Legende der Filmmusik: Ennio Morricone zum 90.

Wie oft hat Hollywood versucht, ihn nach Amerika zu locken! Man hat ihm sogar einmal eine Villa umsonst angeboten, aber das hat er abgelehnt. Englisch kann er auch nicht, er habe vergeblich versucht, es zu lernen, gab er kürzlich gegenüber der dpa zu. Und jetzt – mit fast 90 – sei es auch schon zu spät. Und überhaupt: Ennio Morricone ist Römer mit Leib und Seele.

Wie alles begann 

In der Stadt am Tiber erblickte er am 10. November 1928 im Stadtteil Trastevere das Licht der Welt. Sein Vater Mario Morricone war Trompeter und merkte schnell, dass der Filius sein musikalisches Talent gerbt hatte. Mit sechs Jahren komponierte Ennio seine ersten Stücke, mit Zwölf schickten ihn die Eltern aufs Konservatorium, wo er zunächst das Trompetespielen erlernte. Ein Rat seines Vaters, der damit gut die Familie ernähren konnte. Er selbst, so Ennio Morricone, hätte sich das nicht ausgesucht, denn sein Herz brannte fürs Komponieren. Also lernte er auch das und absolvierte das auf vier Jahre angelegte Studium in der Hälfte der Zeit – ein Naturtalent.

“‘Ein Filmemacher muss mich bitten”

Nach der Ausbildung verdiente sich Morricone seinen Lebensunterhalt zunächst als Jazztrompeter in Nachtclubs, bevor er Aufträge beim Theater und in der Plattenbranche ergatterte und schließlich eine Stelle als Musikassistent beim italienischen Fernsehsender RAI Televisione antrat. Unter anderem arrangierte er dort Songs für den berühmten Tenor Mario Lanza, der in den 1950er Jahren dank seiner Hollywood-Filme der wohl bekannteste Opernsänger der Welt war.

Ennio Morricone sitzt zuhause auf dem Sofa (picture-alliance/dpa/A. Reuther)

Ennio Morricone kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken

Ob das Ennio Morricone auf die Idee brachte, Filmmusik zu schreiben? “Ich brauchte Geld und dachte, das wäre eine gute Idee”, hat er mal erzählt. “Aber ich bewarb mich bei niemandem in der Filmindustrie. Ich dachte: ‘Ein Filmemacher muss mich bitten, weil er glaubt, dass das, was ich schreibe, gut ist.’ Und so geschah es, dass ein Regisseur mich ansprach, dann noch einer, noch einer und so weiter.”

Erfolg mit Italo-Western

1961, er war 33 Jahre alt, komponierte Ennio Morricone erstmals die Musik für einen ganzen Kinofilm: “Il Federale” von Luciano Salce. Drei Jahre später kam dann der internationale Durchbruch: mit seinem weltberühmten Soundtrack zu Sergio Leones “Für eine Handvoll Dollar” (1964) mit dem damals noch unbekannten Clint Eastwood in der Hauptrolle.

Filmszene aus Für eine Handvoll Dollar mit Clint Castwood (imago/United Archives)

“Für eine Handvoll Dollar” machte nicht nur Morricone berühmt, sondern auch Hauptdarsteller Clint Eastwood

Mit Sergio hatte Ennio einst gemeinsam die Schulbank gedrückt, und der alte Freund gab bei ihm auch die Filmmusik für ”Zwei glorreiche Halunken” (1966) und ”Spiel mir das Lied vom Tod” (1968) in Auftrag. Die Western schrieben Filmgeschichte, nicht zuletzt auch ein Verdienst von Morricones unvergleichlicher Musik mit der eindringlichen Mundharmonika inklusive Kojotengeheul und pfeifendem Wind. Ennio vermöge mit seiner Musik Dinge auszudrücken, die sonst in Bildern hätten dargestellt werden müssen”, betonte Regisseur Leone immer wieder.

 

Mehr als nur Western

Bis heute verbinde man ihn stets mit den sieben Filmen, die er für den “Spaghetti Western”-Regisseur Sergio Leone geschrieben habe, so Morricone. Dabei habe er in seiner Karriere die Musik für über 500 Filme komponiert. “Wenn man sich durch die Filme blättert, an denen ich gearbeitet habe, sieht man, dass ich ein Spezialist für Western, Liebesfilme, politische Filme, Actionfilme, Horrorfilme und so weiter war. Mit anderen Worten: Ich bin gar kein Spezialist, weil ich alles gemacht habe. Ich bin ein Musikspezialist.”

