vorbei ist. Sein Team liegt zuhause im Old Trafford gegen den FC Sevilla mit 1:2 zurück und braucht wegen des Hinspiel-Ergebnisses (0:0) noch zwei Tore für ein Weiterkommen. Die Zeit tickt gnadenlos herunter und den Red Devils fällt nicht mehr viel ein. Als der Schlusspfiff schließlich ertönt und Mourinhos Manchester United überraschend aus der Champions League ausscheidet, hört man Buhrufe und Pfiffe von den Rängen. Sie gelten vor allem auch ihm: José Mourinho.

Der Coach, der bei allen seinen Trainerstationen den Anspruch mitbringt, mindestens so wichtig zu sein wie die Mannschaft, geht schnellen Schrittes vom Platz. Er hat genug gesehen. Unter den Augen des ehemaligen United-Erfolgstrainers Alex Ferguson verlässt Mourinho den Rasen und weiß, dass er sich in den nächsten Tagen vor der gewohnt bissigen britischen Presse verantworten muss. Ohnehin liefert er sich in letzter Zeit immer wieder kleine verbale Scharmützel mit den Medien, die er genauso misstrauisch beäugt wie murrende Fans, gegnerische Trainer oder Schiedsrichter, die partout nicht so pfeifen wollen, wie er sich das vorstellt.

Mourinho kann mit Kritik in etwa so gut umgehen wie Donald Trump

UEFA Champions League Achtelfinale | Manchester United - FC Sevilla (Reuters/D. Klein)

Zu defensiv, zu harmlos: Manchester United schöpfte sein Potential gegen Sevilla nicht aus

Man kann Mourinhos aktuellen Gemütszustand wohl mit Fug und Recht als dünnhäutig beschreiben. Mal wieder. Vor dem Spiel erntete er Kritik vom Niederländer Frank de Boer, der sich als TV-Experte über Manchesters Spiel ausließ. Mourinho kann so etwas nicht ausstehen und keilte zurück: “Ich habe etwas gelesen, ein Zitat vom schlechtesten Trainer der Premier-League-Geschichte, Frank de Boer. Sieben Spiele, sieben Niederlagen, kein Tor (bei Crystal Palace, Anm. d. Red.)“, führte Mourinho trocken aus: “Er sagte, dass es nicht gut für Marcus Rashford sei, einen Trainer wie mich zu haben, weil es für mich das Wichtigste sei, zu gewinnen. Wenn er von Frank gecoacht werden würde, würde er lernen, wie man verliert, denn er hat ja jedes Spiel verloren.”

So ist Mourinho. Wenn es nicht läuft, ist er reizbar. Anfang März, als sein Team in der Premier League gegen Crystal Palace zur Pause zurücklag, warf er mit Flaschen um sich und zeterte in der Kabine. Eine Woche später erntete er Pfiffe vom Publikum, weil er den englischen Offensivmann Marcus Rashford auswechselte und sagte anschließend achselzuckend: “Die Fans können machen, was sie wollen.” Mourinho kann mit Kritik in etwa so gut umgehen wie Donald Trump.

Ein Trainer, der Verantwortung übernimmt, klingt anders

Das liegt zum einen an seinem, in diversen Biografien als außerordentlich groß beschriebenem Ego und zum anderen an der Tatsache, dass er nicht gut verlieren kann. Und so haben auch seine Einlassungen zur Niederlage gegen Sevilla wieder eine gewisse Note: “Natürlich ist es hart, mit Manchester United auszuscheiden. Aber ich war auch als Trainer von Real Madrid schon hier und Manchester United ist ausgeschieden. Das ist nicht neu für diesen Klub.” Ein Trainer, der Verantwortung übernimmt, klingt anders.

Dabei könnte er das durchaus tun. Das Ausscheiden von Manchester United gegen den spanischen Underdog des FC Sevilla verwundert: Fast zwei Spiele lang ließ Mourinho vor allem eins: verteidigen. Trotz famoser Offensivspieler wie Alexis Sanchez, Marcus Rashford, Romelu Lukaku, Paul Pogba oder dem alternden Zlatan Ibrahimovic stellte der Trainer eine defensiv orientierte Elf auf, forderte immer wieder den Rückzug in die eigene Hälfte. In Sevilla blieb man torlos und im eigenen Stadion bis in die Schlussphase auch. Erst als Sevilla 2:0 führt, lässt Mourinho seine Stürmer von der Leine. Zu spät. Mourinhos Team wird gegen Sevilla Opfer der eigenen Defensivtaktik.

Er konnte das Halbfinale schon “riechen”

UEFA Champions League Achtelfinale | Manchester United - FC Sevilla (Reuters/D. Klein)

Sein Tor reichte nicht: Romelu Lukaku trifft, doch das Tor fällt zu spät

Das 1:0 durch den eingewechselten Wissam Ben Yedder ist dabei bezeichnend: Manchesters Hintermannschaft schiebt sich den Ball hin und her. Die Bewegung geht nur seitwärts, nicht nach vorne. Das bringt zwar Ballbesitz, doch wenn dieser nur in der eigenen Hälfte stattfindet, ist er sinnlos. Die Angreifer von Sevilla verschieben sich geschickt, müssen aber nicht viel mehr tun, als auf einen Fehlpass von Manchester zu warten und der passiert schließlich. Dann geht alles ganz schnell: Weil Manchster United das Zentrum dem Gegner quasi kampflos überlässt, kann der Tunesier Ben Yedder flach ins rechte Eck einschieben – 1:0 (74.). Das 2:0 durch den französisch-tunesischen Fußballer besiegelt das United Schicksal (78.), Romelu Lukakus Anschlusstreffer (84.) ist nur Kosmetik.

Unüberwindbar ist die Abwehr von Sevilla dabei nun wirklich nicht. Real Madrid im Dezember, Stadtrivale Betis im Januar und kürzlich auch SD Eibar sowie Athletico Madrid konnten binnen 90 Minuten jeweils fünf Tore gegen den FC Sevilla erzielen. Mourinhos Starensemble schaffte in 180 Minuten gerade mal einen Treffer. “Ich will kein Drama daraus machen. Wir haben keine Zeit, traurig zu sein. Samstag ist das nächste Spiel”, versuchte Mourinho auf der Pressekonferenz nach dem Spiel die Pleite schnell wegzuwischen. Das wird ihm nicht so leicht gelingen.

Denn während der FC Sevilla zum ersten Mal in der Runde der letzten Acht der Königsklasse steht, scheidet Manchester zum ersten Mal seit vier Jahren im Achtelfinale aus. Auch weil Mourinho verbal die Offensive liebt, auf dem Platz aber einmal mehr erschreckend defensiv und ängstlich agiert. In der Premier League ist die Meisterschaft quasi bereits entschieden - zugunsten von Stadtrivale Manchester City. Die Ansprüche am Sir Matt Busby Way in Manchester sind andere. Dass Mourinho vor der Partie bereits vom Halbfinale, das man “riechen” könne, schwadronierte, wird es nicht besser machen. Es warten unbequeme Wochen auf José Mourinho in Manchester, vielleicht sind es schon seine letzten.

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