Homeoffice: Die digitale Indiskretion

Die peinliche Szene im Spiegel-TV-Interview beginnt in der 24. Minute. Plötzlich geht hinter Grünen-Chef Robert Habeck die Tür auf. Habeck dreht sich um und winkt abweisend. Die Tür geht zu. Kurz darauf wird sie erneut geöffnet. Habecks Sohn tritt mit nacktem Oberkörper ein.

“Du bist jetzt schon im Fernsehen”, sagt Habeck und lächelt hilflos. Spiegel-TV-Moderator Markus Feldenkirchen lächelt ebenfalls. “Das erleben wir in diesen Zeiten, dass auch mal überraschender Besuch hinzukommt”, kommentiert er. “Das kennen wir alle.”

Wenige Augenblicke später geht die Tür wieder auf – diesmal verlässt Habecks Sohn das Zimmer vollständig bekleidet. Habeck verdreht die Augen. Als die Tür sich von außen schließt, ist ihm eine gewisse Erleichterung anzumerken. Szenen wie diese aus Deutschland finden sich auch aus sämtlichen anderen Ländern im Netz. 

Deutschland verändert sich. Im Corona-Zeitalter dringen digitale Konferenzen und TV-Schalten in private Räume ein. Die Digitalisierung verändert Deutschlands Wohnkultur. Das Home-Office in Corona-Zeiten wird von Computern mit Headsets, Notebooks und Handys geprägt. Fernseher, Weltempfänger und Diktiergeräte sind auf Arbeits-und Küchentischen nur noch selten zu finden. Und auch Kleidervorschriften werden nicht mehr so eng genommen

Helmut Schmidt in seinem Arbeitszimmer in Bonn (picture-alliance/dpa)

Das war einmal: Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Aktenstapeln 1976 in seinem Arbeitszimmer im Kanzleramt in Bonn

T-Shirt statt Krawatte

“Es gibt einen Trend, die Etikette etwas schleifen zu lassen”, beobachtet Wolfgang Beck, Leiter des Studienprogramms Medien an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (PTH) in Frankfurt, im Gespräch mit der DW.

Bei den Videokonferenzen zeigten sich viele Teilnehmer eher im T-Shirt statt in Hemd und Sakko. Und bei der Anrede gehe man zügig zum Du über. Beck: “Man kann das Amerikanisierung oder Skandinavisierung nennen.”

Neu sei der Trend allerdings nicht, so Beck, er werde durch Corona lediglich verstärkt. “Die gesellschaftliche Entwicklung zu einem lässigeren Stil gab es auch schon vorher. Es ist die Beschleunigung einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die ein bisschen mehr Lockerheit bringt.”

Nicht ohne mein Bücherregal

Homeoffice - Arbeitsplatz in der Coronakrise - Wissenschaftsminister Björn Thümler (picture-alliance/dpa/Niedersächsisches Wissenschaftsministerium)

Chaos? Von wegen! Bücher kann man nie genug haben! Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler vor imposanter Kulisse im Homeoffice

Trotz aller Lockerheit ist der Drang zur persönlichen Inszenierung auch digital stark ausgeprägt. “Wer sich in ein chaotisches Wohnzimmer setzt, kann sich als Familienmensch präsentieren,” analysierte der Medienwissenschaftler Moritz Stock von der Universität Siegen kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. “Wer hingegen die perfekt eingerichtete Ecke seiner Wohnung auswählt, kann sich als Einrichtungsprofi darstellen.”

Eine besondere Rolle bei der Inszenierung im Homeoffice spielt das Bücherregal im Hintergrund einer Videokonferenz. “Bei Kollegen im akademischen Bereich ist das Bücherbord im Hintergrund ganz wichtig, und es ist manchmal auch beleuchtet”, bestätigt Studienleiter Wolfgang Beck.

Symbolbild - Homeoffice mit Familie (Imago Images)

Blick ins Schlafzimmer: Mit mit seinem Sohn auf dem Schoss versucht dieser Vater, am Computer zu arbeiten

Kühlschränke und Kleiderstangen

Die Twitteraccounts @Room Rater und @BookCredibility haben sich auf die humorvolle Bewertung dieses dekorativen und strategischen Hintergrundelements spezialisiert. Ex-US-Präsident Bill Clinton, der vor einem Regal mit US-amerikanischer Fahne und vielen CDs posiert, kommt dabei gut weg.

“Erinnert sich jemand an relativen Wohlstand und eine kompetente Regierung?”, heißt es in dem Post. “Er hat CDs. Die 90er waren cool.”

Die Schweizer Journalistin Joëlle Weil hingegen verzichtet in ihren Videoschalten bewusst auf den Anstrich von Intellektualität und gewährt stattdessen Einblicke in ihre Küche. Für sie ein ganz neue Art, zu rebellieren. 

“Ich will nicht alles sehen”

Kühlschrank, Kleiderstange und Kreuz: Die digitale Indiskretion öffnet die Türen zum Privatleben von Millionen Menschen weltweit. Kinder tauchen vor Bildschirmen auf, und Hunde bellen in Konferenzräume hinein. Ein Kreuz an der Wand oder eine Buddha-Statue im Regal verraten ganz persönliche Eigenschaften wie die Glaubenszugehörigkeit.

Noch nie war es so einfach, einen Blick auf die Couch des anderen zu werfen oder die Größe des Bürostuhls zu sehen. Noch nie war es so einfach, über krude Wohnzimmertapeten, unaufgeräumte Schränke und schmutzige Küchentische zu lästern oder die eigenen Ikea-Möbel bei Gesprächspartnern wiederzuerkennen.

Studienleiter Wolfgang Beck setzt der Neugierde aus eigenem Schutzbedürfnis bewusst Grenzen. “Bei Studierenden erwarte ich, dass sie nicht im Bett liegen, wenn wir die Vorlesung als Videokonferenz gestalten, sondern sich auf einen Stuhl setzen und an einem Tisch sitzen,” stellt er klar. “Ich will nicht alles sehen, manche Dinge sollten privat sein.” Und dann bleibt ja schließlich noch die Möglichkeit bei Zoom, Jitsi und Co. einen virtuellen Hintergrund auszuwählen. So bekommt keiner einen Einblick in die privaten Räume. 

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