Thomas Oppermann: Alte Schule, jungenhafter Elan

Thomas Oppermann stand nie in der allerersten Reihe der Öffentlichkeit. Als möglicher Innenminister war er zwar immer wieder im Gespräch, doch dann kamen andere zum Zuge. Das mag auch an seiner Persönlichkeit gelegen haben: Oppermann gehörte zu der inzwischen sehr seltenen Spezies der Gentleman-Politiker, die sich zurückhalten und selbst bei hochkontroversen Themen die sachliche Debatte suchen.

Oppermanns Bühne war, ganz klassisch, der Bundestag. In dem saß er seit 2005 für seinen Wahlkreis Göttingen, jedes Mal mit einem Direktmandat. Im Parlament war er eine der wichtigsten Figuren, vor allem zwischen 2013 und 2017. Damals war Oppermann als Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten Partner der CDU in der großen Koalition. Es ist daher mehr als die übliche Trauerbekundung, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel den Verstorbenen einen “verlässlichen und fairen sozialdemokratischen Partner in großen Koalitionen” nennt.

SPD Steinmeier Wahlkampf-Team 2009 Thomas Oppermann (Andreas Rentz/Getty Images)

Als der heutige Bundespräsident Steinmeier (vorne Mitte) 2009 als SPD-Kanzlerkandidat antrat, gehörte Oppermann (hinten 2.v.r.) als Innenminister zum Schattenkabinett

Der Plural ist berechtigt: Seit Merkels erstem Amtsantritt 2005 hat es nicht weniger als drei große Koalitionen gegeben. Und während seiner gesamten Zeit als Bundestagsabgeordneter hatte Thomas Oppermann es mit einer Kanzlerin Merkel zu tun. Oppermann und Merkel – politisch standen sie auf verschiedenen Seiten, ihrer Zusammenarbeit tat das keinen Abbruch: Merkel ist für ihre CDU eher links. Oppermann wiederum gehörte dem Seeheimer Kreis der SPD an, der für sozialdemokratische Verhältnisse oft als “rechts” oder “konservativ” bezeichnet wird.

Keine Denkverbote

Die Sozialdemokratie der Kanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder hat Oppermann geprägt. Schröder war es auch, noch als niedersächsischer Ministerpräsident, der Oppermann politisch gefördert und in sein Landeskabinett geholt hatte. Das wurde zu seinem Sprungbrett für den Bundestag wurde.

Scharfzüngige Angriffe auf den politischen Gegner waren Oppermanns Sache nicht. Im gesamten Auftreten war er eine Mischung aus alter Schule und jungenhaftem Aussehen - auch mit Mitte 60 spielte er Fußball im FC Bundestag. Und, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über den “Freund” schreibt, “eine Persönlichkeit (…), deren politisches Denken nicht an ideologischen Grenzen haltmachte.” Denkverbote ließ Oppermann sich nicht auferlegen. Auch nicht bei seinem leidenschaftlichen Eintreten für eine Wahlrechtsreform, um den Bundestag zu verkleinern. Dabei drohte er, bei einer Blockade der Union notfalls für den Gesetzentwurf von FDP, Linkspartei und Grünen zu stimmen.

Respekt von allen Seiten

Oppermann blickte auch schon immer über den deutschen Tellerrand: Als junger Mann war er zwei Jahre mit der “Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste” in den USA gewesen, später war er Mitglied in der Atlantikbrücke. Im Bundestag gehörte er zuletzt dem Vorstand der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung an, war außerdem stellvertretender Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe.

Seine Offenheit und Verbindlichkeit dürften der Grund dafür sein, dass Politiker aus allen Parteien mit großer Achtung an Oppermann erinnern. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU, nennt ihn einen “wirklich feinen Kerl”, Alexander Graf Lambsdorff, FDP, ebenfalls einen “feinen Menschen”. Selbst Beatrix von Storch von der AfD, deren Partei der SPD in herzlicher Abneigung verbunden ist, schreibt, Oppermann sei “ein aufrechter Sozialdemokrat” gewesen und “in Ton und Umgang fair”.

Thomas Oppermann hatte im August angekündigt, dass er bei der im kommenden Jahr anstehenden Bundestagswahl nicht wieder antreten wolle: “Nach 30 Jahren als Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag und im Deutschen Bundestag ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen und mir neue Projekte vorzunehmen.” Doch am Sonntag brach Thomas Oppermann bei Dreharbeiten für das ZDF zusammen und starb wenig später im Krankenhaus. Er wurde 66 Jahre alt.

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