Meinung: Corona, die Deutschen und ihr Selbstbild

Deutschland galt einmal als Hort des Effizienz und Verlässlichkeit. Die Deutschen, so ging die Erzählung, waren vielleicht ein bisschen spröde und gingen zum Lachen eher in den Keller, aber sie waren pünktlich und gut organisiert. Ihr Wohlstand war getragen von vielen tausend mittelständischen, eher kleinen Unternehmen und einem vergleichsweise starken Staat.

Im Zentrum standen ein breites Bürgertum und eine Idee von Korporatismus, dessen Formel grob gesagt lautete: Wir verzichten auf die Klassenkämpfe früherer Zeiten, Konflikte werden friedlich gelöst. Trotz starker Gewerkschaften sind Streiks eher selten. Im Gegenzug werden die Menschen möglichst breit am nicht geringen Wohlstand beteiligt.

Der Wandel hat schon vor Corona begonnen

Täusche ich mich? Oder wurde genau diese Kultur mit Pandemie endgültig eine Geschichte von gestern? Angefangen hat dieser Wandel bereits weit vorher: Der jahrelange Streit etwa um den Neubau eines unterirdischen Bahnhofes in Stuttgart oder um den Bau des neuen Berliner Flughafens waren Vorboten dafür, dass der altbewährte Interessens-Ausgleich nicht mehr recht funktioniert. Noch immer war das Bemühen erkennbar, alle gesellschaftlichen Gruppen an der Lösung von Problemen zu beteiligen, aber immer öfter standen einfach zu viele Köche am Herd: Bund, Land, Kreise und Städte, dazu Bürgerinitiativen und Expertengremien. Übrig aus der alten Zeit war allein der Eifer, dass, wenn Deutsche etwas anpacken, dass es dann auch besonders gründlich gemacht wird.

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DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Der neue Berliner Flughafen ist dafür ein gutes Beispiel. Mit viel Trara wurde eine Entrauchungsanlage in Aussicht gestellt, die es weltweit so noch nicht gab, und die dann nie funktionierte. Dazu kamen ständige Sonderwünsche der Politik. Ergebnis: Erst seit kurzem ist der neue Airport fertig, um Jahre verspätet und für ein Vielfaches des ursprünglich angepeilten Preises.

Es gab auch andere Warnsignale: Der VW-Konzern, Deutschlands größte Auto-Schmiede mit hoher Staatsbeteiligung, betrog seine Kunden, um gesetzliche Abgasgrenzwerte einhalten zu können. Und auch die Energiewende, die die Deutschen ganz besonders gut machen wollten (inklusive Abschied von der Kernenergie), trat und tritt auf der Stelle.

Blickt noch einer durch?

Und jetzt Corona. Niemand blickt mehr durch bei den Konzepten, nach denen Schulen mal hier geöffnet werden und woanders geschlossen bleiben. Die Kanzlerin hat es offenbar aufgegeben, so etwas wie Einheitlichkeit in der Pandemie-Bekämpfung durchzusetzen. Wir leisten uns etliche Prioritäts-Gruppen bei der Impfung gegen das Virus – typisch deutsch bis ins Kleinste ausgearbeitet, schwer durchschaubar – und haben dabei vergessen, ausreichend Impfstoffe zu bestellen.

Dann wird auch noch ein vorhandener Impfstoff, der von AstraZeneca, von den Medien so schlecht geredet, dass sich nur noch wenige Bürger damit impfen lassen wollen – obwohl er nachweisbar wirkt. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr!

Ganz schön selbstzufrieden, die Deutschen

Vieles in diesem Durcheinander hat traditionelle Gründe: Bildung etwa war immer schon Ländersache, die teils absurden Unterschiede in Bildungspolitik und -niveau gehören schon lange zum Alltag in Deutschland. Aber es wurde darüber hinweg gesehen, weil das Land als Ganzes gut gefahren ist mit dieser Form des Föderalismus – auch noch zu Beginn der Pandemie.

Damals, vor einem Jahr, schien es doch so: Wir, die Deutschen, kriegen auch die Pandemie in den Griff! Wir haben die Finanz-, die Euro- und die Flüchtlingskrise geschafft, besser als viele andere. Da schwang schon lange eine große Selbstzufriedenheit mit, die ja oft dazu führt, dass man den entscheidenden Anschluss verpasst: Digital ist Deutschland – vorsichtig ausgedrückt – stark renovierungsbedürftig. Wo sonst in Europa gibt es im Jahr 2021 noch lokale Gesundheitsbehörden, die ihre Infektionszahlen per Fax in die Hauptstadt übermitteln?

Für einen ehrlichen Blick auf sich selbst

Deutschland braucht schnell einen ehrlichen Blick auf sich selbst. Das ist kein Plädoyer für eine Selbstzerfleischung (noch so eine deutsche Spezialität). Wir werden weiterhin eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Erde bleiben. Wir stehen ein für internationale Zusammenarbeit bei der Pandemie-Bekämpfung, beim Klimaschutz, bei der Friedenssicherung. Alles gut.

Aber unsere Verfasstheit sollten wir hier und da mal überdenken. Den Staat kaputt zu sparen, um das heilige Ziel der “Schwarzen Null” zu erreichen, war keine gute Idee. Wir haben viele Unternehmen in der Pandemie großzügig unterstützt, die deutsche Kurzarbeitergeld-Regelung hat sich wie in der Finanzkrise als Segen erwiesen. Aber wir vergessen gerade, wie wichtig auch junge Firmengründer, Selbstständige, Künstler und Kulturschaffende sind, die aufgrund ihrer geringen Größe kaum jemand wahrnimmt. Die aber von der Bürokratie erdrückt werden.

Mehr Debatten über uns: Während und nach der Pandemie

Es wird Zeit für eine Debatte, wie Deutschland anders werden soll nach der Pandemie. Oder besser: Wie Deutschland weiter gut da stehen kann, auch falls das Virus nicht mehr geht und künftige Pandemien schon an die Tür klopfen.

Wir brauchen einen effizienten und leistungsfähigen Staat mit möglichst wenig Hierarchien. Einen neuen Blick auf moderne Formen der Selbstständigkeit. Föderalismus dort, wo er gut ist. Aber wir sollten uns mehr Zentralismus trauen, wenn er von Nöten ist. Und etwas weniger Selbstgefälligkeit wäre auch nicht schlecht.

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