In der Tat: Morricone komponierte für Regisseure wie Roman Polanski (“Frantic”), John Carpenter (“Das Ding aus einer anderen Welt”) oder Brian de Palma (“Die Unbestechlichen”). Filme wie “1900″ von Bernardo Bertolucci, Roland Joffés Drama “Mission”, Giuseppe Tornatores “Cinema Paradiso” oder Henri VerneuilsMafia-Epos “Der Clan der Sizilianer” tragen seine musikalische Handschrift.

Alle wollen seinen Sound

Schon 1965 hatte sich Morricone der experimentellen Truppe “Gruppo Improvisazione Nuova Consonanza” angeschlossen, die sich der Suche nach neuartigen Klängen verschrieben hatte.

Ennio Morricone mit Taktstock am Dirigentenpult (picture alliance/dpa/M. Hitij)

Berühmt als Komponist und Dirigent: Maestro Morricone

Sein Ideenreichtum ließ die Besten der Filmzunft an seine Tür klopfen, darunter auch Quentin Tarantino. Der nutzte einige seiner Stücke in den Filmen “Kill Bill”, “Inglorious Basterds” und “Django Unchained”, aber einen ganzen Soundtrack wollte Morricone lange nicht für ihn schreiben – tat es aber bei “The Hateful Eight” schließlich doch. “Tarantino ließ einfach nicht locker”, erzählte er der FAZ einmal im Interview. “Er suchte mich in Rom auf, sein Enthusiasmus hat mich überzeugt. “Aber auch diesem berühmten Regisseur machte der Maestro schnell seine Regeln klar: “Ich muss die endgültige Fassung des Films sehen, bevor ich auch nur über die Musik nachdenken kann, geschweige denn sie schreiben.”

Endlich der Oscar

Die Zusammenarbeit trug Früchte, denn 2016 bekam Morricone mit “The Hateful Eight” endlich den langersehnten Oscar für die beste Filmmusik.

Fünfmal war er schon nominiert worden und immer leer ausgegangen. 2007 hatte er zwar den Ehrenoscar für sein Lebenswerk bekommen, aber das zählte nicht so richtig. Er erinnere sich gut daran, wie es war, nicht ausgezeichnet worden zu sein, so Morricone. “Weil ich immer dachte, ich hätte ihn verdient. Alle wussten, dass ich ihn verdient habe.” 2016 wollte er zu der Zeremonie in Hollywood erst gar nicht anreisen, weil er zuvor zu oft enttäuscht worden sei. Ein wunder Punkt eben: “Obwohl mir die Anerkennung des Publikums eigentlich viel wichtiger ist als jene der Academy. In den 60er Jahren war die konservative Academy ja leider noch komplett taub für innovative Klänge.”

Und dann konnte Ennio Morricone ihn doch in die lange Reihe von Preisen einreihen, die er im Laufe seines Lebens gewonnen hat. Beide Oscars hat er seiner Frau Maria gewidmet, mit der er seit 1956 verheiratet ist. Schließlich sei es nicht so einfach, es so lange an seiner Seite auszuhalten. 

Morricone hält den Oscar hoch (picture alliance/dpa/P. Buck)

2007 bekam Morricone den Ehrenoscar, 2016 endlich den langverdienten für die beste Filmmusik

Auf Abschiedstournee

Filmmusiken komponiert Morricone seit kurzem nicht mehr, aber er steht immer noch am Pult und dirigiert. Kurz vor seinem 90. Geburtstag am 10. November beginnt er seine Abschiedstournee mit zwei Stationen in Russland. In Deutschland wird er sein letztes Konzert am 21. Januar in Berlin geben und viele seiner berühmten Kompositionen präsentieren. Gar nicht so viele, meinte er einmal augenzwinkernd: “Man erinnert sich daran, was Bach komponiert hat und wie viel Mozart in 33 Jahren geschrieben hat, und man sieht, ich bin unbeschäftigt dagegen.”

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