Kommentar: Der Protest der Generation Klimawandel

Was ist das, was sich da mittlerweile jeden Freitag in deutschen Städten, in Städten weltweit abspielt? Wenn junge Leute – Schüler und Studenten – Hörsäle und Klassenzimmer verlassen und für den Schutz des Klimas auf die Straße gehen? Oft mit dem Segen der Eltern und auch der Schulen, die sich so langsam überlegen müssen, wie sie mit der Ernsthaftigkeit umgehen, die die junge Generation dabei an den Tag legt. Ist das eine vorübergehende Politisierung, nicht weiter ernst zu nehmen, wie manche Politiker argwöhnen? Oder steckt mehr dahinter?

Der Reiz des Verbotenen

Zunächst einmal überrascht die schiere Masse, die einfach so entsteht, ohne direkten Anlass, einfach ausgelöst durch die tiefe Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit der jungen Schwedin Greta Thunberg, die sich Mitte vergangenen Jahres in Stockholm einfach vor das Parlamentsgebäude setzte, anstatt zur Schule zu gehen. Na klar: Der Reiz des Verbotenen spielt sicher eine Rolle, auch die Aussicht auf ein paar spannende Stunden außerhalb der Schulmauern, ohne sich gleich einen Schulverweis dafür einzuhandeln. Aber die Bewegung “FridaysforFuture” darauf zu reduzieren, wäre ziemlich arrogant.

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Jens Thurau ist Korrespondent im Hauptstadtstudio

Wo immer man die Freitags-Demonstrationen beobachtet, fällt die perfekte Organisation auf. Und zwar von den Schülern selbst. Etablierte Umweltgruppen wie Greenpeace bieten ihre Hilfe an, die wird auch angenommen, aber vereinnahmen lassen sich die Kids nicht. Und mit der gleichen Ernsthaftigkeit halten sie uns, der Elterngeneration, den Spiegel vor, wie es jede erfolgreiche Jugendbewegung zu jeder Zeit getan hat. Die Studenten des Jahres 1968 fragten ihre Eltern, wo sie gewesen waren, als Deutschland gegen alle zivilisatorische Errungenschaft in tiefe Barbarei abruschte. Die Friedensbewegung Anfang der 1980er-Jahre weigerte sich rundheraus, der politischen Logik des Wettrüstens weiter zu folgen.

Und die Jugendlichen heute leben oft in einer extrem konsumorientierten Gesellschaft, auch von ihren auf Selbstverwirklichung fixierten Eltern vorgelebt. Und bemerken doch, wie Gewissheiten und Verbindlichkeiten schwinden, wie sich Familien auflösen. Und wie groß der Widerspruch ist zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist, gerade der Eltern. Es ist diese Elterngeneration, die doch in jeder Umfrage kundtut, wie wichtig ihr der Schutz des Klimas ist. Und die aber doch immer mehr Geld für Flugreisen und das neuste SUV-Modell ausgibt. Und deshalb ist der Schutz des Klimas das ideale Thema für die Heranwachsenden heute.

Schulstreik versus Schulpflicht

Ein Problem könnte recht schnell das Mittel des Protests – der Streik – werden. In Deutschland immerhin gibt es die Schulplicht. Eltern, Lehrer und Politiker können nicht ewig zuschauen, wenn Greta Thunberg und ihre Mitstreiter verkünden, so lange streiken zu wollen, bis beim Schutz des Klimas endlich etwas passiert. Aber dann ändern sie eben die Protestform. Die Bewegung selbst muss das nicht beenden.

Seit der UN-Umwelt-Konferenz von Rio 1992, als der Multilateralismus noch etwas galt, versucht sich die Weltgemeinschaft mehr oder weniger erfolgreich am Schutz des Klimas. Das Thema war immer schon populär: 2007 erhielten der Weltklimarat und der frühere US-Vizepräsident Al Gore den Friedensnobelpreis. Vertreter der etablierten Erwachsenenwelt. Aber die Emissionen steigen munter weiter. Jetzt ist Greta Thunberg für den Nobelpreis vorgeschlagen worden. Ob man ihr damit einen Gefallen tut, sei dahingestellt. Aber dass der Klimaschutz jetzt zum Thema einer jungen Generation wird, die steigende Meeresspiegel und Hitzerekorde nicht mehr – wie ihre Eltern -einfach mit schlechtem Gewissen zur Kenntnis nehmen mag, kann doch eigentlich nicht verwundern: Denn diese Generation wird die erste sein, die Zeit ihres Lebens mit den immer stärker spürbaren Folgen der Erderwärmung wird leben müssen.

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