Der Medicus: Heilkunst zwischen Quacksalberei, Wissenschaft und Glaube

Manches Exponat mutet martialisch an: Ob Schädelbohrer, Knochenheber oder Beißholz - mit rund 500 Objekten gewährt das Museum in Speyerin seiner Ausstellung “Medicus – Die Macht des Wissens” Einblicke in fünf Jahrtausende Medizingeschichte. Eine spannende Zeitreise, die zeigt, wie viel geistige Kraft und handwerkliches Geschick Menschen seit jeher in die Heilkunst investierten. “Kaum eine Sehnsucht beschäftigte die Menschen mehr als der Wunsch, Krankheit und Tod zu überwinden”, sagt Museumsdirektor Alexander Schubert. Sein Team aus Historikern, Archäologen und Kunstgeschichtlern hat Fakten und Objekte zu einer kulturgeschichtlichen Schau verbunden. Ihr Fazit: Um zu verstehen, wie Heilung möglich ist, mussten Menschen immer wieder kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Grenzen überwinden.

So war es etwa ein ungeheurer Tabubruch, als in einer Januarnacht des Jahres 1555 der Medizinstudent Felix Platter und einige Mitstreiter auf dem Friedhof im südfranzösischen Montpellier zwei Leichen ausgrub, um sie heimlich zu sezieren. Bei schwerer Strafe war es seit der Antike verboten, die Körper von Menschen zu öffnen. Doch zu stark war der Wissensdurst des Schweizers Platter, der übrigens später in Basel ein angesehener Arzt und Anatom werden sollte.

Die Götter gnädig stimmen

Der persische Arzt Al-Razi betrachtet den Harn eines Patienten, dargestellt in einer mittelalterlichen Miniatur. ( Ms. 1019, folio 102, Avignon Bibliothèques/IRHT )

Der persische Arzt Al-Razi betrachtet den Harn eines Patienten, dargestellt in einer mittelalterlichen Miniatur.

Zu allen Zeiten tüftelten Menschen über Wege aus der Krankheit. Schon die Heilkundigen der frühen Hochkulturen in Mesopotamien, dem heutigen Irak, und in Altägypten wussten, wie man Wirkstoffe einsetzt: Davon zeugen Tontafeln mit medizinischen Rezepten aus dem Zweistromland. Gleichzeitig versuchten die Ägypter die Götter, die über Gesundheit oder Krankheit entschieden, mit Amulettketten gütig zu stimmen – und krankmachende Dämonen zu vertreiben.

Dem griechischen Arzt Hippokrates von Kos wird im fünften vorchristlichen Jahrhundert die Erfindung der Medizin als Heilkunst zugeschrieben. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wirkten seine Erklärungsmodelle für Gesundheit und Krankheit. Nach seiner “Vier-Säfte-Lehre” sei ein Gleichgewicht der Körpersäfte Blut, Schleim sowie gelbe und schwarze Galle für die Gesundheit verantwortlich.

Statue des griechischen Gottes der Heilkunst, Asklepios im 4. Jh. v. Chr. (Louvre Paris/Pixabay)

Statue des griechischen Gottes der Heilkunst, Asklepios im 4. Jahrhundert vor Christus.

Die Römer übernahmen die griechische Medizinkunde und entwickelten sie weiter: Sie gründeten Medizinerschulen. Der Arztberuf wurde vollends zum Handwerk, das auch für Frauen offen war. Römische Ärzte wagten auch komplizierte Augenoperationen wie des grauen Stars, wovon feine Spezialinstrumente in der “Medicus”-Ausstellung zeugen. 

Christus als bester Arzt

Das medizinische Wissen im mittelalterlichen Europa konzentrierte sich vor allem in Klöstern, aber auch in Universitäten. Die Vorstellung, Jesu Christi sei der beste Arzt für Körper und Seele, und der biblische Auftrag der Barmherzigkeit – beides sorgte dafür, dass Heilkunde und die Sorge für die Kranken eine wichtige Rolle im klösterlichen Alltag spielten, wie Ausstellungskurator Sebastian Zanke erzählt.

Im 12. Jahrhundert faltete sich die Medizin dann in spezialisierte Wege auf – die Heilmittelkunde (Pharmazie), Anatomie und Chirurgie. Gelehrte Ärzte versorgten meist die Reichen. Handwerklich ausgebildete Wundärzte, fahrende Wunderheiler oder Bader kümmerten sich um die Gebrechen der breiten Bevölkerung. Ihre Spezialität war der Aderlass: Mit Skalpellen ritzte der Heiler den kranken Körper, um “böse Säfte” abfließen zu lassen. Gegen verheerende Infektionskrankheiten wie die Pest konnten die mittelalterlichen Mediziner freilich wenig ausrichten.

Apothekengefäß mit orientalischem Dekor, um 1600 (Dt. Apotheken Museum-Stiftung, Heidelberg )

Apothekengefäß mit orientalischem Dekor, um 1600

Erfolgsgeschichte des Medicus 

Das 16. Jahrhundert bildet als “anatomisches Zeitalter” einen markanten Einschnitt in der Medizingeschichte: Der flämische Arzt und Anatom Andreas Vesal (1514-1564) stellte das über Jahrhunderte tradierte antike Buchwissen infrage und legte den Grundstock für die moderne medizinische Wissenschaft.

“Auch wenn der Mensch heute gläsern geworden ist und man in das Innerste seines Körpers schauen kann”, so Ausstellungskurator Zanke, “stellt sich in der Medizin immer wieder die Frage des Erprobens und Erforschens.” Deshalb loteten Mediziner weiter Grenzen aus und gäben ihr Wissen weiter – wie der Medizinstudent Felix Platter vor fast 500 Jahren.

Populärer Rahmen der Speyerer Schau ist der Erfolgsroman “Der Medicus” des US-amerikanischen Schriftstellers Noah Gordon. Der junge mittelalterliche Held der Erzählung, Rob Cole, lernt auf seiner Reise in den Orient das medizinische Wissen der Antike kennen. Und er bringt das Wissen, das in den Wirren der Völkerwanderung vergessen wurde, zurück in das christliche Europa.

Die Ausstellung “Medicus – Die Macht des Wissens” ist bis zum 21.06.2020 im Hostorischen Museum der Pfalz Speyer zu sehen.

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