Alexander Zemlinsky zum 150. Geburtstag

“Musica non grata” – unerwünschte Musik: Unter diesem Motto steht ein auf vier Jahre angelegtes internationales Kulturprojekt, das zuletzt vom 8. bis zum 10. Oktober 2021 in Prag stattfand. Das Projekt würdigt das reiche Prager Musikleben zwischen den beiden Weltkriegen, das mit der NS-Zeit zum Erliegen kam, als viele seiner Schlüsselfiguren – Komponisten, Musiker, Dirigenten – von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Einer von ihnen war der Komponist Alexander Zemlinsky, dessen Opernfragment “Malva”, nach einer Erzählung von Maxim Gorki, instrumentiert und herausgegeben von Antony Beaumont, gerade als Weltpremiere an der Tschechischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Für Karl-Heinz Steffens, Dirigent und Generalmusikdirektor der Tschechischen Staatsoper in Prag, ist Alexander Zemlinsky ”die Schnittstelle zwischen der Romantik und Moderne.” 

Zemlinsky kommt am 14. Oktober 1871 in Wien zur Welt. Er wächst in der jüdisch geprägten Leopoldstadt auf. Seine Eltern fördern den musikalisch begabten Alexander und schon mit 13 Jahren studiert er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Zu jener Zeit ist Wien die Musikhauptstadt der Welt, die schönen Künste werden geschätzt und gefördert, ganz besonders die Musik. 

Albertinaplatz in Wien um 1920

Hatte ein pulsierendes Musikleben: Wien (hier der Albertinaplatz um 1920)

Leitfigur im Wiener Musikleben

Nach dem Studium engagiert sich Zemlinsky in zahlreichen Institutionen und Vereinen. Mit seinen ersten eigenen Werken, noch stark beeinflusst von seinem Vorbild Johannes Brahms, macht der junge Komponist und Dirigent auf sich aufmerksam und wird zu einem Hoffnungsträger im Wiener Musikleben. 1895 wird er künstlerischer Leiter der Orchestervereinigung “Polyhymnia”, ein Zusammenschluss verschiedener Laienorchester. Hier lernt Zemlinsky Arnold Schönberg kennen, den er kurze Zeit in Tonsatz unterrichtet. Die beiden führen nächtelange musiktheoretische Diskussionen, und schon bald verbindet sie eine enge Freundschaft. 

Mit einer weiteren Schülerin, Alma Schindler, hat Zemlinsky eine unglückliche Liebesaffäre, die erst durch Schindlers Begegnung mit Gustav Mahler ein Ende findet, den sie später heiratet. Ihr widmet Zemlinsky seine Fünf Gesänge op. 7.

1899 tritt der nicht sonderlich gläubige Zemlinsky wegen des wachsenden Antisemitismus aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus, wird erst Freimaurer und konvertiert 1906 zum Protestantismus. Im selben Jahr heiratet Arnold Schönberg Zemlinskys Schwester Mathilde, und die beiden Freunde sind nun als Schwager auch familiär miteinander verbunden. 

Alexander Zemlinsky als junger Mann (circa 1900)

Vielversprechendes Talent: der junge Zemlinsky

Größte Erfolge in Prag

Schon um die Jahrhundertwende hat Zemlinsky seine eigene, unverwechselbare musikalische Sprache gefunden. Die Tonarten verlieren bei ihm zunehmend an Bedeutung, stattdessen setzt Zemlinsky auf Timbre. Bis 1910 schreibt er vier Opern, die beweisen, dass das Musiktheater sein Element ist, doch der große Durchbruch lässt weiter auf sich warten, denn als Kapellmeister am Carl-Theater und am Theater an der Wien darf er zunächst nur Operetten aufführen. Ab 1904 kann er als Kapellmeister an der Volksoper und an der Hofoper großes Repertoire dirigieren. 

1911 geht er schließlich nach Prag und macht als Direktor das Neue Deutsche Theater (heute die Tschechische Staatsoper) zu einem der wichtigsten Opernhäuser der Welt. Hier feiert Zemlinsky seine größten Erfolge als Dirigent. Seine Dirigate von Mozart, Wagner, Mahler und Schönberg werden gefeiert. Zum Schreiben kommt er nur noch selten, doch sein 2. Streichquartett, die Lyrische Sinfonie und zwei Opern-Einakter nach Oscar Wilde zeugen von der Qualität seines kompositorischen Schaffens.

 

Berlin und Wiener Exil

1927 wird Zemlinsky Kapellmeister an der Berliner Kroll-Oper, wo er zwar einige Produktionen leitet, jedoch nicht mehr der alleinige Stardirigent ist. 1929 stirbt seine erste Frau Ida. 1931 wird er Professor an der Musikhochschule und vollendet seine Oper “Der Kreidekreis”, die 1933 in der Zürcher Oper uraufgeführt wird.

Als im selben Jahr die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernehmen und Juden im Staatsdienst nicht mehr beschäftigt werden dürfen, muss Zemlinsky seinen Posten und Berlin verlassen. Mit seiner zweiten Frau Louise kehrt er für einige Jahre nach Wien zurück. Zwar genießt er unter dem zunehmenden Druck auf jüdische Menschen auch hier nicht mehr den Einfluss früherer Jahre, doch er komponiert wieder mehr. 1936 entsteht seine Oper “Der König Kandaules”.

 Alexander Zemlinsky 1915 als mittelalter Mann

Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs: Alexander Zemlinsky 1915 in Prag

Emigration, Tod und späte Wiederentdeckung

Nach dem “Anschluss” Österreichs verlässt die Familie Zemlinsky Wien und emigriert nach New York. Hier komponiert Zemlinsky nur noch wenige Werke und stirbt nach mehreren Schlaganfällen 1942 in seinem Haus bei New York. Schönberg sagt 1949 über seinen Freund: “Ich habe immer fest daran geglaubt, dass er ein großer Komponist war, und ich glaube noch immer daran. Möglicherweise wird seine Zeit früher kommen, als man denkt.” Und Schönberg sollte Recht behalten: Zwar droht Zemlinskys Werk in den Jahren nach seinem Tod in Vergessenheit zu geraten, doch in den 1970ern kommt es zu einer Wiederentdeckung. 1996 wird sein Opus “Der König Kandaules” in Hamburg uraufgeführt. 

Alexander Zemlinsky gehört zu jenen Komponisten, die “zwischen den Zeiten” geboren wurden – in jener Phase, als die Musik von der Spätromantik zur Moderne überging. Auch wenn sein Werk die Geschichte der Musik nicht maßgeblich verändert haben mag, ist er ein wichtiger und einflussreicher Zeuge des musikalischen Aufbruchs in die Moderne.

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